Selbstgerechte und selbstmitleidige Protagonistin
Wovon wir lebenDie Grundidee dieses Romans und die Tatsache, dass es sich bei der Autorin um eine Bachmannpreisträgerin handelt, haben mein Interesse geweckt. Die Geschichte konnte mich jedoch nicht überzeugen. Dies ...
Die Grundidee dieses Romans und die Tatsache, dass es sich bei der Autorin um eine Bachmannpreisträgerin handelt, haben mein Interesse geweckt. Die Geschichte konnte mich jedoch nicht überzeugen. Dies liegt vor allem an der wehleidigen und selbstgerechten Ich-Erzählerin:
Julia hat ihren Job als Krankenschwester in Salzburg verloren und seither auch mit großen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Sie sieht sich daher gezwungen, in ihr Elternhaus in Innergebirg zurück zu kehren. Doch dort sind die Verhältnisse anders als erwartet. Die Mutter lebt nun in Italien und statt dass die Eltern sich um sie kümmern, ist Julia gezwungen, sich um den Vater zu kümmern. Was für sie natürlich ganz furchtbar ist.
Dass etwa der Vater alleine nach Salzburg fährt, dort ihre Wohnung ausräumt und übergibt, all ihre Sachen zusammenpackt und zurück transportiert, sieht sie als selbstverständlich an. Wenn sie mal eine Suppe für ihn kocht, erscheint dies dagegen bereits als beinahe unzumutbare Anstrengung.
Wie sie auch sonst alles an ihrer Familie und ihrem nunmehrigen Wohnort in düsteren Farben sieht.
Auch die Bekanntschaft mit dem ebenfalls rekonvaleszenten „Städter“ Oskar, der eine deutlich positivere Lebenseinstellung hat, ändert daran nichts, sondern lässt ihren Negativismus nur umso deutlicher hervortreten.
Bei all dem fiel es mir zunehmend schwerer, Sympathien für die Protagonistin aufzubringen oder mit ihr mitzufühlen. Bei der von ihr gezeigten Geisteshaltung ist es kein Wunder, dass es ihr mit fast 40 Jahren nicht gelungen ist, sich ein eigenes soziales Umfeld abseits von (entfremdeter) Familie und (verhasstem) Herkunftsort aufzubauen, von dem sie Unterstützung erwarten könnte.
Auch das hier vermittelte Frauenbild ist problematisch. Schlimm genug beispielsweise, dass es Männer gibt, die Frauen als unfähige Hascherln sehen. Dieses Bild muss nicht auch noch von einer Autorin transportiert werden. Beispiel: Dem Vater wird mehrmals, um nicht zu sagen ständig, vorgeworfen, dass er Jahrzehnte vorher – diese Episode dürfte ca in den 1980er oder 1990er Jahren spielen – der Bitte der Mutter nicht nachgekommen ist, mit dem kranken Bruder rechtzeitig ins Krankenhaus zu fahren. Der Mutter wird an der mutmaßlich daraus resultierenden Behinderung jedoch keinerlei Schuld gegeben. Dabei hätte sie wohl - auch wenn sie, wie ebenfalls ständig beklagt wird, keinen Führerschein hatte - ein Taxi oder die Rettung rufen oder eine Freundin oder einen Nachbarn um Hilfe bitten können.
Irgendeine Form von Eigeninitiative ist aber offensichtlich nicht vorgesehen, lieber jammern und den Umständen die Schuld geben. (Zugegeben, auch die meisten Männer machen diesbezüglich keine bessere Figur.)
Aus all diesen Gründen fand ich die Lektüre über weite Strecken nervig und häufig richtiggehend ärgerlich. Außerdem war für mich nicht erkennbar, worauf die Autorin mit ihrer Geschichte eigentlich hinaus will.