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Veröffentlicht am 04.08.2025

Konfliktreiche Beziehungen

Haralds Mama
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Haralds Mama und seine Freundin treffen sich auf dem Flughafen in der Pampa, um Harald abzuholen. Noch scheint unklar, mit wem er gehen wird. Die Freundin hat im Anschluss an Haralds Reha einen kurzen, ...

Haralds Mama und seine Freundin treffen sich auf dem Flughafen in der Pampa, um Harald abzuholen. Noch scheint unklar, mit wem er gehen wird. Die Freundin hat im Anschluss an Haralds Reha einen kurzen, wenn möglich erholsamen Spa-Aufenthalt gebucht, die Mama findet das unnötig und teuer. Die Freundin sinnt darüber nach, ob sie ihr kleines Vermögen damit rechtfertigt, dass sie den Betrag zusammengehurt oder einen Blancokredit aufgenommen hat oder doch bei der letzten Steuererklärung begünstigt wurde. Die Mama wird mir Harald auf die „Insel“ fahren und dort werden sie es sich ein,- zwei oder auch drei Wochen gemütlich machen. Das wolle sie an dieser Stelle einmal sagen. Die Freundin habe ihre Zeit unnötig verschwendet.

Ding Dong: „Der Flug aus Strömme verspätet sich wegen vereister Fahrbahn um eineinhalb Stunden“.

Die Freundin empfindet unspezifisches Entsetzen bei der Vorstellung, sich noch länger von einer alten Vettel anstinken zu lassen. Sie späht nach einer Nische, wo sie sich verstecken und leise weinen kann.

Es erstaunt sie selbst, dass sie sich in Harald verliebt hat. Wäre er ein Hund, dann ein Golden Retriever.

So einer, der voller Lust auf das Agility Feld galoppiert, um dann ohne Vorwarnung von der Hindernisbahn abzubiegen, weil er einen Tennisball erspäht hat, wie blöd loszurasen, und stolz und überglücklich mit einem riesigen Stock wiederzukehren. S. 21

Zum Ende seines Jurastudiums wollte er für Gerechtigkeit kämpfen und dann das Amt des Richters besetzen. Sein Vater hatte in Nicaragua für Demokratie und sauberes Wasser gekämpft und war zehn Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er war Haralds Trauer. Seine Mutter war genau das Gegenteil, praktisch, bodenständig und furchtbar effizient, hatte Harald ihr zufrieden erklärt.

Fazit: Johanna Frid hat ein effektives Kammerspiel geschaffen. Sie konzentriert sich auf drei Menschen, die innerhalb ihrer Beziehung konfliktreich aufeinandertreffen. Da ist zum einen Harald mit seinen psychischen Störungen und einer rasanten Talfahrt in die Psychopharmakaabhängigkeit. Die Hauptfigur, aus deren Sicht alles erzählt wird, die selbst psychisch labil und gesundheitlich angeschlagen ist und die kontrollierende, übergriffige Mutter, die sich nicht von ihrem Sohn lösen kann. Die Geschichte lebt von Momentaufnahmen, der Interaktion zwischen Mutter und Freundin und den Rückblicken der Freundin, die das ganze Drama ihrer Beziehung sichtbar machen. Die Sprache ist roh, die Gedanken der Protagonistin bissig und amüsant. Sie schluckt vieles runter, das augenscheinlich zu gemein ist und das Gewicht hätte den Konflikt richtig anzufachen. Die Autorin hat ein Händchen dafür, das ganze Drama einer Abhängigkeit mit allen Vertrauensbrüchen und Unzurechnungsfähigkeiten spürbar zu machen. Alle Beteiligten sind unsympathisch, wie im echten Leben und das befähigt mich als Leserin auf die Metaebene zu gehen und genüsslich von außen auf die Szenerie zu schauen. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin hat eine einzigartige Stimme und kluge Gedanken und ich freue mich schon jetzt auf ihr nächstes Buch.

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Eine toxische Beziehung

Bittersüß
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Richard Aveling, Mitte Fünfzig, grau melierte Schläfen mit dichtem schwarzen Haar. Er ist der Vorzeigeautor des Verlags Winden & Shane und Charlie bewundert ihn schon seit Jahren. Sie hätte nie geglaubt, ...

