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Veröffentlicht am 19.02.2018

Eine Irrfahrt mit der Bahn

Der Reisende
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Die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist ebenso interessant wie sein Inhalt.
Es stammt aus der Feder eines jüdischen, rechtzeitig aus Deutschland geflohenen Autoren und wurde bereits 1939 und 1940 ...

Die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist ebenso interessant wie sein Inhalt.
Es stammt aus der Feder eines jüdischen, rechtzeitig aus Deutschland geflohenen Autoren und wurde bereits 1939 und 1940 in England und den USA in englischer Sprache veröffentlicht. Noch bevor Boschwitz es für eine deutschsprachige Ausgabe überarbeiten konnte, kam er bei einem Torpedoangriff der Deutschen auf dem Weg nach England ums Leben. Deutsche Verlage nahmen das Manuskript später nicht an. Erst jetzt wird es – lektoriert vom Herausgeber Peter Graf – erstmalig in deutscher Sprache veröffentlicht.
Thematisch geht es um die Anfänge der Judenverfolgung unter den Nationalsozialisten. Die Handlung ist angesiedelt auf den Tag nach der Reichspogromnacht und wenige nachfolgende Tage. Der wohlhabende und angesehene jüdische Kaufmann Otto Silbermann aus Berlin entgeht seiner Verhaftung, indem er mit seinem letzten Barvermögen von 40000 Reichsmark mit der Deutschen Reichsbahn mehr oder weniger ziellos in verschiedene deutsche Städte flüchtet. Auf der Reise trifft er die unterschiedlichsten Menschen und verliert immer mehr.
Die Geschichte besticht durch die Darstellung des Protagonisten, der in dem Dilemma steckt, kein „typischer Jude“ zu sein. Im Ersten Weltkrieg hat er ehrenhaft für die Deutschen gekämpft, äußerlich sieht er nicht wie ein Jude aus, verheiratet ist er mit einer arischen Frau. Daher sieht er sich selbst als Deutschen und nicht als Juden. Diesen gibt er sogar schon recht bald die Schuld an seiner misslichen Lage. Seine rastlosen, immer wirrer werdenden Gedankengänge, seine Angst und seine Sorgen kommen gelungen, für den Leser gut nachvollziehbar, zum Ausdruck. Ein ebenso treffendes, sehr differenziertes Bild wird von der deutschen Gesellschaft im Vorkriegsdeutschland gezeichnet. Es werden nicht alle Deutschen über einen Kamm geschert und als antisemitisch dargestellt. Stattdessen werden die Deutschen, denen Silbermann auf seiner Irrfahrt begegnet, mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften und Charakteren beschrieben. Es gibt sehr schöne Dialoge zwischen Silbermann und seinen verschiedenen Reisebekanntschaften. Einige von ihnen sind zwar Mittäter an dem den Juden angetanen Leid. Aber es gibt genauso gut Mutige, die selbst Risiken eingehen und ihnen helfen.
Ein wichtiges, sehr lesenswertes Stück Zeitgeschichte.

Veröffentlicht am 04.02.2018

Im Alter auf den Spuren der Vergangenheit

Ein mögliches Leben
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Mit fast 90 Jahren reist Franz mit seinem Enkel nach Amerika, um dort die Orte zu besuchen, in denen er als 18jähriger in amerikanischer Kriegsgefangenschaft war. Viele Erinnerungen werden in ihm wach ...

