20.000 Elefanten mitten in Deutschland... was für ein schräges Szenario für dieses Buch! Und doch wird es überraschend glaubwürdig beschrieben: die Elefanten hat der Herrscher eines afrikanischen Landes ...
20.000 Elefanten mitten in Deutschland... was für ein schräges Szenario für dieses Buch! Und doch wird es überraschend glaubwürdig beschrieben: die Elefanten hat der Herrscher eines afrikanischen Landes den Deutschen geschenkt, um ihnen ihre eigene Scheinheiligkeit vor Augen zu führen: mit ihren Importbeschränkungen für Elfenbein wollen sie vermeintlich die Tiere schützen, doch unter den Folgen der massenhaften Vermehrung dieser haben bisher nur die Menschen in entfernten Ländern gelitten... damit soll nun Schluss sein!
Ironisch-humorvoll und doch an vielen Stellen gut nachvollziehbar, mit eingestreutem Wissen über Elefanten, ihr Verhalten und ihre Lebensbedingungen entwickelt sich das Szenario weiter. Die Politik, vom Bundeskanzler abwärts, muss einen Umgang damit finden, denn einfach zurückschicken geht nicht so einfach, dafür wären die Lieferungen von noch mehr Elefanten angekündigt.
Also werden Straßen gesperrt, Bioabfälle den Elefanten zur Verfügung gestellt und Marketingstrategien geschmiedet, um das Beste daraus zu machen: für Deutschland und seine Wirtschaft, aber vor allem auch für die eigenen Wahlerfolge, immer bedacht darauf, sich von den Rechten abzugrenzen, diesen aber auch nicht zu viele Stimmen zu überlassen, ein schwieriger Balanceakt.
So manche Ideen im Umgang mit den Elefanten erinnern stark an die Migrationsdebatte: da geht es auf einmal um Deals mit Drittländern und um die Frage, ob man süße Kinderelefanten abschieben darf, aber auch, was man für den Schutz der Elefanten als Gesellschaft in Kauf nehmen muss. Zusätzlich zeigt sich auch viel über das Wesen der Politik in vielen modernen Demokratien: über die Nähe oder Entfernung von den Wählern und Wählerinnen und ihrem Willen, über politische Ränke- und Machtspiele, über Umwege, über die man etwas erreichen will, aber auch über den Druck von vielen Seiten, unter dem Menschen in politischen Machtpositionen stehen.
Insgesamt ist das kurze Büchlein ein unterhaltsames und hochintelligentes Werk, das das Potential hat, vielen Menschen in Mitteleuropa einen Spiegel vorzuhalten und dabei sehr interessante und kontroverse ethische Fragen stellt und viel Stoff für Diskussionen bietet.
Wir befinden uns im Jahr 2014, noch knapp ein Jahrzehnt vor der aktuellen Eskalation in Israel. Die Deutsch-Israelin Talia ist, nach ein paar ersten Jahren in Israel, mit ihren Eltern in Deutschland aufgewachsen. ...
Wir befinden uns im Jahr 2014, noch knapp ein Jahrzehnt vor der aktuellen Eskalation in Israel. Die Deutsch-Israelin Talia ist, nach ein paar ersten Jahren in Israel, mit ihren Eltern in Deutschland aufgewachsen. Sie hat eine nahe, liebevolle Beziehung zu ihren Eltern und ist deren einziges Kind: mamapapaich, so nennt sie das Miteinander in ihrer Familie. Doch nun ist sie kurz davor, 18 Jahre alt und damit volljährig zu werden, hat ihr Abitur hinter sich gebracht und ist voller Idealismus und Tatendrang.
