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Veröffentlicht am 26.08.2025

Ein „Sandwichwerk“

Dr. No
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„Verdammt, ich verstehe es zwar nicht, aber ich finde es toll.“

Das oben stehende Zitat findet sich im Roman und beschreibt, wie eine Figur absolut nichts mit dem Konstrukt von nichts anfangen kann, aber ...

„Verdammt, ich verstehe es zwar nicht, aber ich finde es toll.“

Das oben stehende Zitat findet sich im Roman und beschreibt, wie eine Figur absolut nichts mit dem Konstrukt von nichts anfangen kann, aber die Auswirkungen von nichts toll findet. Alles verstanden? Nein? Das ist nicht schlimm. Dieser Roman ist absurd und abstrakt, darauf muss man sich einlassen können.

Percival Everetts Roman „Dr. No“, welcher im englischsprachigen Original bereits 2022 zwischen den großartigen Werken „The Trees“ („Die Bäume“) und „James“ erschien. Wir in Deutschland bekommen den Roman also zeitversetzt und nach „James“ zu lesen. Im Vergleich zu den beiden genannten Werken wirkt „Dr. No“ allerdings wie das berüchtigte, mittlere, problembehaftete „Sandwichkind“ aka „Sandwichwerk“. Und handelten die beiden anderen von so vielen Dingen, handelt „Dr. No“ von nichts. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der autistische Mathematikprofessor Wala Kitu (was „nichts nichts“ bedeutet) ist Spezialist für genau das: Nichts. Nun will der Schurke John Sill das Wissen von Wala nutzen, um den USA nichts anzutun, denn dies sei der mächtigste Weg als Schurke zu agieren, den es für ihn gibt. Reich ist er schon. Macht hat er dadurch auch schon. Was will er mehr? Rache! Und so entspinnt sich eine James-Bond-Parodie, die stark beginnt aber meines Erachtens eher schwach endet.

Vor allem aufgrund seiner Experimentierfreudigkeit als auch bösem Humor und absoluter Sprachvirtuosität ist Percival Everett einer meiner bevorzugten Autoren. Aber diese Experimentierfreudigkeit kann auch dazu führen, dass ein Buch nicht so wirklich funktioniert. Und leider ist dies hier geschehen. Die ersten Kapitel des Romans waren wirklich großartig und ich dachte, ein 5-Sterne-Buch vor mir zu haben. Wala ist unser Ich-Erzähler und er ist Autist. Die Gedanken und Dialoge dieses Menschen hat der Autor absolut authentisch erschaffen können. Eigentlich noch nie habe ich mich so wohlgefühlt mit einem Ich-Erzähler. Gerade in der ersten Hälfte des Romans besticht Everett damit, Wala mathematikphilosophische Monologe vom Feinsten zu entwerfen. Auch der bereits von ihm bekannte Humor findet Einzug in diesen Roman und ich musste so oft laut auflachen ob des trockenen Humors als auch der schieren Verrücktheit . Grandios. Aber eben hauptsächlich in der ersten Hälfte grandios.

Aber etwa zur Hälfte begann das Buch zu schwächeln. Alle lohnenswerten Witze waren gemacht, die philosophischen Elemente ausgeschöpft, die Bond-Parodie hatte ihren Lauf genommen. Der Rest des Buches wirkte wie eine uninspirierte Abarbeitung des Spoinageplots. Es gab noch ein paar andere Kleinigkeiten – Nebenhandlungen, die zu nichts führten, merkwürdige Charaktere, die spät in der Geschichte eingeführt wurden und keinen Zweck erfüllten –, die mir das Gefühl gaben, dass das Buch eine sorgfältigere Überarbeitung hätte gebrauchen können.

Ich würde den Roman dennoch wegen der cleveren Wortspiele und der unglaublich authentischen Erzählstimme des autistischen Protagonisten empfehlen und runde mit sehr viel Wohlwollen auf 4 Sterne auf. Aber Everett hat eindeutig schon Besseres geleistet. Ich hoffe somit, dass dieses Werk eher ein „Ausrutscher“ zwischen zwei großartigen Werken war und wir als nächstes wieder die bekannte Klasse von Everett erleben können.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Eine Erzählung über eine Krebsbehandlung in New York und "Heilung" in Myanmar

Alles zählt
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In ihrem stark autobiografischen Roman begibt sich Verena Lueken zurück nach New York, dem Ort, der ihre innere Heimat beherbergt. Ohne viel Pathos aber mit vielen (pop-)kulturellen und literarischen Querverweisen ...

