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Veröffentlicht am 03.08.2025

gemütlicher, leicht düsterer Historienkrimi

Im Finsterwald
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„Finsterwald“ ist der dritte Band der Krimireihe um Hauptwachtmeister Nils Gunnarsson und Ellen Grönblad. Ich kannte die ersten beiden Bände vorher nicht und konnte dem in sich abgeschlossenen Fall ohne ...

„Finsterwald“ ist der dritte Band der Krimireihe um Hauptwachtmeister Nils Gunnarsson und Ellen Grönblad. Ich kannte die ersten beiden Bände vorher nicht und konnte dem in sich abgeschlossenen Fall ohne Probleme folgen. Dennoch empfehle ich allen, mit Band 1 zu starten, da das Buch immer wieder auf alte Fälle und die frühere Beziehung der beiden Bezug nimmt. Die Gefühle und Gedanken von Nils und Ellen spielen im Buch eine große Rolle, und das perfekte Leseerlebnis hat man sicher erst, wenn man die zwei von Anfang an kennt.

Göteborg, im Winter 1926. Die neunjährige Alice Guldin ist mit ihrem Kindermädchen Maj und ihren vier Geschwistern im Naturkundlichen Museum. Als das Museum schließt, rennt Alice ins Gebäudeinnere davon. Maj und die Museumswärter suchen nach ihr, jedoch ohne Erfolg. Auch die Polizei um Nils Gunnarsson tappt im Dunkeln. Was ist mit Alice passiert? Ist sie unbemerkt ins Freie entwischt oder befindet sie sich noch irgendwo in den verwinkelten Gängen des Museums, zwischen tausenden Exponaten, mystischen Dioramen und unzähligen Vitrinen? Was verbirgt die Familie Guldin? Wissen die Angestellten des Museums mehr als sie sagen? Nils Gunnarsson geht allen Spuren nach und bekommt tatkräftige Unterstützung von Ellen.

„Finsterwald“ ist ein sehr atmosphärischer Historienkrimi, der vor allem durch eine ruhige, unaufgeregte Erzählweise, interessante Charaktere und detaillierte Beschreibungen besticht. Der Fall wartet mit manch überraschender Wendung auf, entwickelt sich aber dennoch eher gemächlich. Wer einen handlungsgetriebenen, spannungsgeladenen Krimi sucht, wird hier nicht fündig. Nils und Ellen sind mir immer vertrauter und sympathischer geworden, und ich werde auf jeden Fall noch die beiden Vorgängerbände „Der Sommer, in dem Einstein verschwand“ und „Die Pestinsel“ lesen. Sehr interessant fand ich die Beschreibung der Dioramen in Naturhistorischen Museum, die tatsächlich existieren und 1923 von Olof Gylling entworfen und gestaltet wurden.

Fazit: Der perfekte Krimi für alle, die einen etwas düsteren, aber dennoch gemütlichen Krimi mit historischem Charme und sympathischen Hauptfiguren schätzen.

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Eine wahre Geschichte über die Familie eines DDR-Spions

Das falsche Leben
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Hannover, 1979. Der 16-jährige Thomas und sein großer Bruder Micha leben in einer scheinbar durchschnittlichen westdeutschen Familie. Doch eines Tages brechen sie überstürzt in die DDR auf, weil laut ihres ...

Hannover, 1979. Der 16-jährige Thomas und sein großer Bruder Micha leben in einer scheinbar durchschnittlichen westdeutschen Familie. Doch eines Tages brechen sie überstürzt in die DDR auf, weil laut ihres Vaters der dort lebende Opa schwer krank ist. Doch erst jenseits der Grenze erfahren die beiden die Wahrheit: Der Vater ist DDR-Spion und wurde durch einen Überläufer enttarnt. Um in der BRD nicht verhaftet zu werden, bleibt ihm nur die Flucht. Thomas und sein Bruder verlieren von einem Tag auf den anderen ihr gesamtes bisheriges Leben, erleben Bespitzelung, Indoktrination und totale Kontrolle. Auch dem Vater dämmert, dass die Realität in der DDR nichts mit seinem Ideal vom Sozialismus zu tun hat. Doch eine Ausreise in die BRD in unmöglich, da die Westpapiere eingezogen wurden. Schließlich werden Thomas und seine Eltern verhaftet und nach Hohenschönhausen und später nach Bautzen ins Gefängnis gebracht.

Maja Nielsen erzählt die wahre Geschichte von Thomas Raufeisen und seiner Familie, die einen hohen Preis für die Agententätigkeit des Vaters zahlen musste. Das Buch ist in 36 kurze, leicht lesbare Kapitel eingeteilt und richtet sich in erster Linie an Jugendliche. Historische Fakten werden geschickt in die Handlung mit eingewoben, und der geradlinige, packende Schreibstil macht auf eindrückliche Weise ein Stück deutscher Zeitgeschichte erlebbar. Das Glossar am Ende des Buches erklärt den jugendlichen Leser:innen, die mit der Thematik noch nicht vertraut sind, zusätzlich die wichtigsten Begriffe. Im Anhang erfährt man außerdem, wie das Leben von Micha, Thomas und ihren Eltern weiter verlaufen ist.

