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Veröffentlicht am 30.07.2025

Ein elegant geschriebener Roman mit einem packenden Protagonisten

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
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“Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull” ist ein Spätwerk von Thomas Mann. Mann orientiert sich in seinem letzten Roman an der Memoirenliteratur: Der titelgebende Protagonist erzählt aus der retrospektiven ...

“Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull” ist ein Spätwerk von Thomas Mann. Mann orientiert sich in seinem letzten Roman an der Memoirenliteratur: Der titelgebende Protagonist erzählt aus der retrospektiven Ich-Perspektive mit einem süffisanten Ton Stationen seines Lebens. “Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull” begleitete Thomas Mann (mit großen Unterbrechungen) vierzig Jahre lang - was man dem Werk sprachlich auch anmerkt. Gerade die ersten Bücher sind extravagant, sehr verschnörkelt und galoppierend erzählt; Hypotaxen und Parataxen reihen über Zeilen hinweg aneinander, sodass vergleichsweise komplexe (aber wohlgeformte!) Sätze entstehen. Im Laufe der Lektüre reduziert sich diese Komplexität merklich; die Sätze sind zwar immer noch wohlgeformt, allerdings nicht mehr so verschnörkelnd (wodurch sich der Roman, ehrlich gesagt, auch besser lesen lässt). Inhaltlich lebt das gesamte Werk durch das Faszinosum Krull. Krull ist ein Tausendsassa, der sich mit viel Witz durch das Leben schlägt. Zu Beginn macht ihn das sympathisch - z. B. wenn er erzählt, wie er seine Eltern hinters Licht führt, um nicht zur Schule zu müssen, oder wie er der Obrigkeit ein Schnippchen schlägt, als er sich dem Militärdienst entzieht (die Musterungsszene ist wirklich ein Highlight des Romans!): Kurz: Krull, ein liebenswürdiger Schelm, der es den Autoritäten so richtig zeigt. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto unsympathischer wirkt er allerdings. Krull, der keine Ausbildung abgeschlossen hat und mehr Glück als Verstand besitzt, erscheint immer stärker als Blender, der irritierenderweise scheinbar mit allem durchkommt und dies gottgegeben ansieht. (Nebenbei bemerkt: Ob der im Titel sog. Hochstapler Krull bei seinen Memoiren tatsächlich immer bei der Wahrheit bleibt, wie er zu Beginn des ersten Buches versichert, mag man bezweifeln dürfen. Bisweilen erscheinen seine Erlebnisse überspitzt erzählt, oft besitzt er lediglich Halbwissen, das er zu überdecken sucht, sodass Krull auch Züge eines unzuverlässigen Erzählers besitzt - inwieweit er unzuverlässig berichtet, muss aber offen bleiben, da eine korrigierende Instanz innerhalb des Romans fehlt). Am Schluss des 1954 veröffentlichten Romans, “der Memoiren erster Teil”, erscheint Krulls Lebensweg - mit kleineren Abstrichen - als Erfolgsgeschichte. Leider starb Thomas Mann, bevor er den zweiten Teil schreiben konnte. Aus Notizen Manns, die grob die Handlung des zweiten Teils skizzieren, wird allerdings deutlich, dass der Stern Krulls sinken wird. Dass diese Fortsetzung nie erschien, ist aus zweierlei Gründen bedauerlich: Einerseits erscheinen die Bekenntnisse Krulls unvollständig, andererseits ist es dadurch schwierig, den Tausendsassa tiefenschärfer umgreifen zu können, da offen bleibt, mit welchem Ton er die Momente des Scheiterns darlegt. Insgesamt ist “Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull” ein süffisant erzählter Roman mit einem packenden Protagonisten, der unabhängig davon, wie man ihn letztlich beurteilen möchte, Eindruck hinterlässt.

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Veröffentlicht am 15.07.2025

Eine tiefsinnige Novelle über die erste große Liebe, die einen nie so wirklich loslässt

Lorna
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Inhalt: Jeder ist ein bisschen in Lorna aus der Hochhaussiedlung verliebt - schließlich ist sie die Beste im Fußballspielen. Auch der Ich-Erzähler wäre gerne mit ihr zusammen, traut sich aber nicht, sie ...