In ihrem stark autobiografischen Roman begibt sich Verena Lueken zurück nach New York, dem Ort, der ihre innere Heimat beherbergt. Ohne viel Pathos aber mit vielen (pop-)kulturellen und literarischen Querverweisen beschreibt die Autorin die Überwindung eines dritten Lungenkrebsausbruchs. Gemeinsam mit der Protagonisten, welche keinen Namen trägt, die wir nur als "sie" kennenlernen, streift die Leserin durch einen überhitzten New Yorker Sommer, erfährt Gedanken zum Sterben und über bereits Verstorbene aus dem Leben der Protagonistin.

Diese Erzählung liest sich nicht immer - eigentlich erst zum Ende hin - einfach. Dies mag nicht nur am bleischweren Inhalt liegen, sondern auch an der personalen Erzählperspektive über "sie". Denn gerade, wenn "sie" über die Beziehung zu ihrer verstorbenen Mutter sinniert, wird es oft schwer, auseinander zu halten, welche Gedanken, Sätze und Gefühle nun zu "ihr" der Protagonistin oder zu "ihr" der Mutter gehören. Auch die genutzten Abkürzungen von Vornamen wichtiger Personen aus dem sozialen Umfeld, reduziert auf einen Buchstaben, macht ein Verstehen der komplizierten Familienverhältnisse schwerer, als es sein müsste. Hat man sich dort hindurch gearbeitet, arbeitet man sich gemeinsam mit der Protagonistin durch die strapaziöse Schmerztherapie. Diese gibt die Autorin sehr gut wieder und es verstärkt sich der Eindruck, dass diese Erzählung ohne den autobiografischen Hintergrund so nicht hätte entstehen können. Vor allem der dritte Teil des Romans mit einer Begegnung in Myanmar gibt ihm ein sowohl inhaltliches wie auch stilistisch leichteres Ende.

Insgesamt handelt es sich um eine nicht immer leichte, aber solide Geschichte über das Sterben und dann doch Überleben. Wer sich dafür interessiert, wird hier sicherlich eine interessante und anspruchsvolle Lektüre finden. Für Einsteiger scheint mir der Roman nicht geeignet. Man braucht Zeit dafür trotz knapper 200 Seiten, aber diese lohnt sich. Und wie die Autorin selbst im Buch schreibt: "Sterbebücher neigen dazu, kurz zu sein. Die meisten Schriftsteller fangen spät damit an, da wird die Zeit, sie zu schreiben, oft knapp. ... Tote schreiben keine Bücher, und so war es ihr recht, mit den Sterbenden so nah es ging an diesen Augenblick im Leben aller Menschen heranzurücken. In der Vorstellung und in Gedanken." Dies tun wir mit dem vorliegenden Buch ebenso.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

"Nachl im Himml"

Nagel im Himmel
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Die grundsätzlich sehr interessant erzählte Geschichte um das sächsische Mathematikgenie Oliver, welcher bereits als Kind auf eine sogenannte Spezialschule für Mathematik geschickt wird und später zu den ...

Die grundsätzlich sehr interessant erzählte Geschichte um das sächsische Mathematikgenie Oliver, welcher bereits als Kind auf eine sogenannte Spezialschule für Mathematik geschickt wird und später zu den Sternen greift, indem er versucht die Riemannsche Vermutung zu beweisen, konnte mich zwar nicht über das komplette Buch hinweg überzeugen, bleibt aber trotzdem stark in der Grundidee.

Der Plot verfängt sofort von Beginn an. Großartig verwebt Hofmann mathematische Themen mit der Geschichte von Oliver. Gerade die Gratwanderung zwischen Genie, Wahnsinn und Schicksal in der theoretischen Mathematik schält der Autor grandios heraus. Auch die Hürden, die in der Grundlagenforschung genommen werden müssen, ohne "schnelle" Lösungen aufweisen zu können, bannt Hofmann in seinem Roman. Mathematikinteressierte Leser werden sich hier über die ausführlichen Beschreibungen freuen. Leider schwächelt der Mittelteil meines Erachtens ein wenig. Die emotionale Spannung wird aber vor allem zum Ende hin immer mehr verstärkt, sodass ich das Buch auf den letzten 80 Seiten gar nicht mehr weglegen wollte.

