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Veröffentlicht am 25.09.2025

Kulinarische Historie

Die Weltgeschichte in zwölf Bohnen
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Kulturgeschichte manifestiert sich auch in Essgewohnheiten - das hat der US-Autor mit seinen Büchern etwa über Salz oder Kabeljau gezeigt. Der niederländische Historiker Joel Broekaert ist mit seinem ...

Kulturgeschichte manifestiert sich auch in Essgewohnheiten - das hat der US-Autor mit seinen Büchern etwa über Salz oder Kabeljau gezeigt. Der niederländische Historiker Joel Broekaert ist mit seinem Buch "Die Weltgeschichte in zwölf Bohnen" mit einem ähnlichen Forschungsprojekt unterwegs. Veganer und Vegetarier, aber auch viele Ernährungswissenschaftler wissen: Hülsenfrüchte sind proteinreich und machen satt. Eintöpfe aus Hülsenfrüchten sind traditionell auch immer dann angesagt, wenn das Geld knapp ist. Denn sie sind preiswert und halten sich getrocknet nahezu unbegrenzt.

Broekaert holt zum universalgeschichtlichen Rundumschlag aus, von den neolithischen Menschen, die von Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern wurden und schon damals Hülsenfrüchte domestizierten, über Hülsenfrüchte in anderen Kulturkreisen, etwa Sojabohnen in Asien, bis hin zu den Herausforderungen des Klimawandels und dem CO2-Abdruck der Fleischproduktion.

Auch die kulturelle Bedeutung mancher Hülsenfrüchte, etwa black eyed peas als afroamerikanisches Soul Food, das auch ein Stück weit Abgrenzung von der weißen Mehrheitsgesellschaft sein kann, oder von Hummus als über alle politischen und ethnischen Konfliktgrenzen des Nahen Ostens beliebtes Kichererbsenprodukt findet sich in dem ebenso informativen wie unterhaltsamen Buch.

Broekaert verzichtet auf Wissenschaftler-Slang und erhobenen Zeigefinger, sein Buch ist aus einer Artikelreihe entstanden. Gleichzeitig ordnet er den Siegeszug von Bohne, Erbse und Co durch Landwirtschaftsgeschichte, Kulturtechniken und Alltagshistorie ein und setzt ihn in den Kontext technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen im Laufe der Jahrtausende. Ganz nebenbei geht er auch noch auf Kakao- und Kaffeebohnen und ihren Siegeszug durch die Geschichte ein, obwohl beide botanisch gesehen nicht in die Gattung passen. Aber das interessiert in diesem Zusammenhang nicht die Bohne! Dieses Sachbuch macht Spaß.

Veröffentlicht am 25.09.2025

Ein Serienmörder am Tegernsee?

Bodenfrost
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Andreas Föhrs Tegernsee-Kommissare haben Kultcharakter - der dauerfröstelnde Kriminalkommissar Wallner und der unorthodoxe "Leichen-Leo" Kreuthner, der zwar eigentlich zur uniformierten Polizei gehört, ...

Andreas Föhrs Tegernsee-Kommissare haben Kultcharakter - der dauerfröstelnde Kriminalkommissar Wallner und der unorthodoxe "Leichen-Leo" Kreuthner, der zwar eigentlich zur uniformierten Polizei gehört, aber eigentlich auch Kripo-Mitglied ehrenhalber sein könnte. Das gilt umso mehr, wenn Michael Schwarzmeier in der Hörbuchversion den Beamten mit spürbarem Vergnügen seine Stimme leiht. Der nunmehr zwölfte Band der humorigen Regionalkrimi-Reihe, "Bodenfrost", war für mich daher ein Muß und hat einmal mehr überzeugt.

