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Veröffentlicht am 24.08.2025

Ein Krimi, der Herz und Nerven kitzelt

Die Tote im Wasser
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Wasserleichen, Familiendrama und ein Spielplatz, der garantiert nicht mehr in den Top 10 der Eltern-Hotspots auftaucht – genau das serviert Eva Frantz in Die Tote im Wasser. Klingt nach düsterem Nordic ...

Wasserleichen, Familiendrama und ein Spielplatz, der garantiert nicht mehr in den Top 10 der Eltern-Hotspots auftaucht – genau das serviert Eva Frantz in Die Tote im Wasser. Klingt nach düsterem Nordic Noir, fühlt sich beim Lesen aber überraschend frisch an. Kommissarin Anna Glad ist nämlich keine der typischen „Eisprinzessinnen“, die ständig mit verschränkten Armen in den Regen starren. Nein, Anna ist herrlich menschlich – manchmal chaotisch, manchmal viel zu emotional und trotzdem genau deshalb sympathisch.

Der Fall selbst hat es in sich: Ein verschwundenes Opfer, ein grausamer Fund und mittendrin ein Kind, das wie eine tickende Zeitbombe wirkt. Die Frage „Wem gehört Veera?“ zieht sich durch die Handlung und sorgt für ordentlich Herzklopfen. Klar, die Mordermittlung steht im Mittelpunkt, aber die privaten Verwicklungen mischen sich so sehr ein, dass man nicht weiß: Ist das jetzt ein Thriller oder eine Beziehungsfalle?

Der Schreibstil von Eva Frantz ist angenehm flüssig und kommt ohne endlose Landschaftsbeschreibungen daher (ein Hoch darauf, dass kein 10-seitiger Monolog über Nebel im Wald vorkommt!). Stattdessen baut sie Spannung mit kurzen Szenen auf, bei denen man immer denkt: „Nur noch ein Kapitel!“ – und schwupps ist es drei Uhr morgens.

Warum „nur“ vier Sterne? Ganz einfach: Zwischendurch wirkt die Story etwas überladen. Adoptionsdrama, Schuldgefühle, Dorfgeflüster und dann noch der Mord – da hätte ich mir manchmal weniger Drama und mehr Fokus auf die Ermittlungen gewünscht. Trotzdem hat mich das Buch bestens unterhalten. Ein Krimi, der nicht nur Gänsehaut bringt, sondern auch zeigt, wie kompliziert das Leben selbst für eine toughe Kommissarin sein kann.

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Ein Island-Krimi wie ein Schneesturm: leise, kalt und gnadenlos

HULDA
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Mitten in der dunklen, isländischen Novemberkälte knallt Ragnar Jónasson wieder einen Thriller raus, der mehr Gänsehaut macht als ein Sprung ins eiskalte Fjordwasser. In HULDA lernen wir die Ermittlerin ...

Mitten in der dunklen, isländischen Novemberkälte knallt Ragnar Jónasson wieder einen Thriller raus, der mehr Gänsehaut macht als ein Sprung ins eiskalte Fjordwasser. In HULDA lernen wir die Ermittlerin kennen, wie sie noch jung, unerschrocken und ein kleines bisschen ungestüm ist. Statt Kaffee und Kuchen gibt’s für Hulda direkt ein dickes Paket: ein verschwundener Teddy, eine vermisste Person und eine Kollegin, die eher nach Konkurrenz aussieht als nach Teampartnerin. Wer jetzt denkt, das läuft entspannt wie ein Sonntagskrimi – nope! Hier wird es düster, frostig und stellenweise ziemlich ungemütlich.

Die Atmosphäre ist wirklich eine Wucht. Schnee, Stille, diese bedrückende Weite Islands – da kriecht die Kälte gleich durch die Buchseiten. Jónasson hat ein Händchen dafür, Landschaft nicht nur Kulisse, sondern Mitspieler werden zu lassen. Und Hulda selbst? Noch lange nicht die abgeklärte Kommissarin, die man vielleicht aus anderen Bänden kennt, sondern eine junge Frau, die sich gegen Widerstände, Machogehabe und eigene Zweifel behaupten muss. Genau dieser Mix macht sie so spannend.

