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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.08.2025

Fragile Beziehungen

Das Nest
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Fran, die Protagonistin in Sophie Morton-Thomas düsteren, beklemmenden, leisen und atmosphärisch geschriebenen Thriller ‘Das Nest‘ liebt die Natur und ganz besonders die Vögel. Die Beobachtung dieser Spezies ...

Fran, die Protagonistin in Sophie Morton-Thomas düsteren, beklemmenden, leisen und atmosphärisch geschriebenen Thriller ‘Das Nest‘ liebt die Natur und ganz besonders die Vögel. Die Beobachtung dieser Spezies fasziniert sie, gibt ihr Ruhe und Gelassenheit. Zu den Menschen fühlt sie sich weniger hingezogen. Auch zu ihrem Sohn Bruno ist das Verhältnis eher distanziert, ganz zu schweigen von der eher nicht vorhandenen Beziehung zu ihrem Ehemann.
Die Geschichte spielt in der rauen Küstenregion Norfolks. Fran kümmert sich um die Gäste der Wohnwagensiedlung. In den Wintermonaten gibt es nicht viel zu tun. Doch mit dem Verschwinden von Brunos Lehrerin und dem Auffinden eine Leiche brechen unruhige Zeiten an. Als sich auch noch in unmittelbarer Nähe Roma niederlassen, erhitzen sich die Gemüter. Die Gerüchteküche der Bevölkerung brodelt.
Die Autorin schreibt unaufgeregt und in leisen Tönen aus wechselnder Perspektive eine Geschichte, die gesellschaftspolitisch brisant gestaltet ist. Schuldgefühle, Vorurteile, menschliche Abgründe aber auch der Wunsch von Zugehörigkeit bestimmen das Geschehen mit gut ausgebauten Charakteren. Die Landschaftsbeschreibungen und Witterungebedingungen verleihen dem Ganzen eine sehr eigene, unheimliche Stimmung. Psychologisch interessant aufgebaut, fesselt die Geschichte und lässt viel Freiraum für eigene Gedankengänge.

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Veröffentlicht am 10.08.2025

Wie das Leben so spielt

Wedding People (deutsche Ausgabe)
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Phoebe Stone ist mit ihren vierzig Jahren des Lebens müde und beschließt sich in dem überteuerten Luxushotel Cornwell Inn in Rhode Island, gelegen in der Region Neuengland, umzubringen. Ihr Mann hat sie ...

Phoebe Stone ist mit ihren vierzig Jahren des Lebens müde und beschließt sich in dem überteuerten Luxushotel Cornwell Inn in Rhode Island, gelegen in der Region Neuengland, umzubringen. Ihr Mann hat sie nach zwanzig Jahren Ehe und einer Vielzahl von fehlgeschlagenen, schmerzlichen Versuchen ein Kind zu bekommen, verlassen. Ihre beruflichen Chancen auf eine Festanstellung als Literaturwissenschaftlerin stehen schlecht. Das frustriert sie, weil sie sich benachteiligt und übersehen von potenziellen Förderern fühlt. Die Einsamkeit während der Coronapandemie hat ihr seelisch stark zugesetzt. Also versucht sie diesem für sie trostlosen Dasein ein Ende zu setzen, aber eben mit Stil in einer luxuriösen Umgebung bei einem ausgezeichneten Abschiedsessen mit erlesener Weinbegleitung.
Wie das Leben aber manchmal so spielt, gerät sie in eine Hochzeitsgesellschaft der exklusiveren Klasse. Lila, die Braut, die es richtig krachen lassen will, wo Geld keine Rolle spielt, weil es im Überfluss vorhanden ist, hat das Hotel für eine Woche gebucht und wird ihre Gäste täglich mit ausgefallenen, kostspieligen Unterhaltungsprogrammen verwöhnen. Alles muss perfekt sein und der präzisen Vorarbeit folgen. Natürlich darf der geplante Suizidversuch von Phoebe das Geschehen nicht trüben.
Alison Espach legt mit ihrem Roman ‘Wedding Poeple‘ eine lustige, skurrile Geschichte vor, die trotz des stets im Raum schwebenden Selbstmordes von einer Leichtigkeit im Schreibstil getragen wird. Erzählt wird aus der Perspektive von Phoebe, deren charakterliche Darstellung sich sukzessive entwickelt. Ihre Gedanken und Gefühle prägen neben den vielen Gesprächen, die sie mit den Gästen der Hochzeit führt, den Verlauf der Handlung, zeichnen ein Bild der modernen Gesellschaft der upper class.
Es erwartet den Leser eine leichte, witzige Sommerlektüre, die unterhaltend geschrieben ist und emotional berührende Momente enthält.

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Veröffentlicht am 03.08.2025

Mimo, der Außenseiter

Was ich von ihr weiß
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Michelangelo Vitaliano, genannt Mimo, wird von seiner Mutter nachdem der Vater verstorben war aus Geldnöten im zarten Alter von zwölf Jahren nach Ligurien zum Onkel Alberto geschickt. Der Junge ist Bildhauer, ...

