Wie geht eine Familie damit um, wenn eine ganz junge Frau ungeplant schwanger wird? Das ist das Thema, das sich durch das neueste Buch des irischen Autors "Die Königin von Dirt Island" zieht und anhand ...
Wie geht eine Familie damit um, wenn eine ganz junge Frau ungeplant schwanger wird? Das ist das Thema, das sich durch das neueste Buch des irischen Autors "Die Königin von Dirt Island" zieht und anhand mehrerer Generationen betrachtet wird.
Doreen wird in den 1980er Jahren jung und ungeplant schwanger. Zwar kommt es noch während der Schwangerschaft zur Hochzeit mit dem Kindsvater, aber auch das kann nicht verhindern, dass sie von ihrer Herkunftsfamilie verstoßen wird und es auf Jahrzehnte zu keiner Versöhnung mit den Eltern oder dem Bruder kommt. Unglücklicherweise stirbt dann auch noch ihr Ehemann und der Vater des Kindes kurz nach dessen Geburt an einem tragischen Unfall und Doreen muss ihre Tochter alleine aufziehen... wobei... nicht ganz alleine, nur ohne Ehemann.
Denn es kommt zu einer tiefgründigen und wunderschönen, bis zu deren Tod andauernden Freundschaft mit ihrer Schwiegermutter, einer Frau mit drei Söhnen (von denen sie zwei noch zu ihren Lebzeiten tragisch verlieren wird), aber ohne Tochter. Diese ältere Frau, im Buch aus der Perspektive von Doreens Tochter Saoirse "Nana", eine liebevolle Bezeichnung für ihre Großmutter, genannt, wird Doreen zur Seite stehen, zeitweise auch mit ihr wohnen und mit ihr gemeinsam das kleine Mädchen großziehen.
Die kleine Saoirse wächst also mit Mama und Oma auf. So sehr Doreen ihre Tochter liebt, wünscht sie ihr doch eine gute und beruflich erfolgreiche Zukunft. Umso entsetzter ist sie erst einmal, als ihr Schicksal sich bei ihrer Tochter zu wiederholen scheint: von ihrer allerersten sexuellen Begegnung wird diese mit 17 Jahren schwanger, der angehende Vater weiß und erfährt nichts davon, es war eine einmalige Sache. Es ist unklar, wie es nun mit Saoirses schulischer Ausbildung und Berufslaufbahn weitergehen soll. Doch nach dem ersten Schock samt Beschimpfung der Tochter steht die Mutter ihr zur Seite, genauso wie Nana, und mit vereinter Frauenkraft lässt sich vieles bewältigen, auch das Aufziehen einer weiteren Tochter ohne Vater, der kleinen Pearl.
Von diesen warmherzigen Beziehungen zwischen den Frauen aus drei, später sogar vier Generationen lebt das Buch. Mit viel Humor und Herz werden deren Alltag geschildert, ihre Bemühungen, dem jeweiligen Kind eine gute Mutter zu sein, diverse Freundschafts- und Verwandtschaftsbeziehungen, Verliebtsein und Enttäuschungen, Bedrohungen und Für-Sich-Einstehen.
Ich habe während der Lektüre gar nicht darauf geachtet, wer es geschrieben hat. Umso überraschter war ich danach, als ich entdeckt habe, dass ein männlicher Autor ein so authentisch aus weiblicher Perspektive erzähltes Buch über vier miteinander verbundene und beeindruckende Frauen verfasst hat - das zeigt, was für eine Qualität dieses Buch in der Figurendarstellung aufweist.
Auch sprachlich finden sich viele weise Formulierungen darin, die nachdenklich machen, z.B. "Die Zeit vergeht nur, wie sie selbst es will. Wir haben keine Wahl, als mit ihr mitzuhalten. Unser Körper weiß, dass er alt wird, nur unser Herz muss manchmal daran erinnert werden." (S. 356 im E-Book).
Insgesamt ist es ein unterhaltsames, humorvolles und authentisches Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und einer breiten Leserschaft empfehlen kann.
Die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk, mittlerweile über 80 Jahre alt, ist für ihre Romane mit einer autobiografischen Note bekannt, in denen sie ganz besondere, eindringliche Worte für die Beschreibung ...
