"Eden" - eine Utopie, das gelobte Land, das wir nie wieder erreichen können, das verlorene Paradies... danach sehnen sich Markus und Kerstin, die verwaisten Eltern von Sofie. Ihre Tochter war ein Sonnenschein, ...
"Eden" - eine Utopie, das gelobte Land, das wir nie wieder erreichen können, das verlorene Paradies... danach sehnen sich Markus und Kerstin, die verwaisten Eltern von Sofie. Ihre Tochter war ein Sonnenschein, clever, fröhlich, immer ein Lächeln auf den Lippen. Die drei hatten ein richtig schönes, gut situiertes Familienleben, alles war harmonisch, materiell waren sie gut situiert, bis die Katastrophe passierte.
Am Ende des Konzertes des Stars, den die Tochter so bewundert, kommt es zu einem Attentat, ein IS-Anhänger zündet eine Bombe und Sofie befindet sich direkt daneben und ist auf der Stelle tot. Vorbei ist es mit dem Paradies, nie wieder wird sie zu ihren Eltern zurückkommen, nie wieder lachen, tanzen und fröhlich sein. Von einem Augenblick auf den anderen mitten aus dem Leben gerissen.
Dieses für Eltern schrecklichste und vorstellbare Ereignis wird im neuen Roman von Jan Costin Wagner sehr authentisch, berührend und aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Abwechselnd erzählen die Eltern Kerstin und Markus, aber auch der Schulkollege Toby, der heimlich für Sofie geschwärmt hat und nun erschüttert um sie trauert, und die Perspektive des Attentäters und seiner Familie kommt vor.
Wir begleiten die Familie und Freunde über mehrere Monate nach dem Todesfall, erleben mit, wie unterschiedlich die Eltern trauern und wie das bei aller langjährigen Verbindung und Liebe zueinander sie nun auch auseinander zu treiben und zu entzweien droht.
Wie insbesondere der Vater nach Antworten, Sinn und Begreifen sucht, dabei sogar die Mutter und den Bruder des Attentäters direkt bei sich zu Hause besucht und konfrontiert. Wie er sich aber gleichzeitig nicht zum Werkzeug der Neuen Rechten machen will und nicht pauschalisieren möchte, wie er den Hass hasst, aber sich selbst nicht zum Werkzeug von diesem machen will.
Es ist ein aufrüttelndes und berührendes Buch zu einem in dieser Zeit leider hochaktuellen Thema. Neben der persönlichen Geschichte und dem Aufzeigen der verschiedenen Trauerprozesse macht es auch nachdenklich über die Bewegungen am Rande der Demokratie in Mitteleuropa, sowohl von Seiten islamistischer Hassprediger als auch von denen, die seit einigen Jahren immer mehr ins Milieu der Verschwörungstheoretiker abdriften, in dem leider ebenfalls viel Hass verbreitet wird (exemplarisch dargestellt durch Tobys Vater, von dem sich Toby dadurch immer mehr distanziert).
Insgesamt ist es ein sprachlich sehr gut geschriebenes, auf seine Weise trotz des tragischen Themas auch unterhaltsames und sehr wichtiges Buch, das ich einer breiten Leserschaft empfehlen kann.
Es gibt ein Klischee über Psychologinnen und Psychologen: die hätten das alle studiert, um sich selbst besser zu verstehen. Oder zumindest ihre verrückte Familie. Ich habe selbst Psychologie in Wien studiert ...
Es gibt ein Klischee über Psychologinnen und Psychologen: die hätten das alle studiert, um sich selbst besser zu verstehen. Oder zumindest ihre verrückte Familie. Ich habe selbst Psychologie in Wien studiert und kann aus Erfahrung sagen: da ist durchaus ein bisschen was dran. Wer aus einer absolut glücklichen Familie ohne Probleme kommt - falls es so etwas irgendwo geben sollte - entwickelt selten so ein tiefgreifendes Interesse für die Menschen und ihre seelischen Abgründe. Selbst Erfahrung mit psychischen Erkrankungen im persönlichen Umfeld zu haben, kann aber auch durchaus ein Vorteil für die berufliche Arbeit in diesem Bereich sein: wenn diese Erfahrung gut verarbeitet und reflektiert wurde.
