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Veröffentlicht am 28.07.2025

Anrecht auf das Leben

Die Wünsche gehören uns
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Elise wird von Tochter und Stieftochter in ein Armenasyl gebracht im Kanton Bern. Still und zurückhaltend ergibt sie sich in ihr Schicksal, versucht, sich dort zurechtzufinden; zurechtzufinden zwischen ...

Elise wird von Tochter und Stieftochter in ein Armenasyl gebracht im Kanton Bern. Still und zurückhaltend ergibt sie sich in ihr Schicksal, versucht, sich dort zurechtzufinden; zurechtzufinden zwischen all den verlorenen Seelen, denen fast nichts geblieben ist. Nichts außer ihren Wünschen, so wichtig, unbedeutend, groß oder klein diese auch sein mögen.

»1981 wurden die Gesetze zur administrativen Versorgung aufgehoben. Bis dahin waren Tausende von Erwachsenen eingesperrt worden, ohne dass sie ein Delikt begangen hätten. Sterilisationen und Abtreibungen waren Teil der Zwangsmaßnahmen gewesen, ebenso die Auflösung von Familien. Unzählige Kinder waren in diversen Heimen oder fremden Familien versorgt worden.« (Dahinter: Nachwort der Autorin, Seite 253)

Katharina Geiser widmet dieses Buch ihrer Ururgroßmutter Elise Linder-Brand (1868-1953), der einzigen Person im Buch übrigens, die nicht fiktiv ist. Der Hintergrund der Geschichte selbst ist tragisch, die historischen Fakten erschütternd, was da in der Schweiz bis in die 1970er Jahre geschah, ist widerlich und menschenverachtend. Ich habe kürzlich ein Buch über sogenannte Verdingkinder gelesen und dachte bis jetzt, schlimmer geht es nicht. Dass dies sehr wohl möglich ist, davon handelt dieses Buch.

»Doch jetzt, als sie sich in Zimmer 3 auf die hölzerne Bettstatt stürzte und sich umsah, begriff sie: Sie hatte mit sieben anderen Frauen einen Raum zu teilen. Nicht einmal ein Nachttisch oder zumindest ein Stuhl stand zwischen den einzelnen Betten. Dafür hockte eine Menge schlechter Luft in diesen Wänden drin.« (Seite 18)

Dieses Buch ist keine leichte Lektüre, aber es ist notwendig darüber zu schreiben, zu lesen und zu sprechen, was passiert ist, damit diese ungeheuerlichen Vorgänge ans Licht kommen, aufgearbeitet werden und den vielen Menschen, die schreckliches durchleiden mussten, Gerechtigkeit geschieht. Elises Schicksal steht zwar im Vordergrund, aber jede der armen Seelen im Buch bekommt ihren Raum, ihre Leben, auch wenn sie fiktiv sind, damit einen Sinn; im Namen der Menschen, die tatsächlich durchleiden mussten, was die Autorin beschreibt. Ein Personenregister ist angehängt, dieses mit filigranen Skizzen ergänzt, sodass jeder Name ein Gesicht bekommt. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass ich mir gewünscht hätte, dass dieses nach Vornamen alphabetisch sortiert ist. Im Buch wechselt die Autorin zwischen Vor-, Nach- und Spitznamen, sodass ich leider oft durcheinander gekommen bin. Aber das ist meckern auf hohem Niveau, denn insgesamt ist dieses Buch sprachlich ein wahrer Schatz und ich glücklich darüber, dass ich es lesen durfte.

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Veröffentlicht am 24.07.2025

Feindliche Übernahme

Schattengrünes Tal
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Lisa hilft ihrem Vater bei der Buchhaltung des familiengeführten Hotels »Zum alten Forsthaus«. Als eines Tages eine mysteriöse Frau auftaucht, die Hilfe braucht, ist Lisa zur Stelle, lässt die Fremde in ...

Lisa hilft ihrem Vater bei der Buchhaltung des familiengeführten Hotels »Zum alten Forsthaus«. Als eines Tages eine mysteriöse Frau auftaucht, die Hilfe braucht, ist Lisa zur Stelle, lässt die Fremde in ihr Leben, führt sie in ihren Freundes- und Bekanntenkreis ein. Nach und nach muss sie aber feststellen, dass etwas nicht stimmt mit Daniela, die allmählich immer tiefer in Lisas Privatsphäre eindringt.