Mit fast 90 Jahren reist Franz mit seinem Enkel nach Amerika, um dort die Orte zu besuchen, in denen er als 18jähriger in amerikanischer Kriegsgefangenschaft war. Viele Erinnerungen werden in ihm wach – an eben jene Zeit und an die Jahre davor sowie nach seiner Rückkehr in die Heimat, in denen er eine Familie gegründet hat, die ihn stets als harten, unnachgiebigen Mann erlebt hat. Der amerikanische Freiheitsgedanke hat Franz nie losgelassen und gerne wäre er nach Amerika ausgewandert, eben in ein anderes mögliches Leben, wenn da nicht Frau und Tochter gewesen wären.
Dieser Roman besticht durch seine gelungene Mischung aus Familiengeschichte und historischer Erzählung und spricht eine entsprechend interessierte Leserschaft an. Mit großem Interesse habe ich die Thematik der deutschen Kriegsgefangenen in den USA im Zweiten Weltkrieg gelesen, die mir so gar nicht geläufig war. Deutsche Soldaten in russischer Kriegsgefangenenschaft – ja, das ist mir bekannt. Dass aber deutsche Soldaten wie Franz von Cherbourg in Frankreich aus in die USA verschifft und in Lagern interniert wurden, wusste ich nicht. Dabei werden interessante Aspekte angesprochen – den Deutschen ging es dort vergleichsweise gut, es gab erhebliche Rivalitäten zwischen Nazigegnern und unbelehrbaren Linientreuen. Dass ein Buch so lehrreich sein kann, nimmt mich auf jeden Fall für es ein. Zum Nachdenken stimmt, wie die wenigen Jahre im jungen Erwachsenenalter, die Franz unter dem Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg erlebte, sein ganzes weiteres Leben prägten und veränderten, vor allem auch in Bezug auf seine Familie.
Die Erzählweise ist recht ruhig gehalten. Die Sprünge von Vergangenheit auf Gegenwart geschehen manchmal unvermutet und äußerlich nicht gut sichtbar gemacht, passen damit aber gut zu den Gedankengängen, die der Protagonist ja vermittelt.
Auf jeden Fall ein sehr lesenswertes Buch.

Veröffentlicht am 14.01.2018

Eine verkorkste Eltern-Kind-Beziehung

Töchter wie wir
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Um es vorwegzunehmen: Das Buch ist absolut lesens- und empfehlenswert. Wie es sein Titel schon vermuten lässt, geht es vorrangig um eine Mutter-Tochter-Beziehung, wenngleich auch eine (nicht vorhandene) ...

Um es vorwegzunehmen: Das Buch ist absolut lesens- und empfehlenswert. Wie es sein Titel schon vermuten lässt, geht es vorrangig um eine Mutter-Tochter-Beziehung, wenngleich auch eine (nicht vorhandene) Vater-Tochter-Beziehung eine wichtige Rolle spielt. Tochter ist die 40jährige Mona, die 68jährige Hella ihre Mutter. Mona hadert schon ihr ganzes Leben mit ihren Eltern, von denen sie sich nur versorgt, aber nie geliebt gefühlt hat. Sie kann ihrer Mutter nur wütend und unfreundlich gegenübertreten. Hella hat in jahrzehntelanger Ehe unter ihrem kalten Ehemann gelitten und Trost im Alkohol gesucht. In abwechselnden kurzen Kapiteln decken beide Frauen ihre Gedanken und Erinnerungen an ihre Vergangenheit auf, die sie so sehr geprägt hat. So wird dem Leser nach und nach vor Augen geführt und ihm zu verstehen gegeben, warum die Protagonistinnen auch in ihrem Verhältnis zueinander so geworden sind, wie sie sind. Vieles regt zum Nachdenken an und lässt einen das eigene Leben reflektieren. Beide Frauen sind nicht gerade Sympathieträger. Umso schöner ist, dass sie sich – auch durch den Einfluss neuer Personen, die in ihr Leben treten – allmählich verändern und sich schrittweise auf die andere zu bewegen. Und so gibt es die schöne Chance eines neuen Umgangs miteinander.

Veröffentlicht am 10.01.2018

Zutreffendes Zitat auf dem Buchrücken: "Einer der besten Thriller des Jahres (2017)

Wenn das Eis bricht
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Dieser Psychothriller sollte durch seinen Umfang – mehr als 600 Seiten – keinesfalls vom Lesen abschrecken. Er liest sich letztlich recht einfach und schnell und allzu viel passiert auch nicht. Die Handlung ...

