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Veröffentlicht am 24.07.2025

Der Kinderkur auf der Spur

Der Sommer am Ende der Welt
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Um mehr über das schreckliche Schicksal der Verschickungskinder zu erfahren, über die unvorstellbaren Erziehungsmethoden der gestrengen und kaltherzigen „Tanten“, über die Unbarmherzigkeit, der einst auch ...

Um mehr über das schreckliche Schicksal der Verschickungskinder zu erfahren, über die unvorstellbaren Erziehungsmethoden der gestrengen und kaltherzigen „Tanten“, über die Unbarmherzigkeit, der einst auch ihre eigene Mutter ausgesetzt gewesen ist, reist Journalistin Hanna gemeinsam mit ihrer fast sechzehnjährigen Tochter Katie auf die Nordseeinsel Borkum. Während sie für ihren Artikel recherchiert, sieht sie sich einerseits so mancher Anfeindung ausgesetzt, andererseits entwickelt sie romantische Gefühle für den charmanten Inselarzt.

Ein heiterer Rahmen in Form einer leicht knisternden Liebesgeschichte fasst das tragische Geschehen rund um die Kurkinder in ihren Erholungsstätten ein, sodass das Lesen stets abwechslungsreich bleibt und die Beschreibung der Gräueltaten in einem erträglichen Ausmaß gehalten wird. Kurz wird auch das Thema Lebensborn angeschnitten, sodass an dieser Stelle jedenfalls eine Triggerwarnung zu den beiden genannten Punkten ausgesprochen werden darf. Besonders gut gelungen finde ich den Aufbau der Handlung: in erster Linie geht es um unsere 40jährige Journalistin Hanna, deren einzelne Tage auf Borkum beleuchtet und sehr warmherzig erzählt werden. Für ihre Nachforschungen interviewt sie Sabine, die selbst als Kind sechs Wochen im Borkumer Heim Villa Aurelia zugebracht hat und schildert, woran sie sich Jahrzehnte später noch erinnert. Dazu kommen Tagebucheinträge aus der Sicht einer Erzieherin und ein süßer kurzer Schulaufsatz, der mich zum Schmunzeln bringt. Diese geschickte Verknüpfung unterschiedlicher Handlungsstränge bewirkt ein gutes Gleichgewicht zwischen Freud und Leid und lässt durchaus auch heitere Szenen zu in all den komplizierten Verstrickungen, die sich in kurzer Zeit auftun.

Lebensnahe Figuren mit vielfältigen Gedanken und Gefühlen, eine Handlung, die enorm großen Bezug zu realen Geschehnissen setzt und nicht zuletzt ein geschliffener Schreibstil bieten bewegende Momente, die in ein unterhaltsames Umfeld eingebettet sind. Wer sich also für Verschickungskinder und die Aufarbeitung familiär verwurzelter Schuld interessiert, wird hier anregende Stunden finden, von mir gibt es eine Leseempfehlung.

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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.07.2025

Dreimächtekonferenz

Schwestern des brennenden Himmels
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Auf Schloss Cecilienhof in Potsdam treffen Churchill, Truman und Stalin aufeinander, um nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs über das Schicksal Deutschlands zu beraten. Dabei werden auch die persönlichen ...

Auf Schloss Cecilienhof in Potsdam treffen Churchill, Truman und Stalin aufeinander, um nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs über das Schicksal Deutschlands zu beraten. Dabei werden auch die persönlichen Lebenswege von Ann Miller vom ATS (Auxiliary Territorial Service, Frauenabteilung des britischen Heeres) und von Corporal Jackson Powers, Fahrer beim amerikanischen Hauptquartier, nachhaltig beeinflusst.

Die Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 dient als historische Kulisse für ganz persönliche Schicksale im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Ziemlich nahe an realen Begebenheiten und stellvertretend für viele Menschen auf beiden Seiten der Kriegsparteien spielt sich die Handlung in Hanna Caspians bewegendem Roman „Schwestern des brennenden Himmels“ ab. Wir lernen Ann Miller kennen, die während des Kriegs im Londoner Hyde Park bei der Fliegerabwehr beschäftigt ist und später als Übersetzerin arbeitet, bevor sie nach Deutschland fliegt, um bei der Organisation der Dreimächtekonferenz von Berlin mitzuwirken. Dort lernt sie den charismatischen und lebenslustigen Amerikaner Jackson Powers kennen und gerät schnell in ein Dilemma zwischen Moral und Eigennutz.

