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Veröffentlicht am 17.10.2025

Bewegend

Und ohne Tabu explodiert die Welt
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Die drei Eriche - die drei Musketiere, die immer zusammenhalten. Das sind der Schriftsteller Erich Kästner, der Zeichner Erich Ohser und der Cheflektor der Büchergilde Gutenberg Erich Knauf. Die drei Männer ...

Die drei Eriche - die drei Musketiere, die immer zusammenhalten. Das sind der Schriftsteller Erich Kästner, der Zeichner Erich Ohser und der Cheflektor der Büchergilde Gutenberg Erich Knauf. Die drei Männer machen gemeinsam das Berlin der 1920er Jahre unsicher und scheren sich nicht um den aufkommenden Nationalsozialismus. Sie sind erfolgreich, auch bei den Frauen, und fühlen sich sicher in ihrer Welt. Das geht gut, bis Erich Kästner miterleben muss, wie auf dem Bebelplatz seine Bücher zusammen mit vielen anderen Werken von den Nazis verbrannt werden. Aber trotz aller Warnungen bleibt er in Deutschland, auch als ein Schreibverbot von Goebbels verhängt wird. Mit dem Verkauf von Gedichten unter verschiedenen Pseudonymen hält er sich über Wasser. Auch Erich Ohser bekommt einen Auftrag, er soll Comics für Zeitungen zeichnen und erfindet unter dem Namen e.o.plauen die Reihe "Vater und Sohn", die man heute noch kennt. Erich Knauf muss für die UFA Werbetexte für Filme schreiben. So hoffen die drei Männer unter dem Radar der Nazis zu bleiben, sind sich aber nicht bewusst, dass jeder ihrer Schritte überwacht wird und sie von der Gnade des Propagandaministers abhängig sind. Bis zum bitteren Ende...

Tilman Röhrig hat schon mit vielen historischen Stoffen geglänzt, z.B. mit Büchern über den letzten Stauferkaiser Friedrich II. oder Martin Luther. Dieses Buch ist sein aktuellstes Werk, vor allem vor dem Hintergrund des Rechtsrucks in unserer Gesellschaft. Die Nazis wurden lange verharmlost, Hindenburg hoffte, dass ein Reichskanzler Hitler nach wenigen Monaten Geschichte sein würde. Stattdessen war nach wenigen Monaten die Demokratie abgeschafft, ein Spitzelstaat aufgebaut und der Weg in den Krieg frei. Die Parallelen zu heute sind unübersehbar.

Röhrig erzählt seine Geschichte kühl und sachlich. Dabei hat er hervorragend recherchiert, wie man das bei ihm nicht anders kennt. Kurze Sequenzen aus Kästners Gedichten lassen erkennen, mit welcher Akribie Kästner Dinge auf den Punkt bringen konnte. Leider zog er aus seinen Erkenntnissen keine Konsequenzen und harrte in Deutschland aus. Zum Teil lag das auch daran, dass er sich für seine Eltern in Dresden verantwortlich fühlte und sie nicht allein zurücklassen wollte. Dabei überlebte er anders als Ohser und Knauf nur mit viel Glück und Chuzpe.

In dem Buch wird die ganze Zerrissenheit eines Menschen deutlich, der die Diktatur hasst, aber nur irgendwie überleben will und muss. Dafür gibt es eine unbedingte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 10.10.2025

Aufmüpfig!

Die Frau der Stunde
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Eine Frau macht Karriere in der Politik und ist aufmüpfig, das gefällt den Männern gar nicht. So lässt sich dieses Buch auf einen ganz kurzen Nenner bringen, aber dahinter steckt viel mehr.
Bonn anno 1978: ...

