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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.08.2025

Poetischer und herzergreifender Roman übers Erwachsenwerden

Himmel ohne Ende
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Dieser Coming-of-Age-Roman ist so viel mehr als das. Er zeigt in einem realistischen Bild, wie schwierig und einsam sich das Erwachsenwerden anfühlen kann. Charlie fühlt sich nirgends vollständig zugehörig. ...

Dieser Coming-of-Age-Roman ist so viel mehr als das. Er zeigt in einem realistischen Bild, wie schwierig und einsam sich das Erwachsenwerden anfühlen kann. Charlie fühlt sich nirgends vollständig zugehörig. Ihre beste Freundin sowie ihre Mitschüler distanzieren sich schrittweise von ihr. Sie versteht die Welt nicht mehr und isoliert sich zunehmend von der Welt. Diese Ablehnung, die der Leser miterlebt, trifft mitten ins Herz. Als man denkt, dass es nicht mehr auszuhalten ist, taucht Pommes/Kornelius auf und freundet sich schnell und unkompliziert mit Charlie an.
Langsam schafft Charlie es, eine andere Perspektive auf das Leben einzunehmen. Sie lernt, dass sie Teil der Gesellschaft ist und nicht durch eine Glaswand von der restlichen Welt abgetrennt ist.

Die Handlung bringt zum Ausdruck, wie es möglich ist, mit den Tiefen und Rückschlägen des Lebens umzugehen. Charlie ist schon in jungen Jahren ein sehr intelligentes und reflektiertes Mädchen. Sie sieht sich mit vielen dunklen und selbstsabotierenden Gedanken konfrontiert. Und doch findet sie einen positiven Ausweg aus dem Ganzen.

Julia Engelmann hat mich mit ihrer poetischen Sprache vollkommen verzaubert. Viele Sätze hallen noch in mir nach. Insbesondere die bildhaften Beschreibungen des Himmels: so einzigartig wie jeder Sonnenuntergang!

S. 131: „Was nützte einem der schönste Himmel, wenn man ihn niemandem zeigte? Und was der schönste Gedanke, wenn man ihn niemandem erzählte?“

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Veröffentlicht am 24.08.2025

Raffinierte Kritik an die Politik in Form eines Gedankenexperiments

Das Geschenk
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Die niederländische Autorin Schoeters begibt sich in dem Roman auf ein skurriles Gedankenexperiment. Der botswanische Präsident „schenkt“ Deutschland 20’000 Elefanten als Reaktion zum Einfuhrverbot von ...

Die niederländische Autorin Schoeters begibt sich in dem Roman auf ein skurriles Gedankenexperiment. Der botswanische Präsident „schenkt“ Deutschland 20’000 Elefanten als Reaktion zum Einfuhrverbot von Jagdtrophäen. Die Elefanten vereinnahmen in Deutschland Strassen, Städte und sogar Ernten. Sie stellen für die Bevölkerung eine ernst zu nehmende Bedrohung dar.

(Während einer kurzer Recherche war ich überrascht zu erfahren, dass Botswana dies unter Herrschaft von Mokgweetsi Masisi 2024 tatsächlich angedroht hatte, nachdem Deutschland das Gesetz rund um Jagdtrophäen anpassen wollte.)

Im Mittelpunkt der Handlung steht die folgende Frage: Was macht die deutsche Politik, wenn der Elefant buchstäblich im Raum ist? Und wie geht die Regierung mit den Elefanten um? Da das Buch 144 Seiten hat, geht die Handlung zügig voran, ohne dass die Spannung zu kurz kommt. Es gelingt der Autorin, in eher wenigen Seiten viel Kritik an unsere Gesellschaft auszuüben, sodass nichts ungesagt bleibt.

Der Roman zeigt plakativ auf, was wir als Bürger oft im echten Leben beobachten. Dass hochrangige Politiker kurzfristige Entscheidungen treffen, die ihre Position im Parlament sichern, statt das Problem nachhaltig anzugehen. Schoeters kritisiert auch die Rechten, welche alles, was die jetzige Regierung verabschiedet, scharf kritisiert, um sich so Wählerschaft zu sichern. Ich musste auch darüber schmunzeln, dass sich zu Beginn der Handlung kein Ministerium in der Verantwortung sah, die Führung zur Lösung des Elefantenproblems zu übernehmen. Die Geschichte hält uns Europäern einen Spiegel vor, welcher verdeutlicht, dass Kolonialismus noch heute eine bedeutende Rolle spielt und dass wir über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden. Die Tiere werden im Roman als Druckmittel für Machtspiele verwendet.