Dieser Psychothriller sollte durch seinen Umfang – mehr als 600 Seiten – keinesfalls vom Lesen abschrecken. Er liest sich letztlich recht einfach und schnell und allzu viel passiert auch nicht. Die Handlung lässt sich kurz wie folgt zusammenfassen: Im Haus des reichen Geschäftsmannes Jesper wird die brutal zugerichtete Leiche einer jungen Frau gefunden. Er selbst ist verschwunden. Zehn Jahre zuvor gab es einen ungelösten Mordfall mit Parallelen. Die Ermittlungen werden u.a. von dem unter privater Beziehungsunfähigkeit leidenden Peter unter Mithilfe der an beginnender Alzheimer erkrankten Kriminalpsychologin Hanne, die einmal ein Verhältnis hatten, geführt. In den Blickpunkt gerät irgendwann die aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammende junge Verkäuferin Emma, die eine heimliche Liebesbeziehung zu Jesper hatte. Alles wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Peter, Hanne und Emma erzählt, so dass der Leser die Sicht von drei Personen erhält und sich die Puzzlestücke nach und nach zusammenfügen. Jeder Erzähler blendet zudem noch auf Ereignisse in der eigenen Vergangenheit zurück, die einem eine besondere Sicht auf sie vermitteln. Erinnerungen und Gedanken machen einen großen Teil der Geschichte aus. Sie ist sehr spannend, und lange Zeit ist der Leser unschlüssig, was passiert ist.
Ein raffinierter schwedischer Psychothriller, den das Skanska Dagbladet zu Recht als „einen der besten des Jahres“ bezeichnet.

Veröffentlicht am 03.01.2018

Die Tragik einer italienisch-deutschen Liebe

Bella Germania
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In einer Zeit der zunehmenden Migration nach Deutschland hat der bislang als Drehbuchautor bekannte Daniel Speck („Maria, ihm schmeckt’s nicht“) einen äußerlich (618 Seiten) und inhaltlich beeindruckenden ...

In einer Zeit der zunehmenden Migration nach Deutschland hat der bislang als Drehbuchautor bekannte Daniel Speck („Maria, ihm schmeckt’s nicht“) einen äußerlich (618 Seiten) und inhaltlich beeindruckenden ersten Roman verfasst. Selbst tunesische, griechische und schlesische Wurzeln aufweisend, war der Autor geradezu prädestiniert für diese italienisch-deutsche Familiensaga, in der es neben Liebe auch um die Geschichte der Italiener in München geht, die sich die „nördlichste Stadt Italiens“ nennt.
Bei Julia, einer Münchner Modedesignerin, 36 Jahre alt, vaterlos aufgewachsen, sehnlichst auf ihren Durchbruch hoffend, wird ein alter Mann als ihr vermeintlicher Großvater vorstellig - Anlass für sie, ihre Familiengeschichte aufzudecken: Ihr Großvater Vincent reist 1954 als Ingenieur für BMW nach Mailand, um einen Lizenzvertrag mit Isetta zu schließen. Er verliebt sich in die von einer kleinen Insel vor Sizilien stammende Giulietta und schwängert sie. Statt ihm nach München zu folgen, heiratet sie einen Mann aus ihrem Dorf, der ihrer Familie einst eine große Hilfe gewesen ist. Das Kind – später Julias Vater - schiebt sie ihm als sein eigenes unter. Ihr Bruder begibt sich aufgrund des deutschen Anwerbeabkommens als einer der ersten Gastarbeiter nach München. Dreizehn Jahre später flüchtet sich auch Giulietta mit ihrem Sohn dorthin und trifft wieder auf Vincent. Das und die spätere Ankunft ihres Ehemannes setzen eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang …
Der Roman ist einfach großartig. Es werden so viele interessante Themen eingeflochten – die Geschichte der italienischen Gastarbeiter, die den armen Verhältnissen ihrer Heimat entfliehen und es in Deutschland unbedingt schaffen wollen, die Geschichte der italienischen Automobilindustrie mit ihrer berühmten Isetta und der Iso Rivolta GT; das deutsche Wirtschaftswunder; der RAF-Terrorismus. Alles zeugt von einer gründlichen Recherche. Der Wechsel zwischen Dialogen und bildhaften, wenn nicht sogar filmreifen Szenen machen das Lesen spannend. In anhaltender Erinnerung bleiben solche Szenen wie das berühmte Autorennen Targa Florio in Sizilien, die Verfolgungsjagd von Julias Vater im Iso Rivolta GT mit der Polizei, die Ankunft der Gastarbeiter 1955 auf Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofs. Und natürlich berührt die tragische Liebesgeschichte zwischen Giulietta und Vincent.
Dieses Buch muss man einfach lesen.