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Veröffentlicht am 04.08.2025

Der Fall Julie Novak

Himmelerdenblau
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Julie Novak, 16, wird am 7. September 2003 aus ihrem Elternhaus entführt, auf die Lösegeldforderung folgt keine weitere Nachricht. Einige Tatverdächtige werden von der Polizei vernommen, aber niemandem ...

Julie Novak, 16, wird am 7. September 2003 aus ihrem Elternhaus entführt, auf die Lösegeldforderung folgt keine weitere Nachricht. Einige Tatverdächtige werden von der Polizei vernommen, aber niemandem kann eine eindeutige Schuld nachgewiesen werden, weshalb der Fall Julie Novak zu den Akten gelegt wird. Da sich das rätselhafte Verschwinden des jungen Mädchens nun zum 20. Male jährt, greifen die beiden Podcaster Liv und Phil den Cold Case nochmals auf, recherchieren und bitten den mittlerweile dementen Vater zum Interview, Prof. Dr. Theodor Novak, ehemals angesehener Direktor der Klinik für Herz-, Thorax und Gefäßchirurgie an der Charité in Berlin.

Abwechslungsreich - mitunter fast ein wenig verwirrend, verwendet man nicht all seine Aufmerksamkeit auf dieses ausgezeichnete Buch - gestaltet Romy Hausmann die Herangehensweise an diese Geschichte: aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchten die Figuren das Ungewisse, Two Crime – Der True Crime Podcast mit Liv Keller und Philipp Hendricks bringt immer wieder neue Möglichkeiten und Vermutungen ins Spiel, ein Zeitungsartikel scheint ebenfalls auf. Die Zutaten für ein kniffliges Verwirrspiel sind gewählt, jetzt ist es auch für den Leser an der Zeit, mitzurätseln, was sich zwanzig Jahre zuvor zugetragen haben könnte. Die Demenzerkrankung von Theo Novak spielt hier absolut gekonnt herein, seine Wortkreationen sind großartig, seine Dings, oder doch eher Kollegen und Freunde, Bekannte seiner Töchter, erscheinen in einem zweifelhaften Licht und könnten alle Schuld auf sich geladen haben. So werden Tätersuche und Auswirkungen einer Demenzerkrankung für den Betroffenen, aber auch für seine Angehörigen, auf anschauliche und einfühlsame Weise miteinander verknüpft, sodass ein überaus realistisches Grundkonzept entsteht. Da und dort kommt natürlich noch ein pfiffiger Hinweis für den Leser dazu, um diesen in die Irre zu führen oder seine Phantasie zu beflügeln, das Ende wiederum führt alle Stricke zusammen und fühlt sich durchwegs logisch an.

Romy Hausmann schreibt fesselnd, ihre Darstellung der Dinge ist so verschachtelt, dass die Geschichte rund um Julie bis zuletzt spannend bleibt. Der Dingschirurg mit seiner phänomenistischen Ausdrucksweise ist mir schnell ans Herz gewachsen, die Autorin hat hier spürbar Gefühl in ihre Wortwahl gelegt und die Erkrankung hervorragend dargestellt, ohne ins Voyeuristische oder Kränkende abzugleiten. Ein großartiges Buch, das kompliziert verstrickt, äh gestrickt ist und trotz dieser hervorragenden und vielfältigen Irrwege klar ins Ziel führt. Fünf Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die gerne Spannendes ohne wildes Butvergießen lesen.

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Die Ziegelaffäre

Gesetz des Midas – Wiener Abgründe
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Wien, 1881: Der Wiener Polizeipräsident Wilhelm Marx Ritter von Marxberg ist höchst beunruhigt, als er vom Mord am russischen Zaren Alexander II. erfährt und unternimmt alles in seiner Macht stehende, ...

Wien, 1881: Der Wiener Polizeipräsident Wilhelm Marx Ritter von Marxberg ist höchst beunruhigt, als er vom Mord am russischen Zaren Alexander II. erfährt und unternimmt alles in seiner Macht stehende, um die Sicherheit bei der Hochzeit des Kronprinzen Rudolf zu gewährleisten. Insbesondere die aufstrebenden Sozialdemokraten in den Ziegelfabriken in Favoriten sieht er als potentielle Gefahrenquelle, weshalb er seinen Sonderermittler Leopold Kern dorthin schickt. Wie es der Zufall will, hat sich genau hier kürzlich ein Mord ereignet, der aber aufgrund des Geständnisses eines Ziegelböhmen bereits geklärt zu sein scheint.