Ein leuchtendes Rollenvorbild dafür ist der Psychologe und Autor Leon Engler. In seinem autofiktionalen Roman erzählt er berührend, einfühlsam und zugleich humorvoll von seiner eigenen Familiengeschichte und seinem Weg hin zur Psychologie sowie von seinen Erfahrungen mit einer einjährigen Tätigkeit als Psychologe an einer Wiener stationären Psychiatrie nach seinem Studium, wo er auf verschiedenen Stationen mit an Schizophrenie Erkrankten, Depressiven sowie Suchtkranken arbeitet.
Seit frühester Kindheit prägen die diversen psychischen Erkrankungen seiner Eltern und Großeltern sein Leben: die Großmutter überlebt zwölf Suizidversuche, bis sie am Ende doch in höherem Alter an einer körperlichen Erkrankung stirbt. Geplagt von Depressionen und Angstzuständen, verriegelt sie ständig alle Fenster und Türen, verdunkelt das Heim mit Vorhängen und lebt doch in ständiger Angst vor imaginierten Feinden und Verfolgung. Ihre Tochter, die Mutter des Autors, ist fest entschlossen, nicht in ihre Fußstapfen zu treten, übt das ständige Lächeln und Fröhlich-Sein, schafft es mit hoher Begabung und Glück trotz kaum formaler Ausbildung zur erfolgreichen Journalistin... und wird doch später ebenfalls von Depressionen und Alkoholsucht eingeholt.
"Sie war so kraftlos, so hoffnungslos, so lebenslos, lag herum wie die Wäsche, die sie nicht mehr wusch, und die Briefe, die sie nicht mehr öffnete." (S. 147)
"Ich habe Jahre damit zugebracht, mir diese Frage zu stellen: Warum? Es hätte doch nicht sein müssen." (S. 148)
Auch auf der väterlichen Seite sieht es nicht viel besser aus: der Vater des Autors wurde von seiner minderjährigen Mutter zur Adoption freigegeben, er war als Kleinkind mehrmals längere Zeit in Waisenhäusern, die erste Adoptivmutter starb, die nächste erlebte er als nicht sehr fürsorglich. Auch er wird zeitlebens mit Depressionen kämpfen und schließlich fast mittellos ein Leben am Rande der Gesellschaft führen.
Was bedeutet das für den Autor? Die hohe erbliche Komponente psychischer Erkrankungen ist bekannt und auch der Autor, der schon vor dem Psychologiestudium Werke diverser Autoren und Autorinnen in diesem Bereich geradezu verschlingt, erfährt bald davon. Er liest sich in das Thema ein und er ist der erste in seiner Familie, der nicht einfach von psychischen Erkrankungen eingeholt werden und darüber schweigen will, sondern sich schon im Vorfeld aktiv damit beschäftigt und konfrontiert. Denn so wie seine Familie möchte er es nicht machen:
"Wir sagten nicht, was wir gerne gesagt hätten, das taten wir nie. Wir waren aber auch nie zufrieden mit dem, was wir stattdessen sagten. Es blieb an der Oberfläche. Darunter sammelte sich, wie Staub unter einer alten Couch, das Nicht-Gesagte." (S. 13/14 im E-Book)
In Wien freundet er sich mit seinem Nachbarn an, einem eigensinnigen, aber sehr gebildeten älteren Herren, der ihm am Ende einen großen Teil seiner Fachbibliothek hinterlässt und dessen weise Sprüche den Autor noch über dessen Tod hinaus prägen werden. Beispielsweise überlegt er als junger Mann lange, was er studieren solle, ob Theaterwissenschaft, Literatur oder doch Psychologie (schließlich wird er mit Theaterwissenschaft beginnen und später Psychologie als Zweitstudium dazunehmen). Der Nachbar rät ihm dazu, sich mit den großen Werken der klassischen Literatur zu beschäftigen, da lerne er mehr über die Menschen als im statistiklastigen Psychologiestudium:
"Dann erzählt er mir von seinem Lieblingsbaum. Halb Orange, halb Zitrone. In der Orangerie stehe dieser Baum. Die Literatur, das seien die Zitronen, die Psychologie die Orangen. Beides eine Familie, beides hänge am selben Stamm. Aber die Zitrone sei botanisch gesehen älter." (S. 21)
