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Veröffentlicht am 13.04.2026

Kurzweilige Geschichte mit etwas Tiefgang, nur nicht genug davon

Jahresringe
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Die Geschichte von Andreas Wagner spielt in drei zeitlichen wie generationalen Abschnitten. Im Mittelpunkt steht Leonore, welche wir direkt nach dem Zweiten Weltkrieg nach der Flucht aus Ostpreußen beim ...

Die Geschichte von Andreas Wagner spielt in drei zeitlichen wie generationalen Abschnitten. Im Mittelpunkt steht Leonore, welche wir direkt nach dem Zweiten Weltkrieg nach der Flucht aus Ostpreußen beim Ankommen in ihrer neuen Heimat tief im Westen begleiten. Im Verlauf lernen wir ihre Nachfahren kennen und deren Verständnis von Heimat. Zuletzt geht es auch um den Hambacher Forst und den Aktivismus für und gegen ihn.

Der Roman liest sich wirklich zügig und kurzweilig durch. Wagner hat eine einfache, verständliche Sprache gefunden, diese - einen größeren Zeitraum umspannende - Geschichte zu erzählen. Das größten Augenmerk legt er dabei auf das Beschreiben von Leonore und ihrem Kampf um Heimat bis zum Lebensende. Die restlichen Figuren werden mit fortscheitender Erzählzeit jedoch immer mehr zu Statisten degradiert und leider nicht facettenreich genug ausgearbeitet. Auch scheint die Handlung mit steigender Seitenzahl immer mehr einreduziert zu sein, sodass der Konflikt um den Hambacher Forst zuletzt sehr schablonenhaft ausfällt. Bei dem lockeren, gut verdaulichen Erzählstil des Autors hätte ich mir noch einmal 100 bis 200 Seiten detailliertere Szenen - vergleichbar zum ersten Abschnitt - gewünscht.

Insgesamt habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es war eine kurzweilige Unterhaltung für ein Wochenende durchaus auch mit Tiefgang und Anspruch, mehr leider aber nicht, obwohl die Grundidee des Buches dies durchaus hergegeben hätte. Die Thematik der (zeitweise) heimatlosen, vertriebenen Leonore hat mich berührt und steht für mich dadurch auch im Mittelpunkt des Buches. Ich habe hier wirklich zwischen 3 und 4 Sternen geschwankt und entscheide mich mit viel gutem Willen, weil mir das Cover gefallen hat, für die 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Man könnte es auch "Die Geschichte der Bäume" nennen.

Das Flüstern der Bäume
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GAIAvor 6 Jahren

Diesen Roman von Michael Christie könnte man auch "Die Geschichte der Bäume" nennen, da er auf den ersten Blick die Elemente eines "klassischen" Maja Lunde-Romans aufweist. Eine Mitte-30jährige ...


GAIAvor 6 Jahren

Diesen Roman von Michael Christie könnte man auch "Die Geschichte der Bäume" nennen, da er auf den ersten Blick die Elemente eines "klassischen" Maja Lunde-Romans aufweist. Eine Mitte-30jährige Protagonistin, welche in einem Luxusnaturferienressort in Kanada arbeitet, wird mit dem Tagebuch ihrer Urgroßmutter konfrontiert und erfährt dadurch erstmals etwas über ihre Familiengeschichte. Die Familie ist stark mit dem Abholzen kanadischer Wälder verbunden ebenso wie mit dem Schutz ebendieser. Die Geschichte der Familie, die im Buch bis ins Jahr 1908 zurückreicht, wirkt sich noch bis ins Jahr 2038 aus.