Der Schreibstil hat mich absolut überzeugt. Die bildhafte Sprache, die Schoeters einsetzt, um die aussergewöhnlichen Szenen, in denen die Elefanten sich in industrialisierten Städten verbreiten, ist einfach genial. Als Leser hatte ich das Gefühl, die durch die Elefanten ausgelöste Massenkarambolage auf der Autobahn selbst beobachtet zu haben. Mit einer Prise Humor rundet Schoeters ihre politischen Anspielungen gelungen ab.

Für mich ist dieser Roman lesenswert. Alle, die sich für Bücher mit gesellschaftskritischem Inhalt interessieren, werden das Buch lieben. Ich kann mir gut vorstellen, dass Liebhaber von Animal Farm von George Orwell auch an diesem Werk Freude haben würden.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Tiefgründiges Debüt über Freundschaft und Verrat

Bestie
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Was passiert, wenn man mit einer neuen Identität in eine WG einzieht und sich immer weiter in ein Netz aus Lügen verstrickt? Genau das macht Delia, als sie ein neues Leben in Hamburg als Lilly beginnt ...

Was passiert, wenn man mit einer neuen Identität in eine WG einzieht und sich immer weiter in ein Netz aus Lügen verstrickt? Genau das macht Delia, als sie ein neues Leben in Hamburg als Lilly beginnt und gleichzeitig ihre Vergangenheit ausradiert. Dabei nutzt sie ihre Mitbewohnerin Anouk opportunistisch für ihre beruflichen und persönlichen Zwecke. Schnell entsteht eine Freundschaft, die auf gegenseitiger Ausnutzung beruht.

Die Handlung bleibt jederzeit spannend. Der Leser fragt sich kontinuierlich, wann die Masken endlich fallen und alle Lügen aufgedeckt werden. Insbesondere im letzten Viertel gewinnt die Handlung nochmal an Intensität und Dramatik.
Der Roman greift tiefgründige Konstrukte auf: Es geht um die Sehnsucht, jemand Anderes sein zu wollen, um Selbstfindung, um Obsession, um Einsamkeit, aber auch um Vertrauen. Kann man sein vergangenes Ich einfach begraben, oder holt einem die Vergangenheit nicht irgendwann ein? Wer bin ich, wer will Ich sein und aus welchen Motiven?

Die Charakterentwicklung, welche im Roman eine zentrale Rolle einnimmt, ist der Autorin äusserst gut gelungen. Die beiden Protagonistinnen sind alles andere als perfekt. Durch die wechselnden Sichtweisen taucht der Leser in die Gefühlswelt beider Frauen ein. Ihre Konflikte sind zwar spezifisch, dennoch konnte ich mich in vielen Situationen wiederfinden (wenn man den Kern der Konflikte betrachtet). Beide Figuren durchlaufen eine Transformation, sobald sie sich ihren Ängsten und Lügen stellen. Diese psychologische Auseinandersetzung verleiht der Geschichte eine aussergewöhnliche Tiefe.

Auch der Schreibstil hat mich vollkommen umgehauen. Joana wählt jedes einzelne Wort mit Bedacht und drückt sich in einer wunderschönen poetischen Sprache aus. Es gibt gegen Ende des Buches einige Szenen, welche einen experimentellen Charakter haben und eher untypisch für einen Roman sind. Diese ergeben in Anbetracht der Handlung aber vollkommen Sinn und machen das Buch zu etwas Einzigartigem. Zudem ist der Text voller symbolischer Elemente, welche immer wieder aufgegriffen werden. Diese stark ausgeprägte Symbolik lädt an vielen Stellen zu einer Analyse bzw. philosophischen Interpretation ein. Nach der Lektüre gewinnt der auf den ersten Blick schlicht wirkende Titel „Bestie“ eine ganz neue (und tiefe) Bedeutung. Ich habe viele Sätze markiert, da die Sprache meine Erwartungen deutlich übertroffen hat!

Kurzes Fazit: Das ist kein Buch, welches man schnell auslesen sollte, sondern eines, das man auf einer sprachlichen sowie stilistischen Ebene zeitlich auskostet. Dieser Roman ist für jeden Leser geeignet, der sich auf ein besonderes und stilistisch geniales Buch einlassen will.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Romantisch und emotional

Just for the Summer
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Justin und Emma treffen durch ein Zufall aufeinander, weil sie etwas vereint: Es will mit der Liebe einfach nicht klappen. Sobald sie sich von ihrem Partnern trennen, finden diese ihre Lebensgefährten. ...