Die Frage nach den psychischen Erkrankungen in seiner Familie und deren Erblichkeit lässt den Autor aber sowieso nicht los. Er beschäftigt sich auch mit der historischen Entwicklung des gesellschaftlichen Umgangs mit Menschen, die in Verhalten oder Erleben von der damaligen Norm abwichen, und lässt uns im Buch an seiner Reise teilnehmen. An dieser Stelle hat das Buch auch Sachbuchkomponenten und man erfährt so einiges Interessantes und Wissenswertes über den Wandel in der Einstellung gegenüber psychisch Erkrankten:
"In Europa ging man mit Geisteskranken lange vor allem so um: Man grenzte und stellte sie aus. (...) In Wien widmete man den Narren im 18. Jahrhundert einen fünfstöckigen Turm mit Wänden dick wie Festungsmauern, eine der ersten Irrenanstalten der Welt." (S. 37)
Schließlich konfrontiert sich der Autor nach abgeschlossenem Psychologiestudium ganz bewusst mit dem Ort, an dem so viele seiner Vorfahren immer wieder gelandet wird und zu denen es dort zum Teil bis heute dicke Akten gibt:
"Ein seltsames Gefühl: sich in der Psychiatrie gut aufgehoben zu fühlen. Aber warum nicht? Hierhin kann ich den Weg meiner Familiengeschichte verfolgen wie die Spur einer Schnecke. Meine Familie hat ein Talent für Verrücktheit." (S. 57)
Ehrlich und reflektiert beschreibt er, wie sehr auch die Ärztinnen und Ärzte, Psychologen und Psychologinnen oft immer noch im Dunkeln tappen, wenn es darum geht, ihren psychisch kranken Patienten zu helfen. Und dass oft gar nicht so leicht erkennbar sei, wer Helfer und wer Patient sei: als er einmal sein Namensschild nicht trug, wurde er von einer Pflegerin aus dem Pausenraum geschmissen, weil sie ihn für einen Patienten hielt und ihm nicht glaubte, dass er ein Psychologe sei, denn das würden auch die Patienten ständig von sich behaupten.
Klar gibt es viele wissenschaftliche Modelle, Theorien und Studien zu den diversen psychischen Erkrankungen, doch die einzelnen Patienten funktionieren nicht unbedingt nach Manual, und am besten müsse man für jeden seine individuelle Therapie erfinden:
"Wir besprechen mit den Patienten die unzähligen Theorien, Fakten und Modelle zur Depression. Doch ebenso besprechen wir die unzähligen Ungewissheiten, Mysterien und Zweifel." (S. 111)
Nicht zu viel erwarten solle man vom Aufenthalt in der Psychiatrie oder von der Therapie. Oft sei es schon ein großer Erfolg, aus einem extremen Elend ein ganz normales Unglück zu machen... denn absolut glücklich sein? Das sei ein sehr hohes Ziel, das auch die meisten scheinbar normalen, in unserer Gesellschaft bis jetzt funktionierenden Menschen nicht vollständig erreichen würden.
Sehr sympathisch finde ich auch, dass der Autor im Buch immer wieder klarstellt, dass das, was wir als psychisch krank definieren und die Umstände, die dazu führen, dass Menschen in der jeweiligen Gesellschaft nicht so funktionieren (können oder wollen), wie wir das gerne hätten, immer auch sehr viel mit der jeweiligen Gesellschaftsordnung zu tun hat:
"Evolutionär betrachtet ist der Schmerz nicht die Krankheit. Er ist ein Warnlicht, das darauf hinweist, dass es ein Problem gibt. Ich glaube nicht, dass mein Vater das Problem war." (s. 152)
Das ist etwas, was die Psychiatrie aber kaum adressieren oder verändern könne, dort sei nicht der richtige Ort für gesellschaftliche Veränderungen, und das Personal dort schon mit der täglichen Arbeit, den Personalengpässen und den vielen hilfsbedürftigen Patienten voll ausgelastet bis überfordert.