Kristina Hauff konnte mich vor zwei Jahren mit ihrem Buch »In blaukalter Tiefe“ begeistern, umso gespannter war ich auf ihr neuestes Werk, das diesmal im Schwarzwald spielt, in der fiktiven Stadt Herzogsbronn. Wie bereits im vorgenannten Buch wechselte auch hier die Perspektive, die Ereignisse überschnitten sich manchmal, sodass mein Blick mehrere Seiten traf. Die Geschichte selbst war dabei nicht neu, früh war mir klar, wo die Reise hingeht, was meinen Lesegenuss jedoch nicht geschmälert hat, denn die Autorin kann ihr Handwerk und versteht es meisterhaft, die menschlichen Abgründe so zu verpacken, dass eine unterschwellige Spannung entsteht, die eine Gefahr verspricht, die permanent vor einem Ausbruch steht. Langsam, aber unaufhaltsam, steuerte die Geschichte auf einen Showdown zu, die Anspannung war kaum noch auszuhalten. Wieder einmal hielt Kristina Hauff, was sie versprach: Großartige Unterhaltung. Lesen!

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Veröffentlicht am 21.07.2025

Großartige Fortsetzung

John
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Yoko versteckt sich auf einer kleinen griechischen Insel, gibt sich als John aus und kellnert in einem griechischen Restaurant auf einem Berg hoch über dem Meer. Fünf Jahre ist es her, dass sie die Flucht ...

Yoko versteckt sich auf einer kleinen griechischen Insel, gibt sich als John aus und kellnert in einem griechischen Restaurant auf einem Berg hoch über dem Meer. Fünf Jahre ist es her, dass sie die Flucht angetreten hat, in Deutschland wird sie als mehrfache Mörderin gesucht. Nachdem ihre Taten in einer Fernsehsendung thematisiert wurden, wird ihr Fall erneut aufgerollt, ein engagierte Mordermittlerin nimmt ihre Fährte auf und kommt Yoko auf die Spur.

»Vor fünf Jahren hatte ich einfach nur Glück gehabt, dass mich mein Zorn nicht verschluckt hatte, mir war die Flucht vor der Polizei und den Chinesen gelungen…« (Seite 305)

Dies ist der zweite Teil der sogenannten Rache-Reihe und dieser kann nicht unabhängig vom ersten Band gelesen werden. Die Handlung setzt zwar fünf Jahre nach der Flucht von Yoko an, die dazwischenliegende Zeit wird allerdings thematisiert, sodass kein Weg daran vorbeiführt, die Vorgeschichte zu kennen, um die Zusammenhänge richtig zuordnen und verstehen zu können, weil es quasi nahtlos weitergeht.

»Würde ich das, was Sie mir erzählen, in einem Buch lesen, würde ich wahrscheinlich mit den Augen rollen. Aber wir wissen beide, dass die Wirklichkeit abgedrehter sein kann als jeder Roman.« (Seite 56)

Hatte ich zu Beginn des ersten Buches noch Probleme mit dem ungewöhnlichen Schreibstil des Autors, kam ich hier direkt und sofort in die Geschichte rein, als wäre nichts gewesen. Bernhard Aichner wirkt anscheinend. Ich war gespannt, ob die Fortsetzung mich ebenso gut unterhalten kann, wie dies der Vorgänger konnte, und kann sagen: Zur Hölle, JA! So großartig ich die Story über Yoko fand, so phänomenal ging es weiter mit John. Der Aufbau des Buches, die Wendungen sowie die vielen neuen und alten Akteure machten den Thriller zu einem unvergleichlichen Erlebnis, das mich über Stunden ans Sofa gefesselt hat. Und ich habe jede Sekunde, jede Minute genossen. Bis zuletzt schaffte es der Autor, mich zum Staunen zu bringen, das Gesicht amüsiert lächelnd oder verächtlich verzogen. Das Finale war einfach genial und ich fast beleidigt, dass die Reise nun zu Ende sein soll. Lesen!

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Veröffentlicht am 20.07.2025

Zwischen den Welten

Sing, wilder Vogel, sing
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Honora war schon immer anders, in ihrem Zuhause, einem Dorf an der irischen Westküste, gilt sie als Außenseiterin. Als 1849 die Große Hungersnot ausbricht, verliert sie alles und macht sich auf den Weg ...

Honora war schon immer anders, in ihrem Zuhause, einem Dorf an der irischen Westküste, gilt sie als Außenseiterin. Als 1849 die Große Hungersnot ausbricht, verliert sie alles und macht sich auf den Weg nach Amerika, um dort ihre Freiheit zu finden.

