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Veröffentlicht am 19.10.2025

Anderssein

Seerauchen
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Josef ist bereits sieben Jahre alt und hat noch kein einziges Wort gesprochen und nicht nur das unterscheidet ihn von den anderen Kindern im Dorf. Als Josef dann unerwartet seine Worte findet, sind es ...

Josef ist bereits sieben Jahre alt und hat noch kein einziges Wort gesprochen und nicht nur das unterscheidet ihn von den anderen Kindern im Dorf. Als Josef dann unerwartet seine Worte findet, sind es solche wie Idiot, Nichtsnutz, Trottel, Worte, die er schon sein ganzes Leben lang gehört hat, Worte, mit denen man ihn schon sein ganzes Leben lang betitelt hat, Worte, die beschreiben, was er für die anderen im Dorf ist, der kleine schwachsinnige Balg, mit dem seine Mutter dafür bestraft wurde, dass sie sich mit einem umherreisenden Fremden eingelassen hat und so Schande über sich und das ganze Dorf brachte.

Schauplatz des Romans ist ein kleines deutsches Dorf am Bodensee in den 30iger Jahren. Hier, in Sichtweite zur Schweiz, wächst der kleine Josef auf, die Mutter, von der Dorfgemeinschaft geächtet, bringt sich und ihren Sohn mit dem Ertrag des kleinen Hofes durch, vermietet die Werkstatt ihres verstorbenen Vaters an einen schweizer Maler und verdient sich als Wäscherin. Die Zeiten sind hart, der Aufschwung, den man sich nach dem "Großen Krieg" erhofft hat blieb aus, es gibt Missernten durch Hochwasser und Kälteeinbrüche und in ihrer Not ist den tiefgläubigen, bigotten Dörflern Josef, mit seinem merkwürdigen Verhalten, mit seinen Stimmungsschwankungen, mit seinen unkontrollierten Zuckungen eine willkommene Projektionsfläche für ihre Ängste, ihren Spott und ihren Hass. Josef ist Freiwild, wird mit Billigung der Erwachsenen von den anderen Kindern gehänselt, misshandelt und dient ihnen als Sündenbock, als bei einer Hetzjagd auf ihn ein anderes Kind verunfallt, gibt man ihm auch daran die Schuld. Nur wenige Dorfbewohner unterstützen Josef und seine Mutter, allen voran Nachbarin Josepha und der Lehrer der Dorfschule.

Josef ist anders und das in einer Zeit, in der "Anderssein" gefährlich ist, heute würde man wahrscheinlich Autismus bei ihm diagnostizieren. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus in Deutschland wird den Leuten die Angst vorm "Anderssein" eingetrichtert, Angst vor einem anderen Glauben, Angst vor einer anderen ethnischen Herkunft, Angst vor allem, das die Reinheit der deutschen Rasse bedroht und aus dieser Angst heraus wird Hass geschürt, Neid und Missgunst. Autorin Sabine Eschbach verbindet in ihrem Roman gleich zwei hochemotionale Themen und liefert begleitend zu Josefs Geschichte auch ein beängstigend klares Bild des damaligen Geschehens. Was klein beginnt und von den meisten Dörflern noch abgetan wird, wächst sich schnell aus und mündet in Ereignissen, die wir aus der Geschichte nur all zu gut kennen. Es ist hochemotional und herzzerreißend all dies durch Josefs Augen zu sehen, der für all das ja keinerlei Erklärung hat und den das auch aus seinen Routinen und gesicherten Abläufen reißt.

Für mich war die Lektüre des Buches sehr hart, ich habe bereits nach wenigen Seiten furchtbar geweint und konnte das Buch stellenweise gar nicht weiterlesen. Grund hierfür ist meine persönliche Nähe zum Thema Autismus, bin ich doch stolze Oma eines ganz wunderbar besonderen kleinen Jungen und es war mir, als hätte die Autorin mit Josef genau meinen kleinen besonderen Jungen beschrieben. Allein die Vorstellung, er wäre in eine solche Zeit hineingeboren worden, hätte all dies erlebe müssen, wäre von seiner Umwelt so behandelt worden, treibt mir erneut die Tränen in die Augen. Wie die Autorin seine Gefühlswelt beschreibt, seine Wahrnehmung der Umwelt und seine Reaktionen darauf, ist so einfühlsam und sensibel. Aber genauso bin ich emotional auch total bei Martha, Josefs Mutter. Auch ihre Gefühle, ihre inneren Konflikte, ihre Ängste, ihre Wut, ihre Scham und die bedingungslose Liebe zu ihrem Kind sind so treffend beschrieben, das ich mich der Figur unglaublich nah fühle, denn ich kenne all das. Allein die Szene, in der Martha sich wünscht, ihr Sohn würde sie nur einmal anlächeln, würde sich nur einmal von ihr in den Arm nehmen lassen, das hat mich gebrochen, denn es beschreibt einfach so eins zu eins die tägliche Realität von uns Angehörigen.