"Botanik des Wahnsinns" ist ein liebevoll geschriebenes, humorvolles und zutiefst berührendes, persönliches Buch über den Umgang eines sehr weisen und reflektierten jungen Menschen mit einer herausfordernden Familiengeschichte. Trotz all der Dunkelheit scheint so viel Wärme und Liebe aus diesem Buch und es wird spürbar, wie sehr dem Autor sowohl seine Familie als auch insgesamt Menschen, die sich schwer tun, ihren Platz in unserer leistungsorientierten Gesellschaft zu finden, am Herzen liegen und wie er ehrlich nach Antworten auf seine Fragen sucht.
Ich kann das Buch allen, die sich für das Thema psychische Erkrankungen in der Familie und im Wandel der Zeit interessieren, nur sehr ans Herz legen: in diesem persönlichen Memoir liest man nicht nur eine berührende Geschichte, sondern kann auch jede Menge lernen und wird selbst aufgefordert, die Gesellschaft, in der wir leben, zu hinterfragen.
Dazu noch ein letztes der unzähligen schönen Zitate aus diesem besonderen Buch: in dieser Szene beendet der Autor seinen einjährigen beruflichen Aufenthalt auf der Psychiatrie und erhält ein Abschiedsgeschenk:
"Ich packe das Geschenk aus. Eine Kaffeetasse: Lieber verrückt als einer von euch." (S. 154)
Cristina Rivera Garza wusste lange nicht, was sie sagen sollte, wenn sie gefragt wurde, ob sie Geschwister habe. Denn sie hatte einmal eine fünf Jahre jüngere Schwester, Liliana. Doch diese Schwester hat ...
Cristina Rivera Garza wusste lange nicht, was sie sagen sollte, wenn sie gefragt wurde, ob sie Geschwister habe. Denn sie hatte einmal eine fünf Jahre jüngere Schwester, Liliana. Doch diese Schwester hat sie im Jahr 1990 verloren, als diese von ihrem Ex-Freund ermordet wurde, als junge mexikanische Studentin im Alter von 20 Jahren. 29 Jahre später beginnt Cristina, diese persönliche Geschichte literarisch aufzuarbeiten.
In ihrem vielfach preisgekrönten Memoir „Lilianas unvergänglicher Sommer“ begibt sie sich mit Hilfe der umfangreichen Hefte, Notizen, Aufzeichnungen, Collagen, Pläne, Briefe, Kassetten und Kalender, die ihre Schwester hinterlassen hat, auf eine sehr persönliche Reise, um das kurze, aber eindrucksvolle Leben Lilianas und die Zeit bis zu ihrer Ermordung festzuhalten und mit der Welt zu teilen. Zusätzlich zu der Materialfülle, die ihre Schwester selbst hinterlassen hat, hat Cristina Interviews mit Verwandten und Freunden Lilianas geführt.
Es ist ein eindrucksvolles und sehr persönliches Buch über eine lebensfrohe und intelligente junge Frau, das mich sehr berührt hat. Das Buch ist in verschiedene Teile gegliedert, die sich sehr unterschiedlich lesen.
Für mich persönlich am wenigsten interessant waren die ersten ca. 40 Seiten, in denen sich Cristina gemeinsam mit einer Freundin auf Spurensuche durch die Kriminalarchive Mexikos begibt und an der Bürokratie und Ignoranz des Staatsapparats scheitert: die Akte ihrer Schwester bleibt verschwunden und kann nach 29 Jahren nicht mehr gefunden werden, auch wenn ihr schriftlich bescheinigt wurde, dass sie als Schwester ein Recht auf Aushändigung einer Kopie hätte, wenn die Originalakte auftauchen würde.