Absolut authentisch treffen wir gemeinsam mit realen historischen Figuren am Schottenring 11 beim Polizeipräsidenten ein und dürfen teilhaben an dessen Überlegungen zur bevorstehenden Vermählung des einzigen Kaisersohnes. Alsbald wählen wir beim Heurigen Wurst vom Salamimann und Gebäck von der Kipferlfrau, während wir einer interessanten Unterhaltung zwischen dem vom Polizeidienst suspendierten Kern und seinem Bekannten, dem Grispindel-Toni aus dem halbseidenen Milieu, lauschen. Ein Großteil der Handlung spielt sich dann in der Fabrik Wienerberger ab, wo viele sorgfältig recherchierte Details zur Herstellung der Ziegel in die Geschichte mit einfließen. Die Arbeitsbedingungen sind heute absolut unvorstellbar, hat doch so ein Tag in der Lehmgrube oder am Brennofen oftmals von vier Uhr morgens bis zehn Uhr nachts gedauert, auch Kinder sind häufig zum Helfen angehalten anstatt in die Schule geschickt worden. Der Kriminalfall ist bestens eingebettet in ein Bild vom historischen Wien, das den Leser durchaus in dunkle Ecken blicken und Personen zu Wort kommen lässt, die am Rande der Gesellschaft stehen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass so mancher derbe Ausdruck fällt und einige für einen Kriminalroman eher brutale Szenen vorkommen, die empfindliche Gemüter vielleicht vor den Kopf stoßen könnten. Wer sich dessen bewusst ist, wird aber großartig unterhalten mit der sich langsam aber stetig entspinnenden Handlung, wobei Kern Unterstützung erhält von einem „geerbten Kammerdiener“, welcher ihm aufgrund einer Nachlassverfügung als Assistent zur Verfügung steht. Ein unschlagbares Team ermittelt also fortan in einem Mordfall und insbesondere in der Ziegelaffäre im damals jüngsten Wiener Gemeindebezirk Favoriten. In den Döblinger Villen darf der Kammerdiener seine Kenntnisse im Umgang mit der noblen Gesellschaft unter Beweis stellen.

Ein weiterer bestens recherchierter Kriminalfall mit Leopold Kern, dem Grispindel-Toni und neuerdings auch Johann Artner, der uns in finstere Gegenden und zu finsteren Gestalten in Wien führt. Sympathische Figuren im klassischen Sinne gibt es hier nicht, dennoch versteht es Peter Lorath hervorragend, charakterstarke Persönlichkeiten ins beste Licht zu rücken, die lebendige und vor allem dem Milieu angepasste Sprache trägt nicht zuletzt genau dazu bei. Wer Gänsehaut auch im Historischen Krimi sucht, ist mit den Wiener Abgründen bestens bedient.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Sri Lanka

Die Nelkentochter (Die Blumentöchter 3)
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Auf Blooming Hall in Cornwall findet sich ein kleiner unscheinbarer Gedichtband, der offenbar von Lalis Mutter Isha stammt. Aufgrund der poetischen und sehr persönlichen Einträge beschließt die 25jährige, ...

Auf Blooming Hall in Cornwall findet sich ein kleiner unscheinbarer Gedichtband, der offenbar von Lalis Mutter Isha stammt. Aufgrund der poetischen und sehr persönlichen Einträge beschließt die 25jährige, nach Sri Lanka zu reisen, um zu erfahren, warum ihre Mutter sie und ihren Vater vor vielen Jahren so plötzlich verlassen hat. In Cornwall hält sie zurzeit ohnehin nichts, schlittert sie doch nur von einem unbefriedigenden Praktikum ins nächste ohne konkrete Vorstellung, wie ihre Zukunft aussehen soll.

Ebenso stimmungsvoll wie die ersten beiden Bände dieser unglaublich schönen Reihe geht es auch diesmal zu. Kurzerhand setzen wir uns mit Lali ins Flugzeug und reisen von England nach Sri Lanka, betreten eine gänzlich andere Welt, tauchen ein in eine fremde Kultur mit außergewöhnlichen Farben und Düften. Die Familiengeschichte ist sehr realistisch konzipiert und führt bisweilen auch zurück in die 1980er-Jahre und somit in den Bürgerkrieg, in welchem die Tamilen ihre Unabhängigkeit einfordern. Teils brutale Szenen muss der Leser hier aushalten, aber so ist das Leben von Lalis Vorfahren nun einmal verlaufen. Insgesamt überwiegen aber heitere und zukunftsweisende Momente auf der prächtigen Tropeninsel mit ihren beachtlichen Teeplantagen, dem bekannten Berg Adam’s Peak mit seinem magischen Sonnenaufgang oder dem Pinnawala Elefantenwaisenhaus. Viele interessante Details fließen leichtfüßig in die berührende Romanhandlung ein und wecken beim Leser Fernweh.

Tessa Collins erzählt mit ihrem einfühlsamen Schreibstil immer nur so viel wie nötig, wenn es um Gewalt geht und so viel wie möglich, wenn es um Träume und Visionen geht, sodass diese überwältigende Geschichte doch eine sehr positive Energie ausstrahlt. Meine anfänglichen Befürchtungen, dass nach dem ersten Teil „Die Blumentöchter“ nichts mehr an diesen herankommen kann, sind nach „Die Wildblütentochter“ (Teil 2) und „Die Nelkentochter“ (Teil 3) längst zerstreut. Ich freue mich auf eine weitere emotionale Reise mit Magnolia, welche im Jänner 2026 starten wird. Bis dahin empfehle ich die drei verfügbaren Blumentöchter sehr, sehr gerne weiter, soferne man Interesse hegt für ferne Länder und spannende und gleichsam gefühlvolle Familiengeschichten.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Rotes Kreuz

Der Kindersuchdienst (Kindersuchdienst 1)
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Das Rote Kreuz unterhält nach dem Zweiten Weltkrieg einen Suchdienst für Personen, um auseinandergerissene Familien wieder zusammenzuführen. Annegret und Charlotte sind aus ganz unterschiedlichen Gründen ...

