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Veröffentlicht am 25.07.2025

Das etwas andere Sachbuch

Handbuch für Zeitreisende
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Warum ist für die weibliche Zeitreisende von Welt ein islamisches Territorium zwischen dem 7. und 19. Jahrhundert ein empfehlenswerter Urlaubsort? Warum ist Kriegstourismus sowohl in der Gegenwart als ...

Warum ist für die weibliche Zeitreisende von Welt ein islamisches Territorium zwischen dem 7. und 19. Jahrhundert ein empfehlenswerter Urlaubsort? Warum ist Kriegstourismus sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit moralisch verwerflich? Und warum wird Island eigentlich bei historischen Betrachtungen immer wieder vernachlässigt? Auf diese gesellschaftlich-historischen Fragen aber auch solche zur physikalischen Grundlagenforschung bezüglich möglicher Zeitreisen - sowie viele viele mehr - gibt dieses amüsante Büchlein in leicht verständlicher und auch immer ironisch konnotierter Sprache fundierte Antworten.

Gestaltet ist das Buch wie ein tatsächlich für in die Vergangenheit Zeitreisende verfasstes Handbuch, welches vor einer solchen Reise definitiv zu konsultieren ist. Die Stärken des Buches liegen vor allem in dem ständig auftauchenden, subtilen Bezug zur Gegenwart und der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit. Die Leserinnen erfahren viel über teilweise unbekannte Völker sowie deren Sitten, Entwicklungen und Vor- wie auch Nachteile im Vergleich zu unserer heutigen Gegenwart. Dabei wird mit nie gewertet, ob nun "früher alles besser" war oder "damals alles ganz primitiv" im Vergleich zu heute. Dabei bleibt das Buch stets abwechslungsreich. Sogar die Literaturhinweise am Ende sind in der "Empfehlungsform" mit kurzen informativen Texten versehen. Dies führt dazu, dass man als Leserin nicht nur interessiert diese Seiten überfliegt, sondern ganz konkrete Anregungen für zukünftige Lektüren, wie z. B. Mary Beards Manifest, warum die Stimmen von Frauen in der Geschichte und der Gegenwart so schwer zu finden sind, "Frauen und Macht", erhält. Klasse!

Ich bin wirklich sehr begeistert von diesem Buch, das ganz leicht wissenschaftliche, historische sowie gesellschaftliche Zusammenhänge vermittelt. Definitiv eine Leseempfehlung meinerseits für vielseitig Interssierte.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Eine kognitive Zumutung mit Knoten im Kopf, die sich lohnt in Kauf zu nehmen!

DAVE - Österreichischer Buchpreis 2021
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DAVE ist die Hoffnung einer ganzen Gesellschaft auf Verbesserung der Lebensumstände, Erlösung und tatsächlich Lösung aller Probleme, denn DAVE soll als Künstliche Intelligenz mit Bewusstsein eine dystopische ...

DAVE ist die Hoffnung einer ganzen Gesellschaft auf Verbesserung der Lebensumstände, Erlösung und tatsächlich Lösung aller Probleme, denn DAVE soll als Künstliche Intelligenz mit Bewusstsein eine dystopische Welt für die Menschen retten. Syz ist Programmierer in einem riesigen Laborgebäudekomplex, welcher eine Stadt mit zehntausenden Einwohnern für sich darstellt. Tag und Nacht arbeitet er an den SCRIPTs für DAVE und wird plötzlich in den höchsten Zirkel der Entwickler berufen, mit einer - sogar DER - wichtigsten Funktion überhaupt: Er soll mit seiner Persönlichkeit die Grundstruktur für DAVE vorgeben. So die grobe Ausgangslage des Romans, wenn man diese überhaupt einfach zusammenfassen kann.