Richard Aveling, Mitte Fünfzig, grau melierte Schläfen mit dichtem schwarzen Haar. Er ist der Vorzeigeautor des Verlags Winden & Shane und Charlie bewundert ihn schon seit Jahren. Sie hätte nie geglaubt, dass sie ihm einmal leibhaftig begegnen würde. Doch dann steht er vor ihr, als sie die Hintertür des Verlags aufstößt, um eine Zigarette zu rauchen. Charlie bewarb sich mit zweiundzwanzig, jetzt arbeitet sie seit einem Jahr dort als Assistentin der Pressearbeit unter ihrer direkten Vorgesetzten Cecile.

Ihre beste Freundin Ophelia bot ihr für kleines Geld ein Zimmer in einem Haus ihrer Eltern an. Schöner hätte sie im teuren London nirgendwo wohnen können. Jetzt wohnen sie mit Eddy in einer WG. Alle arbeiten bei Winden & Shane, kochen jeden Abend miteinander, besuchen Partys und tauschen sich über den neuesten Verlagsklatsch aus. Das hätte Charlie sich nicht träumen lassen, als sie aus dem Haus ihres Stiefvaters ausgezogen ist. An ihren richtigen Vater hat sie keine Erinnerung mehr, ihre Mom trennte sich frühzeitig und heiratete wieder. Auch das Bild ihrer Mom, ihr Geruch verblasst langsam. Sie starb, als Charlie sechzehn war.

An einem für London typischen regnerischen Montagmorgen schickt Cecile Charlie zu Avelings Wohnung, damit sie ihm die Druckfahne seines neuen Buches bringt. Cecile möchte, dass Charlie keinesfalls seine Wohnung betritt, aber dann bittet er sie mit nach oben zu kommen und lädt sie zu einem Kaffee ein. Sie kommen ins Gespräch und Charlie kann nicht anders, als diesen attraktiven, erfolgreichen Mann zu verehren.

Ich wollte locker und unkompliziert rüberkommen, ihm nicht zeigen, wie ich eigentlich war, ein nervöses Mädchen, das es allen recht machen wollte. S. 111

Fazit: Hattie Williams ist mit ihrem Debütroman etwas Besonderes gelungen. Sie lässt ihre Ich-Erzählerin die Vergangenheit rekonstruieren und schafft mit dieser fiktiven Geschichte eine Nähe von autobiografischer Schönheit. Die emotional labile Charlie trifft einen exzentrischen, verheirateten Mann, der ihr Vater sein könnte. Ihre Bedürftigkeit nach Sicherheit und das Bedürfnis, gesehen zu werden, treibt sie in eine Affäre, die er forciert. Sie ist ihm weder körperlich noch emotional gewachsen. Die Intension des Autors bleibt für Charlie nebulös. Im Laufe der Affäre spaltet er sie von ihren Freunden ab und treibt sie in die Isolation. Entweder er blockt ihren Wunsch zu reden ab, oder er erregt ihr Mitgefühl. Letztendlich geht es nur darum, sein Ego zu streicheln. Er wird größer und wichtiger, sie kleiner. Eine toxische Beziehung par excellence, die sich so subtil entwickelt, dass auch ich als Außenstehende zwischenzeitlich meine Zweifel an der Nichtaufrichtigkeit Avelings hatte. Das vorauszusehende Ende der Liaison ist grausam und weckt tiefes Mitgefühl und das Ende des Buches ist so berührend und heilsam. Die Autorin beherrscht die Kunst, sich ganz tief in ihre Figuren hineinzuversetzen und alle Gefühle zu zeigen. Auch das Thema Depression hat sie bestens umgesetzt. Chapeau, das hat mich unglaublich gut unterhalten

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Veröffentlicht am 24.07.2025

Über weibliche Selbstermächtigung

Zwischen zwei Leben
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Und am Ende wird sie intercontinental fliegen. Bequeme Kleidung und ein leichtes Make-up werden ihr helfen, den Flug zu überstehen. Toronto wird ihr Ziel sein.

Die Ajataras in ihrem Kopf treten als Gestalten ...

Und am Ende wird sie intercontinental fliegen. Bequeme Kleidung und ein leichtes Make-up werden ihr helfen, den Flug zu überstehen. Toronto wird ihr Ziel sein.