Im ersten Moment ähnelt der Roman damit sowohl durch den Plot sowie die erzählerische Metaebene betreffend der zunehmend durch den Menschen zerstörten Natur und der Auswirkungen dessen auf unsere Zukunft dem "Lunde-Prinzip". Auch der hier und da etwas zu plump erhobene Zeigefinger zu unserer Zerstörungswut erinnert an genannte Besteseller-Autorin. Man macht es sich jedoch zu einfach, wenn man dieses Buch als einfachen Abklatsch abtut. Denn tatsächlich geht Christie meiner Ansicht nach methodisch kreativer an die Thematik heran. Dies wird bereits optisch klar, wenn die "Kapitelübersicht", die dem Text vorangestellt ist, auf dem Querschnitt eines Baumstammes beruht und die Jahreszahlen vom linken Rand (der "jüngsten" Rindenschicht) mit 2038 beginnen, dann über mehrere Markierungen und Jahreszahlen hinweg bis zum Mittelpunkt "1908" abgetragen werden und dann nach rechts dasselbe spiegelverkehrt passiert. Genauso wie ein Baumstamm ist das gesamte Buch aufgebaut. Kommt man in der Mitte des Buches an, befindet man sich in 1908 und bewegt sich dann mit neuen Informationen zur Familie wieder auf 2038 zu. Das ist spannend gemacht und hat mir sehr gefallen. Eine ähnliche Erzählstruktur ist mir bisher noch nicht begegnet. Ebenso wie das formelle Konzept hat mich auch die gesamte Aufmachung des Buches überzeugt. Das Buch ist optisch wie haptisch gut durchdacht und es macht einfach Spaß es in Händen zu halten. Auch das Lesen macht über weite Strecke richtig Spaß. Gerade im Mittelteil des Buches entwickelt es sich zu einem spannenden Pageturner um die Familienhistorie. Die Protagonisten werden emphatisch dargestellt und ihre Geschichten berühren jeweils auf ihre eigene Weise. Leider wir das Leseerlebnis, durch die hanebüchene Rahmenhandlung, welche in 2038 erzählt wird, deutlich geschmälert. Was in der Historie noch herausstechende Zufälle sind, verkommt in der "Zukunft" zu unwahrscheinlichen Plotentscheidungen. Das Vehikel, um diese mitreißende Familiengeschichte zu erzählen, lahmt leider zu oft und verkommt zeitweise zum Kitsch.

Insgesamt hat mir also das Konzept des Buches sehr gut gefallen, leider wirkt der Anfang und das Ende aber zu unnatürlich stark konstruiert, um das Buch zu einem sehr gutem zu machen.

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Eine faszinierende, leider weggesperrte Adlige

Prinzessin Alice
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In ihrem Roman über die Großmutter des amtierenden König Charles III. trägt Irene Dische auf wenigen Seiten einige unfassbare Episoden aus dem Leben von Alice von Battenberg zusammen. Alice von Battenberg, ...

In ihrem Roman über die Großmutter des amtierenden König Charles III. trägt Irene Dische auf wenigen Seiten einige unfassbare Episoden aus dem Leben von Alice von Battenberg zusammen. Alice von Battenberg, die Enkelin von Königen Victoria, die mal ein koloniales Weltreich regierte und Tochter von Prinzessin Victoria (ja, es kann verwirrend sein), eine hochintelligente, belesene Frau (der ich aufgrund der kurzen Personenbeschreibung Autismus unterstellen würde), hatte selbst ein aufwühlendes Leben, welches dem ihrer Vorfahren und Nachkommen in nichts nachsteht. Taub geboren, lernte sie fünf Sprachen von den Lippen abzulesen und zu sprechen. Das brachte ihr bloß nicht mehr viel, als sie aufgrund ihres für ihre Familie unangenehmen Verhaltens in psychiatrische Kliniken gegen ihren Willen abgeschoben wurde. Alice war nämlich so gläubig und durchaus auch neurodivergent, dass sie der Meinung war, mit Jesus/Gott verheiratet zu sein. Im Gebet konnte sie sogar einen Orgasmus haben. Nie hat sie Eigen- oder Fremdgefährdung gezeigt, trotzdem war sie in den 1920er Jahren mit ihrem Verhalten auffällig genug, um sie bestialischen Behandlungsmethoden zu unterwerfen.

Was in diesem Roman historisch überliefert ist und was Fiktion, ist nie ganz klar. Aber die groben Informationen scheinen (laut Wikipedia) zu stimmen. So wurde ihr von u.a. Sigmund Freud die wilde Diagnose „paranoide Schizophrenie, mitverursacht durch sexuelle Frustration aufgrund einer nicht ausgelebten Leidenschaft“ diagnostiziert und verbrachte mehrere Jahre in Sanatorien eingesperrt. Ich persönlich glaube dem Roman so ziemlich alles, was hier von Alice persönlich uns berichtet wird. Für mich ist allein schon die Lebensgeschichte dieser Adligen, mit ihrem ironischen Blick auf die eigene Sippe (und deren Inzuchtsproblematik) und die Einblicke in die adligen Herrscherfamilien unglaublich aufschlussreich gewesen. Der persönliche Blick auf die Erlebnisse machen es noch interessanter, wobei ich an manchen Stellen mit der Erzählperspektive gehadert habe. Alice berichtet hier in der Vergangenheitsform rückblickend auf ihr Leben. Dabei nimmt sie nicht nur ab und an recht flapsige Formulierungen in den Mund, die so gar nicht zu einer so stolzen Adligen passen wollen, sondern scheint auch manchmal einen allwissenden Blick auf ihre Mitmenschen zu haben und deren Emotionen zu kennen. Die Leser:innen werden mit Durchbrechen der vierten Wand mitunter direkt angesprochen. In der zweiten Hälfte des Romans passiert dann noch eine Wandlung mit Alice, von der ich mir nicht sicher bin, ob diese so tatsächlich passiert ist bzw. passiert sein kann, ob sie durch den Geisteszustand der Frau in ihr selbst auftauchte, oder ob dieses Detail von Irene Dische vollkommen frei erfunden ist.