Wie so viele Sommer verbringt sie auch diesen in Israel, bei ihrer Oma und im Kreise von Tanten und Onkeln, Cousinen und Cousins. Eine Großfamilie, wie wunderbar! Hier fühlt sich Talia noch einmal so richtig daheim, aufgehoben und beschützt! Sie liebt Israel, idealisiert das Land und alles, was damit zusammenhängt. Als deutsch-israelische Doppelstaatsbürgerin, die ihren Lebensmittelpunkt nicht in Israel hat, konnte sie sich vom auch für Frauen verpflichtenden mehrjährigen Wehrdienst in diesem Land befreien lassen und ihre Eltern rechnen damit, dass Talia wie angekündigt im Herbst in Deutschland ihr Architekturstudium beginnen wird.
Doch nun hat es sich die gerade erwachsen werdende Frau anders überlegt: sie möchte ihrem geliebten Land dienen und es vor seinen Feinden verteidigen. Deshalb gibt sie schon bei der Einreise an, dass sie sich einen Einberufungsbefehl wünscht: dem wird stattgegeben und schon kurze Zeit danach hat Talia ihre Einberufung ins Militär für einen Termin im September im Briefkasten in Tel Aviv. Ihren Eltern, die sicher schockiert wären, erzählt sie erst einmal nichts davon. Ihre Cousine Noa, die ebenfalls im September einrückt, ist begeistert von der Aussicht, gemeinsam die Zeit beim Militär zu verbringen.
Vor der Einrückung liegt nun noch der Sommer und in diesem passieren verschiedene Dinge, die dazu führen, dass Talia ihre anfangs so naiv-enthusiastische Einstellung zum Dienst an der Waffe nach und nach kritisch zu hinterfragen beginnt. Ist alles wahr, was im israelischen Fernsehen so berichtet wird und ist es die einzige legitime Sicht? Geht es wirklich ausschließlich um Selbstverteidigung gegen böse Terroristen? Wie behandelt der israelische Staat die Menschen in den besetzten Gebieten, in die Israelis niemals reisen dürfen, aber Talia mit ihrem deutschen Pass durchaus? Stimmt es, dass man Arabern nie glauben darf? Was ist mit dem alten arabischen Mann, der behauptet, dass die verlassenen Ruinen um Jerusalem mal das Dorf waren, in dem er als kleiner Junge mit seiner Familie gelebt hat und aus dem sie gewaltsam vertrieben wurden?
Aus der Perspektive der jugendlich-naiven Talia erleben wir ein großartiges Coming-of-Age-Buch vor dem Hintergrund des Israel-Palästina-Konfliktes. Differenziert und klug werden dabei verschiedenste Sichtweisen eingewoben: Talia begegnet unterschiedlichen Menschen, die ihre Erlebnisse und Überzeugungen mit ihr teilen: da sind die, die sagen, ein Land erobere man mit dem Schwert und würde die israelische Armee nicht oft so hart vorgehen, dann gäbe es das Land längst nicht mehr, denn die Feinde würden alle Juden ins Meer treiben wollen.
Es gibt die, die nach ihrem Militärdienst traumatisiert sind oder davon so abgestoßen waren, dass sie einen Weg hinaus gesucht haben. Israelis, die sich für den Frieden und die Völkerverständigung mit den Palästinensern einsetzen und auf verschiedensten Wegen dafür kämpfen. Eine mutige Pflichtverteidigerin, die sich gemeinsam mit Talia dafür einsetzt, dass ein als illegal angesehener Arbeiter aus den besetzten Gebieten dafür nicht unschuldig jahrelang ins Gefängnis kommt. Eine mutige und mitfühlende Großmutter, die Zivilcourage zeigt, aber gleichzeitig um ihre Enkelin bangt.
Und dann gibt es noch Saba, den vor kurzem mit fast 100 Jahren verstorbenen Opa, geboren 1919, der viele Verwandte in der Shoah verloren hat, während er in den 1940er Jahren in der Haganah für die Unabhängigkeit Israels gekämpft hat, und der seiner Enkelin seine alten deutschen Briefe und Tagebücher hinterlassen hat, die noch einmal ein neues Licht auf die Geschichte der Zeit der Staatsgründung Israels werfen.