Die Ajataras in ihrem Kopf treten als Gestalten der Gebrüder Grimm auf. Es handelt sich um Aschenputtel, Schneewittchen, Dornröschen, Gretel, Rapunzel und Rotkäppchen. Sie begleiten sie schon ihr ganzes Leben. Es sind die Stimmen, die das missverstandene Ideal-Ich repräsentieren und eigentlich gibt es sie gar nicht.

Sie hat gegoogelt „Wie lebt man allein“ (851.000 Suchergebnisse) und „Wie verlässt man seinen Mann“ (3.980.000 Ergebnisse) und jetzt steht sie hier mit zwei großen Reisetaschen. Sie schreibt auf einen Notizzettel „Ich bin weg“, Jenni. Doch dann überkommt sie die Lust des Ausprobierens und aus dem i wird ein schwungvolles y. Jenny. Und passend dazu hängt sie ihren Mädchennamen hinten an, Jenny Mäki und schon fühlt sie sich anders, ist den ersten Schritt ihrer Metamorphose gegangen. Unten wartet ihr Taxi.

Jenny Mäki ist in der neuen Wohnung angekommen. Eine leicht ungepflegte Regisseurin hat sie ihr untervermietet. Die sperrigen Dinge lässt sie dort und so blickt Jenny nun auf einige Bilder an den Wänden, das Sofa und den Couchtisch. Jetzt wird sie zuerst einmal alles gründlich reinigen, so dass einzig die Atmosphäre des über hundert Jahre gelebten Lebens in diesen Räumlichkeiten bleibt.

Sie ist gegangen, hat Jussi Jussi sein lassen. Sie hatten gute Momente und auch schlechte.

Oberflächlich betrachtet war alles gut. Sehr lange hat Jenni gedacht, das würde genügen und man könnte so leben. Ihr ist nicht aufgefallen, wie ermüdend die Gesellschaft von Trauer sein kann. S. 28

Fazit: Minna Rytisali hat ein feministisches Manifest geschaffen, verspricht der Klappentext und hält sein Versprechen. Ihre Protagonistin ist Anfang fünfzig und trennt sich ohne Ansage, dafür konsequent von ihrem Mann. Sie waren viele Jahre zusammen und haben zwei Kinder, die längst auf eigenen Beinen stehen. Jenny ist in der Mutterrolle aufgegangen. Sie hat die Annehmlichkeiten einer privilegierten Hausfrau und die Sicherheiten, die ihr Mann ihr bot, genossen. Doch als die Kinder aus dem Haus waren, fehlte es ihr an allem. Sie verschwand neben ihrem Mann und die stete Dissonanz in ihrem Inneren wurde lauter. Das Gefühl, nicht zu genügen, nicht gut genug zu sein, wurde zum Dauerton. Als harmoniebedürftige Frau meidet sie Konflikte und auch das Setzen nötiger Grenzen. Sobald sie alleine lebt, werden die Märchenwesen in ihrem Kopf lauter und versuchen sie zu erreichen, indem sie sie ansprechen. Und diese zauberhafte Technik der Autorin führt dazu, dass sie mich ebenso ansprechen. Und ich erfahre, wie ihre Geschichten in einer patriarchalen Gesellschaft tatsächlich waren. (Nicht wie im Märchen dargestellt) Im Laufe der Geschichte wird Jenny klar, welche Glaubenssätze sie internalisiert und sich ihnen unterworfen hat. Wie sie in den Genuss kommt, ihren Neid, die Missgunst, Wut und ihre Bewertungen gehen zu lassen und deutlich mehr Lebensqualität gewinnt. Die Sprache ist so erfrischend, die ganze Geschichte so mutmachend und augenöffnend. Das Ende so tröstlich, dass mir mein Herz ganz warm überläuft vor tiefem Verständnis für alle Frauen, die genauso unter ihrer Selbstsabotage leiden. Ein kluges, warmes, berührendes Buch über weibliche Selbstermächtigung, das ich so so gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 18.07.2025

Eine Hymne der Transgender-Literatur

Stag Dance
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Tipton, Iowa, sieben Jahre nach dem Ausbruch

Keith reißt ihr den Eimer aus der Hand, nennt sie kleine Lady und dann geht das Machogehabe los. Die übergroßen behaarten Titten werden zur Schau gestellt. ...

