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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.08.2025

Selbstgerechte und selbstmitleidige Protagonistin

Wovon wir leben
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Die Grundidee dieses Romans und die Tatsache, dass es sich bei der Autorin um eine Bachmannpreisträgerin handelt, haben mein Interesse geweckt. Die Geschichte konnte mich jedoch nicht überzeugen. Dies ...

Die Grundidee dieses Romans und die Tatsache, dass es sich bei der Autorin um eine Bachmannpreisträgerin handelt, haben mein Interesse geweckt. Die Geschichte konnte mich jedoch nicht überzeugen. Dies liegt vor allem an der wehleidigen und selbstgerechten Ich-Erzählerin:
Julia hat ihren Job als Krankenschwester in Salzburg verloren und seither auch mit großen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Sie sieht sich daher gezwungen, in ihr Elternhaus in Innergebirg zurück zu kehren. Doch dort sind die Verhältnisse anders als erwartet. Die Mutter lebt nun in Italien und statt dass die Eltern sich um sie kümmern, ist Julia gezwungen, sich um den Vater zu kümmern. Was für sie natürlich ganz furchtbar ist.
Dass etwa der Vater alleine nach Salzburg fährt, dort ihre Wohnung ausräumt und übergibt, all ihre Sachen zusammenpackt und zurück transportiert, sieht sie als selbstverständlich an. Wenn sie mal eine Suppe für ihn kocht, erscheint dies dagegen bereits als beinahe unzumutbare Anstrengung.
Wie sie auch sonst alles an ihrer Familie und ihrem nunmehrigen Wohnort in düsteren Farben sieht.
Auch die Bekanntschaft mit dem ebenfalls rekonvaleszenten „Städter“ Oskar, der eine deutlich positivere Lebenseinstellung hat, ändert daran nichts, sondern lässt ihren Negativismus nur umso deutlicher hervortreten.
Bei all dem fiel es mir zunehmend schwerer, Sympathien für die Protagonistin aufzubringen oder mit ihr mitzufühlen. Bei der von ihr gezeigten Geisteshaltung ist es kein Wunder, dass es ihr mit fast 40 Jahren nicht gelungen ist, sich ein eigenes soziales Umfeld abseits von (entfremdeter) Familie und (verhasstem) Herkunftsort aufzubauen, von dem sie Unterstützung erwarten könnte.
Auch das hier vermittelte Frauenbild ist problematisch. Schlimm genug beispielsweise, dass es Männer gibt, die Frauen als unfähige Hascherln sehen. Dieses Bild muss nicht auch noch von einer Autorin transportiert werden. Beispiel: Dem Vater wird mehrmals, um nicht zu sagen ständig, vorgeworfen, dass er Jahrzehnte vorher – diese Episode dürfte ca in den 1980er oder 1990er Jahren spielen – der Bitte der Mutter nicht nachgekommen ist, mit dem kranken Bruder rechtzeitig ins Krankenhaus zu fahren. Der Mutter wird an der mutmaßlich daraus resultierenden Behinderung jedoch keinerlei Schuld gegeben. Dabei hätte sie wohl - auch wenn sie, wie ebenfalls ständig beklagt wird, keinen Führerschein hatte - ein Taxi oder die Rettung rufen oder eine Freundin oder einen Nachbarn um Hilfe bitten können.
Irgendeine Form von Eigeninitiative ist aber offensichtlich nicht vorgesehen, lieber jammern und den Umständen die Schuld geben. (Zugegeben, auch die meisten Männer machen diesbezüglich keine bessere Figur.)
Aus all diesen Gründen fand ich die Lektüre über weite Strecken nervig und häufig richtiggehend ärgerlich. Außerdem war für mich nicht erkennbar, worauf die Autorin mit ihrer Geschichte eigentlich hinaus will.

Veröffentlicht am 09.08.2025

Unsympathische Protagonistin

Die Chronistin
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Ich habe schon zahlreiche Bücher von Julia Kröhn gelesen, muss aber sagen, dass dieses das bisher schlechteste war. Natürlich muss dabei bedacht werden, dass es sich um eines der ersten Werke der Autorin ...

Ich habe schon zahlreiche Bücher von Julia Kröhn gelesen, muss aber sagen, dass dieses das bisher schlechteste war. Natürlich muss dabei bedacht werden, dass es sich um eines der ersten Werke der Autorin handelt. Sie konnte sich später offenbar deutlich steigern.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen: Der Hauptteil setzt im Jahr 1184 ein und erzählt von Ragnhild von Eistersheim, die schon als Kind den Spitznamen Sophia (die Weise) erhält, weil sie die (von vielen als Teufelswerk angesehene) Fähigkeit besitzt, sich alles, was sie einmal gelesen hat, für immer zu merken. Ihr von vielen Konflikten geprägter Lebensweg lässt sie bis ins Umfeld des französischen Königshofs gelangen und endet schließlich im Damenstift von Corbeil.
Ihr gewaltsamer Tod und die sich daran anschließenden Ereignisse sind dann der Inhalt des im Jahr 1245 angesiedelten zweiten Handlungsstrangs. Dieser wird in jeweils nur ein paar Seiten langen Episoden erzählt, die sich an das Ende jedes Kapitels anschließen.