Eine Frau macht Karriere in der Politik und ist aufmüpfig, das gefällt den Männern gar nicht. So lässt sich dieses Buch auf einen ganz kurzen Nenner bringen, aber dahinter steckt viel mehr.
Bonn anno 1978: Die Bundesrepublik ist eine Männerrepublik, Männer sitzen an den Schaltstellen der Macht und lassen sich ungern von einer Frau ins Handwerk pfuschen. Als Catharina Cornelius unverhofft Außenministerin wird und auf internationalem Parkett mit Sachkenntnis und Charme zu glänzen versteht, passt das vielen Männern nicht in den Kram. Frauen sollen Briefe tippen, Kaffee kochen und dem Mann den Rücken freihalten. Doch Catharina und ihre Mädchenclique passen nicht in dieses Klischee. Man findet in der Figur Züge "echter" Politikerinnen wieder, wie z.B. Hildegard Hamm-Brücher oder Annemarie Renger. Auch tauchen unter anderem Namen Helmut Kohl, Erich Mende oder Petra Kelly auf.
Das Buch ist einfach großartig. Es erinnert mich an den Film "Die Unbeugsamen" über den langen Weg der Frauen an die Macht. Aber leider hat sich seit 1978 nicht sehr viel geändert, man denke nur an Frauen, die den Weg ganz nach oben geschafft haben und dafür massiv angefeindet wurden, wie z.B. Annalena Baerbock oder Claudia Roth. Auch wenn es manchmal ziemlich viel Klischee abbildet, so macht das lesen doch viel Spaß.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch weil es über den deutschen Tellerrand hinausschaut.

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Veröffentlicht am 25.09.2025

Harte Realität

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
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Ich hatte schon die beiden "Gretchen"-Bücher von Susanne Abel gelesen, sie haben mir gut gefallen. Auf dieses neue Buch war ich sehr gespannt, denn viele Ereignisse aus der Nachkriegszeit sind längst nicht ...

Ich hatte schon die beiden "Gretchen"-Bücher von Susanne Abel gelesen, sie haben mir gut gefallen. Auf dieses neue Buch war ich sehr gespannt, denn viele Ereignisse aus der Nachkriegszeit sind längst nicht aufgearbeitet und müssen gerade heute wieder ins Bewusstsein der Menschen rücken, denn alles war eine Folge der Nazidiktatur und man darf den Rechtsruck in der Gesellschaft nicht unterschätzen.

Ein kleiner Junge bleibt auf der Flucht aus dem Osten am Ende des 2. Weltkriegs allein zurück, er weiß weder seinen Namen noch kennt er seine Verwandtschaft. Im Kinderheim erhält er den Namen Hartmut und die Nummer 104. Das Leben im Heim ist grausam, noch immer herrscht die schwarze Pädagogik und die Kinder bekommen weder genug zu essen noch Liebe und Zuwendung. Zum Glück lernt Hartmut die Kriegswaise Margret kennen, die etwas älter ist und sich um den Kleinen kümmert.

Das Buch wird auf zwei Ebenen erzählt, in der Gegenwart sind Margret und Hartmut verheiratet, sind Eltern einer Tochter, ihre Urenkelin lebt bei ihnen, weil die Mutter sich nicht kümmert. In Rückblicken erfährt man viel über das Leben im Heim und darüber, wie Margret und Hartmut sich wiedergefunden haben.

Manchmal ist die Geschichte nur schwer zu ertragen und die Triggerwarnung zu Beginn besteht nicht grundlos. Man kann es kaum fassen, wie die Kinder im "christlichen" Heim behandelt wurden, dass man sogar Medikamentenversuche an Heimkindern unternahm und sie schnell für "debil" erklärte und wegsperrte. In einigen Passagen erinnert das Buch an "Am Meer ist es schön", da geht es allerdings um die Verschickungskinder, die aber oft ähnlich behandelt wurden.

Man weiß heute, dass sich Traumata über Generationen hinweg vererben und auch in diesem Buch wird deutlich, dass auch spätere Generationen noch schwer an dem grausamen Erbe ihrer Eltern und Großeltern zu tragen haben.

Für dieses Buch gibt es eine unbedingte Leseempfehlung, man muss es aber auch aushalten können.

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Veröffentlicht am 23.07.2025

Super!