Inhalt: Jeder ist ein bisschen in Lorna aus der Hochhaussiedlung verliebt - schließlich ist sie die Beste im Fußballspielen. Auch der Ich-Erzähler wäre gerne mit ihr zusammen, traut sich aber nicht, sie anzusprechen. Umso überraschter ist er, als Lorna die Initiative ergreift und sich ihm annähert. Die Liebe zwischen beiden keimt; nach dem Abitur ziehen sie kurzerhand in eine WG, um ihren Träumen nachzujagen - doch dann verändert sich Lorna plötzlich…

Persönliche Meinung: “Lorna” ist eine Novelle von Paul Maar, der eigentlich für seine Kinderbücher, die mittlerweile als Klassiker gelten, bekannt ist. Dass er aber auch für eine erwachsene Lesergruppe schreiben kann, beweist er eindrücklich in “Lorna”. Wir begegnen hier einem namenlosen Ich-Erzähler, der aus der Retrospektive seine Beziehung mit Lorna darlegt. Dementsprechend finden sich typische Coming of Age-Elemente: die erste Liebe, das Entdecken der Sexualität, die Loslösung von den Eltern sowie das Übernehmen von Verantwortung. Dabei erscheint die Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler und Lorna zunächst als hoffnungsfroh und leichtfüßig. Anders formuliert: Die Zukunft scheint ihnen offen. Dies kippt aber, als Lorna von dem Tod ihres Vaters erfährt, den sie nie kennengelernt hat. Sie greift zu Drogen, fällt in psychotische Zustände. Der Ich-Erzähler versucht Lorna zu unterstützen, kommt aber immer mehr an seine Grenzen, was authentisch dargestellt wird. Sehr hat mir - aufgrund der Tragik - auch das Ende der Novelle gefallen. Der Schreibstil von Paul Maar ist anschaulich, zugleich aber auch sehr bedächtig/nachdenklich, sodass man der Handlung eingehend folgen kann. Insgesamt ist “Lorna” eine tiefsinnige Novelle über die erste große Liebe, die einen nie so wirklich loslässt.

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Veröffentlicht am 15.07.2025

Eine vielschichtige Novelle

Der kleine Herr Friedemann
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“Der kleine Herr Friedemann” ist eine Novelle von Thomas Mann. Erzählt wird hier von einem allwissenden Erzähler das Leben des titelgebenden Johannes Friedemann: Ein
junger Mann, der als Säugling vom Wickeltisch ...

“Der kleine Herr Friedemann” ist eine Novelle von Thomas Mann. Erzählt wird hier von einem allwissenden Erzähler das Leben des titelgebenden Johannes Friedemann: Ein
junger Mann, der als Säugling vom Wickeltisch fiel und daher körperlich beeinträchtigt ist. Johannes Lebensgang wird eindrücklich dargestellt: Neben der Beeinträchtigung muss er mehrere Schicksalsschläge hinnehmen; trotzdem versucht er, das Leben zu genießen. So findet der feinsinnige junge Mann seinen “Seelenfrieden” im Streben nach Bildung - bis er Gerda, die 24-jährige Frau eines reichen Oberstleutnants, kennenlernt und sich sehnsüchtig in sie verliebt. Die sich zwischen Johannes und Gerda entwickelnde Beziehung, die man heute als toxisch bezeichnen würde, wird mitreißend erzählt; die Schlussszene, die ich hier nicht spoilern möchte, fungiert dabei als tragisches Fanal. Insgesamt ist “Der kleine Herr Friedemann” trotz seiner Kürze ein vielschichtiger Text, dem der Fischer Verlag eine schöne Buchausgabe gewidmet hat (Die Aufmachung ist der Erstveröffentlichung bei Fischer von 1898 nachempfunden).

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Veröffentlicht am 15.07.2025

Ein facettenreicher Horrorroman

Hex
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Inhalt: Seit über 300 Jahren hält die Hexe Katherine van Wyler die idyllisch im Hudson Valley gelegene Gemeinde Black Spring in Atem. So soll sie den bösen Blick besitzen, ihr Flüstern führt in den Tod; ...

Inhalt: Seit über 300 Jahren hält die Hexe Katherine van Wyler die idyllisch im Hudson Valley gelegene Gemeinde Black Spring in Atem. So soll sie den bösen Blick besitzen, ihr Flüstern führt in den Tod; bereits in der Vergangenheit hat sie die Bevölkerung des Dorfes vollständig verschwinden lassen. Doch in der Gegenwart scheint die unmittelbare Gefahr, die von Katherine ausgeht, gebannt: Augen und Mund sind zugenäht, Katherine wandelt eher teilnahmslos durch das Dorf, erscheint mal hier, mal dort. Die Dorfbewohner haben sich mithilfe von Bürokratie und strengen Regeln mit ihr arrangiert und Leben so normal wie eben möglich - bis zu dem Zeitpunkt, als vier Jugendliche das Geheimnis um die Kräfte der Katherine van Wyler lüften möchten…