Edelbauer bastelt in ihrem zweiten Roman virtuos eine surreale Szenerie einer Hightech-Gesellschaft zusammen, welche nicht nur sprachlich hochintellektuell und anspruchsvoll konstruiert ist, sondern auch inhaltlich ebenso anspruchsvoll die technischen wie auch philosophischen Grundannahmen herausarbeitet, die mit der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz zusammenhängen. Dabei ist der Einstieg des Buches im Höchstmaße fordernd bis auch sogar überfordernd gestaltet. Um diesem Buch folgen zu können, ist maximale Konzentration notwendig. Zu Beginn sind vor allem die theoretischen naturwissenschaftlichen und philosophischen Annahmen raumgreifend, später die zunehmend verwirrende, surreale Handlung, welche Leserinnen des Debütromans noch bekannt vorkommen sollten. Es lohnt sich hier definitiv am Ball zu bleiben, denn man kann als Leserin nur von der enormen Rechercheleistung der Autorin profitieren. Eine solch dezidierte Auseinandersetzung mit dem theoretischen Aufbau zum Thema Künstliche Intelligenz und angrenzenden Themen habe ich bisher im literarischen Bereich noch nicht gelesen.

Zugegebenermaßen bildet dieses Buch aber auch einen Raum ab, für den sich die Lesenden wahrscheinlich stark interessieren müssen und bestenfalls bereits ein Grundwissen mitbringen. Ansonsten kann es schnell zur Überforderung führen. Die Verschachtelung der Themen, der fachliche Anspruch, das surreale Setting und auch die sprachliche Extravaganz grenzen den Kreis der Menschen, die diesen Roman genießen werden können, stark ein. Für diesen Personenkreis wird es jedoch eine ausgesprochen anregende Lektüre werden. So wie es für mich eine nie einfache aber immer fordernde und damit ausgezeichnete Lektüre darstellte.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Absolut lesens- und wissenswert!

Afropäisch
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Schon gewusst? Alexandre Dumas war Afropäer. Sein Namensvetter Alexander Puschkin ebenso. Aber was ist überhaupt ein "Afropäer"? Ein Mensch, der sich als Europäer versteht und Wurzeln in Afrika hat. Die ...

Schon gewusst? Alexandre Dumas war Afropäer. Sein Namensvetter Alexander Puschkin ebenso. Aber was ist überhaupt ein "Afropäer"? Ein Mensch, der sich als Europäer versteht und Wurzeln in Afrika hat. Die beiden Beispiele sind dabei nur die Speerspitze, denn in Europa leben mittlerweile unzählige Nachfahren von Afrikanern. Dass dieses Leben leider meist ungewollt getrennt von anderen Bevölkerungsanteilen in fernen Satelliten-Städten unter schlimmsten sozio-ökonomischen Bedingungen stattfinden muss, ist Folge einer massiven Fehlplanung vieler ehemaliger Kolonialmächte, die bis heute mit ihrem Erbe mehr schlecht als recht umgehen. Den Folgen des schrecklichen Kolonialismus geht Johny Pitts in seiner sehr persönlichen Reisereportage nach.

Pitts, Journalist und Fotograf, geboren als Kind eines Afroamerikaners und einer weißen Arbeiterin in Sheffield, Großbritannien, macht sich auf zu einer Spurensuche. Nicht der eigenen Wurzeln, sondern er sucht die Spuren von anderen Afropäern im heutigen Europa. Er begibt sich auf eine fünfmonatige Reise von seinem Geburtsort nach Paris, Brüssel, Amsterdam, Berlin, Stockholm, Moskau über Marseille bis nach Lissabon, um dort persönlich das afropäische Leben kennenzulernen. In seiner literarisch auf höchstem Niveau verfassten Reportage beleuchtet er dabei nicht nur persönliche Begegnungen sondern legt anschaulich die Kolonialgeschichten bzw. -verbindungen der einzelnen bereisten Länder dar und leitet schlüssig mit soziologischen Zusammenhängen her, warum afropäisches Leben immer noch und immer mehr getrennt von weißen Europäern stattfindet. Sehr passend fasst Pitts zusammen: "Ich reiste im Namen derer, die nicht reisen konnten oder wollten: der Community schwarzer Arbeiter und Kinder von Immigranten, und machte mich auf die Suche nach einem Europa, das sie und ich womöglich als unser eigenes erkennen könnten. So kam es, dass ich mich als ein extrem selterner Vogel auf den Weg machte: als schwarzer Backpacker."

