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Veröffentlicht am 01.09.2025

Komm mit in eine magische Welt

Unsere Baumhausstadt
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Mit “Unsere Baumhausstadt” hat der New York Times Bestsellerautor Gideon Sterer ein fröhliches Wimmelbuch vorgelegt, das durch die phantasievollen Illustrationen von Charlie Mylie die kleinen Lesenden ...

Mit “Unsere Baumhausstadt” hat der New York Times Bestsellerautor Gideon Sterer ein fröhliches Wimmelbuch vorgelegt, das durch die phantasievollen Illustrationen von Charlie Mylie die kleinen Lesenden in eine phantastische und friedliche Welt entführt. Schon das umlaufende Hardcover dieses hochwertig ausgestatteten Buches zeigt die Vielfalt und Freude der Figuren. Sie laden die Kinder ein, in die Baumhausstadt mitzukommen. Das Buch ist für Kinder ab vier Jahren geeignet.

In der Baumhausstadt haben alle Bewohner ihre Berechtigung, es gibt keine Unterschiede zwischen Ethnien und Religionen. Inklusion wird vorgelebt, ein Kind im Rollstuhl ist immer wieder in den einzelnen Szenen zu finden. Dieses gelungene Wimmelbuch entführt in eine magische Welt. Mensch und Tier haben gleichermaßen ihren Platz, die Werte Fröhlichkeit und Hilfsbereitschaft werden durch die Vielfalt der Bilder und Szenerien immer wieder vermittelt. Auch Feste mit Musik und Tanz verbreiten heitere Stimmung. Die Bilder regen die Phantasie der Kinder an, soziales Verhalten wird groß geschrieben. So lernen die Kinder, dass Vielfalt eine Bereicherung des eigenen Lebens ist. Die Figuren erleben im Buch einen Zirkusbesuch, ein gemeinsames Festessen und den Besuch der Baumhausbücherei, aber auch einen Sturm, der vieles durcheinander wirbelt. Doch bald ist alles wieder gut, hier bekommt auch negatives Geschehen schnell einen positiven Ausblick.

Die Texte sind kurz und in Reimform, etwas, das Kinder mögen und das sich gut einprägt. Da Eltern und Kinder dieses gelungene und Optimismus verbreitende Bilderbuch sicher öfter zur Hand nehmen werden sind die Seiten aus dickem Papier ein großer Vorteil. Auch Geschwisterkinder werden an diesem Buch noch ihre Freude haben. Durch seinen Detailreichtum wird es der ganzen Familie immer wieder Spaß machen, in diese phantastischen Bilderwelten einzutauchen.

Mein Fazit:

Unsere Baumhausstadt ist ein phantasievolles Wimmelbuch mit vielfältigen Illustrationen, das wichtige soziale Werte betont und die Kinder zu kreativem Denken anregt. Es vermittelt eine friedliche und fröhliche Welt, in der jeder seinen Platz hat. So bieten die einzelnen Szenen der bunten Illustrationen immer wieder die Möglichkeit, Neues zu entdecken und mit den Kindern darüber zu sprechen. Ich kann dieses Buch gerne empfehlen und bewerte es mit fünf Sternen.

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Veröffentlicht am 30.08.2025

Ein berührendes Buch über das Anderssein und die Macht der Phantasie

Leo und Ralph
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Mit “Leo und Ralph” hat der vielfach preisgekrönte australische Autor und Illustrator Peter Carnavas ein wunderbares Buch vorgelegt, das den Lesenden erlaubt, Leo, das besondere Kind, kennen zu lernen. ...

Mit “Leo und Ralph” hat der vielfach preisgekrönte australische Autor und Illustrator Peter Carnavas ein wunderbares Buch vorgelegt, das den Lesenden erlaubt, Leo, das besondere Kind, kennen zu lernen. Ralph, der Außerirdische, wird bereits auf dem Hardcover des Buches, das für Kinder ab acht Jahren empfohlen wird, liebevoll dargestellt.

Leo ist anders als andere Kinder. Er ist zu klein für sein Alter, spricht zögerlich und tut sich schwer mit sozialen Kontakten. Daher hat er auch keine Freunde. Aber Leo stellt viele Fragen, besonders interessiert ihn das Weltall und ob dort Außerirdische leben. Eines Tages prallt etwas gegen das Haus der Familie und Ralph klettert durch das Fenster, ein freundlicher Außerirdischer, dessen Fellfarbe je nach Stimmung wechselt. Obwohl Leo bewusst ist, dass nur er Ralph sehen kann, wird er doch sein bester Freund und Spielkamerad. Als die Familie umziehen muss, soll sich Leo von Ralph verabschieden. Aber Leo weiß: Ralph wird bei ihm bleiben, solange er ihn braucht.