Die Autorin erzählt ihre mühsame Suche authentisch und in vielen Details, das entspricht bestimmt ihrer realen Erfahrung damit und der Frustration über das Scheitern, aus der aber schließlich auch ihr Entschluss für die Arbeit an diesem Buch entstand. Wer sich jedoch beim Reinlesen in diese Teile noch nicht so sehr für das Buch erwärmen kann, dem empfehle ich, diese Seiten zu überblättern und mal in die späteren, sehr persönlichen und berührenden Kapitel hineinzuschauen, für die sich das Buch definitiv lohnt. Es wäre schade, wegen dieser ersten Seiten ein tolles Buch zu verpassen.
Danach lernen wir Lilianas Leben und Familiengeschichte kennen: ihre Schwester erzählt von ihr, aber wir dürfen auch ganz direkt in Kontakt mit ihr kommen: durch die vielen Briefe und Notizen, die für das Buch aus dem spanischsprachigen Original übersetzt, aber ansonsten originalgetreu wiedergegeben werden.
Wir erleben mit, wie Liliana sich für das Schwimmen begeistert, genauso wie für das Briefe schreiben, wie sie als Jugendliche und junge Erwachsene unzählige Briefe mit Freunden und Verwandten austauscht, wie viel Liebe sie in sich trägt und herzlich ausdrückt, aber auch, wie sie als sehr junge Frau erstmals Ángel in einem Fitnessstudio kennen lernt, der jahrelang um sie wirbt, bis sie eine Beziehung mit ihm beginnt. Liliana ist Ángel in vielerlei Hinsicht überlegen: sie ist eine sprachbegabte junge Frau, er ringt um Worte und kämpft mit der Rechtschreibung. Ihr Vater arbeitet an seiner Promotion und forscht im Bereich Genetik, während er aus sehr einfachen Verhältnissen stammt. Und doch geht sie erst einmal auf sein Werben ein und genießt es, dass der zwei Jahre ältere Mann sie mit Auto und Motorrad herumfahren kann. Doch bald wird ihr die Beziehung zu eng, Ángel ist misstrauisch und eifersüchtig, er engt sie ein, während sie frei sein will. Diese Konflikte verschärfen sich, als Liliana zu studieren beginnt, während Ángel die Aufnahmeprüfung für die Universität nicht geschafft hat.
Die Zeit Lilianas auf der Universität nimmt auch großen Raum in dem Buch ein. Basierend auf den Interviews, die ihre Schwester Cristina geführt hat, wird die Perspektive verschiedener Freundinnen und Kommilitonen Lilianas auf die junge Frau lebendig: auch hier zeigt sich wieder das Bild einer lebensfrohen, extrovertierten, vor Witz sprühenden und selbstbewussten jungen Frau, die frei sein will und die spricht und sich bewegt wie eine freie Frau.
Doch im Hintergrund spitzt sich das Drama zu: Liliana will sich mehrmals von Ángel trennen und beendet die Beziehung schließlich endgültig, doch er stellt ihr nach, bedroht sie, erpresst sie und es gibt erste Spuren auf körperliche Misshandlung, bis zu ihrer Ermordung durch ihn.
Zusätzlich zu Lilianas persönlicher Geschichte beschäftigt sich die Autorin, die selbst Soziologie studiert hat, mit dem Stellenwert des Femizids in der mexikanischen Gesellschaft. Sie beschreibt, wie es damals, 1990, dieses Wort noch nicht in der öffentlichen Wahrnehmung gab und den ermordeten Frauen meist zumindest eine Mitschuld zugeschrieben wurde. Gleichzeitig arbeitet sie klar heraus, wie falsch diese Ansicht ist und dass der Unterschied, ob man als junge Frau von einem eifersüchtigen, gewalttätigen Mann ermordet wird oder nicht, oft einfach ein zufälliger ist: ob man das Pech hatte, einem Mörder über den Weg zu laufen, oder ob man davon verschont geblieben ist.