Der historische Hintergrund wäre sicher interessant: Persönlichkeiten wie König Philipp II von Frankreich, seine später als Heilige verehrte Ehefrau Isambour (Ingeborg) oder seine Schwiegertochter Blanka von Kastilien treten auf und es werden unter anderem Auseinandersetzungen rund um „häretische“ Lehrmeinungen an der Pariser Universität thematisiert. Bei der Ausgestaltung der Charaktere der realen Personen hat sich die Autorin viele Freiheiten genommen, was angesichts der unvollständigen historischen Überlieferungen aber wohl akzeptabel ist.
Dennoch bin ich nie richtig in die Geschichte hineingekommen und konnte insbesondere keine Beziehung zu ihrer Protagonistin aufbauen. Sophia mag zwar eine einigermaßen intelligente Person sein, vor allem aber ist sie egozentrisch und arrogant. Sie hält sich für etwas Besseres, kann es nicht lassen, ständig darauf hinzuweisen, dass sie durch ihre besondere Merkfähigkeit allen anderen überlegen ist. Auch neigt sie dazu, absolut jeden für ihre eigenen Zwecke einzuspannen, zu manipulieren und wieder fallen zu lassen, wenn derjenige nicht mehr nützlich ist. Natürlich muss und soll eine glaubwürdige Protagonistin nicht nur positive Eigenschaften haben. Sophia war mir aber so unsympathisch, dass ich kein Interesse für ihr Schicksal aufbringen konnte. Außerdem ist ihre „Gabe“ sehr unrealistisch, tritt im Laufe der Zeit aber ohnehin zusehends in den Hintergrund.
Dazu kommt noch, dass die Sprache, in der erzählt wird, übertrieben auf altmodisch getrimmt ist, was die Lektüre stellenweise anstrengend macht. Einen unpassenden Kontrast dazu bildet die häufig zu moderne Denkweise der Protagonistin.
Wenigstens sorgen Cliffhanger am Ende der meisten Kapitel für ein bisschen Spannung, ebenso wie die Verbindung zum zweiten Handlungsstrang: Hier sind gleich mehrere Morde aufzuklären und im Zuge der „Ermittlungen“ kommen mehr und mehr Details aus Sophias Vergangenheit zutage. Die Erklärung, wer diese Morde warum begangen hat, wirkt dann aber unglaubwürdig, um nicht zu sagen, an den Haaren herbeigezogen.
Insgesamt daher wie gesagt keine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 26.02.2024

Lebensratgeber für Privilegierte

Der Wald, vier Fragen, das Leben und ich Von einer Begegnung, die alles veränderte
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Die Ich-Erzählerin ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und einen gut bezahlten Job. Dennoch hat sich eine gewisse Unzufriedenheit breitgemacht. Ihr Alltag ist bestimmt von ständigem Stress, um allen ...

Die Ich-Erzählerin ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und einen gut bezahlten Job. Dennoch hat sich eine gewisse Unzufriedenheit breitgemacht. Ihr Alltag ist bestimmt von ständigem Stress, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Daher hat sie keine Zeit, sich ihren Kindern oder ihrem Mann wirklich ausgiebig zu widmen, geschweige denn Zeit für sich selbst. Eine Begegnung mit einer alten Dame auf einer Waldlichtung verändert ihr Leben. Denn diese konfrontiert sie nach und nach mit vier Fragen, durch welche sie dazu animiert wird, mehr und mehr darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist, und erst kleine, dann größere Veränderungen vorzunehmen.

Die Idee, einen Lebensratgeber in eine hübsche Geschichte zu verpacken, ist ganz originell, und ich fand es durchaus interessant, mich mit diesen Fragen auseinander zu setzen. Dass sie nur nach und nach enthüllt werden, trägt wohl ebenfalls dazu bei, die Leser(innen) bei der Stande zu halten.
Wirklich viel Substanz ist aber nicht dahinter. (Zugegeben, bei 100 Seiten darf man auch keine großen Erwartungen haben.) Letztlich läuft es darauf hinaus, dass „weniger mehr ist“: Nach dem Motto: Wenn Du nur auf Dein großes Haus und Deinen überfüllten Kleiderschrank verzichtest und Deine Arbeitsstunden reduzierst, werden sich alle Probleme in Wohlgefallen auflösen.
Außerdem bin ich mit der Protagonistin nicht wirklich warm geworden. Viele ihrer Gedanken sind „Jammern auf sehr hohem Niveau“. Unter solchen Bedingungen kann man leicht ein (oberflächliches) Happy End kreieren. Aber was soll beispielsweise eine Alleinerzieherin daraus mitnehmen, die schon (mehr als) einen Vollzeitjob braucht, um nur die allernötigsten Dinge bezahlen zu können?