Ein massiver Kritikpunkt stellt für mich die Entscheidung des Autors dar, weniger intelligente, faule und in ihren Ansichten zweifelhafte Charaktere durch starken sächsischen Dialekt zu brandmarken. Dass es auch an Hochschulen durchaus hochintelligente Menschen gibt, die sich nicht darum scheren, ob sie nun Hochdeutsch oder im Dialekt sprechen, ignoriert der Autor vollkommen. So wird leider das Klischee vom dummen, faulen, voreingenommenen und auch asozialen "Ossi" vollständig bedient. Zum Teil waren die Dialoge im Sächsischen einfach zu anstrengend zu lesen und haben dem Roman den Lesefluss über weite Strecken geraubt.

Grundsätzlich gefällt mir also die Idee, diesen filmreifen Plot in Sachsen anzusiedeln, andererseits wurde hier zu stark in Schubladen gedacht. Ein großer Pluspunkt bleibt das gekonnte Einbinden der Mathematik. 3,5 Sterne meinerseits dafür, mit einem wohlwollenden Schubs nach oben. ;)

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Nach der Lektüre möchte man in die Schweiz ziehen...

Was wir scheinen
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Die Schweiz scheint der Roman von Hildegard E. Keller über Hannah Arendt einem ja schon einmal näher zu bringen, aber schafft der Roman dies auch mit Arendt? Ja, definitiv nur die Frage ist unter welcher ...

Die Schweiz scheint der Roman von Hildegard E. Keller über Hannah Arendt einem ja schon einmal näher zu bringen, aber schafft der Roman dies auch mit Arendt? Ja, definitiv nur die Frage ist unter welcher Prämisse.

Aber ganz zum Anfang zurück. Keller begleitet in ihrer fiktionalisierten Biografie Arendt auf eine letzte Reise ins Tessin 1975, kurz vor dem Tod Arendts. Dort lässt sie sie noch einmal ihr Leben ab 1940 in Erinnerungsepisoden Revue passieren. Wichtig an dieser Stelle: Arendt ist 1906 geboren! Das heißt, das Buch lässt die frühen Jahre der Autorin aus. Vermutlich da sich die Autorin stark auf Briefwechsel aus dem Nachlass stützt, welche eventuell erst ab der Zeit nach ihrer Flucht über Paris und Lissabon nach New York erhalten sind. Keller legt ihr dabei Gedanken in den Mund, die sie eventuell an anderer Stelle geschrieben oder gesagt hat, um eine Innenansicht dieser häufig zitierten Personen zu erschaffen.

Dies gelingt der Autorin wirklich sehr gut. Sie schafft einen Roman, der die Leserinnen in den Bann zieht und eine persönliche Sicht auf die Journalistin und Philosophin freigibt. Nun gibt es damit jedoch meines Erachtens ein bzw. zwei Probleme. Die Autorin setzt an vielen Stellen eine Grundkenntnis der Biografie Arendts bei den Lesenden voraus. Hat man diese nicht, und möchte sich durch diese Romanform erstmals an die Denkerin heranwagen, fehlen viele Hintergrundinformationen, um das Gelesene einordnen zu können. So werden zum Beispiel die Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen etc. Arendts in ihren Gedanken lange nur mit Vor- oder Spitznamen angesprochen. Bis man dann realisiert, dass es sich bei "Benji" um den Zeitgenossen Walter Benjamin handelt, vergeht zu viel Lesezeit. Bei diesem Beispiel ist dies noch einfach zu merken über die fast 580 Seiten hinweg. Bei all den anderen Karls, Kurts, Marys, Gertruds und so weiter verliert man einfach den Überblick. Da sich die Autorin wirklich ausgezeichnet in Arendt hineindenkt und den Roman tatsächlich so geschrieben hat, als ob Arendt sich selbst erinnert, ist dies nur nachvollziehbar, da unsere Erinnerung nun mal so funktioniert. Nur leider funktioniert dies für die Leserinnen nicht unbedingt. Wenn Keller hier also die Leserinnen nicht ganz abholen kann, so versucht sie es an anderen Stellen manchmal zu stark. Und dabei handelt es sich um meinen zweiten Kritikpunkt. Es existieren ein wenig zu häufig im Buch Dialogszenen, die nur dafür gemacht zu sein scheinen, Arendts Gedanken den Leserinnen zu erklären. Man merkt beim Lesen, dass diese einzelnen Gespräche in der geschriebenen Form stark konstruiert und künstlich wirken. Dadurch zieht sich ab der Hälfte das Buch dann doch manchmal ganz schön in die Länge.