Ich könnte mir dieses Buch sehr gut als Klassenlektüre beim Themenkomplex DDR vorstellen. Da es sich um eine wahre Geschichte handelt, ist man emotional ganz anders involviert als bei einer fiktiven Handlung. Zudem stellt der Verlag auf der Homepage Unterrichtsmaterial zur Verfügung, und auf Youtube finden sich mehrere interessante Interviews mit Thomas Raufeisen, der heutzutage Führungen in der ehemaligen Haftanstalt in Hohenschönhausen anbietet.

Nicht nur aus historischen Gründen, sondern auch angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen weltweit und hierzulande eine sehr lehrreiche und lesenswerte Lektüre.

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Veröffentlicht am 29.07.2025

ein wundervoller Coming-of-Age-Roman!

Himmel ohne Ende
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Charlie ist fünfzehn und auf der Suche – nach ihrem Platz im Leben, nach den richtigen Worten, nach Zugehörigkeit und vor allem nach sich selbst. Irgendwie fühlt sich alles falsch an: Die Schule nervt, ...

Charlie ist fünfzehn und auf der Suche – nach ihrem Platz im Leben, nach den richtigen Worten, nach Zugehörigkeit und vor allem nach sich selbst. Irgendwie fühlt sich alles falsch an: Die Schule nervt, ihre beste Freundin hat sich von ihr abgewandt, der Junge, in den sie verliebt ist, beachtet sie nicht, ihr Vater ist schon lange weg, und ihre Mutter und sie reden vor allem aneinander vorbei. Zu Beginn des neuen Schuljahres kommt Kornelius, genannt Pommes, in ihre Klasse. Er erscheint ihr so gelassen, frei und ganz anders als sie selbst, und dennoch versteht er sie auf eine Weise wie niemand sonst, denn auch Pommes trägt etwas mit sich, das ihm schwer zu schaffen macht.

Die Autorin Julia Engelmann hat die Unsicherheiten der Teenagerjahre und die Suche nach der eigenen Identität so treffend beschrieben, dass ich mich wieder in meine eigene Jugend zurückversetzt fühlte. Schwebend leicht, klar und poetisch zugleich, schreibt sie übers Aufbrechen und Ankommen, Davonlaufen und Hierbleiben, über Verlust, Sehnsucht und Freundschaft. Ihre Sprachbilder sind so wunderschön und treffend, dass ich mir am liebsten jeden zweiten Satz markiert hätte.

Besonders gut gefällt mir, dass Julia Engelmann keine einfachen, linearen Lösungen aufzeigt, sondern Charlies Entwicklung mäandert und damit umso glaubhafter wirkt. Mich hat dieses Buch sehr berührt, und trotz vieler melancholischer Momente brachte mich Charlie auch immer wieder zum Lachen mit ihren teilweise lustigen Beobachtungen und Vergleichen.

„Himmel ohne Ende“ ist für mich jetzt schon eines der Highlights in diesem Jahr, und ich empfehle es allen, die „Paradise Garden“ von Elena Fischer mochten.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Klug, präzise und fein beobachtet

Ja, nein, vielleicht
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Letztes Jahr war Doris Knechts "Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe" eines meiner Highlights, und so war ich sehr gespannt auf „Ja, nein, vielleicht“. Der Roman setzt die Geschichte ...

Letztes Jahr war Doris Knechts "Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe" eines meiner Highlights, und so war ich sehr gespannt auf „Ja, nein, vielleicht“. Der Roman setzt die Geschichte der Ich-Erzählerin in gewissem Sinne fort, auch wenn er sich eigenständig lesen lässt.

Die Ich-Erzählerin ist Ende 50, und sie spürt den Zahn der Zeit, der an ihr nagt, im übertragenen Sinne und ganz konkret: Wegen einer Parodontose-Erkrankung muss sie sich damit auseinandersetzen, einen Backenzahn zu verlieren. Die Lücke, die zurückbleiben wird, macht ihr schwer zu schaffen, versinnbildlicht sie doch den Verfall des eigenen Körpers.

Seit der Trennung vom Vater ihrer beiden inzwischen erwachsener Kinder lebt sie allein, sie hat sich eingerichtet ohne Mann und genießt die Freiheit eines selbstbestimmten Lebens. Neben ihrer kleinen Stadtwohnung, die momentan ihre Schwester okkupiert, besitzt sie ein Häuschen auf dem Land, in dem sie den Sommer verbringt und an ihrem neuen Roman schreibt. Eines Tages begegnet sie im Supermarkt Friedrich, mit dem sie vor über 20 Jahren eine kurze Affäre hatte. Zwischen den beiden ist sofort eine gewisse Nähe da, und sie überlegt, wie es wäre, sich noch einmal auf einen Mann einzulassen. Ist die romantische Liebe nicht nur ein Trugbild? Ist es eine Beziehung wert, all die mühsam errungenen Freiheiten aufzugeben, sich wieder selbst mit dem prüfenden Blick eines Mannes von außen zu sehen, mehr oder weniger faule Kompromisse einzugehen, das Sehnen, Denken und Wünschen auf diesen einen Menschen zu fokussieren?