Die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk, mittlerweile über 80 Jahre alt, ist für ihre Romane mit einer autobiografischen Note bekannt, in denen sie ganz besondere, eindringliche Worte für die Beschreibung menschlicher Lebenserfahrung findet. Dem wird auch ihr neuestes Buch "In Erwartung eines Glücks" vollends gerecht.
Ich selbst befinde mich erst am Anfang der Lebensmitte, somit ist die Geschichte der Frau, die in diesem Buch porträtiert wird und die wohl so einige Züge der Autorin selbst trägt (darauf gibt es auch im Buch den einen oder anderen Hinweis) altersmäßig noch viele Jahrzehnte von meiner eigenen Lebenserfahrung entfernt. Doch gelingt es Sylvie Schenk ganz wunderbar, mich für Irène, die Ich-Erzählerin einzunehmen, mich mit ihr mitfühlen zu lassen und mich für ihre Perspektive zu interessieren. So etwas ist großartige Literatur, der das gelingt, und die damit Menschen dabei unterstützt, Empathie für jene zu empfinden, deren Schicksale sie noch nicht einmal ansatzweise aus eigener Erfahrung kennen.
Irène, die Ich-Erzählerin, ist in einer der letzten Phasen ihres Lebens angekommen. Als junge Frau in Frankreich hat sie sich in den deutschen Austauschstudenten Johann verliebt, ist mit ihm nach Deutschland gegangen, hat geheiratet, mit ihm einen Sohn bekommen und über fünfzig Jahre an seiner Seite verbracht, bis er vor einiger Zeit gestorben ist. Auch wenn die Ehe ihre Auf und Abs hatte, wie wohl jede so lange Beziehung, fehlt er ihr sehr. Nun ist sie selbst im Krankenhaus, mit unklaren neurologischen Symptomen, deren Ursache abgeklärt werden soll. Immer wieder soll sie der Sprachtherapeutin zeigen, wie weit ihre kognitiven Fähigkeiten noch gehen, z.B. wie viele Wörter zum Thema Wasser ihr einfallen. Das Zimmer teilt sie mit einer jungen muslimischen Frau... geschätzt 17 oder 18 Jahre alt, so meint Irène. Die beiden sind sich anfangs noch fremd, nähern sich dann aber einander an, unterhalten sich stundenlang und Irène erzählt ihr von ihrer Leidenschaft für den politisch umstrittenen, aber gerade in Deutschland sehr erfolgreichen französischen Autor Houellebecq. Einen älteren Herren gibt es auch auf der Station, mit dem Irène sich anfreundet und Gedanken und Lebensgeschichten austauscht.
Vordergründig passiert in diesem Roman nicht sehr viel. Den Großteil des Romans nimmt Irènes Zeit im Krankenhaus ein und die Begegnungen mit den beiden genannten Personen. Dahinter spielt sich aber unglaublich viel ab: in Irènes Gedanken und Gefühlen. Sie nimmt uns mit auf eine rückblickende Betrachtung ihres Lebens, all das, was sie getan, erlebt, gedacht und gefühlt hat, und was das heute mit ihr macht.
Selten hat mir ein Buch so deutlich zu spüren gegeben, wie ähnlich ältere Menschen doch uns jüngeren und ihren eigenen jüngeren Versionen sind: oft mit körperlichen Einschränkungen, mit vielen erlittenen Verlusten und mit viel Reife und Lebenserfahrung, aber doch im Kern die gleichen Personen, die sie immer waren. Menschen mit Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten, die nicht einfach nur noch als alte Menschen abgestempelt werden möchten, sondern als die vielfältigen Persönlichkeiten wahrgenommen werden möchten, die sie immer noch sind.