"Beduinenmilch" ist ein außergewöhnlich gutes Buch: unterhaltsam, spritzig und absolut authentisch aus der Perspektive einer 18-jährigen geschrieben, die sich noch eine jugendliche Naivität bewahrt hat, die auch dadurch gefördert wurde, dass sie in Deutschland aufgewachsen ist, wo Kriege und die damit verbundenen Gefahren (im Jahr 2014) weit entfernt scheinen, man sich für Pazifismus einsetzt und die Wehrpflicht seit ein paar Jahren Geschichte ist. Im Laufe des Sommers reift Talia durch all die Begegnungen und Erlebnisse immer mehr heran, bekommt die Gelegenheit, Mut und Zivilcourage zu zeigen und ihre eigene Position zu finden, sich für das Gute in ihrem geliebten Israel einzusetzen. Nebenbei lernt man auch sehr viel über die Geschichte des Staates Israel.
Insgesamt empfinde ich den Israel-Palästina-Konflikt äußerst feinfühlig und differenziert dargestellt, sodass ich nach der Lektüre des Buches tiefes Mitgefühl für die betroffenen Menschen beider Seiten empfinde und mit allen friedliebenden Menschen dort darauf hoffe, dass sich irgendwann eine für alle an einem friedlichen Zusammenleben Interessierten eine gute Lösung finden wird, wie auch immer diese aussehen könnte. Dann könnten auch die alten Traumata, transgenerational und historische genauso wie aktuelle, auf beiden Seiten endlich zu heilen beginnen.
Dieses Buch lege ich allen mitfühlenden und interessierten Menschen ans Herz, die sich für dieses Thema interessieren, mehr über den Israel-Palästina-Konflikt lernen möchten oder auch einfach gerne eine wirklich gut geschriebene Coming-of-Age-Geschichte lesen wollen. Absolute Leseempfehlung!
Für mich war "In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied" das erste Buch des schweizerisch-irakischen Autors Usama Al Shahmani, doch es wird sicher nicht mein letztes von ihm gewesen sein. Gleich nach der ...
Für mich war "In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied" das erste Buch des schweizerisch-irakischen Autors Usama Al Shahmani, doch es wird sicher nicht mein letztes von ihm gewesen sein. Gleich nach der Beendigung der Lektüre des Buches habe ich nachgelesen, was der Autor sonst noch veröffentlicht hat und werde mir diese Bücher demnächst besorgen - ein sicheres Zeichen für ein Buch, das mich begeistert hat.
Schon der poetische Titel und das Cover des Buches haben mich angezogen und neugierig gemacht, und ich wurde nicht enttäuscht. Es ist ein ruhiges Buch und entfaltet genau dadurch seine ganz besondere Tiefenwirkung: im Zentrum steht der irakisch-israelisch-schweizerische Universitätsdozent Gadi, der seit langem in Zürich lebt und meint, vieles aus seiner Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. Da erreicht ihn aus Israel ein Anruf seiner Schwester Tamar, mit der er in den letzten Jahren auch keinen Kontakt hatte: sein Vater, mit dem er vor 30 Jahren als Jugendlicher nach der Trennung der Eltern innerlich gebrochen hatte, liege in einem israelischen Spital im Sterben und wünsche sich, den Sohn noch einmal zu sehen und sich zu versöhnen.
Gadi nimmt den nächsten Flug nach Israel, zögert aber dann, ins Spital zu fahren, fährt in die Richtung, dann wieder zum Flughafen und schließlich doch noch ins Spital, wo er den Vater aber nicht mehr bei Bewusstsein erlebt und dieser bald darauf stirbt, ohne dass es zu einer Aussprache gekommen ist. Jedoch hat der Vater seinen letzten Willen, gemeinsam mit umfangreichen Tagebucheinträgen, schriftlich festgehalten: seine Asche möge zur Hälfte in Israel, seiner neuen Heimat, und zur Hälfte im Irak verstreut werden. Im Irak ist der Vater geboren und aufgewachsen, doch er musste ihn dann gemeinsam mit seiner Mutter nach dem Verschwinden des Vaters im Zuge antisemitischer Unruhen verlassen, dabei die irakische Staatsbürgerschaft für immer aufgeben und zusichern, niemals zurückzukehren.