Wohin du auch gehst
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Nach den ersten Seiten des Buches war ich nicht so begeistert, aber je mehr ich über das Leben von Mira und Bijoux erfuhr, umso mehr faszinierte mich das Buch.

Mira wächst in wohlhabenden Verhältnissen ...

Nach den ersten Seiten des Buches war ich nicht so begeistert, aber je mehr ich über das Leben von Mira und Bijoux erfuhr, umso mehr faszinierte mich das Buch.

Mira wächst in wohlhabenden Verhältnissen in Kinshasa auf. Doch als sie schwanger wird, verstößt ihre Familie sie und schickt sie nach Europa, das Kind bleibt bei ihrer verheirateten Schwester Eugenie. Zwölf Jahre später bringt Eugenie die kleine Bijoux zu Mira, die inzwischen in London lebt und sehr fromm geworden ist. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ist sehr angespannt. Bijoux fühlt sich in London nicht wohl, bis sie eine Frau kennenlernt, in die sie sich verliebt. Und das passt natürlich nicht in Miras Weltbild.

Für mich war das Buch ein Einblick in fremde Welten. Der Kongo/Zaire ist weit weg, man hört meist nur davon, wenn dort Krieg herrscht oder mal wieder ein Diktator gestürzt wurde. Die Familienstrukturen sind weitgehend patriarchalisch, aber die Frauen haben Zugang zu Bildung und nutzen sie auch. Trotzdem sind sie von echter Freiheit weit entfernt.

Ich fand das Buch hervorragend geschrieben und konnte es nach der Angangsphase kaum weglegen. Christina Fonthes' Schreibstil ist präzise und variantenreich, sie beobachtet sehr genau und kann auch die Gefühle der Frauen gut beschreiben, ihre Einsamkeit, ihre Sehnsucht, ihre Träume. Die afrikanischen Ausdrücke werden im Glossar am Ende erklärt und das ist sehr hilfreich.

Dieses Buch kann man uneingeschränkt empfehlen!

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Gute alte Zeit?

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Das Wort "Lehrerinnenzölibat" kennt heute kaum noch jemand. Es besagt, dass eine ausgebildete Lehrerin bei ihrer Heirat den Beruf aufgeben muss, denn Beruf und Familie hielt man für nicht vereinbar, auch ...

Das Wort "Lehrerinnenzölibat" kennt heute kaum noch jemand. Es besagt, dass eine ausgebildete Lehrerin bei ihrer Heirat den Beruf aufgeben muss, denn Beruf und Familie hielt man für nicht vereinbar, auch räumte man so unerwünschte Konkurrenz aus dem Weg. In der BRD galt das Gesetz bis 1951.
Anna Kalthoff, die Urgroßmutter des Autors, war Lehrerin und kam als junge Frau in das kleine Dorf Cobbenrode im Sauerland. Sie verliebte sich in den begehrtesten Jungen des Dorfes, sein Vater besaß eine Landwirtschaft, einen Gasthof und eine Posthalterei. Um ihn heiraten zu können, gab sie ihren Beruf auf und arbeitet auf dem Hof mit. Leider starb ihr Mann kurz nach der Hochzeit und sie musste mit ihrem kleinen Sohn allein durchkommen. Dabei war sie sehr tatkräftig und klug und erarbeitet sich die Achtung des Dorfes.
Das Buch zeigt eindrücklich, dass die "gute alte Zeit" so gut gar nicht war. Als Frau hatte man es besonders schwer, man musste sich an die Konventionen halten und hatte wenig Möglichkeiten seine Vorstellungen frei zu verwirklichen.
Sußebach zeigt in seinem Buch eindrücklich, wie die Realität auf dem Dorf aussah und hat penibel recherchiert. Sein Schreibstil ist sachlich und wenig emotional, nur manchmal blitzt die Bindung an seine Familie und die unbekannte Urgroßmutter auf.
Man erhält einen intensiven Einblick in die Zeit um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert und später. Das hat mir sehr gefallen, denn hier geht es um schlichtes dörfliches Leben und nicht den Glamour von Berlin oder München.

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