So verbindet Pitts die verschiedenen Menschen und Lokalitäten des schwarzen Europa in einem einzigen Narrativ und verschafft jedem Gebiet und jeder Community die Möglichkeit, zueinander zu "sprechen". Dabei lernt man als weiße/r Mitteleuropäer/in unglaublich viel zu den unzähligen, gewollt unerzählten Geschichten der genannten Städte und Länder. Die Geschichte wird ja von den Siegern erzählt und, wenn man die Reiseabteilung in einer beliebigen Buchhandlung studiert, von den Nachkommen der Sieger geschrieben. Pitts beleuchtet so viele unge(be-)schriebene historische Geschehnisse und erweitert den Horizont bezüglich unzähliger literarischer Werke aus der Feder afrikanischer, afroamerikanischer und afropäischer Schriftsteller*innen. All dies wirkt nie llehrbuchhaft oder trocken. Immer nimmt der die Lesenden mit auf seine Reise des Erkenntnisgewinns. Dabei irrt er auch, korregiert sich bezüglich seiner Ansichten zu ersten Eindrücken und macht die Lektüre immer authentisch.

In diese Reportage bin ich versunken und habe die Informationen eingesogen, werde weitere Recherchen anstellen und bin tief bewegt von den Schilderungen des Autors. Ein uneingeschränkt empfehlenswertes Werk, welches hoffentlich viele Menschen erreichen wird und ihnen damit die Augen öffnen kann.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Welche Farbe darf es sein?

Identitti
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Welche Farbe darf es denn bitteschön sein für Sie: Weiß, Schwarz, Beige, oder doch lieber Blau?

"Blau, Blau, Blau" würde die Göttin Kali als Antwort auf diese - auf den ersten Blick abstruse - Frage geben. ...

Welche Farbe darf es denn bitteschön sein für Sie: Weiß, Schwarz, Beige, oder doch lieber Blau?

"Blau, Blau, Blau" würde die Göttin Kali als Antwort auf diese - auf den ersten Blick abstruse - Frage geben. Worum geht es? Die Haut. Aber natürlich geht es in diesem Roman um so viel mehr als nur die Hautfarbe. Es geht um Identität. Um race, gender und class, welche soziale und politische Konstrukte darstellen. Konstrukte, die zu Realität geworden sind. Und diese vermeintlichen Realitäten stellt Saraswati, eine begnadete Professorin für Postkoloniale Studien, nun in Frage, nämlich indem im Rahmen eines riesigen Skandals herauskommt, dass diese Person of Colour (PoC) eigentlich Weiß ist. Eine Kategorie, die die Europäer erst im Siebzehnten Jahrhundert erfanden, um den Sklavenhandel durch angebliche Überlegenheit der Weißen "Rasse" zu rechtfertigen. Biologisch verschiedene Menschenrassen gibt es nicht. Man sollte meinen, dies sei nun weithin bekannt. Der Roman von Sanyal hilft nicht nur dabei die zugrundeliegenden Lehren zu verstehen, sondern eben auch nachzuvollziehen, was es heißt, als PoC in Europa zu leben, vielleicht hier geboren zu sein und doch nie richtig dazuzugehören. Gefragt zu werden, woher man komme... Nein, wirklich herkomme...

Die Erzählstimme folgt dabei vor allem einer herausragenden Studentin Saraswatis: Nivedita. Sie schreibt einen Blog über das Leben als PoC in Deutschland und unterhält sich dabei digital (und auch offline) mit der Göttin Kali. Sanyal verwebt gekonnt verschiedene Textstile und Medien miteinander. So erscheinen im Buch nicht nur Niveditas Blogeinträge sondern auch unzählige Tweets und Artikel zur Debatte, die Sarawatis Bloßstellung zum race-passing auslöst hat, sowie Notizen aus Niveditas Seminarmitschriften, welche durchweg Zitate bekannter und weniger bekannter Denker*innen zum Thema race und Rassismus darstellen. Dadurch vermittelt Sanyal nicht die eine "richtige" Meinung zum Diskurs sondern viele verschiedene. Sie schafft etwas in Form eines Romans, was ansonsten eher schwierig wäre, verständlich zu vermitteln: die widersprechenden Sichtweisen zu ein und demselben Thema, welche alle gleichzeitig wahr aber auch falsch sein können. Durch eine gekonnte Dramaturgie wird auch das Aufbauschen und Abflauen eines virtuellen Shitstorms grandios abgebildet.