Nach anfänglichem Zögern entscheidet sich Gadi, sich gemeinsam mit einem arabischen Freund in den Irak aufzumachen, die Gegend kennen zu lernen, in der sein Vater aufgewachsen ist und die Asche zu verstreuen. Und er beginnt, die Tagebucheinträge zu lesen und kommt damit der Familiengeschichte und dem entfremdeten Vater näher.
Es ist ein ruhiges, angenehm zu lesendes Buch, ohne viel Dramatik in der Handlung auf der Gegenwartsebene, dafür mit poetischen Formulierungen, berührenden zwischenmenschlichen Begegnungen sowie vielen sehr interessanten und für mich neuen Informationen über die Auslöschung der einst so großen und bunten jüdischen Gemeinden im Irak, ein bisher wenig beleuchtetes Gebiet der Geschichte des Nahen Ostens, zu dem der Autor umfangreich recherchiert hat.
War Bagdad früher mal eine tolerante Stadt voll von Muslimen, Christen und Juden, mit vielseitigen Kontakten zwischen den Religionen, vielen Synagogen und einem blühenden multikulturellen Leben, ist davon heute kaum mehr etwas übrig. Erste Verfolgungen der jüdischen Gemeinden Bagdads begannen schon in Kooperation mit dem NS-Regime und wurden leider auch danach fortgesetzt, sodass die Anzahl der sich offiziell zu dieser Religion bekennenden Juden in Bagdad in dem 2019 angesiedelten Roman so gering ist, dass es nicht einmal mehr für einen Minjan, für den man zehn volljährige jüdische Männer bräuchte, reicht. An vielen Beispielen wird im Roman beschrieben, wie jüdische Einzelpersonen im Irak und in anderen Ländern für die Politik des Staates Israels angegriffen und bedroht werden, auch wenn sie damit nichts zu tun haben: ein sehr aktuelles Thema, wie sich gerade leider auch hierzulande wieder in den Nachrichten zeigt.
Die im Figur vorkommenden Personen sind fiktiv, das historische Hintergrundgeschehen nicht. Dem Autor ist es damit gelungen, auf ein interessantes und bisher wenig bekanntes Kapitel der Geschichte des Nahen Ostens aufmerksam zu machen. Die Figuren im Buch sind alle liebevoll und authentisch gezeichnet und ich mochte insbesondere die Stellen sehr, an denen sich immer wieder zeigt, wie Freundschaft, gegenseitige Unterstützung und Verbundenheit auch zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen möglich sein können, in der Vergangenheit genauso wie heute. Trotz allem Traurigem, das im Buch geschildert wird, sind die Hauptcharaktere, die wir auf ihrer Suche begleiten, liebevoll, freundlich und sich gegenseitig unterstützend, das war sehr schön zu lesen und macht hoffnungsvoll. Ich danke dem Autor für sein völkerverbindendes Buch gerade in dieser geopolitisch so herausfordernden Zeit!
… dann weiß ich, ich habe ein besonderes Buch gelesen. Von Herausforderungen und schwierigen Lebensthemen sind die Halbjapanerin Aki und ihre Familie nicht verschont geblieben.
Ihre Mutter Keiko ist als ...
… dann weiß ich, ich habe ein besonderes Buch gelesen. Von Herausforderungen und schwierigen Lebensthemen sind die Halbjapanerin Aki und ihre Familie nicht verschont geblieben.
Ihre Mutter Keiko ist als junge Frau mutig und voller Hoffnung alleine ins unbekannte Deutschland ausgewandert, hat die Sprache gelernt, in engen Unterkünften gewohnt, sich mit Aushilfsjobs durchgeschlagen und dann einen Deutschen aus alteingesessener, sehr wohlhabender Familie geheiratet und mit ihm zwei Kinder bekommen.
