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Veröffentlicht am 01.08.2025

Von Duftwicken in all ihrer Vielfalt, von Liebe und mehr…

Duftwickensommer
1

„Das ist eine historische viktorianische Duftwicke, Lathyrus odoratus.“ Oje, ein Fachidiot, denkt sie noch, als er sich als Biologe vorstellt, der für den Nationalpark Wattenmeer tätig ist, der den aktuellen ...

„Das ist eine historische viktorianische Duftwicke, Lathyrus odoratus.“ Oje, ein Fachidiot, denkt sie noch, als er sich als Biologe vorstellt, der für den Nationalpark Wattenmeer tätig ist, der den aktuellen Bestand seltener Wildpflanzen erforscht. Die erste Begegnung zwischen Marieke und Tibo ist eher nüchtern, sie werden sich von nun an noch öfter über den Weg laufen.

Marieke hat sich in die Villa Cupani verliebt. Es ist ein kleines Häuschen auf Borkum, das nach ihrer Scheidung der perfekte Rückzugsort ist. Sie freundet sich mit Alwine, ihrer schon älteren Nachbarin, an, die ihr von Anni erzählt, einer Frau, die einst hier gelebt hat.

Sylvia Lott lädt mich ein, ein Stück weit mit Marieke zu gehen und auch mit Anni, der ich im Jahr 1911 begegne. Diese beiden Zeitebenen wechseln sich ab. Marieke im Hier und Jetzt ist eher antriebslos, Alwine dagegen steckt voller Tatendrang. Bei Tee und gebuttertem Stutenbrot tauchen sie ein in Annis Geschichte, die auf Willow Hill als Vorleserin für Katherine Moss, der Gattin eines Teegroßhändlers, ihren Unterhalt verdient. Als eines Tages ein Wettbewerb für den schönsten Strauß aus selbstgezogenen Wicken von der Daily Mail ausgelobt wird, ist Anni sofort Feuer und Flamme. Und nicht nur sie, auch ihre Freundinnen Millie und Meg könnten das Preisgeld gut gebrauchen.

Den Wickenwettbewerb hat es tatsächlich gegeben, auch kämpften zu dieser Zeit Frauen um ihr Wahlrecht, allen voran die historischen Persönlichkeiten Emmeline Pankhurst und Ethel Smyth, die in die Geschichte geschickt integriert sind wie auch Lord Northcliffe, der Begründer der Daily Mail. Anderes ist fiktiv, das Gesamtpaket an sich kann sich sehen lassen.

Beide Erzählstränge haben ihren Reiz, auch kommt die Liebe nicht zu kurz, wobei mir das Geschehen um Anni noch etwas mehr zugesagt hat. Ihre Freundinnen Meg und Millie sind wie sie bei hohen Herrschaften in Stellung und natürlich erfahren wir so einiges Pikantes. Auch der (Geld)Adel ist nicht frei von so manch üblen Machenschaften, von Intrigen und Anspruchsdenken, das Sittenbild dieser Jahre und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten sind gut eingefangen. Mit den Protagonisten habe ich mitgefiebert, die meisten davon waren mir durchaus sympathisch, zu allen hatte ich ein authentisches Bild vor Augen. In der Jetztzeit gefällt mir die charismatische, zupackende Alwine trotz aller Schicksalsschläge ausgesprochen gut. Marieke, die dabei ist, Altes loszulassen, um Neues in ihr Leben zu lassen, wirkt dagegen etwas blass.

"Duftwickensommer" ist ein zauberhafter, kurzweiliger Roman - perfekt zum Wegträumen. Und über allem erfüllen der betörende Duft und die Blütenvielfalt der Wicken die Luft.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Abgründe tun sich auf in North Falls

Dunkle Sühne
1

Die 15jährige Madison steht ein wenig abseits, während sie die Leute von North Falls beobachtet. Alle warten gespannt auf das große Feuerwerk anlässlich des Unabhängigkeitstages. Madison ist mit ihrer ...