Justin und Emma treffen durch ein Zufall aufeinander, weil sie etwas vereint: Es will mit der Liebe einfach nicht klappen. Sobald sie sich von ihrem Partnern trennen, finden diese ihre Lebensgefährten. Sie beschliessen, sich gegenseitig zu Daten und sich anschliessend direkt zu trennen, um endlich ihre jeweiligen Soulmates zu finden. Was auf den ersten Blick nach einer leichten Komödie klingt, entpuppt sich nach und nach als viel mehr. Die Autorin hat rund um den lustigen Kerngedanken einen echten Mehrwert mit wichtigen Themen geschaffen. Die Spannung wurde über das ganze Buch hoch gehalten, sodass man das Buch nicht weglegen kann. Insbesondere gegen Ende passiert noch viel, was dazu geführt hat, dass ich das Buch in fast einem Zug verschlungen habe. Zudem hat mich diese Geschichte aus einer starken Leseflaute gerettet.
Es ist eine Geschichte über zwei gegensätzliche Lebensstile, über prägende Traumata aus der Kindheit sowie über die Überwindung von Hindernissen zugunsten der Liebe. Die Figuren sind nicht perfekt, sondern komplex, was sie sehr greifbar macht.
Die sich abwechselnde Ich-Perspektive von Emma und Justin hat mir auch gut gefallen. So kann sich der Leser in beide Hauptfiguren hineinversetzen.
Trotz der erwähnten ernsten Themen ist es eine herzerwärmende Lektüre (bitte bei Bedarf die Triggerwarnungen beachten). Für mich ist das eine gelungene Storyline, da sie emotional, lustig und berührend ist.

Zwar ist das der dritte Band einer Reihe, jedoch kann dieses Buch auch unabhängig von den anderen zwei Bänden gelesen werden. Diese werde ich aber auf jeden Fall auch lesen, da mich dieses Buch überzeugen konnte.

Ich empfehle das Buch allen Lesern, die auf der Suche nach einer unterhaltsamen Sommerlektüre sind, welche zugleich auch psychologische Tiefe aufweist. Ideal auch für Leser, die einen Ausweg aus einer Leseflaute suchen!

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Die zerstörerische Kraft von Obsession

Mary Shelley, Frankenstein. Ein Schauerroman
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Victor hat eine Idee: er möchte eine Kreatur aus Leichenteilen schaffen und aus Tod wieder Leben erschaffen. Dieses Buch erzählt das Leben von Victor, wie er aufwuchs, wie Bildung sein Leben prägte, und ...

Victor hat eine Idee: er möchte eine Kreatur aus Leichenteilen schaffen und aus Tod wieder Leben erschaffen. Dieses Buch erzählt das Leben von Victor, wie er aufwuchs, wie Bildung sein Leben prägte, und wie eine grössenwahnsinnige Idee zum Verhängnis wird und ihm schlussendlich sein Leben zerstört.

Der Einstieg in die Handlung ist originell: Eine Briefsammlung, die Walton an seine Schwester verfasst hat. Darin schildert er, wie er Victor kennengelernt hat und wie dieser ihm seine Lebensgeschichte erzählt hat. Daraufhin übernimmt Viktor die erzählende Rolle. Er schildert ausführlich die Zeit bis zur Erschaffung seiner Kreatur und die Zeit nach seiner Flucht vor dem Monster. Die Spannung steigt, sobald sich die zwei wiedersehen und es zu einer Eskalation kommt. Das Monster erzählt auch aus seiner Perspektive, wie es durch die Welt alleine und einsam navigiert. Die Handlung zieht sich vor allem gegen Ende etwas in die Länge, was den Lesefluss gestört hat. Die Passagen, in denen die Verfolgungsjagd beschrieben wird, waren etwas anstrengend zu lesen. Hier gab es sehr langgezogene Naturbeschreibungen, welche ich teilweise überfliegen musste.

Thematisch behandelt der Roman die psychischen Grenzen des Menschen. Besonders deutlich wird dies an Victors Obsession. Er vernachlässigt sein Leben, um seine Idee zu erschaffen, flieht jedoch voller Ekel und Angst, sobald seine Schöpfung zum Leben erwacht. Alleine der Gedanke an das Monster treibt ihn in den Wahnsinn. Als das Monster anfängt, geliebte Menschen von Victor zu töten, gerät Victor erneut in eine Besessenheit, die Kreatur zu verfolgen.

Durch die Schilderungen des Monsters werden seine schrecklichen Taten teilweise nachvollziehbar, nachdem er viel Ablehnung erlebte. Der furchterregende Monster wirkt dadurch überraschend menschlich. Der Klassiker liefert insgesamt eine enorme emotionale Tiefe.

Dieser Klassiker ist ein Must-Read für alle Leser, die sich für die Abgründe der menschlichen Psyche interessieren. Die langatmigen Passagen lassen sich dadurch ertragen.