Natürlich gibt es kleine Stolpersteine. Manchmal zieht sich die Story wie Kaugummi im Wintermantel, weil Jónasson die Spannungsschraube etwas zu gemütlich anzieht. Und ja, die eine oder andere Wendung ist nicht ganz so überraschend, wie sie wohl gedacht war. Trotzdem: Das Buch hat mich komplett abgeholt – allein schon wegen dieser grandiosen düsteren Stimmung und der Figur Hulda, die man einfach näher kennenlernen will.

Unterm Strich: Ein Thriller, der nicht auf Dauerfeuer setzt, sondern mit Atmosphäre, Charaktertiefe und unterschwelliger Bedrohung überzeugt. Vier Sterne – und ein leises „Mehr davon, bitte!“

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Veröffentlicht am 21.08.2025

Zeitreise im Fesselballon: Achtziger, wie sie keiner im Schulbuch erzählt

Ausblicke vom Fesselballon
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Manchmal liest man ein Buch und denkt sich: Huch, das fühlt sich so nah an, dass man beinahe den Kaffeefleck auf dem Lehrerpult riecht. Lothar Bremer, dieser Gymnasiallehrer aus Hürth, ist so einer. Er ...

Manchmal liest man ein Buch und denkt sich: Huch, das fühlt sich so nah an, dass man beinahe den Kaffeefleck auf dem Lehrerpult riecht. Lothar Bremer, dieser Gymnasiallehrer aus Hürth, ist so einer. Er steckt in seiner Lebenskrise fest wie ein Kaugummi unter dem Schultisch. Job zermürbend, Ehe knirschend, Tochter abwesend – und er selbst? Er läuft durch Köln, als würde er dort Antworten zwischen Domblick und Kölschglas finden. Spoiler: Meistens findet er nur neue Fragen.

Aber genau das macht den Reiz. Dieter Kühn hat hier kein Hochglanzportrait eines „Helden“ hingelegt, sondern einen ziemlich ehrlichen, manchmal fast nervigen, aber dadurch unglaublich menschlichen Typen. Ich habe mich beim Lesen mehrfach ertappt: Da sitzt man kopfschüttelnd da und denkt „Mensch Lothar, lass das doch einfach!“ – um im nächsten Absatz stillschweigend zuzugeben, dass man selbst schon mal ähnlich halb kluge Auswege gesucht hat.

Besonders spannend ist der Zeitgeist. Die frühen Achtziger, politisch aufgeladen, voller Demos, Umweltangst, Beziehungs-Experimente. Und man merkt beim Lesen: Eigentlich sind wir immer noch an denselben Fronten unterwegs. Nur dass wir statt auf dem Marktplatz heute in Kommentarspalten protestieren. Kühn beschreibt das alles so detailgenau, dass man fast denkt, er habe heimlich in einem Fesselballon über Köln notiert, was unten los ist.

Natürlich hat das Buch auch Längen. Manchmal mäandert der Text, verliert sich in intellektuellen Ausflügen, die man als Leser eher übersteht, als dass man sie genießt. Aber unterm Strich: eine packende Zeitreise, die überraschend frisch wirkt, trotz Retro-Flair. Vier Sterne, weil es mich nicht komplett weggeblasen hat, aber definitiv klüger und ein bisschen nostalgisch zurückgelassen hat.

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Veröffentlicht am 18.08.2025

Schweiß, Fluchen und Glücksmomente – Rick Zabel hautnah

On the Road
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Radfahren als Lebensgefühl – das ist wohl die Essenz von Rick Zabels Buch. Wer glaubt, hier eine reine Heldengeschichte eines Profis präsentiert zu bekommen, liegt daneben. Stattdessen gibt es ehrliche ...

Radfahren als Lebensgefühl – das ist wohl die Essenz von Rick Zabels Buch. Wer glaubt, hier eine reine Heldengeschichte eines Profis präsentiert zu bekommen, liegt daneben. Stattdessen gibt es ehrliche Einblicke in ein Leben, das von Qualen, Schweiss und manchmal auch vom totalen Frust geprägt ist – und gerade dadurch richtig spannend wird. Es fühlt sich an, als würde man mit Zabel im Sattel sitzen: hochkeuchen, fluchen, lachen und trotzdem immer wieder aufs Rad steigen.