Die 15jährige Madison steht ein wenig abseits, während sie die Leute von North Falls beobachtet. Alle warten gespannt auf das große Feuerwerk anlässlich des Unabhängigkeitstages. Madison ist mit ihrer Freundin Cheyenne verabredet, aber sie verspätet sich wieder mal.

Deputy Emmy Clifton hat an diesem 4. Juli Dienst wie viele ihrer Kollegen. Sie spricht kurz mit Madison, der Tochter ihrer besten Freundin Hannah, die sie von klein auf kennt. Später dann erinnert sich Emmy, dass das Mädchen ihr noch etwas sagen wollte, widrige Umstände haben dies jedoch verhindert. Und nun macht sie sich Vorwürfe, denn beide Mädchen sind verschwunden, lediglich ihre Fahrräder werden gefunden. Darüber zerbricht die Freundschaft zu Hannah.

Neben Emmy, der wir hier hauptsächlich folgen, ist es auch ihr Vater, Sheriff Gerald Clifton, der alle Hebel in Bewegung setzt, um die beiden Mädchen zu finden. Sie stellen gefühlt halb North Falls auf den Kopf, die gründliche Suche in den Zimmern der Mädchen fördert so einiges zutage, vor allem Cheyenne scheint nicht das brave Kind gewesen zu sein, für das ihre Eltern sie halten. Auch führen Spuren zu etlichen zwielichtigen Typen und nicht nur Drogen sind im Spiel, auch gerät einer ins Visier der Ermittler, der als der Perverse bekannt ist. Emmy geht immer und immer wieder mögliche Szenarien durch, es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn stündlich sinken erfahrungsgemäß die Überlebenschancen der entführten Mädchen.

Neben der nervenaufreibenden Ermittlungsarbeit sind es auch die Cliftons, die hier leben und die in aller Ausführlichkeit umschrieben sind. Gut, es ist eine große Familie, aber nicht jedes Mitglied muss ich explizit einordnen können. Bei so einigen hätte es eine kurze Erwähnung auch getan, denn dem Thriller wird dadurch so einiges an Tempo genommen. Das war es dann schon mit meiner Kritik, denn die Handlung ist komplex und ziemlich kompliziert. Akribische Kleinarbeit ist gefordert. Dabei lässt die Spannung nie nach, ich lebe und leide mit den einen und hoffe, dass andere, mir sehr verdächtige Gestalten, ihre gerechte Strafe erhalten. Was aber beileibe nicht so einfach ist, denn Jahre später geht es wieder los. Wieder verschwindet ein Mädchen, wieder fordert sie der Fall und als ob es nicht genug wäre, schwingt eine private Sache bedrohlich mit.

Karin Slaughter bürgt für spannende Lesestunden. Ihre Charaktere sind keine Superhelden, sie wirken authentisch, sind nahbar, zweifeln auch mal und müssen so manch Rückschläge hinnehmen. Sie geben nicht auf, letztendlich werden die Fälle nach so etlichen überraschenden Wendungen dann aufgeklärt. Ein lange gehütetes Geheimnis innerhalb der Kernfamilie jedoch bleibt offen, ich bin gespannt auf den nächsten Band.

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Veröffentlicht am 28.07.2025

Was wäre wenn… ein spannendes Szenario

Im Leben nebenan 
1

„Vielleicht denk ich mir einfach ein zweites Leben für mich aus“ hatte sie gemeint…

Toni wacht auf und fühlt sich wie im falschen Film. Wo ist sie? Und wem gehört dieses Baby? Gut, sie und Jakob, ihr ...

„Vielleicht denk ich mir einfach ein zweites Leben für mich aus“ hatte sie gemeint…

Toni wacht auf und fühlt sich wie im falschen Film. Wo ist sie? Und wem gehört dieses Baby? Gut, sie und Jakob, ihr langjähriger Freund, haben einen Kinderwunsch, doch bis jetzt hat es nicht geklappt. Also – das Baby ist nicht ihres, auch ist ihre Wohnung in der Großstadt eher beengt und diese hier ist direkt luxuriös, die Umgebung vertraut – hier, in diesem Dorf, ist sie aufgewachsen, wie ein Blick aus dem Fenster verrät. Es war eben noch Sommer…

…und plötzlich ist es Herbst. In diesem anderen Leben ist sie Antonia, sie lebt mit Adam im Dorf ihrer Kindheit, sie hat Mann und Kind.