Als Roman, der nicht nur leichtfüßig und mitunter amüsant, komplizierte Zusammenhänge vermitteln kann, sondern auch eine Debatte so ausführlich ausleuchtet, mit einem enormen theoretischen Hintergrund, welcher durch das Nachwort, die Quellenangaben sowie Literturhinweise abgerundet wird, könnte dieses Buch perfekt - sogar wirklich großartig - sein. Nun das "Aber", warum es bei mir nur 4,5 Sterne mit einer Tendenz zu den 4 Sternen geworden ist. Der Plot lahmt im Mittelteil ein wenig und es gibt eine irgendwie nebensächlich wirkende Beziehungskiste, die etwas obsolet bis nervig wirkt. Unabhängig davon bin ich wirklich begeistert von diesem Roman Mithu Sanyals und kann ihn vorbehaltlos wirklich allen Interessierten empfehlen.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein hervorragender Roman, dem auf nur 150 Seiten so viel gelingt

Hündin
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Pilar Quintana hat etwas erschaffen und geschafft, was nur selten wirklich hochklassig gelingt: Auf nur 150 Seiten vermittelt sie in einer unglaublichen Dichte, wie es der untersten sozialen Schicht Kolumbiens ...

Pilar Quintana hat etwas erschaffen und geschafft, was nur selten wirklich hochklassig gelingt: Auf nur 150 Seiten vermittelt sie in einer unglaublichen Dichte, wie es der untersten sozialen Schicht Kolumbiens - ganz ohne Koka-Anbau-Klischee - ergeht und gleichzeitig, wie ein Ehepaar mit ihrer ungewollten Kinderlosigkeit umgeht.

Gleich die ersten Sätze schockieren mit grauenhaften Szenen, die aber sprachlich so briliant umgesetzt sind, dass es gar nicht in Frage kommt, das Buch aufgrund dieses Einstiegs wegzulegen. Damaris ist schon 40 Jahre alt und damit eine "verschrumpelnde" Frau. Vor zwei Jahrzehnten begannen ihr Mann Rogelio und sie den Versuch, schwanger zu werden. Vor einem Jahrzehnt gaben sie auf, entfremdeten sich. Nun bekommt Damaris unerwartet eine nur vier Tage alte Hündin zu Aufzucht und steckt in sie alle Wünsche, Erwartungen, Enttäuschungen und Verzweiflung, die mit ihrem Kinderwunsch einhergehen. Dies ist grundsätzlich ein Thema, welches man schon zur Genüge aus Büchern Europas und Amerikas kennt. Hier kommt eine neue Komponente hinzu: Das Leben an und unter der Armutsgrenze in Kolumbien. Eine Milieustudie zwischen der Steilküste des Pazifiks und dem wilden Dschungel des Kontinents. Erschreckend ist die Härte des Lebens, der Menschen, der Natur. Dort, mitten im Nirgendwo. Und jede der 150 Seiten wurde ich hineingezogen in diese Härte. Meines Erachtens liegt dies definitiv an dem hochkarätigen literarischen Niveau des vorliegenden Romans.

Dieses Buch stellt für mich ein klares Highlight dar. Auch wenn die Schilderungen mitunter schrecklich, bedrückend und kaum aushaltbar sind, so lohnt es sich, dieser Lektüre nicht aus dem Weg zu gehen. Die Lektüre hat mich nicht nur ob der präzisen Schilderungen berührt, sondern auch mein Wissen über das Land Kolumbien bereichert. Wirklich grandios!

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