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Veröffentlicht am 05.09.2025

Das laute Schweigen der Vergangenheit

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
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Sollte jemand keine Geduld für längere Rezensionen haben, dann beginne ich hier mit dem Fazit: Dieses Buch muss man lesen, dieses Hörbuch muss man hören, es ist einfach sensationell und trotzdem so hart ...

Sollte jemand keine Geduld für längere Rezensionen haben, dann beginne ich hier mit dem Fazit: Dieses Buch muss man lesen, dieses Hörbuch muss man hören, es ist einfach sensationell und trotzdem so hart zu akzeptieren, dass es dem Leser oder Hörer unwillkürlich Tränen der Wut und des Mitgefühls in die Augen treibt.
Aber jetzt der Reihe nach. Schon die Gretchen-Reihe von Susanne Abel habe ich als Hörbücher geliebt, Vera Teltz ist die passendste Sprecherin für Susanne Abels Werke. Auch im neuesten Hörbuch bringt sie diese Geschichte mit ihren unterschiedlichen Protagonisten so zum Leben, wie es sonst nur Verfilmungen mit vielen Schauspielern gelingt. Grandioses Kino für den Kopf!
Zuerst hatte ich Zweifel, ob ich mich den Themen Kriegskinder, Kinderheime, Kriegstrauma, zerstörte Kindheit, zerstörte Familien schon wieder über 13 Stunden auseinandersetzen wollte, aber nach der Hörprobe konnte ich eigentlich gar nicht mehr aufhören zuzuhören.
Ich wurde Ohrenzeuge unsagbaren Leids von Kindern, die den Krieg knapp überlebt hatten und in die Hände verantwortungs- und herzloser Menschen fielen, seien sie von Gott geleitet oder vom Geldverdienen. Es gibt seit Jahren Veröffentlichungen in den Medien über die Qualen, denen gerade Kinder in kirchlichen, aber auch in staatlichen Einrichtungen ausgesetzt waren. Susanne Abel geht in ihrem Nachwort sehr fundiert darauf ein.
Die Protagonisten sind zuerst Hardy und Margret Willeiski, die sich 1945 als Kinder im Heim kennenlernen, Margret wird die Beschützerin des jüngeren Hardy, der nur als Nr. 104 bezeichnet wird, bis sie das Heim verlassen muss. Viele Jahre später finden sich beide wieder und gründen eine Familie. Hardy baut für sie ein eigenes Haus, das für beide Zufluchtsort wird. Besonders Margret leidet unter psychischen Störungen wegen der erlittenen Gewalt, fällt nach Geburt der Tochter Sabine in eine tiefe Depression. Trotzdem wird bis zu ihrem Tod Hardy der einzige sein, der um ihre seelischen Qualen weiß. Und sie nimmt auch alle Geheimnisse von Hardy mit ins Grab. Weder ihre Tochter, noch Enkeltochter Julia wissen etwas über ihre Vergangenheit. Als Julia mit der Erziehung ihrer kleinen Tochter Emily überfordert ist, bewahren sie sie vor der Heimeinweisung und das Mädchen wächst bei ihnen, die da bereits 70 Jahre alt sind, auf. Besonders das liebevolle Verhältnis zwischen Uropa Hardy und Emily ist wunderbar beschrieben.