Darüber hinaus verfügt das Buch über eine sehr schöne Sprache, die mich beeindruckt und berührt hat, und ist voll tiefgründiger Einsichten, hier ein paar Beispiele für beides:
"Sie wusste längst, dass Ängste sich nur im Zaum halten lassen, wenn man die Zukunft ignoriert, die Vergangenheit ausblendet und sich in der Gondel der Gegenwart schaukeln lässt: Ich bin da, noch atme ich." (S. 14)
"Schreiben war ein Festhalten im Sturm, die Buchstaben Felshaken, die Zeilen Seile. Oder ein Festhalten am Grashalm, die Buchstaben flüchtige Samen, die Zeilen fragile Spuren." (S. 48)
"Ihr Leben schien so viele Gesichter, Orte und Ereignisse in sich zu bergen, dass jeder Gedanke in dieser Fülle, in diesem Durcheinander, nicht mehr deutlich und einzeln aufgezeichnet werden konnte." (S. 80)
"Ihre Wut war längst verflogen. Es lohnt sich nicht, fremdzugehen, wenn man sich selbst fremd ist." (S. 108)
Damit ist das Buch für mich ein großartiges generationenverbindendes Buch, das sehr zum Nachdenken anregt, Empathie fördert und das ich Menschen aller Generationen nur wärmstens empfehlen kann.
"Eine falsche Lüge - wird es ihre letzte sein?" von Sophie Stava ist ein spannend erzählter, mehrperspektivischer und außergewöhnlicher Thriller. Wir lernen zuerst Sloane kennen, die meint, keine aufregende ...
"Eine falsche Lüge - wird es ihre letzte sein?" von Sophie Stava ist ein spannend erzählter, mehrperspektivischer und außergewöhnlicher Thriller. Wir lernen zuerst Sloane kennen, die meint, keine aufregende Lebensgeschichte zu haben und sich schon früh daran gewöhnt hat, ihren Klassenkameradinnen Lügen über ihre Familiensituation zu erzählen, um Mängel zu vertuschen und sich interessanter darzustellen. Und so ist Sloane mit der Zeit eine erfahrene Lügnerin geworden, doch ab und zu fällt ihr dieses auf den Kopf, und sie verstrickt sich immer mehr in ihre Lügen.
Als sie den extrem attraktiven und reichen Start-Up-Unternehmer Jay im Park mit seiner Tochter Harper kennen lernt, die von einer Biene gestochen wird, gibt Sloane sich kurzerhand fälschlicherweise als Krankenschwester aus, nennt sich Caitlin und versorgt das Mädchen. Danach wird sie sich zielstrebig und bewusst auch mit Jays Partnerin und der Mutter des Mädchens, Violet, anfreunden. Sloane/Caitlin genießt die Nähe zur reichen Familie und wird Harpers Kindermädchen. Doch ist sie die einzige, die hier nicht ganz mit offenen Karten spielt?
Interessanterweise lernen wir nach Sloanes eigener Perspektive etwa ab der Mitte des Buches auch die von Violet kennen und später auch noch die von Jay. Da können sich die Lesenden auf einige sehr spannende Überraschungen und plötzliche Wendungen gefasst machen. Ganz besonders überrascht das ungewöhnliche Ende.
In Summe ist es ein gut geschriebenes, unterhaltsames und leicht zu lesendes Buch, ein spannender Thriller mit plötzlichen Twists, der vieles, was man angenommen hatte, plötzlich wieder in Frage stellt. Besonders hat mir das Ende gefallen, das für so ein Buch überraschend modern ist. Auch wenn es bei einem Thriller hauptsächlich um Unterhaltung geht, mochte ich es sehr, dass das Buch auch die heutige Frauenrolle insbesondere in gehobenen Kreisen sehr kritisch hinterfragt und damit zum Nachdenken anregt.
Der Titel des außergewöhnlichen Buches von Becky Manawatu ist Programm. Aueeeeeeeeeeee, es tut sooooo weh! So viel Schmerz ist da in diesem Buch und in der Geschichte der beiden Brüder Taukiri und Arama ...
Der Titel des außergewöhnlichen Buches von Becky Manawatu ist Programm. Aueeeeeeeeeeee, es tut sooooo weh! So viel Schmerz ist da in diesem Buch und in der Geschichte der beiden Brüder Taukiri und Arama und ihrer Familie. Doch auch so viel Verbindung, Versöhnung, Poesie und Liebe!