Hervorragende Recherche (bis hin zu lustigen Details) untermauert die historisch relevanten Szenen, in welche eine fiktive Geschichte eingeflochten ist. Bewegend, beklemmend und berührend ist das Buch von der ersten bis zur letzten Zeile. Durch unterschiedliche Blickwinkel erkennt man, dass jede Seite ihren Gegner als eine Nation von Monstern ansieht und man erst näher hinsehen muss, um zu erkennen, dass nicht alle über einen Kamm geschoren werden können. Einzelne Familien werden herausgegriffen, um Beweggründe für das individuelle Handeln zu erklären, ja, um eine hoffnungsvolle Zukunft möglich werden zu lassen. Überaus authentisch, mit sehr lebendigen Figuren, geht es durch einen Sommer, der die Welt nachhaltig prägt. Besonders die Entwicklung so mancher Person ist beeindruckend. Und nicht zuletzt trägt Hanna Caspians feinfühlig getroffene Wortwahl zu einem großartigen Leseerlebnis bei: sie erzählt detailliert und lässt auch Grausamkeiten nicht aus, driftet dabei jedoch niemals in eine voyeuristische Darstellung ab.

Ein anrührendes und aufrüttelndes Buch, das Information und Romanhandlung auf wunderbare Weise miteinander verknüpft und mir fesselnde Lesestunden beschert hat. Ich empfehle es daher sehr, sehr gerne weiter!

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Veröffentlicht am 19.07.2025

Journalistenmord

Eisfeld – Dunkle Enthüllungen
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Mara Eisfeld hat erst kürzlich ihren ersten Fall als Leiterin der 9. Mordkommission im Berliner LKA bravourös gemeistert, da wird schon der nächste Tote gemeldet: ein bekannter Investigativjournalist ist ...

Mara Eisfeld hat erst kürzlich ihren ersten Fall als Leiterin der 9. Mordkommission im Berliner LKA bravourös gemeistert, da wird schon der nächste Tote gemeldet: ein bekannter Investigativjournalist ist direkt vor dem Verlagshaus mitten in Berlin erschossen worden. Während die Ermittlungen immer gefährlicher werden und schließlich auch noch eine sehr persönliche Wendung nehmen, spitzen sich auch in Maras Privatleben die Ereignisse immer weiter zu.

Mara Eisfeld ist mir schon von ihrer früheren Ermittlung rund um Katharina S. in guter Erinnerung, sodass ich natürlich sehr neugierig auf „Dunkle Enthüllungen“ war. Und auch hier enttäuscht Autor Steffen Weinert seine Leser nicht, die lebensnahe Darstellung sämtlicher Figuren sorgt für ein realistisches Bild beim Leser, der Kriminalfall hat zwar meinen Geschmack nicht ganz so perfekt getroffen wie zuletzt, ist aber jedenfalls spannend und logisch aufgebaut. Insbesondere die privaten Szenen rund um Mara lassen die Hauptkommissarin authentisch erscheinen, auch sie ist keinesfalls fehlerfrei und tappt sogar in eine gefinkelte Falle. Wohldosierte Spannungsmomente, humorvolle Episoden und ein Ende, das keine Fragen offen lässt, lassen diesen Krimi zu einem Leseerlebnis werden, die flotte Sprache Weinerts trägt nicht zuletzt dazu bei.

Eine tolle Krimireihe mit einer Leiterin der 9. Mordkommission als Hauptfigur, die mit ihrer Nähe zum realen Leben punkten kann. Ich komme gerne wieder nach Berlin, wenn es einen weiteren Fall gibt!

Veröffentlicht am 18.07.2025

Stiller Widerstand

Wenn die Blätter wieder tanzen
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Berlin verändert sich während des Nationalsozialismus, man traut sich nicht mehr, seine Meinung zu äußern, überall könnten Spitzel und Denunzianten etwas falsch verstehen. Aber deshalb muss sich Ruth noch ...

Berlin verändert sich während des Nationalsozialismus, man traut sich nicht mehr, seine Meinung zu äußern, überall könnten Spitzel und Denunzianten etwas falsch verstehen. Aber deshalb muss sich Ruth noch lange nicht der Hetze gegen Juden anschließen, ganz im Gegenteil, versucht sie, Freunden zu helfen, indem sie Verfolgte in ihrer Wohnung übernachten lässt, sie in verlassenen Scheunen mit Essen versorgt oder Flugblätter vervielfältigt und verteilt – sie ist ein Teil der Hitlergegner, die stillen Widerstand leisten.