Zabel schreibt direkt, locker und mit einem Humor, der einem das Lächeln mitten ins Gesicht tackert. Klar, er ist nicht der große Seriensieger à la Tour-de-France-Legende, aber genau das macht ihn sympathisch. Hier erzählt einer, der das Durchhalten, das Teamwork und die Liebe zum Sport feiert, auch wenn die ganz großen Trophäen nicht im Regal stehen. Seine Selbstironie tut dabei richtig gut – denn Hand aufs Herz: Wer will schon das hundertste Heldengedöns lesen, wenn man auch mal die harten und absurden Seiten des Radfahrerlebens serviert bekommt?

Natürlich gibt’s auch mal Stellen, die sich etwas ziehen – wie eine gefühlt endlose Bergetappe. Da denkt man kurz: Jetzt bitte einen Energieriegel und Abfahrt! Aber dann kommt gleich wieder eine Anekdote oder ein Gedanke, der so treffend ist, dass man das Buch nicht zur Seite legen mag.

Am Ende bleibt ein Gefühl wie nach einer langen Radtour: kaputt, zufrieden und irgendwie glücklich. Man spürt die Leidenschaft, die Hingabe und das kleine Quäntchen Wahnsinn, das diesen Sport so faszinierend macht. Vier Sterne, weil es mich wirklich gepackt hat – und ein Sternchen Abzug für die ein, zwei Passagen, die wie ein Platten im Lesefluss wirken. Trotzdem: Eine Fahrt, die sich lohnt.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Rache, Rage und jede Menge Gänsehaut

Das Beste sind die Augen
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So ein Buch hat mir echt mal wieder die Birne durchgepustet. Monika Kim wirft einen mitten in eine Mischung aus Horror, Wut und Gesellschaftskritik, die ich so schnell nicht verdauen konnte. Jiwon ist ...

So ein Buch hat mir echt mal wieder die Birne durchgepustet. Monika Kim wirft einen mitten in eine Mischung aus Horror, Wut und Gesellschaftskritik, die ich so schnell nicht verdauen konnte. Jiwon ist keine Heldin im klassischen Sinne, sondern eher eine tickende Zeitbombe, und genau das macht die Geschichte so faszinierend. Da ist dieser schmierige Freund der Mutter, der permanent Grenzen überschreitet, und ich habe mich mehr als einmal beim Lesen erwischt, wie ich am liebsten selbst eingegriffen hätte. Der Roman spielt unverschämt gut mit Themen wie Fetischisierung, Rassismus und toxischen Beziehungen, ohne dabei den Spannungsfaktor zu verlieren.

Natürlich ist es auch ganz schön blutig, was dem Ganzen einen morbiden, fast schon befreienden Kick verleiht. Gleichzeitig war ich beeindruckt, wie Kim es schafft, diese Gewalt mit einer gewissen Leichtigkeit und fast schon schwarzem Humor zu erzählen. Manchmal dachte ich: „Das ist so übertrieben, das darf ich eigentlich nicht genießen.“ Tja, hab ich trotzdem. Die Kapitel rauschen wie ein Fiebertraum an einem vorbei, mal klar, mal surreal, aber immer mit Sog.

Ganz ehrlich: Zwischendurch hätte ich mir ein bisschen weniger Wiederholung in Jiwons inneren Monologen gewünscht. Da dreht sich manches doch etwas zu oft im Kreis. Trotzdem habe ich mich nie gelangweilt, eher im Gegenteil – ich war dauernd gespannt, was sie als Nächstes anstellt. Die Übersetzung liest sich flüssig und bringt die bissige Schärfe super rüber.

Insgesamt ist „Das Beste sind die Augen“ ein feministischer Horrorbiss, der mitten ins Fleisch geht und noch lange nachwirkt. Kein Wohlfühlroman, kein leichter Snack, sondern eine wilde Mischung aus Schock und Genugtuung. Vier Sterne von mir – weil es mich heftig gepackt hat, auch wenn ich manchmal gern die Pausentaste gedrückt hätte.

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