Besonders in der Verbindung von fiktionalen Anteilen und überlieferten Quellen, in denen Keller die Gedankenwelt aber eben auch das Hadern Arendts heraufbeschwört (und nicht zu viele Weggefährten mit Vornamen auftauchen) ist das Buch am stärksten. Mir hat es definitiv Hannah Arendt näher gebracht, wodurch ich mich zur Biografie weiter belesen werde. Und ganz nebenbei hat der Roman ein Tessin in der Schweiz abbilden können, in welches man - wie von Arendt im Buch geplant - auch am liebsten gleicht umsiedeln möchte. Ein einfacher Einstieg in die Biografie Arendts wird einem hier also nicht ganz geboten, aber wer bereits die biografischen Eckpunkte kennt, wird viel Persönliches um Hannah Arendt entdecken können. Letztlich hervorzuheben ist die massive Rechercheleistung der Autorin und ihr Können dies in einen solch umfassenden Roman zu verarbeiten.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Erinnerungen in Prosa

Die Fremde
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Claudia Durastanti hatte und hat scheinbar (dieses Wörtchen wird noch wichtig werden) kein einfaches Leben. Denn natürlich ist man geneigt die Ich-Erzählerin hier aufgrund der Parallelen mit der Autorin ...

Claudia Durastanti hatte und hat scheinbar (dieses Wörtchen wird noch wichtig werden) kein einfaches Leben. Denn natürlich ist man geneigt die Ich-Erzählerin hier aufgrund der Parallelen mit der Autorin gleichzusetzen. Sie spielt mit ihren eigenen biografischen Elementen, um ihre Erinnerungen an eine belastende Kindheit sowie das Erwachsenwerden, Loslösen von den Eltern und eine Lebensform als eigenständige Person zu finden.

"Zu finden" deshalb, weil die Autorin mit den Genres und den Nerven der Lesenden spielt. Diese Lektüre kann vor allem zu Beginn anstrengend sein. Man muss erst hineinfinden in die Erzählstruktur Durastantis. Hier gibt es keine chronologischen Schilderungen des Erlebten - oder Erfundenen. Sie springt in ihren Gedanken vor und zurück, schiebt essayistische Parts ein, arbeitet mit Peosie und Prosa. Die Sprache und der Rhythmus an und für sich, haben mir sehr gut gefallen. Manchmal fast nüchtern erzählt sie von schlimmsten Ereignissen mit und Bedrohung durch die Eltern und bleibt somit auf Distanz zum Leser. Immer wieder eingestreut erscheinen sehr kluge Sätze, Metaphern, Überhöhungen, die unglaubliche Tiefe aufweisen und zum Nachdenken anregen. Leider verkommt dies zum Ende des Buches hin zu einem überdramatisierten, obergescheiten Geschwafel über Liebe und Beziehungen und endet in einem wirren Finale. Hier konnte ich der Autorin leider nicht mehr folgen. Sie bleibt zu großen Teilen "die Fremde".

Die Autorin scheint getrieben, erzählt (mitunter zu) dicht und wirr. Das muss man mögen. Eine interessante Metaebene macht die Autorin aber über das Buch hinweg immer wieder auf, indem sie immer wieder über Wahrheit/Wahrhaftigkeit und Lüge Überlegungen anstellt. Nie kann man sich als Leser*in sicher sein, was hier autobiografisch ist und was erfunden. Sie hinterfragt auch, was Autobiografien in der heutigen Zeit des Internets noch bedeuten. So schreibt sie an einer Stelle: "Eine Autobiografie [...] ist der Bastard unter den literarischen Genres. [...] Dann sind wir zum Ich zurückgekehrt, zu Veröffentlichungen in der ersten Person, doch uns in einer Autobiografie wichtigzumachen, erscheint vulgär, und unser Misstrauen gegenüber diesem Genre ist wieder erwacht, obwohl wir jeden Tag dazu beitragen, es zu stärken und zu einem kollektiven Phänomen zu machen." Ein Professor habe den Begirff "finction" gewählt, "um etwas zu bezeichnen, was nicht vorgetäuscht, sondern konstruiert ist." So ist auch dieses Buch: konstruiert. Durastanti bescheinigt an mehreren Stellen, dass sie schon immer Geschichten über sich selbst und ihr Leben erfunden habe. Wir bekommen einen "Roman" zu lesen. Diese Facette etwas mehr ausgeleuchtet, hätte mir in diesem Buch besser gefallen.

So bleibt es eine Erinnerungscollage auf hohem Niveau aber ohne wirkliches Ziel. Ich schwanke stark zwischen 3 und 4 Sternen und runde aufgrund der Sprache und der Sogkraft der Lektüre wohlwollend auf.

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