Doch ihren Mann, Akis Vater, jagen seine ganz eigenen Dämonen: aufgewachsen in einem eher kühlen Elternhaus mit oft abwesendem Vater und einer distanzierten Mutter mit Promotion in Biologie, scheitert er selbst an den internalisierten Ansprüchen seiner Herkunftsfamilie, schafft seine eigene Promotion nicht, fühlt sich am Leben gescheitert und unternimmt einen Suizidversuch, während er seine Babytochter im Kinderwagen in einem Kaufhaus stehen lässt. Zeitlebens wird er unter psychischen Problemen leiden. So kommt es auch zur Trennung der Eltern und die Kinder werden den Vater nur noch gelegentlich sehen.
Aki wächst in diesem Milieu auf, zwischen zwei Kulturen, mit einer ursprünglich so starken Mutter, die nun immer erschöpft zu sein scheint und Ruhe braucht. Zwischen den Eltern und den durchaus die Enkelin sehr liebenden Großeltern väterlicherseits, deren ambivalentes Verhältnis zur japanischen Schwiegertochter, Akis Mutter, sich aber auch auf sie auswirkt. Dann gibt es noch die sehr sympathischen und warmherzigen Verwandten in Japan und deren gelegentliche Besuche.
Vor diesem Hintergrund unternimmt die erwachsene Aki eine letzte Japanreise mit ihrer Mutter, die leider schon relativ jung an Demenz erkrankt ist, zu deren Wurzeln und zu den dort lebenden Verwandten.
Diese Reise ist ein Teil des Buches, aber bei weitem nicht der einzige: die meisten Kapitel sind in zwei Teile geteilt: zuerst gibt es einen biografischen Rückblick auf bedeutende Kapitel aus Akis und Keikos Leben und dann aktuelle Szenen aus der Japan-Reise.
Das Buch ist insgesamt in einem mosaikhaften Stil geschrieben: viele kleine, scheinbar unverbundene Szenen, aus denen sich nach und nach das komplexe Bild der Familie zusammensetzt. Zentrale Themen des Buches sind die Demenzerkrankung der Mutter und der Umgang der Angehörigen damit, aber auch interkulturelle Identitäten zwischen Japan und Deutschland.
Für mich war es ein sehr leicht zu lesendes und angenehmes Buch, das trotz der Schwere der beschriebenen Themen immer wieder auch seine eigene Leichtigkeit mit sich brachte: in liebevollen Begegnungen, in der Beziehung zueinander und zum Essen, in der Art, wie sich aus den vielen kleinen Teilen dann doch ein für mich sehr kohärentes Ganzes einer Familie, die trotz allem auch über sehr viel Resilienz verfügt, zusammengesetzt hat. Zurück bleibt bei mir ein warmes Gefühl im Bauch und die Hoffnung, dass sich bei aller Schwere und allen Herausforderungen immer auch Schönes, Gutes und Verbindendes finden lässt.
"All better now" von Neal Shusterman wird als Jugendbuch vermarktet und hat mich mit seiner herausragenden Qualität sehr überrascht. Ich habe mir eine lockere Unterhaltung erwartet und ein spannend geschriebenes ...
"All better now" von Neal Shusterman wird als Jugendbuch vermarktet und hat mich mit seiner herausragenden Qualität sehr überrascht. Ich habe mir eine lockere Unterhaltung erwartet und ein spannend geschriebenes Buch bekommen, das mich beim Lesen nicht nur komplett gepackt hat, sondern auch nach Beendigung der Lektüre noch tief nachwirkt mit den tiefgründigen identitätspsychologischen und ethischen Fragen, die es aufwirft.
Das Buch spielt in der Zeit ein paar Jahre nach der Corona-Pandemie, die in den Köpfen der Charaktere immer noch sehr präsent ist und auf die es im Buch viele Referenzen gibt (auf eine Art und Weise, die gut gepasst und mich überraschenderweise nicht gestört hat, obwohl ich gedacht hätte, von diesem Thema schon genug zu haben).