Michelangelo Vitaliano, genannt Mimo, wird von seiner Mutter nachdem der Vater verstorben war aus Geldnöten im zarten Alter von zwölf Jahren nach Ligurien zum Onkel Alberto geschickt. Der Junge ist Bildhauer, hat das künstlerische Rüstzeug und die Begabung vom Vater mitbekommen. Seine Kleinwüchsigkeit und die überaus schlechte Behandlung durch seinen Verwandten setzen Mimo mental zu. Neben seine Freunden Annex und Emanuele findet er in der lebenslustigen als auch besonders eigenwilligen Adligen Viola Orsini eine Vertraute Beide dürfen sich allerdings nur im Verborgenen sehen. Die Standesunterschiede sind zu groß.
Die Familie Orsini fördert den Künstler, der damit finanziell wohl situiert leben kann. Sein letztes Werk wird allerdings vom Vatikan als zu skandalös eingeschätzt und verschwindet in einem Kloster, in dem auch der Protagonist Mimo viele Jahre seines Lebens verbringt. Rückblickend wird aus der Perspektive des alten Mannes, der auf dem Sterbebett liegt, über sein Leben und seiner großen Liebe zu Viola, die nie ihre Erfüllung fand, berichtet. Verwoben wird die Geschichte mit den historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts in Italien zu Lebzeiten der Hauptfigur.
Jean-Baptiste Andrea erhielt für seinen feinfühligen, poetischen, stillen Roman ‘Was ich von ihr weiß‘ den Prix Concourt.

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Veröffentlicht am 26.07.2025

Im Jahr der Schlange

Die Truhe der Schamanin
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Yasemin Schreiber Pekin entführt uns Leser in ihrem historischen Roman ‘Die Truhe der Schamanin‘, dem ersten Teil einer Trilogie, in die Zeit der kämpferischen, brutalen Auseinandersetzungen des Dschingis ...

Yasemin Schreiber Pekin entführt uns Leser in ihrem historischen Roman ‘Die Truhe der Schamanin‘, dem ersten Teil einer Trilogie, in die Zeit der kämpferischen, brutalen Auseinandersetzungen des Dschingis Khan. Entlang der Seidenstraße kreuzen sich die Wege von Menschen aus sehr unterschiedlichen Landesteilen mit differenten kulturellen Ausprägungen, Sprachen und spirituellen Besonderheiten. Die spannend geschriebene Fiktion ist eng verwoben mit regionalen, mystischen Fabelwesen.
Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Schamanin Rana, die gemeinsam mit ihrer hochschwangeren Tochter Al-Su vor Enforcern flieht. Dabei wird ihnen eine wertvolle Truhe mit unschätzbar wichtigen Schriftstücken und medizinischen Gaben gestohlen. Der Dieb, ein Mongole, konnte schwer verletzt entkommen. Nun sind sie auf der Suche nach ihren Habseligkeiten, bekommen Gesellschaft und treffen auf Gäste, die sich entlang der Seidenstraße auf den Weg gemacht haben zu einer Hochzeit, einer bedeutenden Hochzeit. Dschingis Khan möchte seiner Tochter mit einem Uiguren verheiraten. Das lockt jede Menge Besucher aus nah und fern an.
Es gibt drei Handlungsstränge, die sich im Laufe der Geschichte verbinden, dennoch jede Menge Fragen offenlassen, die sicherlich in der angekündigten Romanfortsetzung ihre Antworten finden. Im Anhang des Buches werden hilfreiche Anmerkungen zu geschichtlichen Zusammenhängen und angeführten Personen gemacht.

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Veröffentlicht am 21.07.2025

Herausforderungen im Leben

Ja, nein, vielleicht
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Die Ich-Erzählerin, Ende fünfzig, in Doris Knechts Roman ‘Ja, nein, vielleicht‘ lebt die überwiegende Zeit unabhängig und allein in einem alten zurecht gemachten Haus auf dem Land, ohne innigen Kontakt ...

Die Ich-Erzählerin, Ende fünfzig, in Doris Knechts Roman ‘Ja, nein, vielleicht‘ lebt die überwiegende Zeit unabhängig und allein in einem alten zurecht gemachten Haus auf dem Land, ohne innigen Kontakt zu ihren Nachbarn. Man grüßt sich, wenn man sich begegnet, wechselt ein paar knappe Worte. Aber dieses freie unabhängige Leben hat sich die Protagonistin selbst ausgesucht. Ihre Kinder, ein Zwillingspaar, leben unabhängig in der Großstadt, in Wien. Die Verbindung zum Vater der Kinder besteht so gut wie gar nicht mehr.
Trotz eines sehr großen Familienverbandes mit weiteren 4 Geschwistern, die wiederum Kinder haben, verheiratet sind und den eigenen Eltern besteht wenig Kontakt. Man telefoniert, tauscht sich sporadisch aus über Belanglosigkeiten oder Themen, die berühren. So auch über eine Schwester, die unsere Protagonistin darum bittet, ihr Apartment in der Großstadt Wien vorübergehend benutzen zu dürfen. Nun beginnt sich das Gedankenkarussell zu drehen. Unglaublich viele Fragen entstehen, die mit sich allein diskutiert werden. Auch ein zufälliges Treffen mit einem alten Freund führt zu ausufernden Gedankenkonstrukten, die zwanghafte Handlungen bewirken. Schließlich werden auch Zahnschmerzen, verursacht durch Parodontose als Folge des fortschreitenden Alterungsprozess gesehen und ausgewertet.
Die Autorin fängt das seelische Leiden ihrer Protagonistin sehr akribisch ein, zeichnet das Bild einer Selfmadefrau, die sich in den gesellschaftlichen Zwängen eines Paarbildes unwohl fühlt, Zu Hause in ihren vier Wänden führt sie ein glückliches Dasein, ist zufrieden mit ihrer schriftstellerischen Berufung, dem Alleinsein. Doch dann, wie so oft im Leben, wandeln sich die Herausforderungen durch unvorhersehbare, unbeeinflussbare Ereignisse, die neue Perspektiven in den Mittelpunkt mentaler Auseinandersetzungen stellen.

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