Mit "Seerauchen" hat die Autorin auf unvergleichliche Weise ein Buch geschaffen, dass das Grauen des Nationalsozialismus beschreibt, ohne all zu plakativ darüber zu schreiben. Die dichte Atmosphäre entsteht einzig durch Josefs Erleben, sein Empfinden, das etwas falsch ist, als der Laden der Kahnˋs verwüstet wird, er die Brille und den Kittel des Doktors in dessen zerstörter Praxis findet und der Doktor ist nie ohne seine Brille, als seine Mutter ihn zwingt sich auf Josephaˋs Dachboden zu verstecken, wo er doch noch nie auf Josephaˋs Dachboden war. Das ist falsch und Josef versteht es nicht. Und auch ich als Leser verstehe es nicht, wie konnte all das passieren, wie konnten unsere Großeltern all dies ihren Nachbarn und Freunden antun, wie konnten es so weit kommen und wie ist es möglich, dass all diese Propaganda auch heute wieder so viele Zuhörer findet.

Für mich ist "Seerauchen" mein absolutes Jahreshighlight, ein Buch, das auf eindringliche und berührende Weise aus unserer dunklen Vergangenheit erzählt. Ich hoffe, das es von ganz vielen Menschen entdeckt wird. Mich wird das Buch für den Rest meines Lebens begleiten, mit all seinen guten Gedanken und mit all seinen schlimmen. Ich bin unendlich dankbar, dass ich es lesen durfte, wünschte mir aber fast, ich hätte es nicht getan.

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Veröffentlicht am 12.10.2025

Für jeden was dabei

Emmi backt einfach (Emmi kocht einfach – das 1. Backbuch)
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Christiane Emma Prolic wird vielen wahrscheinlich durch ihren Blog, oder ihren Instagram Account bekannt sein, wo sie als Emmi bereits seit Jahren ihre leckeren Rezepte mit ihrer Community teilt. Nach ...

Christiane Emma Prolic wird vielen wahrscheinlich durch ihren Blog, oder ihren Instagram Account bekannt sein, wo sie als Emmi bereits seit Jahren ihre leckeren Rezepte mit ihrer Community teilt. Nach mehreren Kochbüchern, stellt sie hier nun ihr erstes Backbuch vor und teilt darin die Favoriten ihres Blogs und natürlich auch leckere Klassiker aus dem Fundus ihrer eigenen Familie und das "einfach" im Titel ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen.

Das Buch startet natürlich mit einem kurzen Vorwort der Autorin und gibt dann einen kurzen Abriss der Backbasics, so haben es auch Anfänger leicht, sich in die Thematik einzulesen. Es werden die verschiedensten Backformen erklärt, die richtige Vorbereitung erläutert, wichtige Zutaten besprochen und die verschiedenen Teigarten gezeigt, alles begleitet natürlich von ansprechenden Fotos. Im Anschluss geht es direkt lo mit Rührteig, es gibt Blechkuchen, Kuchen mit Obst und Gemüse (wobei hier das Obst eindeutig überwiegt), Käsekuchen, Kleinigkeiten wie Muffins, Winterliches und natürlich auch Brot und Brötchen. Insgesamt enthält das Buch 75 Rezepte mit Gelinggarantie, alltagstauglich, aber auch für den großen Auftritt.