Natürlich habe ich bereits einige Bücher über die Hungersnot in Irland gelesen, von der Tragödie in Doolough, County Mayo, aber noch nie etwas gehört. Das Tal ist nach dem See Doo Lough (auf Irisch Dúloch - schwarzer See) benannt. Während der Großen Hungersnot in Irland passierte dort im Jahre 1849 eine Tragödie. Die ländlichen Gegenden hatten am stärksten zu kämpfen mit der Not, die meisten Iren litten nicht nur Hunger, sondern hatten ihr Heim sowie ihre Einnahmen verloren. Die sogenannte Poor Law sollte den ärmsten der Armen eine Grundversorgung ermöglichen und um zu vermeiden, dass diese an Menschen ausgegeben wurde, die nicht dazu gehörten, schickte die englische Regierung Abordnungen zur Kontrolle nach Irland. Am 30.03.1849 kamen zwei Abgeordnete in Louisburgh an, abends sollten sich die Bedürftigen versammeln, wenn sie weiterhin diese Zuwendungen erhalten wollten. Nach einer Essenseinladung in die über zwanzig Kilometer entfernte Delphi Lodge beschlossen die Abgeordneten, dass sie die Kontrolle am Folgetag dort abhalten würden. Die über sechshundert geschwächten Männer, Frauen und Kinder hatten keine Wahl, als die Nacht durchzumarschieren, wenn sie nicht die wenigen Almosen verlieren wollten, die kaum zum Überleben reichten. Wieviele Menschen das Ziel erreichten, ist unbekannt. Diejenigen, die es geschafft hatten, wurden jedoch mit leeren Händen zurückgeschickt, sie sollten sich erneut in Louisburgh einfinden. Nach Schätzungen starben bei und durch diesen Marsch über vierhundert Menschen durch Hunger und Erschöpfung, viele sind erfroren.

»Geschichten waren nur dann real, wenn sie erzählt wurden. Bei all den anderen, den verborgenen, nicht erzählten, nicht gehörten Geschichten - da war es, als wären die Dinge nie geschehen. Man konnte so tun als ob, oder die Ereignisse im Kopf so ummodeln, dass sie einem am Ende gefielen.« (Seite 115)

Als ich zu lesen anfing, brauchte ich einige Seiten, um reinzufinden ins Buch. Ich muss gestehen, dass mir anfangs nicht gefiel, was ich las, fast war ich versucht, das Buch auf die Seite zu legen. Zu meinem großen Glück habe ich das nicht getan und nur kurze Zeit später saß ich gebannt da und begleitete Honora auf ihrem Weg. Die Autorin hat rund um das Ereignis in Doolough eine Geschichte erzählt, die fast magisch war, und mir damit ein Lesevergnügen beschert, das unvergesslich bleiben wird - inklusive einem kleinen Splitter in meinem Herz. Wer erfahren möchte, welche Rolle das Volk der Cayuse, ein indianischer Stamm im heutigen US-Bundesstaat Oregon, dabei spielt und welche historische Verbindung es zwischen Iren und indigenen Amerikanern gibt, muss das Buch schon selbst lesen. Ich wünsche gute Unterhaltung. Es lohnt sich!

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Veröffentlicht am 16.07.2025

Lustig und unterhaltsam

Unverblümt
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Als ich auf der letzten Buchmesse in Frankfurt dieses Buch sah, musste ich sofort danach greifen und es durchblättern. Dabei ist der Umschlag verrutscht und es kam etwas zum Vorschein, das mich laut auflachen ...

Als ich auf der letzten Buchmesse in Frankfurt dieses Buch sah, musste ich sofort danach greifen und es durchblättern. Dabei ist der Umschlag verrutscht und es kam etwas zum Vorschein, das mich laut auflachen ließ, weil es auf den ersten Blick nicht erkennbar war. Der Phantasie sind allerdings keine Grenzen gesetzt ;)

Die großartigen Texte von Karina Albrecht sind nicht nur witzig, sie treffen punktgenau ins Schwarze. Probe gefälligst? Bitteschön:

»Mit Sechzig ist die Frau vollkommen.
Das Leben hat ihr Maß genommen.
Sie steht fortan in höchster Blüte,
und ist von allerbester Güte,
trotzt sehr gelassen dem Gemeinen
und ist mit sich, der Welt im Reinen.
Jetzt will sie nochmal richtig steppen
und das Parkett des Lebens räppen.«
(Seite 30)

Das dazugehörige Bild kann ich bedauerlicherweise nicht beschreiben, verweise aber gerne erneut auf die Phantasie eines jeden Menschen.

Ergänzt werden die Texte, wie bereits angedeutet, durch wunderschöne Bilder der international renommierten Malerin Ute Patel-Missfeldt, die dabei gerne freizügig, um nicht zu sagen frivol geraten sind, allerdings gibt es natürlich auch andere Zeichnungen, die absolut jugendfrei sind. Insgesamt ein tolles Werk, das mir amüsante Stunden beschert hat in Wort und Bild. Lesenswert!

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