Doris Knecht erzählt fein beobachtend, präzise und klug, stellt der Figur Frauen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen zur Seite: Da ist Therese, die beste Freundin, die sich gerade zum ersten Mal verlobt hat und demnächst heiraten wird, die Schwester Alexandra, seit Jahrzehnten glücklich verheiratet, und Paula, eine weitere Schwester, die Trennungsabsichten hegt und den Ausbruch aus der Ehe probt.

Wie schon bei "Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe" liebe ich den Schreibstil von Doris Knecht, der leicht dahinfließt und die Gedanken der Protagonistin lebendig und authentisch auf den Punkt bringt. Beim Lesen ertappe ich mich immer wieder, wie ich zustimmend nicke, vieles kenne ich aus eigener Erfahrung, und Doris Knecht spricht mir aus dem Herzen.

Spannend finde ich die Kapitel, in denen eine Autorin von außen auf ihre Figur blickt. Hierbei wird nicht ganz klar, ob es sich um Doris Knecht handelt, die über die Ich-Erzählerin im Buch sinniert, oder um die Ich-Erzählerin, die ihr eigenes Leben autofiktional in einem Roman verarbeitet. An späterer Stelle vermischen sich die Ebene kurz und deuten eher auf die zweite Variante hin. Möglicherweise ist eine gewisse Unschärfe aber ja sogar beabsichtigt.

Mich hat Doris Knecht mit „Ja, nein, vielleicht“ wieder begeistert und ich es empfehle es rundum weiter – nicht nur vielleicht, sondern ganz unbedingt!

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein echtes Highlight!

Mika Mysteries - Der Ruf des Nachtraben
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Stockholm im Jahr 1880. Die zwölfjährige Mika lebt im Waisenhaus und kämpft während des klirrend kalten Winters zusammen mit den anderen Kindern ums Überleben. Eines Nachts klingelt es an der Türe. Als ...

Stockholm im Jahr 1880. Die zwölfjährige Mika lebt im Waisenhaus und kämpft während des klirrend kalten Winters zusammen mit den anderen Kindern ums Überleben. Eines Nachts klingelt es an der Türe. Als Mika vorsichtig öffnet, steht ein Junge davor, der ein neugeborenes Mädchen bringt. Kurz darauf geschieht ein Mord, und der ermittelnde Kommissar Valdemar Hoff kommt auch ins Waisenhaus, da er einen Zusammenhang mit dem abgegebenen Baby vermutet. Mika gerät unversehens mitten in einen mysteriösen Kriminalfall, der einer Mordserie ähnelt, die Stockholm bis vor kurzem in Atem gehalten hat. Doch der damalige Täter wurde bereits hingerichtet…

Das ungewöhnliche und etwas düster anmutende Setting hat meinen Sohn (11) und mich sofort neugierig gemacht, und wir haben das Buch gemeinsam gelesen. Von der ersten Seite an entwickelt das Buch einen Sog, so dass wir gar nicht mehr aufhören konnten zu lesen. Auf gerade einmal 176 Seiten entwickelt Johan Rundberg durch seinen präzisen Stil eine sehr atmosphärische Geschichte voller Spannung und Tiefgang, die mit der gewieften, sympathischen Mika und dem rauen, unkonventionellen Kommissar Hoff von zwei richtig starken Hauptfiguren getragen wird. Damit hebt sich dieses Buch, das ohne Magie- und Fantasy-Elemente auskommt, geradezu wohltuend vom aktuell boomenden Fantasy-Markt ab und zeigt, dass es bei entsprechender schriftstellerischer Klasse nicht hunderter Seiten bedarf, um eine komplexe Geschichte zu erzählen.

Das Buch richtet sich an Kinder ab 10 Jahren, und die Altersempfehlung ist für mein Empfinden passend. Die Atmosphäre ist doch recht düster, und neben Hunger, Armut und Mord werden auch Leichenschauen und Hinrichtungen thematisiert, jedoch immer in einem kindgerechten Rahmen.

Auch wenn die Kernhandlung in diesem Band zu einem Ende kommt, bleiben noch Fragen offen, und verweisen bereits auf den zweiten Teil, der im Frühjahr 2026 erscheinen wird. Im Schwedischen sind bereits fünf Bände der Reihe erschienen, und wir warten sehnsüchtig darauf, dass diese ins Deutsche übersetzt werden. Für mich ist „Mika Mysteries – Der Ruf des Nachtraben“ eine der Kinderbuch-Entdeckungen des Jahres und ein absolutes Highlight auch in erzählerischer Hinsicht. Es verwundert nicht, dass Johan Rundberg bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. Unbedingt lesen!

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