Das insgesamt von dauernden Problemen gezeichnete Familienleben und das schwierige Aufwachsen von Emily zwischen der unzuverlässigen Mutter, der selbstsüchtigen Großmutter und der wahnsinnig besorgten Urgroßmutter machen ihr das Leben nicht leicht. Interessante Nebenfiguren lockern die Geschichte auf, so z. B. der Vater ihrer Schulkameradin Semin. Erfreut hat mich auch das Auftreten von Tom Monderath, den Leser der Gretchen-Reihe bereits gut kennen.
Der Roman wechselt gekonnt zwischen den Zeiten und Ereignissen, wobei die zurückliegenden 1950er und 1960er Jahre ebenso fesseln, wie die Kindheits- und Jugendjahre von Emily. Dass ich das Buch zum Ende hin ob der sich immer mehr steigernden Dramatik nicht mehr weglegen konnte, sei hier nur als Hinweis verstanden. Welchen Ausgang die Geschichte nimmt, möchte ich nicht vorwegnehmen.
Die zurückliegenden Verbrechen an den Kindern können nicht wieder gutgemacht werden, auch nicht gerächt oder gesühnt. Was aber möglich wird, ist das Aufbrechen des Schweigens, das sich über Jahrzehnte durch die Lebensgeschichten der Betroffenen zieht. Und betroffen sind eben nicht nur die einst vergewaltigten, misshandelten und missbrauchten Kinder, es sind auch ihre eigenen Kinder und Kindeskinder, die unter diesem Schweigen leiden. Wie viel leichter wäre es für ein Kind wie Emily gewesen, um das Unglück ihrer Urgroßeltern wenigstens teilweise Bescheid zu wissen. Aber dieses Schweigen aufzubrechen, ist eine Jahrhundertaufgabe. Im Großen wie im Kleinen.
Susanne Abel gelingt es in ihrem Roman, ihre Protagonisten nicht nur zu beschreiben, sondern ihnen Charakter zu verleihen. Es fällt dadurch nicht schwer, sich in diese hineinzuversetzen. Besonders gut ist das bei Harry und Emily gelungen. Wenn mir als Leser beide regelrecht ans Herz gewachsen sind, ist das bisweilen ob ihrer Erlebnisse auch schmerzhaft, aber es fühlt sich auch wahrhaftig an. Besonders Emilys wiederkehrende Enttäuschungen durch ihre Mutter taten auch mir in der Seele weh. Einige Protagonisten sind jedoch aus meiner Sicht, auch wenn das Buch schon recht umfangreich war, zu kurz gekommen, Sabine und ihre Probleme werden nur sehr skizzenhaft gezeichnet. Das Verhältnis zu ihren Eltern, wie auch zur Tochter Julia ist nicht so einfach, aber es wäre interessant zu wissen, ob Margrets „Helicopter“-Angewohnheiten auch bei den beiden schon so ausgeprägt waren, wie bei Emily.
Für mich sehr interessant ist die Beschreibung des Rheinlands, inklusive der Mundart und anderer Eigenheiten. Mein Vater stammt aus Duisburg, ich bin in Ostberlin aufgewachsen. Die Unterschiede sind groß, aber einiges hätte genauso im Osten ablaufen können wie im Westen. Die Vergangenheit verfolgt hier wie dort unerbittlich.
Das Cover für Buch/Hörbuch zeigt einen kleinen traurigen Jungen, es ist das Ebenbild von Hardy, wie man es sich bei Hören oder Lesen vorstellt. Ca. 300.000 solcher verlorenen Kinder hat der DRK-Suchdienst im Laufe der Jahre mit Verwandten wiedervereint. Das vergangene Leid blieb aber allgegenwärtig.
Mir hat das Hörbuch (Buch) sehr gefallen, ich bin froh, dass ich mich selbst und meine Angst vor der schwierigen Thematik überwunden habe. Danke, Susanne Abel. Ich bin gespannt, welches Ihr nächstes großes Thema sein wird.