Es ist ein Buch, wie ich es so noch nie gelesen habe und wie es mir lange in Erinnerung bleiben wird. Aber: es ist kein einfaches Buch, weder emotional noch strukturell. Oft hat es mir unglaublich weh getan, dieses Buch zu lesen: all das Leid, das insbesondere Kindern, Frauen und Tieren zugefügt wird und das in allen Details und drastisch geschildert wird. Dazu die unendlich tiefe Trauer, die die beiden verwaisten Kinder empfinden: der kleine Arama, genannt Ari, etwa acht Jahre alt, und nach dem Unfalltod der Eltern bei einer lieben, aber hilflosen Tante, und einem sadistischen, brutalen Onkel gelandet. Sein einziger Trost: die freche und mutige Nachbarstochter Beth, die alleine bei ihrem Vater lebt und mit der er sich anfreundet:
„Beth erzählte mir, dass ihre Mutter auch gestorben war, also hatten wir das gemeinsam. Aber sie hatte Glück, denn sie hatte noch ihren Vater. Wir wollten fragen, ob wir Bruder und Schwester sein könnten, was mich weniger traurig machte, dass mein echter Bruder mich hier zurückgelassen hatte.“ (S. 22)
Diese berührende Kinderfreundschaft ist einer der schönen Momente, die all das Schreckliche im Buch ein bisschen erträglicher machen... bis die nächste schlimme Szene passiert. In all dem ist Ari auch immer wieder in tiefer Trauer, fühlt sich alleine, verlassen und verwundbar:
„Und dann ein wirklich schlimmes Gefühl, wie ein Vogelbaby sich fühlen würde, während es aus dem Nest fällt, immer weiter wegfällt von seiner Mummy und seinem Daddy und auf dem Boden aufschlägt. Ich hatte Alpträume, die so waren, wie dieses Gefühl. In den Alpträumen wusste ich, dass der Boden kam, und dass ich es wusste, machte, dass mir der Körper wehtat. Aber man fällt und fällt einfach, und es tut den ganzen Weg lang weh.“ (Ari, S. 158)
Seinem Bruder Taukiri, einem Teenager, geht es nicht wirklich besser. Die Brüder empfinden eine tiefe Liebe und Verbindung zueinander, doch zugleich ist auch Tauk von seinen Emotionen überwältigt und weiß keinen anderen Ausweg, als alleine von der Südinsel auf die Nordinsel zu fliehen und seinen kleinen Bruder bei Onkel und Tante zurückzulassen. Das ist sein Weg, um sich selbst zu retten zu versuchen, denn er spürt, dass er in seiner eigenen Verzweiflung seinem Bruder auch nicht helfen kann:
„Und nichts von alledem war wichtig. So klein wie ein Tropfen im Ozean. Empfand keine Schuld, weil ich Ari verlassen hatte. Hatte verdammt nochmal nichts übrig, um es ihm zu geben.“ (Gedanken von Taukiri, S. 211)
Dann gibt es im Buch noch weitere Perspektiven, etwa die von Jade und Toko, über die ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten möchte. Oder die eines Geistes, der mit dem Wind weht und das Geschehen und auch die Vergangenheit kommentiert, damit auch etwa eine Verbindung zur dunklen Kolonialgeschichte Neuseelands herstellt und zu dem Leid, das den Maori dabei widerfahren ist und das eine der Wurzeln der transgenerationalen Traumata ist, die sie bis heute mit sich herumtragen:
„Wenn nur die Schiffe, die Tag und Nacht gesegelt waren, um diese Inseln zu finden, Gitarren an Bord gehabt hätten statt Gewehre. Tamburine statt Opiate. Mehr Triangeln, weniger Bibeln.“ (Geisterstimme, S. 209)
Dieses Buch ist keines, das sich einfach so konsumieren lässt. Es ist nicht linear erzählt, die Perspektiven und Zeiten wechseln und mir wurde vieles erst ab etwa der Mitte des Buches klar: etwa, wie die Familienstruktur genau zusammenhängt. Damit wurde rückblickend auch einiges klarer, was mich beim ersten Lesen noch verwirrt hatte. Insgesamt ist es ein Buch, das dazu auffordert, sich viel Zeit und Ruhe zum Lesen zu nehmen, sich Notizen zu machen, es mit anderen zu diskutieren und es im Idealfall mehrmals zu lesen, um möglichst viel seiner Tiefe, Zusammenhänge und Bezüge zu erfassen.