Das Rote Kreuz unterhält nach dem Zweiten Weltkrieg einen Suchdienst für Personen, um auseinandergerissene Familien wieder zusammenzuführen. Annegret und Charlotte sind aus ganz unterschiedlichen Gründen dabei, Turbulenzen mit schwierigen Vorgesetzten, einem unliebsamen Polizeihauptkommissar und Geldsorgen erschweren die Arbeit immer wieder.

Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt dieser Roman Szenen aus den 1950er-Jahren, zeigt auf, wie wenig eine Frau und ihre Meinung wertgeschätzt wird, insbesondere eine Alleinerziehende mit unehelichem Kind. Dass so manche junge Dame aber doch Mut und Willenskraft aufbringt, wenn es um das Wohl der Kinder geht, das schildert Antonia Blum auf beeindruckende Weise mit diesem kurzweiligen Buch. So schließen Annegret, heimliche Mutter eines aufgeweckten Sohnes, und Charlotte, die aus einer wohlhabenden Reederfamilie stammt, trotz ihrer gegensätzlichen Herkunft bald Freundschaft in der Arbeit und helfen einander mit Karteien, Schriftstücken und Gesprächen mit verzweifelten Suchenden. Aufregende Recherchearbeit im Suchdienst wird auf unterhaltsame Weise verknüpft mit den privaten Schicksalen der beiden jungen Damen, arrangierte Eheversprechen und zarte Liebeleien bringen Schwung und Abwechslung ins Geschehen. So nimmt es nicht wunder, dass man vom flüssigen Schreibstil und den interessanten historischen Details bis hin zu Bundeskanzler Konrad Adenauer Kapitel um Kapitel verschlingt, die oftmals mit spannenden Momenten enden und so immer wieder zum Weiterlesen animieren.

Ein Roman, der informativ und unterhaltsam zugleich ist und mit vielen liebenswerten Charakteren punktet, dass da und dort auch ein Bösewicht mitmischt, entspricht wohl der Realität. Nach anregenden Lesestunden spreche ich gerne eine Empfehlung für den Kindersuchdienst aus.

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Veröffentlicht am 27.07.2025

Island

Die Wildblütentochter (Die Blumentöchter 2)
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Soley, alias Superstar Flower Power, trifft nach dem Tod ihrer Großmutter Rose ihre gesamte Familie und stößt dabei auf Blooming Hall in Cornwall auf ein altes Ölgemälde. Die Frau am Bild sieht ihr verblüffend ...

Soley, alias Superstar Flower Power, trifft nach dem Tod ihrer Großmutter Rose ihre gesamte Familie und stößt dabei auf Blooming Hall in Cornwall auf ein altes Ölgemälde. Die Frau am Bild sieht ihr verblüffend ähnlich, weshalb sie auf den Spuren ihrer Vorfahren wandelt und ins Herkunftsland ihres Vaters reist, nämlich nach Island. Die Familienmitglieder, welche sie dort unangekündigt besucht, begegnen Soley mit unterschiedlichen Gefühlen.

Großartig, wie die Geschichte der Blumentöchter (die Vornamen der Mädchen in dieser Familie stammen traditionsgemäß alle aus dem Blumenreich) hier weitergesponnen wird. Tessa Collins führt uns diesmal ins raue Island und schenkt uns an der Seite von Soley bewegte Stunden. Einerseits geht es um die Karriere der berühmten Sängerin, andererseits, viele Jahre zurückliegend, um ihre Urgroßmutter Sigrún. Dieser Zeitenwechsel, der bisweilen durch Tagebucheinträge ergänzt wird, welche in der Gegenwart gelesen werden, ist gekonnt umgesetzt, um Spannung aufzubauen und die Geschehnisse authentisch darzustellen. So erleben wir mit Soley den herrlichen isländischen Sommer mit endlos langen Tagen, Pferdeausritten und dem Baden in den Hot Tubes, während bei Sigrún im bitterkalten verschneiten Winter das Schicksal zuschlägt. Beide Frauen erleben aufregende Zeiten, die sie für ihre weiteren Lebenstage prägen, sie zu begleiten ist sehr berührend.

Ein wunderbarer Roman über Selbstfindung und Familienbande vor der kargen Landschaft Islands – mit diesem Buch liegt jeder richtig, der gerne in eine liebevoll erzählte Gefühlswelt zwischen 1940 und heute eintauchen möchte. Ich hatte großen Spaß und bisweilen eine kleine Träne in den Augen.


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