Jedes Rezept wird ausführlich erklärt, enthält eine Zutatenliste, Hinweise zur Zubereitung und oft noch eine Erläuterung zur Aufbewahrung und zum Abwandeln. Abgerundet wird das Ganze dann mit einer wunderschönen Fotografie des fertigen Gebäcks. Was mich sehr gefreut hat, das Buch enthält viele altbekannte, aber deshalb nicht zwangsläufig altbackene Klassiker. Es gibt den klassischen Marmorkuchen ebenso wie einfache Muffins, leckeren Cheescake, oder die gerade unheimlich angesagten Zimtschnecken. Die Zusammenstellung ist absolut alltags - und familienfreundlich, schnelle und einfache Rezepte, die ohne viel Schnickschnack und exotische Zutaten schnell auf den Tisch gebracht sind. Natürlich ist eine dreistöckige Torte mit fünf verschiedenen Füllungen etwas Tolles, aber wann hat man da schonemal die Zeit und Muße für.

Mir hat das Buch, auch wenn ich schon viele Jahre selbst backe, sehr gefallen und ich konnte einige Inspirationen herausgreifen, so habe ich zwar selbst ein erprobtes Rezept für einen Käsekuchen ohne Boden, aber Emmis Variante klingt auch sehr interessant und wird auf jeden Fall ausprobiert, ihr Hefeteigrezept für die Zimtschnecken hat mir sehr gefallen, ist es mit mir und Hefeteig doch bisweilen etwas schwierig. Zudem finde ich, dass sich das Buch super als Geschenk für Backneulinge eignet, die bekommen hier direkt einen guten Grundstock an Rezepten und Hintergrundwissen geliefert, um sich diesem leckeren Hobby zu nähern.

Ein winzig kleiner Kritikpunkt meinerseits, die Fotos auf denen Emmi zu sehen ist sehen leider sehr gestellt aus, das ist etwas schade.

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Veröffentlicht am 31.08.2025

Kurzspannung

Ferien mit Agatha Christie
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Agatha Christie ist unbestritten die Queen of Crime für mich und ich liebe ihre Bücher und ihre Ermittler. Innerhalb einer Gruppe Gleichgesinnter lesen wir nach und nach all ihre Romane und erfreuen uns ...

Agatha Christie ist unbestritten die Queen of Crime für mich und ich liebe ihre Bücher und ihre Ermittler. Innerhalb einer Gruppe Gleichgesinnter lesen wir nach und nach all ihre Romane und erfreuen uns dabei am Aufstellen von Theorien zu Täter und Motiv. Zugegebenermaßen ist es aber nicht immer einfach den Gedankengängen der Autorin zu folgen und der oftmals doch etwas angestaubte Schreibstil, gerade in den älteren, nicht überarbeiteten Ausgaben tut sein Übriges. In dieser Sammlung von Kurzkrimis, die alle bereits innerhalb anderer Sammlungen erschienen sind, kann man nun das Können der Autorin in gut dosierten, angenehmen Häppchen genießen.

Das Buch enthält zwölf spannende Kurzkrimis, in denen man Miss Marple ebenso begegnet wie Hercule Poirot, Parker Pyne, dem Duo Tuppence und Tommie, aber auch noch gänzlich unbekannten Figuren, die meist unfreiwillig zu Ermittlern werden. Einige der Geschichten erinnern in Details sehr an andere, bekannte Krimis der Autorin, so enthält eine Geschichte viele Elemente, wie sie auch in "Das Böse unter der Sonne" vorkommen, allerdings eher noch in der Verfilmung als im Buch. Bei viele der Geschichten spürt man, dass die Autorin wohl experimentiert und Ideen entwickelt hat, die später in ähnlicher Form in eines ihrer Bücher eingeflossen sind.

Mich hat die Sammlung gut unterhalten und der Ansatz sie als Urlaubslektüre zu publizieren ist gut gewählt. Durch die unterschiedlichen Längen der Storys und die verschiedenen Thematiken passt es gut für zwischendurch und am kann das Buch gut auch mal länger zur Seite legen, ohne den Faden zu verlieren. Für Fans der Autorin ebenso ein Muss, wie für Krimifreunde, die sich noch an das Werk der Autorin herantasten.

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Veröffentlicht am 31.08.2025

Krimi in Westernmanier

Die weite Leere
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Big Bend County liegt dicht an der Grenze nach Mexiko illegale Einwanderer und Drogenschmuggel sind in der weiten Einöde an der Tagesordnung. Für Recht und Gesetz sorgt hier Sheriff Ross, von allen nur ...