Beruhend auf Notizen in Ruth Andreas-Friedrichs Tagebuch dürfen wir einen Blick auf die Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs werfen. Ruth und ihre Tochter Karin engagieren sich völlig uneigennützig und selbstverständlich für all jene, die Hilfe und Unterstützung brauchen. So geht es von den ersten Gerüchten um die Abholung von Juden quer durch die Jahreszeiten und die immer gefährlicher werdenden Momente bis hin zu erschütternden Bombenangriffen, bevor es endlich ein Aufatmen am Ende des Krieges gibt. Mit vielen historisch verbürgten Persönlichkeiten bekommt diese Geschichte eine starke Realitätsnähe, vermittelt sehr gut vorstellbar, wie man Ängste beiseiteschiebt und seiner Überzeugung entsprechend handelt.

Wenn die Blätter wieder tanzen ist ein wichtiges Erinnerung- und Mahnmal, das es sich zu lesen lohnt, denn unabhängig von den hier benannten Jahren ist der Mut zu menschlichem Handeln stets zeitlos.

Veröffentlicht am 16.07.2025

Die Freundinnen

Wir sehen uns wieder am Meer
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Birgit, Thekla, Annelise und Nadia sind innige Freundinnen, die einander jeden Sommer auf Birgits Heimatinsel vor Kragerø treffen. Viele Jahre später will Birgits Großnichte Anna wissen, wie Nadia, eine ...

Birgit, Thekla, Annelise und Nadia sind innige Freundinnen, die einander jeden Sommer auf Birgits Heimatinsel vor Kragerø treffen. Viele Jahre später will Birgits Großnichte Anna wissen, wie Nadia, eine gebürtige Ukrainerin, nach Norwegen gekommen ist und erfährt im Laufe der Nachforschungen Unglaubliches über sowjetische Gefangene in Norwegen während des Zweiten Weltkriegs.

Nach einem Prolog, der vielleicht für Neueinsteiger in diese Trilogie etwas verwirrend sein könnte, lichten sich die Unklarheiten, wir gehen zurück in die Jahre 1944 – 1953, aufgegliedert in vier Teile, der kurze Epilog schließt am Ende stimmungsvoll den Kreis zur Großmutter, die im Regen tanzte. Auf historische Details gestützt und von wahren Schicksalen inspiriert, erzählt Trude Teige diesmal über die weniger bekannten Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, krankheitsbringende Lager und unmenschliche Bedingungen in den Fischfabriken. Weitere Schauplätze sind das Krankenhaus in Bodø samt Mitarbeitern im Widerstand und die norwegische Botschaft in Moskau, wo Birgit später als Dolmetscherin und Übersetzerin arbeitet. Auch wenn es gefährliche und brutale Szenen im Gestapohaus gibt, die Bedingungen der Gefangenen und Zwangsarbeiter katastrophal sind, so legt die Autorin doch ihr Augenmerk immer wieder auf lebensbejahende und hoffnungsvolle Momente, zeigt, wie Vergangenes aufgearbeitet werden soll und kann und dass das Leben nicht nur das ist, was geschehen ist, sondern auch das, was geschieht und noch geschehen wird. [kindle, Pos. 3886]

In allen drei Bänden rund um Großmutter, Großvater und Freundinnen nehmen Frauen den Platz der Hauptfiguren ein, sodass das Kriegsgeschehen nicht immer nur aus männlicher Sicht erzählt wird, sondern auch andere Blickwinkel dargestellt werden und die mutigen Frauen einer schrecklichen Zeit ebenfalls eine Stimme bekommen. Mit spürbarem Einfühlungsvermögen und taktvollem Andeuten grauenhafter Einzelheiten, ohne aber jemals in reißerische Schilderungen abzudriften, schafft Trude Teige es stets, aufwühlende historische Fakten mit fiktiven Elementen zu verknüpfen und so der Wahrheit wohl sehr nahe zu kommen. Auch dieser Teil der Trilogie hat mich beim Lesen sehr berührt, das Buch zeigt eindringlich, wozu Menschen fähig sind, egal welcher Herkunft und Nationalität. „Wir sehen uns wieder am Meer“ kann durchaus für sich alleine gelesen werden, um die gesamte Familiengeschichte noch besser zu verstehen, empfehle ich allerdings, die gesamte Trilogie von Anfang an zu lesen!