Ein wichtiges und sehr berührendes Buch, das völlig zu Recht den Pulitzer-Preis und weitere Auszeichnungen bekommen hat, das für ein sehr wichtiges Thema sensibilisiert und gleichzeitig einer beeindruckenden jungen Frau ein Denkmal setzt und dem ich eine breite Leserschaft wünsche!
Ich verfasse diese Rezension zu einem Zeitpunkt, zu dem ich die Lektüre der „Acht Leben der Frau Mook“ schon seit mehreren Wochen beendet habe. Doch lässt mich dieses ganz besondere und eindringliche Buch ...
Ich verfasse diese Rezension zu einem Zeitpunkt, zu dem ich die Lektüre der „Acht Leben der Frau Mook“ schon seit mehreren Wochen beendet habe. Doch lässt mich dieses ganz besondere und eindringliche Buch nicht los: immer wieder denke ich daran und bin nach wie vor emotional tief berührt von dem fiktiven Leben dieser außergewöhnlichen, fast hundert Jahre alten Frau, die eng mit der Geschichte Nord- und Südkoreas verbunden ist.
Es ist ein Roman, der mich sehr viel gelehrt hat: sowohl über einen mir bisher sehr unbekannten Teil asiatischer Geschichte als auch über das Leben an sich, denn so viel Lebensweisheit und Erkenntnisse stecken in diesem Buch. Dabei ist es außerdem sehr spannend, unterhaltsam und auch mit einem gewissen Humor geschrieben, sodass ich mich an keiner Stelle gelangweilt und immer gespannt und neugierig weitergelesen habe.
Worum geht es? Wir begegnen Frau Mook erst einmal durch die Augen ihrer Pflegerin im Altersheim. Die Pflegerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensgeschichten der alten Menschen dort zu sammeln und auch Frau Mook ist bereit, ihr ihre zu erzählen. Seltsam wirkt erst einmal, dass Frau Mook geistig hellwach wirkt, obwohl sie sich auf der Demenzstation befindet, was steckt da wohl dahinter?
So beginnt die alte Frau zu erzählen und wir folgen ihr durch all die verschiedenen Rollen, die sie in ihrem Leben eingenommen hat: beginnend mit der Geschichte der Mörderin über die Fluchtkünstlerin, Sklavin bis zur Geliebten und Mutter, aber auch zur Spionin und Terroristin. Und immer bleibt die Frage: ist Frau Mook eine Lügnerin und Hochstaplerin? Nicht nur damals in ihren Rollen, sondern auch jetzt beim Erzählen?
Die Rollen sind lose den Kapiteln zuzuordnen, wobei sich einige Rollen in mehreren Kapiteln wiederholen. Frau Mooks Leben ist insbesondere in der ersten Hälfte des Buches nicht ganz chronologisch erzählt, es gibt Zeitsprünge in die Zukunft und in die Vergangenheit, doch bleibt das Buch dabei zum Glück immer gut verständlich, lesbar und interessant. Diese Struktur hat die Lektüre für mich stellenweise vielleicht sogar noch interessanter gemacht, weil sie mich neugierig auf die Lücken gemacht hat, die erst später gefüllt wurden.
Insgesamt zeigt sich das Bild einer unglaublich tapferen, mutigen, hochintelligenten, anpassungsfähigen und extrem resilienten Frau, die sich auch von ärgsten Schicksalsschlägen nicht unterkriegen lässt, kämpferisch bleibt, sich für ihr eigenes Überleben, aber auch für andere einsetzt, und dabei nie ihren Humor verliert. Frau Mook ist ein Musterbeispiel für Resilienz, dabei aber nicht unglaubwürdig, denn solche Menschen gibt es, wie aus der Forschung zu Resilienz nach schlimmsten Erfahrungen bekannt ist.
Ein zentrales Thema des Buches ist Identität: die, die uns von anderen gegeben wird und die, die wir selbst wählen oder die wir wandeln im Laufe unseres Lebens.
