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Veröffentlicht am 12.07.2026

Beeindruckend erzählte Suche nach einer möglichen Heimat

Halber Stein
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Bereits 2012 erschien Iris Wolffs erster Roman „Halber Stein“ in Österreich. Nun hat ihn der deutsche Verlag Klett-Cotta in diesem Jahr in sein Programm aufgenommen und neu aufgelegt.

Einfühlsam, tastend ...

Bereits 2012 erschien Iris Wolffs erster Roman „Halber Stein“ in Österreich. Nun hat ihn der deutsche Verlag Klett-Cotta in diesem Jahr in sein Programm aufgenommen und neu aufgelegt.

Einfühlsam, tastend erzählt Iris Wolff davon, was es heißt, sich in eine Heimat aufzumachen, von der man nicht weiß, ob sie überhaupt jemals die eigene Heimat war. Denn Sine, die Hauptfigur des Romans, kehr nach über 20 Jahren zurück in ihre Heimat Siebenbürgen. Als Kind hat sie dort gelebt, verblasst ist die Erinnerung an Rumänien.

In Deutschland ist ihre Heimat. Mit ihren Elter ist sie nach der Auswanderung nie nach Siebenbürgen mitgefahren. Erst als ihre Großmutter Agneta stirbt, fährt sie mit ihrem Vater nach Rumänien, an de Ort ihrer Kindheit. An das Haus der Großmutter kann sie sich kaum noch erinnern, verliebt sich neu in das Gebäude mit der merkwürdigen Bauweise ums Eck. Neben dem Haus, in dem sie sich auf Spurensuche macht, ist es ein Freund aus ihren Kindheitstagen, der ihr zur Seite steht und ihre Erinnerungen wieder zu Vorschein bringt.

Sine lernt dabei nicht nur ihre Großmutter neu kennen und lüftet dabei auch noch ein Geheimnis, sondern erfährt auch viel darüber, was es hieß, unter den kommunistischen Machthabern als Siebenbürger Sachse in Rumänien zu leben und wie sich das Leben dort nach der Wende veränderte, als viele – wie Sines Eltern – ausreisten.

„Halber Stein“ gelingt es, die Spurensuche der jungen Sine zu verknüpfen mit einem liebevollen Blick auf Siebenbürgen. Dabei wird der Verlust, den Sine spürt, obwohl sie nie Interesse an ihrer alten Heimat gezeigt hat, deutlich. Jetzt, wo das Haus der Großmutter vor ihren Augen ist, bemerkt sie, was es für sie bedeutet, wenn das Haus nun verkauft werden soll. Genauer gesagt: Dass das überhaupt etwas mit ihr macht. Denn erst jetzt wird diese Heimat für sie greifbar, flackern Erinnerungen auf, die sie nachdenklich machen. Denn mit dem Verkauf des Hauses ist dann auch der Verlust von Heimat für sie verbunden.

Vielleicht ist Sines Reaktion auch deshalb so stark, weil sie selbst gerade an einem Scheideweg steht: Sie hat ihr Studium in Deutschland beendet, weiß noch nicht, was sie beruflich machen will, ihre Beziehung ist am Ende. Aus den Vorbereitungen der Beerdigung hält Sine sich heraus. Stattdessen erkundet sie mit ihrem Freund aus Jugendtagen, der in Siebenbürgen geblieben ist die Gegend, zu der auch das Naturdenkmal des „Halben Steins“ gehört, der dem Buch den Titel gegeben hat. Sinnbildlich steht er für den Verlust einer Heimat, die Sine zuvor nie als solche angesehen hat.

Gerade das, neben der Sprache, die einen mit hineinnimmt in Sines Gefühlschaos, macht die Faszination des Romans aus.

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Veröffentlicht am 30.11.2025

Märchen mal anders erzählt

Maris Märchen
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Die Welt sieht anders aus in "Maris Märchen". Da muss Rotkäppchen im Rollstuhl zur Großmutter über den holprigen Waldweg und kommt prompt vom Weg ab. Vom Jäger wird sie als "Händikäppchen" verspottet und ...