Was wäre wenn? Ein spannendes Szenario, direkt abstrakt. Anne Sauer erzählt zwei Geschichten parallel - von Kinderwunsch und Mutterschaft, von Toni und von Antonia. Das Hineinfinden in diese beiden Leben war zunächst befremdlich, da alles andere als alltäglich. Aber bald konnte ich mich damit anfreunden, dieses Wechselspiel hat mir zunehmend Spaß gemacht.

Ich hab mich darauf eingelassen, mich zurückgelehnt und mir „Im Leben nebenan“ von Chantal Busse vorlesen lassen. Sie ist für dieses Buch die absolut richtige Sprecherin, ihre jugendliche Stimme passt hervorragend zu der jungen Toni bzw. zu Antonia. Sie hat Anne Sauers Idee, zwei Lebensszenarien nebeneinander aufzuzeigen, perfekt in Szene gesetzt.

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Veröffentlicht am 27.07.2025

Bewegend, erschütternd, emotional

Der Sommer am Ende der Welt
1

Die Journalistin Hanna reist mit ihrer 15jährigen Tochter Katie nach Borkum, sie will neben ihren Recherchen um die Verschickungskinder, die hier in den 1960er Jahren für jeweils sechs Wochen zur Erholung ...

Die Journalistin Hanna reist mit ihrer 15jährigen Tochter Katie nach Borkum, sie will neben ihren Recherchen um die Verschickungskinder, die hier in den 1960er Jahren für jeweils sechs Wochen zur Erholung hier waren, auch ein wenig Privatleben genießen. Sie mieten sich im luxuriösen Dünenschloss ein, das von Isa Martens und ihrem Bruder Jan Guterson betrieben wird.

Früher diente das Haus, die damalige Villa Aurelia, als Erholungsheim für Kinder. Aus dem Ruhrgebiet kam Sabine, mit der Hanna jetzt in Kontakt ist, mit sechseinhalb Jahren zur gleichen Zeit nach Borkum wie ihre Mutter Cornelia, die damals noch jünger war. Für die Kinder, die den Sommer über der Willkür der Betreiber dieser Heime ausgesetzt waren, waren es schreckliche Wochen, die sie Zeit ihres Lebens verfolgten. Als erstes wurden sie ihrer Namen beraubt, sie wurden durchnummeriert, Kopfnüsse und Ohrfeigen waren an der Tagesordnung, der Tag genauestens durchstrukturiert, minderwertiges Essen wurde ihnen notfalls eingetrichtert, auch kam es zu Medikamententests, die ärztliche Versorgung wurde vernachlässigt, es waren schlichtweg Horrorwochen.

Es sind zwei sich abwechselnde Zeitstränge, von denen ich lese. Hanna findet heraus, dass hinter diesem System der Verschickungskinder viele Institutionen beteiligt waren. Missstände wurden vertuscht oder bagatellisiert, den Kindern, die es wagten, von ihren seelischen und körperlichen Qualen zu berichten, wurde nicht geglaubt. Hannas Recherchen über diese Verschickungskinder und dem ganzen Hintergrund drumherum gefallen auch heute nicht jedem. Je mehr sie gräbt, je mehr sie herausfindet, desto mehr erkennt sie, warum ihre Recherchen boykottiert werden.

Die beiden Erzählstränge greifen ineinander über. Hanna findet vor ihrer Tür ein altes Tagebuch, später dann eine Karte mit einem entscheidenden Hinweis. Auch die Gespräche mit der heute älteren Sabine geben viel von dem stramm geführten Heim preis.

Eva Völlers Schwester war in den frühen 1960ern auf Norderney, sie hat nach ihrer Kur weniger gewogen als zuvor. Ihr Bruder war auf Borkum und erst jetzt, nach vielen Jahren des Schweigens, hat er sich ihr doch geöffnet. Dieser familiäre Hintergrund hat sie letztendlich dazu bewogen, diesen Roman zu schreiben, der aufwühlt, der fassungslos macht.