Mit “Leo und Ralph” hat Peter Carnavas eine berührende Geschichte darüber geschrieben, dass es in Ordnung ist, anders zu sein und erst langsam seinen Platz in dieser Welt zu finden. Leo, ein wissensdurstiges, wenn auch unangepasstes Kind, hat eine liebevolle Familie, die ihn immer unterstützt. Mit seinem Phantasiefreund Ralph wird er glücklich, erst als ihn seine Mutter bittet, sich von Ralph zu verabschieden, merkt Leo, wie schwer es fällt, einen so guten Freund loszulassen. Auch wenn sich Leo um einen Neuanfang in der neuen Schule bemüht, ist es schwierig einen realen Freund zu finden. Auch die Lehrerinnen in der neuen Schule versuchen, Leo den Einstieg zu erleichtern und eines Tages findet er einen Fußball hoch in einem Baumwipfel…..

Peter Carnavas hat nicht nur Leo sehr einfühlsam gezeichnet, sondern auch Ralph, den Außerirdischen, der mit Leo Spiele erfindet und ihm das Weltall erklärt. Dabei entwickeln die Beiden sogar eine eigene Sprechweise. Auch wenn Leo ein Neuanfang ohne Ralph schwerfällt, erkennt er doch, welchen Wert Freundschaft auch in der realen Welt haben kann.

Dieses Buch eignet sich besonders gut dafür, dass Eltern mit ihren Kindern den Text lesen, denn vielleicht muss den Kindern die eine oder andere Verhaltensweise von Leo erst nahe gebracht werden. Die Geschichte ist jedoch gut und flüssig erzählt, die große Schrift und die kurzen Kapitel tragen zur Lesefreude bei. Abwechslung bieten die gelungenen schwarz-weiß Illustrationen.

“Leo und Ralph” ist eine psychologisch einfühlsam erzählte Geschichte über den wahren Wert von Freundschaft, die Macht der Phantasie und darüber, wie schwierig es ist, sich auf etwas Neues einzulassen. Stimmungsvoll und ehrlich wird beschrieben, wie Leo langsam Teil einer Gemeinschaft wird. Das Buch betont, dass es in Ordnung ist einzigartig zu sein und dass sich der Wert eines Menschen nicht an seinem Aussehen oder seinen Verhaltensweisen bemisst. Und wer von uns hätte sich nicht schon einmal gewünscht, einen so guten Freund wie Ralph zu haben?
Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung für dieses Buch und eine Bewertung mit fünf Sternen.

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Veröffentlicht am 25.08.2025

Schau mal, wer da unterrichtet

Schule des Schreckens, Bd. 1
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Mit seinem Jugendbuch “Schule des Schreckens: Die Gruftis sind los” hat der bekannte Autor Boris Koch ein witziges und spannendes Buch für Kinder ab zehn Jahren vorgelegt. Schon das gelungene und phantasievolle ...


Mit seinem Jugendbuch “Schule des Schreckens: Die Gruftis sind los” hat der bekannte Autor Boris Koch ein witziges und spannendes Buch für Kinder ab zehn Jahren vorgelegt. Schon das gelungene und phantasievolle Hardcover macht deutlich, wie im Internat Buchenschlag der Lehrermangel bekämpft werden soll. Da zu der Schule auch ein Friedhof gehört, haben ehemalige in einer Gruft bestattete Lehrer einen Schwur abgelegt: Wenn sie gebraucht werden, kommen sie zurück.