Die Welt sieht anders aus in "Maris Märchen". Da muss Rotkäppchen im Rollstuhl zur Großmutter über den holprigen Waldweg und kommt prompt vom Weg ab. Vom Jäger wird sie als "Händikäppchen" verspottet und er klaut ihr auch noch all die guten Sachen, die sie der Großmutter bringen sollte! Wie gut, dass es da noch Wolf Wolfgang gibt, der ihr hilft! Bald schon spielen Rotkäppchen, die Großmutter und Wolfgang gemeinsam Mau-Mau und Canasta. 

Shari und André Dietz lassen in "Maris Märchen" keinen Stein auf dem anderen. Menschen mit Behinderung schlüpfen in die Rollen der Hauptfiguren. In Downröschen ist Rosi, ein Mädchen mit Downs-Syndrom, die Heldin, die von ihrem Henry wachgeküsst wird. Und Jochen-Günther ist das Humpelstilzchen. Gemeinsam mit der Müllerstochter Anneliese gelingt es ihm, das Kind des Königpaars zu retten. 

Nicht nur einmal musste ich lauthals lachen, auf welch unterhaltsame und überraschende Weise die Märchen von Shari und André Dietz verballhornt werden. Die Bilder von Saskia Gaymann  sorgen zusätzlich dafür, dass man nicht anders kann als zu schmunzeln. Eine herrliche Art und Weise jungen Lesern zu zeigen, dass man Menschen mit Behinderung ernst nehmen soll. Aber auch ältere Leser werden ihre Freude mit diesem Buch haben, da es allzu komisch ist, wie Grimms Märchen da gegen den Strich gebügelt werden. 

Maris Geschichte - sie hat das Angelman-Synrom und ist die Tochter der beiden Autoren - gibt den Rahmen für das Buch. Aus ihrer Sicht ist die Einleitung geschrieben und aus ihrer Sicht sind die Tipps geschrieben, wie man mit Menschen mit Behinderung umgehen soll. Nämlich so: 

"Wenn ihr also so jemanden trefft, lächelt ihn einfach an, kniept dreimal mit dem linken Auge und lasst ein nettes Wort fallen oder einen Pups los (über Pupse können fast ALLE lachen). Ihr wisst ja jetzt Bescheid! "

Ja, jetzt wissen wir Bescheid: Dass alle irgendwas können und irgendwas nicht. Und dass das auch gut so ist. 

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Wunderbar erzählt

Lázár
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Nelio Biedermanns Roman „Lázár“ habe ich in zwei Tagen durchgelesen. Die Familiengeschichte, die überwiegend in Ungarn spielt, hat mich in ihren Bann gezogen. Und das, obwohl mich das Titelbild zunächst ...

Nelio Biedermanns Roman „Lázár“ habe ich in zwei Tagen durchgelesen. Die Familiengeschichte, die überwiegend in Ungarn spielt, hat mich in ihren Bann gezogen. Und das, obwohl mich das Titelbild zunächst eher abgeschreckt hat. Da steht ein Pferd auf dem Flur. Halbiert im Seitenprofil, im Hintergrund so etwas wie eine Tapete, auf der ebenfalls ein Pferd, wohl in einer Manege, abgebildet ist. Dabei spielen Pferde keine besondere Rolle in „Lázár“.

Über mehrere Generationen wird das Schicksal der Familie Lázár erzählt, von den 1920er Jahren bist zur Gegenwart. Die Lázárs, das ist ein Adelsgeschlecht, das sich in den Wirren der Zeit zu behaupten hat – und sich neu erfinden muss. Vor allem, als nach Flucht und Rückkehr die Enteignung im Sozialismus erfolgt. So steht das Pferd auf dem Cover einerseits für die Anmut und Distanziertheit, die in der Familie den Sprösslingen antrainiert wird. Wer adliger Abstammung ist, dem muss man es auch ansehen. Egal ob beim Essen oder der gesellschaftlichen Konversation.