Nun grassiert ein neues Virus, passenderweise in Anlehnung an Corona CrownRoyale genannt, die Krone der Coronaviren sozusagen. Genauso wie Corona überträgt es sich durch die Luft, aber es gibt einen bedeutenden Unterschied: jeder 25. Infizierte stirbt daran, doch alle anderen werden zu Genesenen, die unbeschwert, entspannt und glücklich wirken. Was bedeutet so ein Virus für die Menschheit und für jeden Einzelnen? Ist es erstrebenswert, dass sich möglichst viele infizieren, wenn sie danach glücklich sind, auch um den Preis der Todesfälle? Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn eine kritische Masse glücklich und zufrieden ist, was passiert mit Wirtschaft, Politik, Arbeitsmarkt? Und sind das überhaupt noch dieselben Menschen, wenn sie sich so grundlegend verändert haben? Müssen die Menschen fürchten, sich selbst und ihre echte Identität zu verlieren, wenn sie sich infizieren und dann von dieser Krankheit genesen?
Alle diese und noch viele weitere spannende Fragen stellt dieses Buch. Wir erleben es aus den Perspektiven mehrerer Menschen, die aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus stammen: da gibt es Rón, Sohn von Blas Escobedo, des drittreichsten Menschen der Welt. Mariel, die mit ihrer Mutter, die sich nie von Long Covid erholt hat, auf der Straße lebt und mit ihr gemeinsam um ihr Überleben kämpfen muss. Morgan, hochbegabt, aber mit einer Mutter, die an einer Frühform von Demenz leidet, ist schon sehr jung zu der Erkenntnis gekommen, dass die Welt ein Null-Summen-Spiel und ein Kampf sei, und ist fest entschlossen, zu den Siegern zu gehören, als sie eine einmalige Chance erhält. Eine vermögende alte Frau, die sich mit Crown Royale infiziert und fürchtet, ihre Persönlichkeit zu verlieren. Und noch so einige mehr.
Besonders machen das Buch die facettenreichen Figuren. Es gibt kaum schwarz-weiß und alle Figuren haben differenzierte Charakterzüge, die sich allesamt auf die eine oder andere Art und Weise nachvollziehen lassen, sodass sich mit allen mitfiebern lässt. Auch in Bezug auf die Konsequenzen der immer größer werdenden Anzahl der Genesenen für die Welt sind verschiedene Deutungen möglich. Das Buch fordert also dazu auf, die eigene Position immer wieder kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig ist an vielen Stellen auch eine kritische Aufarbeitung der Corona-Zeit eingearbeitet, beispielsweise, wenn für die Genesenen von verschiedenen Interessensgruppen neue Bezeichnungen in Umlauf gebracht werden: sind diese etwa beeinträchtigt? Oder umschlungen? Da wird deutlich, wie sehr eine bestimmte Wortwahl unser inneres Bild von etwas prägt.
Dieses Buch ist der erste Teil einer Dilogie, der zweite Band ist für Herbst 2027 angekündigt. Insofern ist verständlich, dass nicht alle offenen Fragen in diesem Buch vollständig beantwortet werden. Dennoch ist es dem Autor gelungen, das Buch zu einem guten, runden Abschluss zu bringen, der mich die Lektüre mit einem hoffnungsvollen Gefühl beenden hat lassen und gleichzeitig dafür sorgt, dass ich mich auf den zweiten Band freue.
Ich empfehle dieses Buch allen ab 14 Jahren: Jugendlichen und jungen, aber auch schon etwas älteren Erwachsenen, die an einem spannenden und tiefgründigen Buch interessiert sind, das sich leicht und interessant liest und dabei doch Tiefe aufweist. Für mich wird es definitiv nicht das letzte Buch dieses talentierten Autors gewesen sein.