Föhr führt einmal mehr durch mehrere Zeitebenen: Ausgerechnet beim Kinderfest der Miesbacher Polizei, organisiert von Kreuthner, wird die Leiche eines Brauereibesitzers gefunden. Der Name lässt aufhorchen - da war doch erst vor wenigen Wochen was? Die Ehefrau des Mann war am Steilufer der Mangfall aufgefunden worden, mit Amnesie und offenbar suizidgefährdet, kurz nach einer Vermisstenmeldung des kontrollverliebten Gatten. Keine gute Ehe, wie sich zeigt, geprägt von den traditionellen Wertevorstellungen des Mannes und einer immer stärkeren Isolierung der Frau. Wenn sie etwas mit seinem Tod zu tun hätte, wäre da zumindest ein Motiv. Doch würde die schüchterne Frau je so weit gehen? Und wieso wird bei der Leiche DNA gefunden, die in Verbindung zu einem nie gefundenen Serienmörder in Nordhessen steht?

"Bodenfrost" beschert Sprecher Schwarzmeier neue Herausforderungen, denn Wallner und seine Kollegin Toni begeben sich auf Dienstreise nach Kassel, es wird also auch Hessisch gebabbelt im neuen Band. Und es zeigt sich, dass nicht nur in Bayern Ermittler mit recht individueller Persönlichkeitsstruktur zu finden sind.

In Miesbach ist wiederum klar, dass Kreuthner gar nicht daran denkt, seine Arbeit auf Verkehrskontrollen und Ordnungswidrigkeiten zu beschränken, sondern es immer wieder schafft, in die Mordermittlung verstrickt zu werden - wenn er nich eh auf eigene Faust Spuren nachgeht. Da er nebenbei noch eine Privatfehde gegen einen überkorrekten Kollegen und Compliance-Beauftragten führt, der ihm das Leben schwer macht, hat "Leichen-Leo" ordentlich zu tun und gerät wieder einmal in ein paar knifflige Situationen.

Und natürlich sorgen wie immer die kauzigen Nebenfiguren der Föhr-Bücher für zusätzliches Colorit, allen voran Wallners Opa Manfred und die Gang von der Mangfallmühle. Bis alle Fragen aufgeklärt sind und auch das private Leben der Ermittler ein paar neue Entwicklungen nimmt, ist viel Unterhaltung garantiert. Mögen die Kult-Kommissare Miesbach noch lange erhalten bleiben.

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Die Staatsanwältin und die grüne Leiche

Das Bierkomplott
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Evi Pflaum hat sich einen Herzenswunsch erfüllt. Nach Jahren in München ist die junge Staatsanwältin zurück in die fränkische Heimat gekehrt und verstärkt jetzt die Anklagebehörde in Bamberg, der Stadt ...

Evi Pflaum hat sich einen Herzenswunsch erfüllt. Nach Jahren in München ist die junge Staatsanwältin zurück in die fränkische Heimat gekehrt und verstärkt jetzt die Anklagebehörde in Bamberg, der Stadt mit den vielen Brauereien. Schaden genommen hat dabei allerdings ihre Beziehung - ihr Lebensgefährte, Anwalt in einer Wirtschaftskanzlei, der sich im Studium unsterblich in Evi verliebt hatte, findet die Liebe nun doch nicht wert, als Fernbeziehung am Leben gehalten zu werden. Jetzt ist Evi wieder ins alte Kinderzimmer auf dem Hof ihrer Eltern eingezogen und hofft, dass ihre hamsternde Mutter doch noch mal die Einliegerwohnnung frei räumt.

Auch Evis neuer Job bietet keinen sanften Einstieg in Carina Heers Cozy-Krimi "Das Bierkomplott": Ihr Vorgesetzter ist krank, deshalb bekommt es Evi gleich in ihrer ersten Arbeitswoche mit einem Mordfall zu tun. Die im Separee eines Puffs gefundene Leiche einer Prostituierten ist bizarrerweise mit grünem Flaum überzogen und riecht nach Malz. Also nicht gerade ein unkomplizierter Einstieg für die junge Staatsanwältin. Es gibt aber auch erfreuliches: Den grünäugigen Gerichtsmediziner nämlich, den sie beim ersten Zusammentreffen glatt für einen Kriminellen gehalten hat. Nachdem dieser Irrtum geklärt ist, muss Evi ihre romantischen Gedanken nicht mehr bremsen.