Big Bend County liegt dicht an der Grenze nach Mexiko illegale Einwanderer und Drogenschmuggel sind in der weiten Einöde an der Tagesordnung. Für Recht und Gesetz sorgt hier Sheriff Ross, von allen nur der "Richter" genannt, nach aussen hin integer, eine Stütze der Gemeinde, immer um das Wohl der Bewohner seiner Stadt besorgt, aber hinter der Fassade despotisch, brutal, kalt und gefährlich. Wie gefährlich weiß vor allem sein Sohn Caleb. Der siebzehnjährige Einzelgänger lebt nach dem Verschwinden seiner Mutter allein mit seinem Vater, der die Rolle des besorgten, alleinerziehenden Vaters brilliant spielt, doch Caleb kennt die Warheit. Als der neue Deputy Cherry eine Leiche auf einer entlegenen Farm findet, steht für Caleb fest, es ist seine verschwundene Mutter, die ihn nämlich nicht, wie sein Vater allen glauben lassen will, verlassen hat, sondern von ihm ermordet wurde.

Mit diesem Szenario startet der Leser in die absolut erdrückende Atmosphäre des Buches. Schon recht schnell erkennt man, das der Titel "Die weite Leere" gleich in mehrerlei Beziehung absolut zutreffend ist, beschreibt er doch nicht nur treffend den sich über viele Quadratmeilen hin erstreckenden, menschenleeren und teils unwirtlichen Handlungsort, sondern vielmehr auch die Gefühlswelt der einzelnen Figuren. Allen voran natürlich Caleb, der unter der Gefühlskälte und Ablehnung seines Vaters und dem Verlust seiner Mutter leidet. Seine einzige Bezugsperson, die gleichaltrige America, Tochter mexikanischer Einwanderer, deren Bruder ebenfalls verschwunden ist. Chris Cherry, der neue Deputy, der nach dem verletzungsbedingten Ende seiner Footballkarriere in seine Heimatstadt Murfee zurückgekommen ist. Deputy Duane Dupree, rechte Hand des Sheriffs, der selbst immer mehr den Drogen verfällt. Anne, die neue Aushilfslehrerin, die gerade erst ihren Mann auf tragische Weise verloren hat und natürlich auch Sheriff "Juge" Ross selbst, der ganz im Gedenken an die "gute alte Zeit" nicht nur das Gesetz vertritt, sondern buchstäblich das Gesetz ist.

Der Autor erzählt seine vielschichtige Story abwechselnd aus der Sicht der einzelnen Figuren und lässt den Leser dabei tief in deren, teils abgründige Gedankenwelt eintauchen. Er verwebt geschickt Thematiken wie Rassismus, Drogenmissbrauch, Drogenhandel, Korruption, psychischen, physischen und sexuellen Missbrauch, illegale Einwanderung und natürlich Mord. Eingebettet in eine einzigartige, aber nicht gerade idyllische Landschaft erzeugt er so unglaublich starke, aber auch rohe, brutale und vor allem beklemmende und perspektivlose Bilder.

Man hat stellenweise das Gefühl, als wäre in der Kleinstadt Murfee die Zeit stehen geblieben. Der Autor setzt hier ganz bewusst auf Element, die man sonst in einem klassischen Western findet. Da gibt es den etwas naiven Neuling, der allen "wohlgemeinten" Hinweisen zum Trotz seinem Gerechtigkeitssinn folgt, den durchgeknallten Fiesling für die Drecksarbeit und die respektable Stütze der Gesellschaft, die alle Fäden in der Hand hält. Fast erwartet man einen Steppenläufer über die staubige Main Street rollen zu sehen, an deren einem Ende der Sheriff mit tief in die Stirn gezogenem Hut steht, wärend am anderen die Banditen in die Stadt reiten, nur das hier der Sheriff eben nicht der Gute ist. Die Geschichte entwickelt sich verhältnismäßig ruhig und langsam, unterbrochen von einigen Spannungsbögen, um dann unweigerlich auf das Finale zuzusteuern. Hier muss man als Leser vielleicht etwas Geduld aufbringen, aber es lohnt sich auf jeden Fall. Mir hat dieser atmosphärisch dichte Krimi/Western richtig gut gefallen. Die Stimmung, die Figuren, die Story, es passt einfach alles zusammen ohne dabei in Klischees abzurutschen, man merkt, dass der Autor auf Grund seines beruflichen Hintergrunds genau weiß wovon er schreibt. Bin gespannt auf die Fortsetzung.