Kilian ist fast zwölf Jahre alt, als seine Eltern eine neue Arbeit in Buchenschlag übernehmen, die Mutter als Friedhofsgärtnerin und der Vater als Steinmetz. Zuerst ist Kilian von einem Umzug nicht begeistert, vor allem empört ihn, dass er dazu nicht gefragt wurde. Doch schließlich gefällt ihm die neue Schule, nur etwas haben ihm die Eltern verschwiegen; in der Schule herrscht Lehrermangel und die Schulleiterin, Frau Fuchs, greift schlauerweise auf die Friedhofsbewohner ihrer Schule zurück. Zuerst sind alle Kinder skeptisch, doch bald erkennen sie, dass die meisten Gruftis nett sind. Nur der Lehrstoff ist veraltet- wer spricht heute noch Mittelhochdeutsch oder Altgriechisch? Auch mit der modernen Technik tun sich die untoten Lehrer schwer. Und manche Unterrichtsmethoden sind heute einfach unmöglich! Natürlich werden die Gruftis angefeindet, vor allem von Dominik, der auch Kilian immer wieder anstänkert. Doch Kilian hat schnell Freunde gefunden, Ole und Yunai, Kinder anderer Angestellter. Sie mögen die Gruftis und versuchen alles, um sie zu beschützen und zu verhindern, dass sie wieder auf den Friedhof verbannt werden. Dabei haben die drei Freunde zahlreiche ungewöhnliche Abenteuer zu bestehen. Als zudem noch die Presse Wind von den außerordentlichen Lehrkräften bekommt, wird die Schule von Neugierigen gestürmt. Werden Kilian und seine Freunde wirklich verhindern können, dass die Schule auf ihre ungewöhnlichen Lehrkräfte verzichten muss?

Die Schule des Schreckens ist ein sehr witzig geschriebenes Buch mit schrägen Charakteren. Das eigentlich ernste Thema Tod wird hier so leicht und lustig aufgearbeitet, dass die Kinder das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollen. Die Geschichte ist unterhaltend, die Schulatmosphäre wird sehr gut geschildert, zahlreiche Geheimnisse müssen von Kilian und seinen Freunden erkundet werden. Auch Alchemie und der Stein der Weisen sollen bei der Lösung der Probleme helfen, eine Situation, die den Kindern alles abverlangt. Boris Koch erzählt hier eine zwar phantastische, aber sehr lebendige Geschichte, die gelungenen Illustrationen, die den Text auflockern, sind von Michael Hülse. Immer wieder werden andere Schriftarten verwendet, wenn aus dem Text etwas herausgehoben werden soll, das macht das Lesen abwechslungsreich und das Buch auch für Lesemuffel interessant. Oft werden die lesenden Kinder im Text direkt angesprochen und so zu Mitwissern gemacht, denen Kilian gerade ein Geheimnis anvertraut.

Doch nicht nur Kinder werden an diesem Buch ihre Freude haben. Erwachsene, die die Probleme im Bildungswesen mit einem Augenzwinkern betrachten können, finden hier viele Anspielungen, die zum Schmunzeln anregen. Auch die Boulevardpresse wird sehr treffend aufs Korn genommen. Also lohnt es sich durchaus auch für Eltern, Großeltern und andere Interessierte, dieses Buch mit ihren Kindern zu lesen.

Mein Fazit:

“Die Schule des Schreckens- Die Gruftis sind los” ist angenehm gruselig und sehr, sehr lustig. Der Wert von Freundschaft steht im Mittelpunkt, auch dass man mit Neugier und Durchhaltevermögen ungewöhnliche Probleme meistern kann, selbst wenn sie nicht ganz von dieser Welt sind. Um mit Kilian zu sprechen: “In diesem Buch steht die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit”. Die Wahrheit ist auch, dass dieses Buch wirklich gelungen ist und die Geschichte bald in einer Fortsetzung weiter erzählt wird.

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Veröffentlicht am 08.08.2025

Auf der Flucht

Deckname: Bird
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Die vielfach preisgekrönte Autorin Louise Doughty hat mit “Deckname Bird” ihren zehnten Roman vorgelegt, einen Thriller der etwas anderen Art. Die Titelfigur des stimmigen Covers zeigt Heather Berriman, ...

Die vielfach preisgekrönte Autorin Louise Doughty hat mit “Deckname Bird” ihren zehnten Roman vorgelegt, einen Thriller der etwas anderen Art. Die Titelfigur des stimmigen Covers zeigt Heather Berriman, Deckname Bird, die Protagonistin, die ihre Geschichte in der Ich- Form erzählt.

Heather erkennt schon als Kind, dass in ihrer Familie die Lüge dominiert, später versteht sie, dass ihr Vater als Geheimagent arbeitet. Sie selbst schlägt eine militärische Laufbahn ein, um nach einigen Jahren und Zwischenschritten auch im Dienst des britischen Secret Service zu landen. Dort macht sie Karriere, ist zufrieden im Job und sieht ihre Rolle im Schutz der Bürger. Doch alles ändert sich, als Heather, nunmehr eine Frau mittleren Alters, nach Birmingham versetzt wird. In einer Teambesprechung erkennt sie, dass sie nur wenige Sekunden Zeit hat, um zu fliehen. Den Grund für ihre Flucht und von wem Heather verfolgt wird, erfahren die Lesenden erst spät.