Wenn "Das Bierkomplott" leicht versaut ist, liegt das allerdings nicht an heißen Sexszenen, sondern an Rosi, der Sau, die gleich auf den ersten Buchseiten geschlachtet wird. Anders als ihre vegane (und mit dem örtlichen Schlachter verheiratete) Schwester liebt Evi nämlich Schlachterplatte, Leberwurst, Pressack und all die anderen fleischlichen Schweinereien, in die Rosi und ihre Artgenossen verarbeitet werden können. Ihre Ermittlungen hingegen werden durch regelmäßiger Alkoholabstürze mit ihrer besten Freundin erschwert. Kerw hier, Junggesellinnenabend da. Vergesst das P1, das dörfliche Nachtleben kann heftig sein. Und Aktenstudium mit Kater - oder Flirts mit einem gewissen Gerichtsmediziner mit Asbachfahne - sind auch nicht gerade einfach.

Auch wenn mir beim Lesen das "frrrrengisch" rollende R im Kopf rumschwebte - dieses Buch würde ich gerne als Hörbuch und entsprechender Dialektfärbung genießen. Aber auch so konnte ich mir Evis Abenteuer zwischen Dorf und Bamberger Behörde lebhaft vorstellen. Besonders blutig ist es genrekonform nicht und das Buch hat mehr mit einer romantic comedy als mit einem Krimi gemeinsam. Wie es auszugehen hat, ist deshalb frühzeitig klar. Am Lesespaß ändert das aber nichts. Dieser gute Laune-Cozy hat die Erwartungen erfüllt.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Lügennetz mit Fallstricken

Eine falsche Lüge – Wird es ihre letzte sein?
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Mehr als ein Lügengebäude wird in dem Thriller "Eine falsche Lüge" von Sophie Stava errichtet, und so ziemlich jeder ihrer Protagonisten hat verborgene Motive und einige fragwürdige Charaktereigenschaften. ...

Mehr als ein Lügengebäude wird in dem Thriller "Eine falsche Lüge" von Sophie Stava errichtet, und so ziemlich jeder ihrer Protagonisten hat verborgene Motive und einige fragwürdige Charaktereigenschaften. Zum Beispiel die Lügerei, die Sloane längst zur Gewohnheit geworden ist. Schon als Kind, wenn ihre alleinerziehende Mutter und sie wegen Schulden mal wieder ganz schnell den Wohnort wechseln mussten, erfand sie vor ihren neuen Mitschülerinnen ein sehr viel glamouröseres Leben als Grund für den Umzug.

Ihre Orientierung an wohlhabenderen Vorbildern hat sie nicht nur den letzten Job gekostet, sondern sie auch in echte Schwierigkeiten gebracht. Dann lernt sie scheinbar zufällig den gutaussehenden und wohlhabenden Jay Lockhart und seine kleine Tochter in einem Park kennen. Sloane erfindet eine ganz neue Identität und schafft es tatsächlich, als Kindermädchen der Familie eingestellt zu werden.

Jays Frau Violet ist es gar nicht unrecht, dass Sloane ihren Stil nachahmt, ihre Frisur, gar die Haarfarbe ändert. Denn auch sie erzählt dem Kindermädchen, zu dem bald ein freundschaftliches Verhältnis besteht, nicht die Wahrheit und hat eigene Pläne, die im Sommerurlaub in den Hamptons eskalieren. Lügen, so ahnen die Leserinnen bald, haben nicht nur kurze Beine. Sie haben auch das Potential, tödlich zu sein. Fragt sich nur: Für wen? Und wer manipuliert hier wen am besten?