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Veröffentlicht am 26.02.2024

Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?:

Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?
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Bestsellerautor John Green („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) weist hier in Anlehnung an die Rezensionen im Internet allerlei Dingen zwischen einem und fünf Sterne zu. Dieser Ansatz ist jedenfalls ...

Bestsellerautor John Green („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) weist hier in Anlehnung an die Rezensionen im Internet allerlei Dingen zwischen einem und fünf Sterne zu. Dieser Ansatz ist jedenfalls originell. Er bewertet alles Mögliche, wie CNN (zwei Sterne), Velociraptoren (drei Sterne), Super Mario Kart (vier Sterne) oder den Film „Mein Freund Harvey“ (fünf Sterne) – und sogar Eigenschaften seines Buches von der Schriftart (viereinhalb Sterne) bis zur Eigenwerbung am Ende (drei Sterne).

Eine Zeit lang ist die Lektüre ganz amüsant, und sie gibt aufschlussreiche Einblicke in die Lebensrealität der US-Amerikaner und ihre Sicht auf die Welt. Der Autor lässt auch viel Persönliches einfließen und geht offen mit seinen Schwächen und psychischen Problemen um.
Mit der Zeit wird es allerdings doch etwas langweilig, eine rein subjektive Betrachtung nach der anderen zu lesen. Die am Buchrücken angekündigten „großen Fragen der Menschheit“ werden höchstens mal kurz gestreift.

Alles in allem sind die Beiträge ziemlich egozentrisch und (sowohl von der Themenauswahl als auch vom Inhalt her) typisch amerikanisch. Den einen oder anderen zu lesen kann dennoch interessant sein. Ein ganzes Buch damit ist aber zu viel.

Veröffentlicht am 30.06.2023

Aneinanderreihung von Banalitäten

Mary Shelleys Zimmer
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Die 16-jährige Mary Godwin sitzt auf einem Friedhof und wartet auf ein Date mit Percy Bysshe Shelly, einem aus reichem Haus stammenden Enfant terrible. So beginnt dieser Roman, der hauptsächlich Marys ...

Die 16-jährige Mary Godwin sitzt auf einem Friedhof und wartet auf ein Date mit Percy Bysshe Shelly, einem aus reichem Haus stammenden Enfant terrible. So beginnt dieser Roman, der hauptsächlich Marys Leben folgt, daneben aber auch zahlreiche andere Schauplätze während der Jahre1815 und 1816 besucht und so wohl das Panorama eines Kontinents bieten soll, der aufgrund eines Vulkanausbruchs auf der anderen Seite der Welt, das kälteste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen erlebt.
Mary überwirft sich schließlich mit ihrem Vater, reist mit Percy und ihrer Stiefschwester Claire durch Europa und landet irgendwann in einer Villa am Genfer See, wo sie inspiriert durch einen von dem berühmten Dichter Lord Byron ausgerufenen Wettbewerb die Idee zu ihrem zwei Jahre später erscheinenden Roman „Frankenstein“ hat.
Daneben treten hier unter anderem Johann Wolfgang von Goethe, Napoleon, Turnvater Jahn oder der Maler Caspar David Friedrich auf. Manche dieser „Prominenten“ kommen regelmäßig vor, andere werden nur ein paar Mal erwähnt und „verschwinden“ dann wieder. Dazwischen sind gelegentlich kurze Episoden aus dem Leben der normalen Leute eingestreut. Diese nehmen aber zu wenig Raum ein, um wirklich deutlich zu machen, wie dramatisch die Auswirkungen der Klimakrise waren. Großteils dreht sich die Handlung doch um sehr privilegierte Personen. Das wird bei Marys Clique besonders deutlich, die in ihrer Villa dem Hedonismus frönt, während rundum Hunger und Not herrschen.
Wahrscheinlich ist auch dies ein Grund dafür, dass ich mit der Handlung bzw den Protagonisten nicht warmgeworden bin. Außerdem haben mich die fehlenden Datumsangaben gestört. Es ist oft nicht nachvollziehbar, wie viel Zeit zwischen den Kapiteln vergangen ist oder in welcher Jahreszeit wir uns befinden.

Fazit: Dieses Buch ist weder eine historische Abhandlung (dazu gibt es zu viele Ungenauigkeiten und Anachronismen), noch eine Liebesgeschichte (dafür werden nicht genug Gefühle transportiert), noch die Entstehungsgeschichte eines Werkes der Weltliteratur (dafür spielt Marys literarisches Schaffen eine zu geringe Rolle), noch ein „Endzeitdrama“ (dafür geht es den meisten Personen zu gut.) Es handelt sich vielmehr bloß um eine Zusammenstellung von allerlei Begebenheiten, die jede für sich eher banal sind.