Andererseits steht das Pferd auch für die Verlorenheit und Eigenheit. Und an Eigenheiten gibt es genug in der Familie Lázár. Die reichen vom verrückten Onkel, der in seinem Zimmer versteckt wird, bis hin zu körperlichen Gebrechen wie Glasknochen („ein durchsichtiges Kind“ sei Lajos Lázár gewesen). Da wirkt es fast schon normal, wenn sein Sohn mit den Schatten spricht. Verloren ist letztlich irgendwann jeder in „Lázár“ – Glück ist immer nur von kurzer Dauer.

Es ist fast schon überraschend, dass der endgültige Verfall der Familie nicht aufgrund physisch-psychischer Gebrechen, sondern durch die Enteignung im Sozialismus erfolgt. Und so ist der Verlust ein zentrales Thema in dem Roman, auf unterschiedlichste Weise. So kommt Lajos von Lázár über den Tod seiner Frau nicht hinweg, sein Sohn nicht über den Verlust der ersten Liebe – seine Freundin wurde deportiert. Dass sein Vater als Offizier in die Organisation der Deportation eingebunden war, gehört zu den beabsichtigten Zufällen des Romans.

„Lázár“ nimmt seine Leser mit hinein in die Lebenswelt des ungarischen Kleinadels – und schildert seinen Untergang. Und so sind es dieses Mal nicht die Sieger, die die Geschichte schreiben, sondern die, die alles verloren haben und sich in ihre alte, verlorene Welt zurücksehnen. Eine wunderbar erzählte Familiengeschichte.

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Empfehlenswert!

Thomas Mann
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Thomas Manns 150. Geburtstag hat eine ordentliche Menge an Neuerscheinungen auf den Plan gerufen. eine sticht dabei besonders positiv hervor: Tilmann Lahmes Buch „Thomas Mann. Ein Leben„. Lahme nimmt dabei ...

Thomas Manns 150. Geburtstag hat eine ordentliche Menge an Neuerscheinungen auf den Plan gerufen. eine sticht dabei besonders positiv hervor: Tilmann Lahmes Buch „Thomas Mann. Ein Leben„. Lahme nimmt dabei die Freundschaft zwischen Thomas Mann und Otto Grautoff ins Visier. Alles andere gerät dabei in den Hintergrund. Das ist freilich nicht schlimm, denn das meiste hat man schon einmal gehört und gelesen. Mit der Veröffentlichung seines Tagebuchs wurde Thomas Mann quasi zum offenen Buch.

Unter die Räder kam aber dennoch die Kindheitsfreundschaft zwischen Thomas Mann und Otto Grautoff. Und das hat ganz unterschiedliche Gründe. Einmal ist das Tagebuch Thomas Manns zunächst mit vielen Auslassungen veröffentlicht worden. Das gilt auch für den Briefwechsel zwischen Thoms Mann und Otto Grautoff, der bis heute nicht vollständig veröffentlicht war. Irgendwie war der der Thomas-Mann-Forschung zu suspekt. Denn zum einen zeigt sich Thomas Mann immer wieder zutiefst herablassend und kaum wie ein echter Freund, zum anderen unterhalten sich die beiden so offen über ihre Homosexualität, dass zumindest biederen Thomas Mann-Forschern die Ohren schlotterten. Glücklicherweise hat sich Otto Grautoff nicht an das Diktum Thomas Manns gehalten, die Briefe zu vernichten. Freilich hat er „intimere“ Stellen mit der Schere entfernt.

Von „Jugendsünden“ sprach man früher in der Thomas Mann-Forschung. Tilmann Lahme gelingt es hingegen in seinem Werk, das Gegenteil zu beweisen. Schlüssig legt er dar, dass sich Thomas Mann an die so genannte Konversionstherapie Zeit seines Lebens hielt. Und dass die so erfolgte Unterdrückung seiner Sexualität mithilfe des Tagebuchs – neben anderem wie der Ernährung oder Hypnose – für Thomas Mann von großer Bedeutung war. Es half ihm im Einüben seiner „Selbstzucht“.