Persönliche Meinung: “Hex” ist ein Horrorroman des niederländischen Autors Thomas Olde Heuvelt. Erzählt wird die Handlung von einem allwissenden Erzähler, der in die Perspektiven mehrerer Figuren schlüpft: So begleiten wir u.a. den Jugendlichen Tyler Grant, der sein Leben frei von der Hexe führen möchte und dafür mit seinen Freunden ihre Geheimnisse ergründet, den liebevollen Vater Steve Grant, der mehrfach mit dem Schicksal seiner Familie in Black Spring hadert, den ruppigen Sicherheitsbeamten Robert Grim, der die Gefahr, die von Katherine ausgeht, mit Augenmaß zu bannen sucht, oder die einsame Metzgerin Griselda Holst, die Katherine fanatisch verehrt. Alle Figuren sind mit ihren Sorgen, Wünschen, Gefühlen und ja: auch Fanatismen ausgesprochen authentisch und lebendig gezeichnet, sodass man sich sehr gut in sie hineindenken kann und ggf. mit ihnen leidet. An der kurzen Vorstellung der Figuren merkt man schon: Die Geschichte geht über den reinen Horror hinaus (der ist natürlich auch da: Insbesondere die Szenen, in denen die zugenähte Katherine erscheint, sind atmosphärisch schön schaurig beschrieben). Daneben ist “Hex” aber auch Coming of Age, Familiendrama und Gesellschaftsroman (durch die Darstellung des engstirnigen dörflichen Mikrokosmos), wodurch die Handlung ungemein abwechslungsreich und originell ist. Wie originell der Roman ist, kann ich leider spoilerfrei nicht zur Gänze ausführen. Nur: Dass das Grauen in Form der Hexe als Teil des Alltags akzeptiert wird, dass Katherine sogar Streiche gespielt werden, zeigt, dass der Roman anders funktioniert, als man es im Horrorgenre gewohnt ist (bis zum wirklich grandiosen Ende!). Der Schreibstil von Thomas Olde Heuvelt ist anschaulich und detailliert, sodass beim Lesen ein schönes Kopfkino entsteht. Insgesamt ist “Hex” eine fesselnde, facettenreiche Lektüre, die auch nach Lesen der letzten Seite nachhallt.

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Veröffentlicht am 15.07.2025

Zehn eindrückliche Geschichten über die Schrecken des Krieges

Der Feind
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„Der Feind“ versammelt zehn Kurzgeschichten von Erich Maria Remarque, die sich mit den Schrecken des Ersten Weltkriegs auseinandersetzen. Inhaltlich lassen sich die Geschichten in zwei Gruppen einteilen: ...

„Der Feind“ versammelt zehn Kurzgeschichten von Erich Maria Remarque, die sich mit den Schrecken des Ersten Weltkriegs auseinandersetzen. Inhaltlich lassen sich die Geschichten in zwei Gruppen einteilen: Erzählungen, die an der Front spielen, und Erzählungen, die die Folgen der Kriegserfahrungen thematisieren. So handelt „Jürgen Tamen“ von einem feinfühligen Mann, der an der Front Heimweh verspürt; die titelgebende Erzählung „Der Feind“ (die für mich eine der eindrücklichsten ist) thematisiert die Erkenntnis der Soldaten, dass der sog. Feind auch ein Mensch ist; „Ich hab die Nacht geträumet - - -“ erzählt mit beklemmenden Worten den letzten Lebensgang eines Soldaten in einem Lazarett. Demgegenüber stehen Erzählungen, die das Leben nach dem Krieg darstellen. Hier finden sich einerseits Geschichten der ehemaligen Soldaten: In „Der junge Lehrer“ fällt es einem jungen Mann schwer, nach dem Krieg in den Alltag zurückzufinden; in „Karl Broeger in Fleury“ besuchen zwei ehemalige Soldaten den Ort eines Kampfes – wobei aufgezeigt wird, wie sehr sie der Krieg verfolgt; „Das seltsame Schicksal des Johann Bartok“ fokussiert die Kriegsgefangenschaft; „Unterwegs“ schließlich zeigt die Getriebenheit eines Mannes. Weiterhin existieren zwei Erzählungen, die das Schicksal der Frauen der kriegsversehrten Männer behandelt. Während „Die Geschichte von Annettes Liebe“ das Schicksal einer jung verheirateten Kriegswitwe zeigt, handelt „Josefs Frau“ von dem Kriegsheimkehrer Josef, der sein gesamtes Gedächtnis verloren hat, dessen Frau aber alles dafür tut, um ihm zu helfen. Insbesondere „Josefs Frau“ hallt durch die Aufopferung der namenlos bleibenden Frau nach. Auf eine andere Weise spricht „Schweigen um Verdun“ die Folgen des Krieges an: Mit eindrücklichen Worten wird die Veränderung der Landschaft durch den Krieg dargestellt; Idylle und Tod vermischen sich hier. Alle Geschichten eint ihr pazifistischer Grundton: Der Krieg wird als etwas Schreckliches, Sinnloses und Unmenschliches dargestellt, was für mich eine wichtige Botschaft der Sammlung insgesamt ist.

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