Tipton, Iowa, sieben Jahre nach dem Ausbruch

Keith reißt ihr den Eimer aus der Hand, nennt sie kleine Lady und dann geht das Machogehabe los. Die übergroßen behaarten Titten werden zur Schau gestellt. Er denkt, sie wäre so ein Austie-Boy, weil er nicht weiß, dass sie schon vor der Seuche Östrogen gespritzt hat und trans war. Das Östrogen kommt vom Schwarzmarkt, weil das aus offiziellen Quellen streng rationiert ist und nur noch an Frauen mit aussichtsreicher Fruchtbarkeit geht. Keith zapft es seinen genmanipulierten Schweinen ab, die jetzt mehr Hormone produzieren, die mit denen der Menschen bioidentisch sind. Sie bezahlt Kieth dafür, dass er ihr die Schweinezucht zeigt, aber eigentlich will sie ihm nur ein paar Ferkel klauen, um mit Lexi eine eigene Zucht aufzuziehen.

Seattle, am Tag des Ausbruchs

Lexi zeigt ihr ihre neuen Tätowierungen. Über einem Schiffstattoo zeigt sie auf ein absolut schlichtes t4t. Es soll bedeuten, Trans Frau liebt trans Frau. Lexi ist mittlerweile die selbst ernannte Expertin der Trans-Frauen-Szene von Seattle und glaubt, dass in naher Zukunft alle Menschen trans sein werden. Sie lebt mit ihren Mitbewohnerinnen in einem verfallenen viktorianischen Haus und kann es sich nur leisten, weil der Onkel eines der Mädels es ihr günstig vermietet. Und als Wiedergutmachung dafür, dass Lexi von der Nächstenliebe eines Cis Kerls profitiert, lässt sie andere trans Frauen ohne Schlafplatz auf den Sofas im unteren Stock übernachten.

Lexi und sie sind total unterschiedlich und doch sowas wie best Bitches geworden. Sie skypt abends heimlich mit irgendwelchen Typen, hat ausgeklügelten Telefonsex für den Selbstwert und Lexi sammelt Knarren gegen die Ohnmacht und ihren stillen Kummer. Und dann infiziert Lexi sie mit voller Absicht mit einem GnRH Impfstoff, der die Bildung der Sexualhormone hemmt.

Fazit: Torrey Peters (Detransition Baby, Women´s Price for Fiction Nominierung 2021) hat in vier Geschichten bravourös gezeigt, wie leidvoll die sexuelle Orientierung sein kann. in der ersten Story spielt sie mit dem Gedanken an eine Welt voller geschlechtsloser Menschen, die sich ihr Geschlecht aussuchen müssen. Eine Seuche lässt das Immunsystem Antikörper bilden, die die eigenen Sexualhormone zerstören, so, dass sie von außen zugeführt werden müssen. Die zweite Story zeigt die Suche nach der sexuellen Orientierung in der Jugend an zwei Jungs, die sich im Internat sehr nah kommen. In der Story Stag Dance lese ich von illegalen Holzfällern, echten brachialen Kerlen, die sich während einer Party von ihrer Einsamkeit ablenken wollen und am Ende brutal eskalieren. Die Autorin schreibt über die Suche nach Geschlechtsidentität, Ausgrenzung, Homophobie, Bedürfnisse und das Für und Wider von Outings. Vermutlich verarbeitet sie ihre eigenen Erfahrungen auf ihrem fragilen Weg von Mann- zu Frauwerdung. Was mir an diesem Buch so unglaublich gut gefällt, ist die Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit der queeren Szene, die oft romantisiert wird. Neid, Missgunst, Eifersucht und Manipulation sind gesellschaftskonform und unabhängig von der sexuellen Orientierung. Mit großem Feingefühl hat die Autorin die Schattenseiten der Selbstfindung herausgearbeitet. Wer sich nach diesem Buch immer noch fragt, warum wir eine geschlechterneutrale Sprache brauchen, um jeden Mitbürgerin sichtbar zu machen, dem ist nicht mehr zu helfen. Die Sprache ist großartig mehrgleisig: brutal, feminin, humorvoll und tragisch, das Buch eine Hymne. Für alle, die offen und mutig genug sind, einen Blick in die trans* Szene zu werfen.