Fasziniert folgt man Lahmes chronologisch angelegten Ausführungen, die Verbindungen zum Werk Thomas Manns herstellen. Losgelöst voneinander könne man sich Manns Homosexualität und Werk nicht vorstellen. Nur so lasse sich etwa verstehen, weshalb im gesamten frühen Erzählwerk Thomas Manns die Liebe stets in den Untergang führe. Allzu sehr verwundert es nicht, dass es kein Hochzeitsfoto von Thomas und Katia Mann gibt.

Zugleich kommt man Thomas Mann als Person unglaublich nah. Seine Widersprüchlichkeit und Unbedarftheit in politischen Dingen macht Lahme deutlich, seinen Narzissmus und seine Eitelkeit, seine Neigung, Freunde auch fallen zu lassen, seine fehlende Kritikfähigkeit bei sich selbst, seine ungehobelte Unfreundlichkeit im Urteil über andere. Ja, Thomas Mann kann ein Arschloch sein. Auch das zeigt Tilmann Lahme.

Den Schwerpunkt seines Buches setzt Lahme in Manns Jugendjahren, wo er seine Entscheidung, die Ehe als Therapie anzustreben, verortet. Wenn einzelne Briefpassagen ausführlichst gedeutet werden, kann man sich als Leser sicher sein: Unbedeutendes ist hier nicht angesprochen. Allenfalls die Ausführlichkeit, mit der Susan Sontags Begegnung mit Thomas Mann als 16-Jährige thematisiert wird, wirkt wie ein Fremdkörper.

Fazit: Tilmann Lahmes Thomas-Mann-Biographie ist gut lesbar, bringt Thomas Manns Charakter nahe, zeigt seine inneren Kämpfe und verknüpft sie mit den damit verbundenen literarischen Erfolgen. Zugleich räumt er mit manch verstaubter Thomas Mann-Forschung auf.

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Veröffentlicht am 17.08.2025

KI kindgerecht aufbereitet

KI und du
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KI dringt immer tiefer in unseren Alltag ein. Daher ist es gut, dass der Ravensburger-Verlag mit zwei renommierten Verfasserinnen ein Sachbuch für Kinder und Jugendliche herausbringt. Titel: KI und DU. ...

KI dringt immer tiefer in unseren Alltag ein. Daher ist es gut, dass der Ravensburger-Verlag mit zwei renommierten Verfasserinnen ein Sachbuch für Kinder und Jugendliche herausbringt. Titel: KI und DU. Diana Knodel und Hannah Lesch gelingt es, in kurzen, leicht verständlichen Texten die Möglichkeiten und Gefahren der Künstlichen Intelligenz darzustellen. 

So erklären die beiden Autorinnen, wie die KI bei Hausaufgaben helfen kann - ohne dass sie diese für einen einfach nur erledigt. Ebenso werden die Gefahren beleuchtet - zum Beispiel, dass eine KI eben auch falsche Informationen liefern kann und "halluziniert". 

Über zahlreiche QR-Codes gelangt man zu praktischen Übungen und Beispielen, die die Funktionsweise der KI erklären. So kann man eine KI selbst programmieren und eben auch falsch programmieren, mit der KI Musik machen oder Bilder im Stil berühmter Maler erstellen lassen. Auch wird klar gezeigt, dass eine KI mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet. 

Wie nützlich die KI-Einschätzung darüber ist, welche Berufe zukünftig von ihr übernommen werden können, darüber lässt sich sicherlich streiten. Auch ist das Programm zur Erstellung von Musik sehr einfach gestaltet, Geräusche werden einfach miteinander verbunden, von Melodien kann keine Rede sein. 

Schade ist, dass die QR-Codes zu Interviews mit KI-Profis nicht funktionieren - aber man kann davon ausgehen, dass der Ravensburger-Verlag das noch korrigieren wird. 

Insgesamt ist "KI und DU" eine gut gemachte & verständliche Erklärung für Kinder und jüngere Jugendliche zu Chancen und Gefahren der Künstlichen Intelligenz. Die Texte sind knapp gehalten und inhaltlich ausgewogen - die Autorinnen warnen vor Gefahren, ohne dass die Chancen der KI kleingeredet werden. Auch die Sammlung von Fachbegriffen am Schluss des Buches bietet gut verständliche Erklärungen. 

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