Beleuchtet wird etwa auch eines der traurigsten Kapitel der koreanischen Geschichte: die Bordelle, euphemistisch „Trosthäuser“ genannt, in die die japanischen Besatzer koreanische Frauen und Mädchen verschleppten, um sie dort brutal zu missbrauchen. Auch dieser Missbrauch begann damit, den Versklavten neue Namen aufzuzwingen:
„Mit ihren Geschichten definierten sie alles neu. Erst änderten sie unsere Namen. Jayoung wurde zu Sawawko, was süß bedeutet. Jobasan erklärte, der Name passe perfekt zu ihr, wegen ihrer Liebe zu Karamell und Schokolade. Mija wurde, weil sie die Jüngste und Kleinste auf der Station war, zu Akiko, was Kind bedeutet.“ (S. 93)
Doch auch daran wird Frau Mook nicht zerbrechen und am Ende ihren Weg heraus finden. Später wird sie noch viele Identitäten selbst wählen, um zu überleben, ihr Glück zu finden, aber auch, um als Spionin erfolgreich zu sein. Dabei ist sie extrem talentiert darin, sich einer jeweils komplett neuen Identität anzupassen:
„Letztendlich ist verschiedene Identitäten anzunehmen wie verschiedene Sprachen zu sprechen. Wenn man eine Fremdsprache lernt, eignet man sich nicht nur ihr Vokabular an. Nebenbei nimmt man auch ihre Stimmungen und Eigenarten auf und wie sich die Leute normalerweise ausdrücken, wenn sie sprechen, ohne nachzudenken. Wenn man wirklich das Gefühl hat, die Sprache zu beherrschen, dann beherrscht sie einen genauso, es ist wie Magie. Man kann sich in eine fremde Person verwandeln, einfach indem man die Sprache wechselt. Man tritt ganz anders auf. Man kann sich in die Geschichte einer anderen Person hineinstehlen, ohne es überhaupt zu merken.“ (S. 184)
Zum Glück gibt es auch leichtere, fröhlichere Kapitel im Buch, in denen es um zwischenmenschliche Liebe und Zuneigung geht: zwischen Mann und Frau, aber auch zwischen Mutter und Kind, als Frau Mook und ihr Mann ein verwaistes Mädchen bei sich aufnehmen und adoptieren:
„Die Liebe wächst nach und nach, mit jedem gesummten Wiegenlied, jedem gebändigten Wutanfall und jedem Löffel Hafergrütze, ob geschluckt oder ausgespuckt. (…) Indem ich mich verhielt wie eine liebende Mutter, wurde ich zur liebenden Mutter.“ (S. 163)
Am Ende kommt das Buch zu einem für mich sehr runden und passenden Abschluss, den ich hier natürlich nicht verraten möchte. Stattdessen noch ein abschließendes Zitat, das für mich das Buch gut abgeschlossen hat:
„Man sagt, du bist, was du isst. Frau Mook hatte die Erde der verschiedenen Orte, an denen sie gewesen war, gekostet. Sie war also nicht nur viele verschiedene Personen gewesen, sondern auch genauso viele verschiedene Orte.“ (S. 329)
Insgesamt ist es ein sehr interessantes, lehrreiches und unterhaltsames Buch, das bei aller Tragik auch viel an Leichtigkeit verströmt, das ich äußerst gerne gelesen habe und das sicher noch weiterhin tief nachwirken wird. Definitiv ein Jahreshighlight und ein Buch, das ich einer breiten Leserschaft nur wärmstens empfehlen kann!
Es ist Anfang der 1990er Jahre und Arkadia Fink, genannt Moll, ist 13 Jahre alt und liebt die Musik. Sie lebt allein mit ihrem Vater, der grundsätzlich liebevoll ist, darum kämpft, wirtschaftlich über ...
Es ist Anfang der 1990er Jahre und Arkadia Fink, genannt Moll, ist 13 Jahre alt und liebt die Musik. Sie lebt allein mit ihrem Vater, der grundsätzlich liebevoll ist, darum kämpft, wirtschaftlich über die Runden zu kommen und dem aber auch manchmal „die Hand ausrutscht“.