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Veröffentlicht am 27.08.2025

Kann man von Leid genesen?

Ciao bis zu den schönen Tagen
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Es ist der zweite Roman von Roberta Recchia, ich weiß nicht, ob man von einer Serie sprechen kann, aber einige Protagonisten aus „Endlich das ganze Leben“ tauchen wieder auf und nehmen einen ganz besonderen ...

Es ist der zweite Roman von Roberta Recchia, ich weiß nicht, ob man von einer Serie sprechen kann, aber einige Protagonisten aus „Endlich das ganze Leben“ tauchen wieder auf und nehmen einen ganz besonderen Platz ein. Heutzutage ist es ja bereits als ungewöhnlich anzusehen, wenn die Hauptperson eines Romans keine unterdrückte oder anderweitig geschädigte Frau ist. Den Leser erwartet trotz des romantischen und traurig klingenden Titels aber auch eine geballte Portion Feminismus, jedoch kein geschlechtergerechtes Gendern oder Doppelpunkte. Schon deshalb gefiel mir der Roman so gut, ich konnte den Text lesen und genießen und mir meine Gedanken machen, ohne mich gegängelt zu fühlen.
An Dramatik fehlt es diesem Buch auch nicht, die Wendungen, die sich urplötzlich ergeben, sind einfach atemberaubend. Und dabei fängt alles ganz still und unspektakulär an, Luca, noch 12, verliebt sich zum ersten Mal, beginnt sich für Mädchen zu interessieren. Besonders Betta, die für ihn noch Unerreichbare, hat es ihm angetan. Lucas kleine Familie lebt ein normales, bescheidenes Leben unter der südlichen Sonne Italiens. Der Verlag schreibt in seinem Werbetext „Der bewegende Roman der italienischen Bestsellerautorin – mit dem Flair eines italienischen Spätsommerabends.“ So habe ich das auch empfunden, Luca wird zuerst langsam erwachsen und dann erlebt er unbeschreibliches Unglück. Seine Angebetete Betta wird tot aufgefunden, für ihn ist es ein Sturz ins Bodenlose. Als zwei Jahre später sein Bruder dafür verantwortlich gemacht wird, zerbricht sein gesamtes Dasein. Von einer Stunde zur anderen muss er fortan bei seinem Onkel Umberto und dessen Familie in Bergamo leben. Die Dramatik der folgenden Jahre wird so lebendig beschrieben, dass ich als Leser mit Luca mitgelitten, mitgehofft und geliebt habe. Weitere Spoiler liefere ich nicht!
Die Autorin beschreibt diesen Bruch in Lucas Leben sehr anschaulich und mit viel Empathie. Im Nachwort klingt das so „Letztlich haben wir (ich und Luca) seine Geschichte gemeinsam erzählt: Ich habe ihn an die Hand genommen und ihm zugehört wie einem Sohn. Deshalb bin ich ihm dankbar, dass er nie lockergelassen hat. …“ Aber sie zeichnet nicht nur Luca, sondern jede Figur mit feinsten Pinselstrichen, wenn man das bei einem Schriftsteller so sagen darf.
Fazit: Ich habe das Buch sehr gern gelesen und empfehle es unbedingt weiter. Es ist ein Buch wie gemacht für diesen Sommer, einfach perfekt!

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Mein Mädelchen, am Ende ist der Himmel blau

Biarritz
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Vor dreieinhalb Jahren hörte und las ich „Brunnenstraße“, das autobiografische erste Buch von Andrea Sawatzki – und ich war zwar sehr traurig, aber total begeistert von ihrer coolen Art, mit jenen Kindheitserlebnissen ...

Vor dreieinhalb Jahren hörte und las ich „Brunnenstraße“, das autobiografische erste Buch von Andrea Sawatzki – und ich war zwar sehr traurig, aber total begeistert von ihrer coolen Art, mit jenen Kindheitserlebnissen umzugehen, die andere verstecken, verdrängen und niemals zugeben möchten. „Zerstörte Kindheit“ stand damals über meiner Rezension. Nun ist mit „Biarritz“ ein zweites Buch entstanden, das teilweise direkt an die Brunnenstraße anschließt, das aber nun auch völlig eigenständige Szenen und andere Zeiträume umfasst. Vieles kam mir aus der Brunnenstraße aber doch sehr bekannt vor. Die Autorin liest selbst, einfach fantastisch, echter geht es nicht im Leben.
Das Mädchen im Buch nennt sie Hanna, was offensichtlich ein wenig Abstand zum Erzählten zulässt. Denn die Autorin geht ganz nah ran, wie mit einem Brennglas, das alles in Flammen aufgehen lassen könnte. Die Liebe zu Mutter und Vater ebenso wie den Hass, den sie fühlt, wenn sie an ihre verschwendeten und geschundenen Kinderjahre denkt. Aber sie denkt eben auch an die schönen Tage, die liebevollen Worte der Mutter, den Urlaub mit ihr in Biarritz. Eine Textstelle ist mir in Erinnerung geblieben, wenn die Autorin über ihre Mutter sagen lässt „Das Teufelchen im Nacken, das Engelchen in den Augen.“
Ich bin etwas älter als die Autorin, so erinnerte ich mich automatisch beim Hören an meine eigene Kindheit, meine alleinerziehende Mutter, meine nicht gerade einfache Vaterbeziehung, aber auch an die Zeit, als ich selbst alleinerziehende Mutter einer Tochter war. Gerade die Überforderung einer Mutter in Erziehungsfragen ist sehr realistisch dargestellt. Wenn am Ende die Mutter nicht mehr allein leben kann, wenn sie in ein Heim ziehen muss, auch wenn das Zimmer dort Appartement heißt, ist das ein schrecklicher Einschnitt in das Leben einer bis dahin absolut auf Selbstständigkeit bedachten Frau. Auch das kann ich in jeder Phase der Entwicklung nachvollziehen, es wird nichts beschönigt, nichts verklärt.
Einen schönen Part im Buch hat Marianne, die sogenannte Patentante von Hanna, die plötzlich wieder an der Seite der alten Freundin ist und Hanna viel Mut zuspricht. Die Worte und die Art dieser Frau wären für mich Anlass genug, auch noch einmal das Buch zu lesen, denn mit dem Markieren und Notieren von Zitaten in einem Hörbuch tue ich mich nach wie vor schwer.
Nun, im Heute und Jetzt ist die Mutter ebenso schwer dement, wie es der Vater vor seinem Tode war, aber ein Fünkchen Hoffnung auf etwas Freude in ihrem Leben bleibt bis zum Schluss. Der Himmel ist blau, das Meer ist blau. Die Stunden des Zuhörens vergingen wie im Flug.
Fazit: Ohne „Brunnenstraße“ zu kennen kann man dieses Buch problemlos lesen, viele Versatzstücke sind in „Biarritz“ verbaut. Aber ich sehe das Buch trotzdem als ein ganz eigenes Werk, das dem Hörer/Leser viel Empathie und Verständnis für unorthodoxe Gedanken und Ereignisse abverlangt. Eine gute Hörempfehlung, starke Nerven sind gefragt, auch wenn es kein Thriller ist.