Die Figuren und die Örtlichkeiten sind fiktiv, die Thematik allerdings ist es nicht. Der Roman legt den Finger auf dieses finstere Kapitel, diese Heime und die Erziehungsmethoden waren sehr real. Borkum hat sich schon früh mit dem Stempel „judenfrei“ gebrüstet, begehrte Objekte waren alsbald in den Händen strammer Nationalsozialisten. Auch wird der Bogen bis nach Litzmannstadt und den Kinder-KZ, dem heutigen Lodz, gespannt. Dieser Handlungsstrang von damals ist so eindringlich, so bewegend geschildert, dass die Geschichte um die private Hanna direkt banal wirkt. Und doch lockern so einige wenige Szenen dieses doch sehr ernste Thema etwas auf. Ein Roman, der aufwühlt, ein Roman, der gelesen werden will.

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Veröffentlicht am 21.07.2025

So wie das Leben eben ist

Ja, nein, vielleicht
1

Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann hat sich schon lange verabschiedet - und sie? Ja, sie ist so frei wie sie sich fühlt. Bis auf Kleinigkeiten natürlich, die sind immer irgendwo da. Momentan ist es ...

Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann hat sich schon lange verabschiedet - und sie? Ja, sie ist so frei wie sie sich fühlt. Bis auf Kleinigkeiten natürlich, die sind immer irgendwo da. Momentan ist es der Zahn, der ihr Kummer macht, denn er wackelt und nicht nur das, auch schmerzt er. Aber sonst? Hat sie es gut getroffen. Ihre kleine Stadtwohnung wird grad von ihrer Schwester belagert, was aber nicht weiter schlimm ist. Auf dem Land hat sie noch ein altes Haus, das idyllisch am Wasser liegt. Da fühlt sie sich wohl, da fühlt sie sich heimisch. Im nahen Supermarkt trifft sie auf Friedrich, einen Mann, der ihrer Vergangenheit angehört. Er wohnt nicht weit weg, also kommt er zu Besuch.

Doris Knecht (vielmehr ihre Protagonistin) habe ich vor geraumer Zeit beim Entrümpeln ihrer Wohnung (und ihres Lebens irgendwie auch) getroffen und nun ist sie einen Schritt weiter, sie ist fünfzig, sie lebt allein und das ziemlich gerne. Auch wenn sie gelegentlich damit hadert, denn manchmal ist man als Paar einfach besser dran. Nun, sie hinterfragt schon, ob Friedrich wieder in ihr Leben passen würde. Ja? Nein? Oder vielleicht doch?

Sie ist noch nicht alt, aber jung ist sie auch nicht mehr. Das Älterwerden an sich und der Blick auf das Leben ist es, was das Buch ausmacht. Vieles wird hinterfragt, Gewohnheiten haben sich eingeschlichen, in ihrem Umfeld könnte es auf eine Scheidung hinauslaufen, auch bahnt sich ein Neubeginn an. Ihre beste Freundin will es nochmal wissen, sie soll Trauzeugin sein. Es passiert noch so einiges, eigentlich ist es das ganz normale Leben, zuweilen könnte man dies als den ganz normalen Wahnsinn beschreiben. Braucht sie Friedrich? Braucht sie einen Mann? Tja, auch diesem Gedanken spürt sie nach. Und da sind Freunde, gute Freunde, Nachbarn, auf die Verlass ist.

Alltägliches vermischt sich mit Aufregendem und wenn man es genau bedenkt, kommt sie zu dem Schluss, dass sie ganz gut alleine zurechtkommt – oder? „Ja, nein, vielleicht“ ist direkt aus dem Leben gegriffen. Sie blickt ein wenig selbstironisch, mit einem Augenzwinkern, aber immer ehrlich auf ihr Dasein. Ein Buch, nicht nur für die Frau ab fünfzig, das sich locker wegliest.

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