Wer bereit ist, sich diese Zeit zu nehmen und sich auch emotional auf all die Trauer und Gewalt einzulassen, wird dafür mit einem ganz besonderen Buch betont: voll von Poesie und besonderer Sprache und mit zutiefst authentischen Erzählperspektiven, die sehr treffende Worte und Metaphern für die Erlebniswelt und Gefühle des Kindes, des Jugendlichen, aber auch der anderen Charaktere finden.
Es ist ein Buch aus einer Welt, die mitteleuropäischen Lesenden ohne Neuseelanderfahrung in vielem fremd sein dürfte, insbesondere, da es sich um eine Maori-Familie handelt, die porträtiert wird. Dem kommt der Verlag mit einem sehr hilfreichen Glossar entgegen, in dem viele der neuartigen Begriffe und Konzepte in chronologischer Form zumindest kurz erklärt werden und das sehr hilft, diese einzuordnen.
Aber auch dann braucht das Buch noch eine Offenheit, sich auf eine neuartige Welt und auf Perspektiven, von denen man viele vielleicht nicht auf den ersten Blick versteht oder einordnen kann, einzulassen. Wenn man das kann, macht es neugierig auf Neuseeland und die Maori und ihre Kultur und Geschichte.
Ich kann dieses besondere Buch allen, die bereit sind, ihm den dafür notwendigen Raum und die nötige Zeit zu geben, sehr empfehlen.
"Die Unbehausten" von Barbara Kingsolver ist ein Buch, das mich außergewöhnlich beeindruckt hat. Die Lektüre ist bei mir nun schon mehrere Wochen her, und doch denke ich immer noch fast jeden Tag an dieses ...
"Die Unbehausten" von Barbara Kingsolver ist ein Buch, das mich außergewöhnlich beeindruckt hat. Die Lektüre ist bei mir nun schon mehrere Wochen her, und doch denke ich immer noch fast jeden Tag an dieses Buch... und nicht nur denke ich darüber nach, ich bin emotional eng damit verbunden. Denn es ist ein Buch, das für mich - obwohl es schon in den 2010er-Jahren von der Autorin verfasst und auf Englisch veröffentlicht wurde - gerade aufgrund seiner immer noch so starken Aktualität so stark berührt.
Wenn ich darüber nachdenke, was bei mir am stärksten nachschwingt, dann sind es die Diskussionen zwischen Antigone "Tig", der Tochter der Familie, in ihren 20er-Jahren und aufgrund ihrer bisherigen Lebenserfahrung sehr kritisch gegenüber dem nach wie vor vorherrschenden kapitalistischen Mainstream, und ihrer Mutter Willa, um die 60. Willa muss realisieren, dass der amerikanische Traum, nach dem es jede/r aus der Kraft eigener Leistung zu einem Leben in Glück und Wohlstand bringen könne, für sie und ihre Familie nicht ganz aufgegangen ist.
Auch nach Jahrzehnten fleißiger Arbeit, folgend auf ein Universitätsstudium, ist es ihr und ihrem Mann Iano nicht gelungen, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Willa selbst verdient als freiberufliche Journalistin höchstens mittelmäßig und auch ihr Mann hat seine als sicher eingeschätzte Professorenstelle nach einer Universitätsschließung verloren und muss sich nun auch im höheren Lebensalter noch als schlechter bezahlter freier Dozent durchschlagen. Die Familie hat ein bruchfälliges Haus geerbt und für die Reparatur ist kein Geld da.
Die beiden erwachsenen Kinder, Tig und Zeke, haben in den Augen der Eltern mittlerweile leider auch so einige Probleme und leben temporär wieder mit den Eltern gemeinsam in dem bruchfälligen Haus. Tig wurde schon immer von der Mutter als klein und zart, gleichzeitig aber auch rebellisch und widerspenstig betrachtet, die Mutter-Tochter-Beziehung ist keine einfache, es gibt viel Reibung.
Zeke wurde lange von der Mutter idealisiert, war ihr Goldjunge, der "immer das Richtige tat", ein erfolgreiches Studium absolvierte und mit einer wunderschönen und erfolgreichen Anwältin vor kurzem Eltern eines kleinen Jungen geworden war. Doch nun hat die Anwältin sich suizidiert, Zeke alleine mit dem Baby zurückgelassen, dieser ist kurzfristig wieder ins Elternhaus zurückgezogen, und es stellt sich heraus, dass er außerdem auf einem riesigen Schuldenberg aufgrund der hohen Studiengebühren sitzt, die er für sein Studium an der prestigeträchtigen Eliteuni zahlen musste.