Die Mutter ist ein Freigeist, unkonventionell und begabt passt sie nicht so wirklich in ein kleines bayrisches Dorf. Sie hat ihrer Tochter die Liebe zur Musik vermittelt, mit ihr schräge Abenteuer erlebt und sie in ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Individualität bestärkt. Beethoven sei eine Frau gewesen, ist die Mutter überzeugt, und mit ihr die Tochter, für die Beethoven damit ein großes Rollenvorbild ist, denn auch Moll ist fest entschlossen, als Lichtgestalt in die Musikgeschichte einzugehen.
Leider ist die Mutter vor etwa einem Jahr „kurz weggegangen“, wie Moll sich immer wieder erinnert und auf ihre Rückkehr hofft. Immerhin schickt sie der Tochter in unregelmäßigen Abständen per Post einzelne Sätze einer selbst komponierten Symphonie zu. Dann gibt es auch noch Bernhardina im Altersheim, eine gute Freundin von Arkadia, mit der das Mädchen regelmäßig telefoniert und sie besucht.
Vor diesem Hintergrund werden an den bayrischen Schulen Talente für einen renommierten Knabenchor gesucht, dazu kommt eine Frau an die Schulen und lässt die Kinder vorsingen. Sie bemerkt Molls Talent, doch leider… es ist ein Knabenchor und dort werden keine Mädchen aufgenommen, so heißt es. Doch dabei wird die selbstbewusste und entschlossene Arkadia es nicht bewenden lassen. In dem humorvoll und berührend erzählten Buch erleben wir mit, wie sie darum kämpft, sich einen Platz in diesem Chor zu erobern, allen Widerständen zum Trotz.
Passend zum Thema ist das Buch in fünf Sätze einer Symphonie eingeteilt, die sich in Ausdruck und Tempo unterscheiden: von schnell, aber nicht zu schnell, über sehr lebendig bis zu langsam, dann wieder schneller und schließlich so, wie einem gerade ist.
Beeindruckt hat mich an diesem Buch ganz besonders das Selbstbewusstsein der gewitzten Arkadia, die von dem Autor sehr treffend und glaubwürdig porträtiert wird, sodass ich mich von Anfang an mit ihr zutiefst verbunden gefühlt und mit ihr mitgefiebert habe. Das aus der Ich-Perspektive geschriebene Buch hat sich für mich angefühlt, als wäre es tatsächlich die eigene Erzählung eines ganz besonderen, begabten und eigensinnigen Mädchens am Anfang der Pubertät. Hier ein zwei Zitate aus dem Buch zur Illustration:
„Ich war eine Sängerin des Knabenchors. Der Knabenchor wusste das nur noch nicht.“ (S. 42)
„Auf der Busfahrt zum Kurkonzert sprach niemand. Für manche Knaben aus dem Landkreis war es der erste Auftritt. Sie waren nervös. Ich nicht.“ (S. 176)
Insgesamt ist es ein humorvolles und unterhaltsames, dabei zugleich tiefgründiges Buch über die Liebe zur Musik und das unerschütterliche Festhalten an eigenen Zielen, den Umgang mit scheinbar unüberwindbaren Hindernissen, das Anders-Sein und die Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit sowie das Verfolgen der eigenen Träume. Dabei kommen die Lesenden der Ich-Erzählerin sehr nahe, erleben ihren Kampf im Außen genauso wie im Innen mit und können sich tief berühren lassen. Es ist auch ein Buch, das sich für Gleichberechtigung einsetzt und tief für das Thema Diskriminierung sensibilisiert. Ein Kompliment an den männlichen Autor, sich so gut in ein jugendliches Mädchen hineinversetzen zu können und sich diesem wichtigen Thema angenommen zu haben.
Ich kann dieses Buch einer breiten Leserschaft, angefangen von Jugendlichen bis zu Erwachsenen jeglichen Alters, nur wärmstens empfehlen! Für mich wird es ganz bestimmt nicht das letzte Buch dieses talentierten Autors bleiben.