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Veröffentlicht am 22.08.2025

Mythologie und Wahnsinn

Schwüre, die wir brechen
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Das Schriftstellerduo Roman Voosen & Kerstin Signe Danielsson legt mit „Schwüre, die wir brechen“ einen zweiten spektakulären Fall und Kriminalroman vor, der den Leser gehörig durchschüttelt. Der erste ...

Das Schriftstellerduo Roman Voosen & Kerstin Signe Danielsson legt mit „Schwüre, die wir brechen“ einen zweiten spektakulären Fall und Kriminalroman vor, der den Leser gehörig durchschüttelt. Der erste Teil „Tode, die wir sterben“ stellte dem Lesepublikum die strafversetzte Kommissarin Svea Karhuu und den psychisch angeschlagenen Kommissar Jon Nordh als neues Ermittlerteam in Malmö vor. Von diesem Einstieg setzt sich der neue Roman in jeder Hinsicht positiv ab. Ungewöhnliches geht vor sich, Schweden stöhnt unter einem ungekannten Hitzesommer und es taucht im wahrsten Sinne des Wortes eine Leiche auf. Das passiert zuweilen, dass sie aber einen neuen Kopf angenäht bekam, den eine Nilkrokodils und ihr bei lebendigem Leibe das Herz herausgerissen wurde, das verstehe ich unter ungewöhnlich.
Jon Nordh sitzt derweil noch immer den Tod seiner Frau im Nacken und er sucht nach einem möglichen Schuldigen. So macht er sich erpressbar und geht seiner Vorgesetzten prompt auf den Leim. Gegen jede inne Überzeugung übernimmt er als leitender Ermittler den grausigen Fall, an seiner Seite Svea, die für den Fall brennt. Nordhs Inneres und Äußeres sind jedoch derart derangiert, dass man als Außenstehender schon Zweifel an seiner Einsatzfähigkeit haben kann. Das Ermittlerteam und die Spurensicherung haben jede Menge zu tun, aber vom Mörder und dem Motiv keine Spur. Als wäre das nicht genug, findet man erst den Kopf des Toten und dann noch einen zweiten. Die Umstände nicht weniger makaber, aber wesentlich blutiger und brutaler. Das Team kommt an seine Grenzen. Es taucht wieder ein Tierkopf auf der zweiten Leiche auf, diesmal ein Vogelkopf. Hinzu kommen unzähliger Zeichnungen auf seinem Körper, die nach Hieroglyphen aussehen. Von einem Ägyptologen lässt man sich bei der Polizei einiges Grundlegendes beibringen, aber eine Lösung ist längst nicht in Sicht. Das Umfeld der beiden Opfer wird durchleuchtet, noch ohne Erfolg.
Eingeblendet in die Ermittlungsarbeit der Polizei sind Erinnerungen eines ehemaligen Opfers der Colonia Dignidad aus den 1970er Jahren. Peter kann nach Jahren der Qual und Unterdrückung entkommen, aber offensichtlich ist er schwer geschädigt, nicht nur körperlich, auch geistig. Was diese Berichte mit den Morden in Schweden heute verbindet, das werde ich nun auf keinen Fall preisgeben, auch nicht, ob es noch mehrere Opfer gibt oder wie die Aufklärung gelingt. Nur so viel, es bleibt spannend bis zur letzten Zeile. Und dann schließt sich auch der Kreis, der im Prolog seinen Beginn hat.
Das Cover ist genauso, wie ich mir einen Schwedenkrimi vorstelle, auf dem Ladentisch würde ich ihn sofort an mich reißen! Gerne mehr davon. Vom Autorenteam, wie auch vom Ermittlerteam. Bis 2026 muss ich nun leider warten auf „Opfer, die wir bringen“.
Der Schreibstil der beiden Autoren gefällt mir sehr, offensichtlich benötigen Sie auch keinen Übersetzer, da beide u. a. Germanistik studiert haben. Ich habe selten einen so blutigen und grausamen Kriminalroman so gern gelesen. Ich empfehle das Buch uneingeschränkt weiter.