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Veröffentlicht am 13.08.2025

Interessantes Gedankenspiel

Das Geschenk
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Hans Christian Winkler, seines Zeichens Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, hat es auf politischer Ebene gerade nicht leicht. Unmut regt sich im Land und sein rechtspopulistischer Gegner Holger ...

Hans Christian Winkler, seines Zeichens Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, hat es auf politischer Ebene gerade nicht leicht. Unmut regt sich im Land und sein rechtspopulistischer Gegner Holger Fuchs wähnt sich schon auf direktem Weg ins Kanzleramt. Einen kleinen Erfolg konnte Winkler immerhin verzeichnen, denn gerade wurde ein neues Gesetz mit Einfuhr- und Handelsbeschränkungen für Elfenbein beschlossen. Wenigstens sie Wähler der grünen Koalitionspartner sind glücklich. Bald allerdings wird eine andere Schlagzeile die Medien beherrschen, hat doch der Präsident von Botswana auf ganz besondere Weise auf das neue Gesetz reagiert, nämlich mit einem Geschenk.

Nach "Trophäe" liefert Autorin Gaea Schoeters hier ihren neuen Roman und obwohl sie Deutschland als Schauplatz gewählt hat, spielt Afrika eine tragende Rolle in der Geschichte. Die Autorin schafft ein fiktives Szenario, in dem ein sogenanntes Dritte Welt Land auf ganz pragmatische Weise mit den Folgen dessen umgeht, was wir hier im fernen Europa über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden. Überspitzt und mit einem Augenzwinkern zeigt die Autorin was es beispielsweise für die einheimischen afrikanischen Bauer bedeutet, wenn Wild nicht mehr gejagt werden darf, sich vermehrt und im Zuge dessen Reservate nicht mehr ausreichend Platz und Nahrung für die Tiere bieten und sie sich dadurch über die eh schon kargen Felder hermachen. Sie lässt in ihrem Buch den Präsidenten von Botswana eine recht praktische Entscheidung treffen, er schickt die Tiere einfach dorthin, wo man sich so stark für deren Schutz einsetzt, nach Deutschland, ganz konkret nach Berlin, dem Sitz der Regierung und so kommt es dann dazu, dass Elefanten in der Spree baden, den Verkehr lahmlegen, oder durch den Tiergarten streifen.

Wer die Autorin bereits kennt, kennt auch ihren fließenden, ruhigen, aber auch ansprechenden Schreibstil, irgendwie gelingt es ihr mit nur wenigen Worten die Geschichte nicht nur zu erzählen, sondern sie mit Leben zu füllen. Eine Geschichte, die eigentlich total absurd ist, aber andererseits ein unglaublich interessantes Gedankenspiel. Ebenso interessant ist auch der Blick der belgischen Autorin auf Deutschland und sein politisches Gefüge. Das Buch zeigt hier ein erstaunlich realistisches Bild der derzeitigen politischen Gemengelage mit all ihren positiven und negativen Einflüssen und erinnert den Leser an die Jahre in denen viele Flüchtlinge ins Land kamen und Länder und Kommunen bei der Verteilung und Unterbringung an ihre Grenzen gestoßen sind. "Der Elefant im Raum" ist hier in mehr als einer Hinsicht wörtlich zu verstehen.

Mit "Das Geschenk" ist der Autorin wieder ein außergewöhnliches Buch gelungen in dem sie satirisch, aber auf den Punkt Gesellschaftskritik betreibt. Das Buch hat komische wie auch traurige Momente gleichermaßen und regt zum Nachdenken an. Es hält unserer modernen Gesellschaft den Spiegel vor und beschreibt eindrücklich die Arroganz, mit der wir uns anmaßen Entscheidungen zu treffen und Gesetze zu erlassen, ohne darüber nachzudenken, was das für Auswirkungen auf die Bewohner der jeweiligen Länder haben könnte.

An den Vorgänger "Trophäe" kommt "Das Geschenk" vielleicht nicht ganz heran, aber das liegt für mich eben auch einfach in der Grundverschiedenheit der Geschichte. Für mich ist das Buch trotzdem eines meiner Jahreshighlights, der hintergründige Humor, die kleinen Seitenhiebe, der messerscharfe Blick auf das politische Geschehen und nicht zuletzt die sanften Riesen als Sympathieträger und tragische Figur in einem, machen das Buch absolut lesenswert und diskussionswürdig.

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