Beide Kinder sind Mitte bis Ende 20, doch bei weitem noch nicht so im Leben angekommen, wie die Eltern es sich erhofft hätten. Und nicht nur das, so teilt zumindest Tig auch überhaupt nicht die kapitalistisch geprägten Werte ihrer Eltern und deren Glauben an die Meritokratie, wie etwa diese Textstelle einer Unterhaltung zwischen Willa und Tig zeigt:
"Ich dachte, sagte sie, "wir könnten vielleicht irgendwann mal aufhören, uns Sorgen zu machen, und uns relativ bequem zur Ruhe setzen. Ihr würdet uns besuchen. Mit Enkelkindern. Und ihr würdet woanders einen Job und ein eigenes Haus haben."
"Oh, oh", sagte Tig. "Mom wird vom Geist der vergangenen kapitalistischen Fantasien heimgesucht."
"Ich finde, das ist nicht zu viel verlangt", sagte Willa gereizt.
"Niemand findet, dass er zu viel verlangt", gab Tig gereizt zurück. (S. 405)
Tig, wie so viele junge Menschen ihrer Generation, sieht die Seifenblase des Versprechens des immerwährenden Wachstums schon lange als geplatzt an. Mehr und mehr haben, mehr und mehr konsumieren, das ist eine Haltung, die sie nicht verstehen kann, und die in ihren Augen viel zu den Problemen beiträgt, mit denen unsere Welt gerade zu kämpfen hat. Hier eine Aussage Tigs dazu:
"So viele Menschen werden obdachlos werden. Nicht nur obdachlos, sondern heimatlos. Städte werden im Meer versinken, und dann? Man kann nicht in geschlossenen Räumen Schutz suchen, wenn es keine Räume mehr gibt." (S. 553)
Auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen in ihrer Kindheit, als sie jedes Mal ihre Freunde verlor, als die Eltern berufsbedingt mal wieder umziehen wollten, hat sie ein anderes Wertesystem als die ältere Generation entwickelt. Nicht nur sieht Tig großen Wohlstand für ihre Generation als schwer erreichbar an, sie will ihn gar nicht. Stattdessen kümmert sie sich liebevoll um ihren kleinen Neffen Dusty, der von seinem Vater, dem Goldjungen Zeke, im Stich gelassen wird, denn dieser will sich lieber um das Vorantreiben seiner Karriere kümmern.
Tig hingegen packt an, sie knüpft Verbindungen zu anderen engagierten jungen Leuten in der Umgebung, kümmert sich um ihren pflegebedürftigen Opa (obwohl dieser politisch eine ganz andere Meinung vertritt als sie und Obamacare und Medicaid selbst dann noch ablehnt, als er es dringend brauchen könnte - hilfsbedürftig sein widerspricht schließlich dem amerikanischen Traum von der Unabhängigkeit und Selbständigkeit), repariert gemeinsam mit ihren neuen Freunden Autos, wickelt Dusty in Stoffwindeln und kocht selbst Babybrei. Ein nachhaltiger Lebensstil ist ihr wichtig, und das predigt sie nicht nur, das lebt sie vor. Inspiration dazu hat sie unter anderem auf Kuba bekommen, wo sie einige Zeit gelebt hat. Es ist ihr wichtig, sich auf ursprünglich von manchen als überkommen angesehene, scheinbar "alte" Werte wie Bescheidenheit, Dankbarkeit und auf den Wert von Freundschaften zu besinnen, wie diese Unterhaltung mit ihrer Mutter zeigt:
"Es ist doch so, Mom: das Geheimnis des Glücks ist, nicht zu viel zu erwarten. Der Grabstein da ist eine Mahnung. Wenn du deinen Mann und deine Kinder nicht innerhalb eines Jahres verloren hast, dann freu dich! Du hast anderen was voraus."
"Ich staune. Das habe ich dir beigebracht? Nicht zu viel zu erwarten?"
"Was wolltest du mir denn beibringen?"
"Ich weiß nicht. Dass du alles sein kannst, was du willst. Dass du dir hohe Ziele stecken sollst und so. Das Übliche eben."