“Deckname Bird” ist kein typischer Agententhriller. Es geht weder um Staatsgeheimnisse, Bedrohungen durch ausländische Mächte oder Verfolgungsjagden. Einzig die Flucht von Heather ist relevant. Hier beschreibt die Autorin akribisch, welchen Weg die Protagonistin zurücklegt. Ebenso bringen die detaillierten Schilderungen der Stationen und Szenerien die Lesenden dazu, Heather auf ihrer Flucht, die bis nach Island führt, zu begleiten. Die Lesenden sehen die Gefahr durch Heathers Augen, hören durch ihre Ohren den Gesprächen der Menschen zu und fühlen mit ihr die Angst, verfolgt, bedroht und ermordet zu werden. Wird es für Heather möglich sein, jemals zur Ruhe zu kommen und ein normales Leben zu führen?

In diesem psychologisch ausgefeilten Thriller werden in Rückblenden die persönlichen Beziehungen von Heather, der Computer lieber sind als Menschen, thematisiert. Aus ihrer Militärzeit hat Heather nur eine enge Freundin, Flavia, die sie platonisch innig liebt, mit der sie sich aber überwirft. Denn Heather kann ihr nicht erklären, warum sie nicht immer da sein kann, wenn Flavia sie braucht. Diese Entwicklung ist für Heather schmerzlich, denn sie fühlt auch große Zuneigung zu Flavias Tochter Adelina, hat aber lange keinen Kontakt mit ihr. Erst nach langen Jahren wird sie versuchen, wieder an Adelinas Leben teilzunehmen, auch wenn sie weiß, dass ihr Beruf eine enge Bindung unmöglich macht. Die Beziehungen zu Männern bleiben oberflächlich, dennoch spürt man, dass Heather sich wünschen würde, Geborgenheit und Ruhe zu finden. Letztlich bleibt der Ausgang dieses tiefgründigen Romans offen.

Louise Doughty hat mit “Deckname Bird” eine faszinierendes Buch geschrieben, das den Spannungsbogen bis zum Ende halten kann und ein genaues Persönlichkeitsprofil der Titelfigur zeichnet. Als Lesernde:r erlebt man mit, welchen Erkenntnisschock es für Heather bedeutet, von der Jägerin korrupter Agenten selbst zur Gejagten zu werden. Lange ist nicht klar, wer sie ausgenutzt und betrogen hat. Die Sprache der Autorin ist präzise und realitätsnah, dennoch ist das Buch gut lesbar und die Geschichte sehr eindringlich erzählt. Ich kann daher diesen Thriller gerne empfehlen und bewerte ihn mit verdienten fünf Sternen.

Mein Fazit:

“Deckname Bird” ist ein vielschichtiger Roman, der den Lesenden die Schrecken von Verfolgung und Bedrohung vor Augen führt, ohne dass es einer fulminanten Handlung bedarf. Hier geht es um die Kunst zu überleben, etwas, das selbst der Geheimagentin Bird schwer fällt und sie immer wieder in scheinbar ausweglose Situationen bringt. Durch die intensive Beschreibung der Flucht der Protagonistin wird man direkt in das Geschehen mit einbezogen, die detailreiche Beschreibung
des Fluchtweges und der widrigen Umstände machen ein Mitfühlen möglich. Louise Doughty ist ein Buch gelungen, dessen Geschichte Spannung bietet und fasziniert.

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Veröffentlicht am 03.08.2025

Lerne lachen ohne zu weinen

Auf tausend Straßen
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Wer “Auf tausend Straßen” liest, liest die Beiträge von fünf Autoren: Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser. Trotzdem sind die Vier nur ein Literat, Kurt Tucholsky, der diese Pseudonyme ...

Wer “Auf tausend Straßen” liest, liest die Beiträge von fünf Autoren: Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser. Trotzdem sind die Vier nur ein Literat, Kurt Tucholsky, der diese Pseudonyme gewählt hat. Er schreibt in seinem Beitrag “Start”, dass es nützlich sei, unter verschiedenen Namen zu schreiben, denn der Satiriker werde nicht ernst genommen, und Humor wird einem politischen Schriftsteller nicht zugetraut. So entstand eine heitere Schizophrenie, jede Figur hatte ihren persönlichen Bereich. Doch alle Fünf einigt das offene Auge, der klare, fast prophetische Blick auf die Gesellschaft vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bis zu den Jahren nach dem ersten Weltkrieg sowie auf den aufstrebenden Nationalsozialismus.