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Veröffentlicht am 15.07.2025

Das war mal eine ganz andere Lesart

Im Leben nebenan
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Sie verlässt den Schreibtisch. Nur kurz zur Toilette, gleich wieder da, informiert sie ihre Kollegin. Im WC zittert sie, weil ihre Ahnung gleich bestätigt wird. Im Slip eine rotbraune Spur, die kalte Toilettenbrille ...

Sie verlässt den Schreibtisch. Nur kurz zur Toilette, gleich wieder da, informiert sie ihre Kollegin. Im WC zittert sie, weil ihre Ahnung gleich bestätigt wird. Im Slip eine rotbraune Spur, die kalte Toilettenbrille an ihren Schenkeln, Spritzer roten klumpigen Blutes in der Keramik. Elf Wochen, länger konnte sie es diesmal nicht halten.

Auf Antonias Bauch liegt ein winziges Kind. Sie ist sicher, dass sie gleich aufwachen wird. Doch dann schreit das Baby und sie ist wach. Alles ist fremd, ihr Unterleib schmerzt wie nie zuvor. Sie zwingt sich vom Sofa aufzustehen, weiß nicht wohin mit dem Säugling, findet einen Maxi-Cosi, legt ihn hinein. Ihr Blick fällt auf die Bilderrahmen. Darauf Antonia in einem Brautkleid, neben ihr ein Mann. In ihm erkennt sie ihre erste große Jugendliebe. Sie hatte sich damals getrennt, weil sie aus dem Kaff rauswollte und er nur so tat, als wolle er auch weg.

Toni liegt schon länger wach im Bett. In der Wohnung über ihr Stöhnen, ein quietschender Lattenrost. Nebenan beißt sich ein Mahlwerk durch die Kaffeebohnen. Gegenüber Kindergeschrei, die Wohnungstür knallt zu, Schuhklappern auf Holzstufen. Sie dreht sich zu Jakob und schmiegt ihr Gesicht in seinen Nacken. Sie hatte Jakob nach Adam kennengelernt. Mit Adam hätte sie sich alles vorstellen können, das volle Programm, aber dann hatte sie in der Stadt erst mal eine Weile das Alleinsein geübt. Jakob traf sie zum richtigen Zeitpunkt an seinem Merchendising-Stand. Er konnte sich Kinder vorstellen und dann konnte Toni das auch. Ihre Gynäkologin empfahl ihr zuerst einmal Folsäure und zyklusoptimierten Beischlaf. Zuerst lachten sie noch, dann gaben sie sich Mühe und scheiterten. Mühe und Scheitern. Mühe und Scheitern.

Fazit: Anne Sauer hat in ihrem Romandebüt zwei Szenarien unterschiedlicher Frauenleben erschaffen. Nach dem Motto, was wäre wenn, zeichnet sie Toni, die glaubt, den idealen Partner gefunden zu haben, mit dem sie die Familie gründen wird, die sie sich wünscht. Doch dann scheitern sie an der Fertilisation und dem Leistungsdruck. Das andere Szenario zeigt Toni als Antonia, die plötzlich im Leben nebenan als unfreiwillige Mutter erwacht. Was ich daran sehr gelungen finde, ist der enorme Leidensdruck auf beiden Seiten, so als würdest du, egal welche Lebensrealität du wählst, nichts richtig machen können. Die Autorin hat ganz klar gezeigt, wie traumatisierend ungewollte Kinderlosigkeit ist, aber auch, wie erschlagend das vermeintliche Mutterglück, tatsächlich ist. Der körperliche Schmerz durch die Geburt und danach, die Ängste um den Säugling und der Druck der Verantwortung, ganz zu Schweigen von dem erheblichen Mehraufwand. Ebenso die Frustration, wenn es nicht klappt, die Versagensängste, die Wut und die Belastung für die Beziehung. Anne Sauer hat den Blick der Gesellschaft auf fehlende Mutterschaft ebenso gezeigt, wie den auf überforderte Mütter. Selbst kinderlos geblieben, habe ich mich den gesellschaftlichen Anforderungen entzogen, habe mich Bewertungen einfach nicht gestellt, deshalb sind mir beide Dramen fremd geblieben. Umso mehr freue ich mich darüber, dass die Autorin meinen empathischen Blick geschärft hat. Sie sieht kapitelweise abwechselnd in die beiden Lebensentwürfe und lässt mich an den intimsten Gedanken teilhaben. Das war einmal eine ganz andere Lesart, die mich absolut bereichert hat.

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