"Tig lächelte nicht. "Ich hab dir und Dad dabei zugesehen. Ihr habt euch das hohe Ziel einer Festanstellung gesteckt, und das war für mich nicht so toll. Für euch war Sicherheit so wichtig, dass ihr unsere langfristigen Freundschaften und Bindungen dafür geopfert habt." (S. 552)
Damit habe ich euch eine Hälfte des Buches in der Reihenfolge dargestellt, so wie sie mich am meisten emotional berührt hat und auch nach Wochen noch nachschwingt.
Nicht verschweigen möchte ich aber allen am Buch Interessierten, dass es sich um ein zweigeteiltes Buch handelt. Diese zutiefst berührende und emotionale Geschichte in den 2010er-Jahren in den USA, vor dem Hintergrund einer größer werdenden gesellschaftlichen Spaltung und des als unaufhaltsam scheinenden Aufstieg des "Megafons", der tatsächlich dann zwischen 2016 und 2020 und auch nun wieder Präsident wurde, und das mit Aussagen, die man früher als unvereinbar mit diesem Amt angesehen wurde... diese tiefgründige und komplexe Geschichte, die ich hier in meiner Rezension nur kurz angerissen habe, während man noch viel mehr dazu sagen könnte... ist tatsächlich nur etwa eine Hälfte des umfangreichen Buches, die abwechselnd mit einer zweiten Geschichte erzählt wird.
Die zweite Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts, hier steht der Naturwissenschaftslehrer und kritische Geist Thatcher im Mittelpunkt, der mit einer sehr statusinteressierten und konservativen Frau verheiratet ist, immer wieder mit dem kirchengläubigen Direktor wegen der Evolutionstheorie in Konflikt gerät, und sich mit seiner ebenfalls an Naturwissenschaften sehr interessierten und mit Charles Darwin in einem Briefwechsel stehenden Nachbarin anfreundet.
Auch das eine sehr interessante Geschichte, die viele Parallelen zu der Geschichte in der heutigen Zeit aufweist. Bei beiden geht es um nötige Paradigmenwechsel, gesellschaftlichen Wandel, den dadurch nötigen Wertewandel und die Menschen, die dessen Notwendigkeit erkennen und mit jenen zu kämpfen haben, die sich am Alten festhalten und gegen jegliche Veränderung stemmen wollen. Mich persönlich konnte dieser Vergangenheitsstrang etwas weniger emotional erreichen als der Gegenwartsstrang. Das heißt nicht, dass ersterer schlecht geschrieben wäre, er ist für sich auch sehr interessant, nur war zweiterer für mich persönlich spannender und ich habe mich emotional damit mehr verbunden gefühlt.
Beide Geschichten weisen viele Parallelen auf und interessanterweise beginnt jeweils der erste Satz eines neuen Kapitels aus dem jeweils anderen Zeitstrang mit wortgenau dem gleichen Satz aus dem Ende des einen Zeitstrangs. Insgesamt ist das Buch ein sehr klug komponiertes Werk, in dem sich viel Weisheit finden lässt, sowohl zu Themen, die die Zeiten überdauern, als auch zu den momentan wichtigsten Themen sowohl des ausgehenden 19. Jahrhunderts als auch der 2010er-Jahre und der jetzigen Zeit. Würde ich das Buch noch ein paar Mal lesen, würde ich sicher jedes Mal wieder neue Erkenntnisperlen darin entdecken, so tiefgründig und vielschichtig ist es.
Das Buch macht zutiefst nachdenklich über die Zeit, in der wir uns gerade befinden und über die verschiedenen Perspektiven, die man dazu einnehmen kann. Es eignet sich auch äußerst gut für tiefgehende Diskussionen über die Werte unterschiedlicher Generationen und Sozialmilieus, über die Träume, die uns vermittelt wurden und die wir selbst verfolgen, über alternative Wege und Sichtweisen und über das, was bleibt, wenn viele Gewissheiten nicht mehr halten und vermeintliche Sicherheiten gebröckelt sind, kein Haus uns mehr schützt.
Denn, ein Schlüsselsatz, der im Buch mehrmals vorkommt:
"Unbehaust stehen wir im hellen Licht des Tages" (S. 574)