Die Bandbreite der Arbeiten Tucholskys ist riesig, er war Lyriker, Journalist, Romanautor, Kritiker und textete Chansons und Kabarettnummern. Da man damals den Kaiser nicht kritisieren durfte, schrieb er bereits im Alter von siebzehn Jahren das “Märchen“, um die rückständigen Ansichten des deutschen Kaisers auf moderne Kunst zu persiflieren. Seine Gedichte und seine Prosa zeigen mit einprägsamen und präzisen Worten die Zustände der Zeit, nie um Humor und Ironie verlegen und, wie der Autor selbst sagt: “Satire darf alles“. Interessant ist, dass in dem Gedicht “Gebet des Zeitungslesers” die damalige Informationsüberflutung aufgezeigt wird, die in der Bitte gipfelt, den Leser von diesem Zeitungsregen zu befreien, denn wie sagt der Dichter: “Was geht mich das an?” So sprach der Autor damals gegen seine kommerziellen Interessen, nicht aber in “Die diskreditierte Literatur” , wo er das Erscheinen billiger Bücher kritisiert, eine für einen Sozialdemokraten vielleicht hinterfragenswerte Einstellung, da Bildung nun auch für einfache Schichten erschwinglich wurde. Ebenso wendete er sich gegen die Verluderung der Sprache, da Sprache eine Waffe sei. Obwohl der Autor sehr bekannt und nachgefragt war, musste auch er schließlich erkennen, dass man mit der Schreibmaschine keine Änderung der Verhältnisse herbeiführen kann.

Tucholsky wendet sich gegen die Kriegshetze, gegen Fehlinformation des Volkes, das letztlich nur als Kanonenfutter taugt und den Reichtum der Unternehmer mehrt. Dieser Teil des Buches ist für mich der leider bestürzend aktuelle Bereich. Männer, die in ihrer bürgerlichen Existenz Handwerker oder Bankbeamter waren, wurden in den Krieg getrieben, erbarmungslos und sinnlos. Daher gilt auch heute noch der brennende Appell des Autors: “Krieg dem Kriege”.

Die Vielfältigkeit des Werkes dieses großen Schriftstellers, der die Ansichten ganzer Generationen geprägt hat, findet sich in der Zusammenstellung seines Werkes “Auf tausend Straßen”, das dem Autor zum hundertfünfunddreißigsten Geburtstag ein Denkmal setzt. Diese hochwertige Ausgabe mit Hardcover und Lesebändchen wird wunderbar bereichert durch die Illustrationen von Stefanie Harjes, einer Illustratorin, deren Arbeiten national und international seit Jahren höchste Anerkennung finden.

Tucholskys pointierte, bissige und doch so treffende Schilderung seiner Beobachtungen machten vor keiner Gesellschaftsschicht halt, weder vor dem Großbürgertum, den Unternehmern, den Richtern oder den Militaristen. Tucholsky war Patriot, der sein Land liebte, aber immer gegen Nationalismus anschrieb. Nach seiner frühen Auswanderung nach Schweden kritisierte der Autor die deutschen Verhältnisse weiterhin. Doch findet sich im Buch auch ein Auszug aus dem Kurzroman “Schloss Gripsholm”, der Leichtigkeit und Romantik bringt. Sogar die Beschreibung seiner Beerdigung, hier wird Ignaz Wrobel zu Grabe getragen, wirft ein bezeichnendes Licht auf den bitteren Humor des Autors. Wer wird hier teilnehmen, nur um im Rampenlicht zu stehen? Und als Ignaz Wrobel sollte auf seinem Grabstein stehen “Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze-gute Nacht.”

Mein Fazit:

Kurt Tucholsky war einer der wichtigsten Schriftsteller meiner Jugend, ich habe es immer bewundert, mit welcher Präzision er Missstände und Lügen aufgedeckt hat. “Unter tausend Straßen” hat mir seine Werke wieder vor Augen gestellt und an meiner Bewunderung für seinen Mut und seine klaren Worte hat sich nichts geändert. Er war Mahner, Aufklärer und überzeugter Pazifist, seine Gedichte und Prosa sind so erschreckend aktuell, dass es fast weh tut. Mit “Auf Tausend Straßen” wurde dem Autor ein würdiges Denkmal gesetzt in einem wunderbaren Buch, das ich gerne empfehle.

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