Ich muss zugeben, auch wenn ich mit dem Erzählstil durchaus gehadert habe, fand ich diese (fast) vergessene Lebensgeschichte von Alice von Battenberg wirklich unglaublich lesenswert und spannend. Mal wieder ein Werk, welches durch seine Schilderung von vergangenen psychiatrischen und psychotherapeutischen „Therapien“ an diesen zweifeln und nur den Kopf schütteln lassen. Auch die heutige Psychiatrie hat noch einiges vor sich und ist nicht lupenrein. Der Roman ruft ins Gedächtnis, dass immer die aktuelle Gegenwart von sich denkt, das Richtige für andere Menschen zu tun. Im Rückblick betrachtet aber durchaus falsch gelegen haben kann.

Insgesamt eine kurze, knackige Lektüre, die zum Nachdenken anregt und nachhallt.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 26.08.2025

Ein „Sandwichwerk“

Dr. No
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„Verdammt, ich verstehe es zwar nicht, aber ich finde es toll.“

Das oben stehende Zitat findet sich im Roman und beschreibt, wie eine Figur absolut nichts mit dem Konstrukt von nichts anfangen kann, aber ...

„Verdammt, ich verstehe es zwar nicht, aber ich finde es toll.“

Das oben stehende Zitat findet sich im Roman und beschreibt, wie eine Figur absolut nichts mit dem Konstrukt von nichts anfangen kann, aber die Auswirkungen von nichts toll findet. Alles verstanden? Nein? Das ist nicht schlimm. Dieser Roman ist absurd und abstrakt, darauf muss man sich einlassen können.

Percival Everetts Roman „Dr. No“, welcher im englischsprachigen Original bereits 2022 zwischen den großartigen Werken „The Trees“ („Die Bäume“) und „James“ erschien. Wir in Deutschland bekommen den Roman also zeitversetzt und nach „James“ zu lesen. Im Vergleich zu den beiden genannten Werken wirkt „Dr. No“ allerdings wie das berüchtigte, mittlere, problembehaftete „Sandwichkind“ aka „Sandwichwerk“. Und handelten die beiden anderen von so vielen Dingen, handelt „Dr. No“ von nichts. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der autistische Mathematikprofessor Wala Kitu (was „nichts nichts“ bedeutet) ist Spezialist für genau das: Nichts. Nun will der Schurke John Sill das Wissen von Wala nutzen, um den USA nichts anzutun, denn dies sei der mächtigste Weg als Schurke zu agieren, den es für ihn gibt. Reich ist er schon. Macht hat er dadurch auch schon. Was will er mehr? Rache! Und so entspinnt sich eine James-Bond-Parodie, die stark beginnt aber meines Erachtens eher schwach endet.

Vor allem aufgrund seiner Experimentierfreudigkeit als auch bösem Humor und absoluter Sprachvirtuosität ist Percival Everett einer meiner bevorzugten Autoren. Aber diese Experimentierfreudigkeit kann auch dazu führen, dass ein Buch nicht so wirklich funktioniert. Und leider ist dies hier geschehen. Die ersten Kapitel des Romans waren wirklich großartig und ich dachte, ein 5-Sterne-Buch vor mir zu haben. Wala ist unser Ich-Erzähler und er ist Autist. Die Gedanken und Dialoge dieses Menschen hat der Autor absolut authentisch erschaffen können. Eigentlich noch nie habe ich mich so wohlgefühlt mit einem Ich-Erzähler. Gerade in der ersten Hälfte des Romans besticht Everett damit, Wala mathematikphilosophische Monologe vom Feinsten zu entwerfen. Auch der bereits von ihm bekannte Humor findet Einzug in diesen Roman und ich musste so oft laut auflachen ob des trockenen Humors als auch der schieren Verrücktheit . Grandios. Aber eben hauptsächlich in der ersten Hälfte grandios.