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Veröffentlicht am 15.08.2025

Fernes Japan trifft auf fremdes Deutschland - Ein Familienpuzzle

Onigiri
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Yuko Kuhn hat mit "Onigiri" ihren ersten Roman vorgelegt, der mir sehr gut gefallen hat. Hauptperson und Ich-Erzählerin ist Aki, Tochter einer Japanerin und eines Deutschen, die in Deutschland aufwächst ...

Yuko Kuhn hat mit "Onigiri" ihren ersten Roman vorgelegt, der mir sehr gut gefallen hat. Hauptperson und Ich-Erzählerin ist Aki, Tochter einer Japanerin und eines Deutschen, die in Deutschland aufwächst und nun am Ende des Lebens ihrer Mutter Keiko versucht, die Familiengeheimnisse zu lüften. Was nicht so einfach ist, denn ihre Mutter ist an Demenz erkrankt. Aki versucht, es möglichst allen recht zu machen, aber auch ihre Geduld kommt manchmal an ihre Grenzen. Trotzdem hat sie sich in den Kopf gesetzt, mit ihrer Mutter noch ein einziges Mal nach Japan zur Familie zu reisen, letztlich ist es der Tod der japanischen Großmutter mit über 100 Jahren, der sie aufrüttelt. Auch wenn sie versucht ihrer Mutter, alles zu erklären und zu erzählen, diese vergisst es im Handumdrehen und Aki ist alarmiert. Die Reise nach Japan gestaltet sich trotzdem nicht schwierig, das mag auch mit dem geduldigen Temperament der Japaner an sich zu tun haben. Sei es der fröhliche Onkel oder die alte Freundin der Mutter, die es erträgt, dass Keiko sie nicht mehr erkennt. Die Autorin charakterisiert jede ihrer Figuren sehr einfühlsam, auch wenn sie kritisch ist, bleibt die Liebe immer vordergründig.
Das Buch ist mit rund 200 Seiten nicht sehr umfangreich, aber sehr anrührend und gut zu lesen. Die japanische Kultur, das fremde Essen, die unbekannten Worte, das alles erzeugt eine vertrauliche und empathische Atmosphäre für den Leser. Sehr gefallen hat mir das Glossar. Am Anfang gibt es auch ein Inhaltsverzeichnis mit den japanischen Kapitelüberschriften und deren Übersetzung. Warum die deutsche Übersetzung bei den Kapitelanfängen weggelassen wurde, weiß ich nicht. Ich musste jedenfalls doch immer wieder vorn nachschauen.
Der liebevolle Umgang von Felix, Akis Ehemann, mit seiner dementen Schwiegermutter hat mich tief berührt und ließ mich an meinen Mann und meine Mutter denken, die ein ähnliches Verhältnis hatten. Ebenso gut gefielen mir die Szenen in Japan im Hause des Onkels. Aki erzählt ihre und die Geschichte ihrer Mutter, ihrer Familie in einem ständigen Wechsel der Zeiten und Orte, ein bisschen gewöhnungsbedürftig war dieser ständige Wechsel teilweise. Aber immer noch leichter zu verfolgen als im Hörbuch, das für mich den Anlass gab, dieses Buch in seiner gedruckten Version zu lesen. Als Zuhörer musste man versuchen, die japanischen Worte im Kopf zu behalten, im Buch vor- und zurückzublättern ist leichter. Was Onigiri tatsächlich bedeutet, gibt auch das Buch nicht sofort preis, man kann es natürlich googeln.
Fazit: Ich empfehle das Buch sehr gern, es lässt einen Blick zu auf ein Japan, wie wir Europäer es nicht so gut kennen.

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