Die Autorin schafft es, mit genau dieser Frage die Spannung immer weiter anzuheizen und für unerwartete Wendungen zu sorgen. Denn schnell wird klar, dass die drei Erwachsenen einander umkreisen und jeder besondere Absichten hat. Der Schein des perfekten, schönen Ehepaars trügt ebenso wie die Legende, die Sloane sich für ihre neuen Arbeitgeber zurechtgelegt hat. Dabei sorgt die Autorin mit gezielt eingesetzten Informationshäppchen dafür, dass die Leser
innen einen kleinen Informationsvorsprung erhalten, dabei aber das Warten auf die Auflösung des Plots die Spannung anheizt. Dieser Thriller ist nicht blutig, sondern lebt vom Element der Täuschung und des falschen Scheins.

Die Charaktere sind keineswegs völlig sympathisch oder laden zur Identifizierung ein. Doch gerade wegen ihrer Schwächen wirken sie menschlich. Ein überzeugender Plot und eine flüssige Schreibweise sorgen hier für spannendes Lesevergnügen.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Mütter und Töchter

Die Königin von Dirt Island
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Liebe, Solidarität und Tragödien prägen das Leben von Eileen und Mary. Die beiden Frauen sind eng verbunden durch den frühen Verlust von Eileens Mann und Marys Sohn, der wenige Tage nach der Geburt seiner ...

Liebe, Solidarität und Tragödien prägen das Leben von Eileen und Mary. Die beiden Frauen sind eng verbunden durch den frühen Verlust von Eileens Mann und Marys Sohn, der wenige Tage nach der Geburt seiner Tochter tödlich verunglückte. Da wusste er noch nicht einmal, dass sein kleines Mädchen Saorsie heißen würde. In Mary findet Eileen unverbrüchliche Unterstützung - eine Unterstützung, die sie von ihrer eigenen Familie nicht erhielt. Die wohlhabenden Großbauern haben sie verstoßen, denn Eileen wurde schon vor ihrer Hochzeit schwanger. Im ländlichen Irland der - ich schätze mal - 60-er oder 70-er Jahre für viele ein schwerer Fehltritt.

Saorsie vermisst den Vater nicht, den sie nie kennengelernt hat. Mary, ihre "Nana", verbringt mehr Zeit in dem winzigen Häuschen ihrer Schwiegertochter als auf dem heimischen Bauernhof, auf dem ihre beiden verbliebenen Söhne leben - der eine nicht sonderlich helle, der andere beginnt, sich in der IRA zu engagieren. Zwischen Eileen und Mary besteht eine generationsübergreifende Freundschaft, in der die gegenseitige Zuneigung hinter Streitgesprächen verborgen wird.

Als Saorsie als Teenager schwanger wird, ist das für Eileen zunächst eine Katastrophe - ein Schicksal, das sie der eigenen Tochter gerne erspart hätte. Doch als die kleine Pearl geboren wird, wird sie von der Liebe dreier Generationen überschüttet.

Donal Ryan erzählt in seinem Roman "Die Königin von Dirt Island" eine Geschichte starker Frauen und ihres Zusammenhalts. Eileen und Mary haben einen herben Charme, Saorsie wird von der Kindheit über den rebellischen Teenager hin zu einer jungen Frau gezeigt, die Verantwortung übernimmt und ihrer Mutter und Großmutter zunehmend ähnlicher wird, zugleich aber eine Wendung nehmen wird, die bei der unverheirateten jungen Mutter ohne Schulabschluss zunächst nicht abzusehen war. Weniger intensiv ist die Figur ihrer Tochter Pearl, eher Katalysator der Ereignisse als Akteurin.

Die kurzen Kapitel sind teilweise wie szenische Stückchen für sich. Die eher einfache Sprache passt zu dem schlichten Landleben mit Menschen, die eher wortkarg sind und pragmatisch ihren oft harten Alltag angehen. Das heißt aber nicht, dass das Buch einfach gestrickt ist. Dieses Buch einer Familie ist auch ein Buch über Solidarität und Standvermögen.

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