Aber etwa zur Hälfte begann das Buch zu schwächeln. Alle lohnenswerten Witze waren gemacht, die philosophischen Elemente ausgeschöpft, die Bond-Parodie hatte ihren Lauf genommen. Der Rest des Buches wirkte wie eine uninspirierte Abarbeitung des Spoinageplots. Es gab noch ein paar andere Kleinigkeiten – Nebenhandlungen, die zu nichts führten, merkwürdige Charaktere, die spät in der Geschichte eingeführt wurden und keinen Zweck erfüllten –, die mir das Gefühl gaben, dass das Buch eine sorgfältigere Überarbeitung hätte gebrauchen können.

Ich würde den Roman dennoch wegen der cleveren Wortspiele und der unglaublich authentischen Erzählstimme des autistischen Protagonisten empfehlen und runde mit sehr viel Wohlwollen auf 4 Sterne auf. Aber Everett hat eindeutig schon Besseres geleistet. Ich hoffe somit, dass dieses Werk eher ein „Ausrutscher“ zwischen zwei großartigen Werken war und wir als nächstes wieder die bekannte Klasse von Everett erleben können.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Eine Erzählung über eine Krebsbehandlung in New York und "Heilung" in Myanmar

Alles zählt
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In ihrem stark autobiografischen Roman begibt sich Verena Lueken zurück nach New York, dem Ort, der ihre innere Heimat beherbergt. Ohne viel Pathos aber mit vielen (pop-)kulturellen und literarischen Querverweisen ...

In ihrem stark autobiografischen Roman begibt sich Verena Lueken zurück nach New York, dem Ort, der ihre innere Heimat beherbergt. Ohne viel Pathos aber mit vielen (pop-)kulturellen und literarischen Querverweisen beschreibt die Autorin die Überwindung eines dritten Lungenkrebsausbruchs. Gemeinsam mit der Protagonisten, welche keinen Namen trägt, die wir nur als "sie" kennenlernen, streift die Leserin durch einen überhitzten New Yorker Sommer, erfährt Gedanken zum Sterben und über bereits Verstorbene aus dem Leben der Protagonistin.

Diese Erzählung liest sich nicht immer - eigentlich erst zum Ende hin - einfach. Dies mag nicht nur am bleischweren Inhalt liegen, sondern auch an der personalen Erzählperspektive über "sie". Denn gerade, wenn "sie" über die Beziehung zu ihrer verstorbenen Mutter sinniert, wird es oft schwer, auseinander zu halten, welche Gedanken, Sätze und Gefühle nun zu "ihr" der Protagonistin oder zu "ihr" der Mutter gehören. Auch die genutzten Abkürzungen von Vornamen wichtiger Personen aus dem sozialen Umfeld, reduziert auf einen Buchstaben, macht ein Verstehen der komplizierten Familienverhältnisse schwerer, als es sein müsste. Hat man sich dort hindurch gearbeitet, arbeitet man sich gemeinsam mit der Protagonistin durch die strapaziöse Schmerztherapie. Diese gibt die Autorin sehr gut wieder und es verstärkt sich der Eindruck, dass diese Erzählung ohne den autobiografischen Hintergrund so nicht hätte entstehen können. Vor allem der dritte Teil des Romans mit einer Begegnung in Myanmar gibt ihm ein sowohl inhaltliches wie auch stilistisch leichteres Ende.

Insgesamt handelt es sich um eine nicht immer leichte, aber solide Geschichte über das Sterben und dann doch Überleben. Wer sich dafür interessiert, wird hier sicherlich eine interessante und anspruchsvolle Lektüre finden. Für Einsteiger scheint mir der Roman nicht geeignet. Man braucht Zeit dafür trotz knapper 200 Seiten, aber diese lohnt sich. Und wie die Autorin selbst im Buch schreibt: "Sterbebücher neigen dazu, kurz zu sein. Die meisten Schriftsteller fangen spät damit an, da wird die Zeit, sie zu schreiben, oft knapp. ... Tote schreiben keine Bücher, und so war es ihr recht, mit den Sterbenden so nah es ging an diesen Augenblick im Leben aller Menschen heranzurücken. In der Vorstellung und in Gedanken." Dies tun wir mit dem vorliegenden Buch ebenso.

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