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Veröffentlicht am 27.08.2025

Gaslighting

Da war doch nichts
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„Da war doch nichts“ von Jakub Stanjura
Verlag: Anthea

„Wahrheit gibt es nur eine. Nicht greifbar, aber trotzdem objektiv! … oder ist die Wahrheit relativ und hängt von der Perspektive ab?“

Gaslighting ...

„Da war doch nichts“ von Jakub Stanjura
Verlag: Anthea

„Wahrheit gibt es nur eine. Nicht greifbar, aber trotzdem objektiv! … oder ist die Wahrheit relativ und hängt von der Perspektive ab?“

Gaslighting - unsere Protagonistin erfährt dies in der Familie, als Tochter und Schwester, dann in ihrer Beziehung.

Stereotypisch führen Štěpán und Daniela ihre Beziehung, welche Wohltat, vor allem im August. Und doch bleibt dieser Monat unausweichlich: wenn die Mutter Ferien hatte, die Schwester überall blaue Flecken trug und Danielas Kleidung immer enger wurde.
Diesem August kann sie nicht entkommen. Doch die Routine in ihrer Beziehung macht sie stärker, vielleicht kann sie sie retten. Vor den Augusten.

Vor den physischen Schmerzen, die ihrer Schwester zugefügt wurden. Vor der Kontrolle über ihre Körper, dem Schweigen, dem Leugnen, diesem ewigen:
„Da war doch nichts!“

Oder ist es nur ihre Phantasie? Daniela ist sich sicher und doch schweigen Vater und Schwester. Mutter gibt es nicht mehr. Niemand spricht mit ihr, niemand will mit ihr darüber reden. Also bleibt ihr nur, ihre Wahrheit auf Papier zu bringen.

Doch nun verwischen ihre Persönlichkeiten in der Beziehung. Daniela hat sich Mühe gegeben, kompatibel zu sein - mit Štěpán! Und doch ist sie sich selbst abhandengekommen.
Kontrolle, Zweifel, Angst und die Frage: Ist Štěpán wirklich so fürsorglich? Oder bildet sie sich alles nur ein?

Ein wahnsinnig intensiver Roman über Gaslighting. Was ist Wahrheit, was Einbildung? Jakub Stanjura überzeugt mit seiner klaren Sprache. Die Hilflosigkeit und Verletzlichkeit sind auf jeder Seite spürbar. Eindringlich lässt er uns teilhaben an Danielas Zweifeln: Was stimmt? Warum leugnen es alle? Ist alles in Ordnung mit mir?

Ein literarisches Debüt, das erschüttert und zeigt, wie zerstörerisch Gaslighting ist.

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Veröffentlicht am 24.08.2025

Hörbuch Highlight

Der Lehrer – Will er dir helfen oder will er deinen Tod?
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„Der Lehrer“ von Freida McFadden, gelesen von
Gabrielle Pietermann, Rubina Nath, Vincent Fallow
Verlag: Random House Audio
Dauer: 9 Stunden 9 Minuten

Ich beginne mit dem Ende: Dieser Thriller ist ein ...

„Der Lehrer“ von Freida McFadden, gelesen von
Gabrielle Pietermann, Rubina Nath, Vincent Fallow
Verlag: Random House Audio
Dauer: 9 Stunden 9 Minuten

Ich beginne mit dem Ende: Dieser Thriller ist ein absoluter Pageturner und der Epilog gibt ihm noch einmal den letzten, fulminanten Kick! Freida McFadden ist ohne Zweifel ein begnadetes Talent, wenn es um Thriller geht.
Eve Bennett, Mathelehrerin, deren Leben scheinbar geordnet verläuft und ihr Mann Nate, Englischlehrer, charismatisch und beliebt, unterrichten an der Highschool. Ihre Ehe, nach außen strukturiert und perfekt, birgt Geheimnisse.
Als Addie, ein 16-jähriges Mädchen, das im Vorjahr einen Skandal auslöste, in Eves Klasse auftaucht und gleichzeitig in Nates Kurs sitzt, beginnt eine gefährliche Dynamik.
Addie wirkt wie ein zerbrechliches Geheimnis, voller Widersprüche, gezeichnet von inneren Rissen und einer Einsamkeit, die sie zugleich verletzlich und undurchschaubar macht. Nate nimmt sich ihrer an, er ist einfühlsam und verständnisvoll. Freundlich und hilfsbereit - doch wie weit darf Fürsorge zwischen Lehrer und Schülerin eigentlich gehen?
McFadden versteht es meisterhaft, Leser:innen und Hörer:innen in einen Sog zu ziehen. Man glaubt, die Handlung zu durchschauen, nur um kurz darauf wieder an den eigenen Wahrnehmungen zu zweifeln. Nichts ist so, wie es scheint und gerade darin liegt die Sogwirkung dieses Thrillers. Die Figuren sind vielschichtig, ihre Gedanken und Gefühle klar und intensiv gezeichnet.
Die Sprecher:innen Gabrielle Pietermann, Rubina Nath und Vincent Fallow verleihen der Geschichte zusätzlich eine beeindruckende Authentizität. Mit Tonlage, Ausdruck und perfektem Rollenverständnis verstärken sie die Spannung und machen das Hörbuch zu einem echten Erlebnis.
Die Kapitel sind kunstvoll aufgebaut, voller Wendungen und falscher Fährten, bis am Ende deutlich wird, wie nah Liebe und Hass beieinander liegen. Ohne zu viel zu verraten: Dieses Hörbuch hat mich so in den Bann gezogen, dass ich es nahezu ohne Pause durchgehört habe.
Ein packender, brillant erzählter Thriller, dessen Spannung bis zur letzten Minute anhält.
Gerne vergebe ich fünf Sterne und eine Empfehlung für dieses Highlight.

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Gänsehaut feeling

Panik
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“Panik - Dieses Haus will deinen Tod” von Sebastian Halm
Verlag: Goldmann

Ein Thriller, den man nicht mehr aus der Hand legen kann. Ich habe dieses Buch verschlungen, eingesogen und war zugleich fasziniert ...

“Panik - Dieses Haus will deinen Tod” von Sebastian Halm
Verlag: Goldmann

Ein Thriller, den man nicht mehr aus der Hand legen kann. Ich habe dieses Buch verschlungen, eingesogen und war zugleich fasziniert wie entsetzt.
Was uns ein Haus, ein System, ein Mensch antun kann!
Ruth und Bill verbringen ein Wochenende in einem Luxus-Strandhaus an der Ostsee. Abgelegen, mit allem erdenklichen Komfort, wollen sie hier ihre Ehe retten. Doch schon beim Betreten irritiert der Anblick: Putzutensilien liegen verstreut, als hätte jemand mitten in der Arbeit aufgehört. Die Vormieter haben ihre Hygieneartikel zurückgelassen und sogar Koffer samt Inhalt stehen noch in der Ankleide.
Seltsam. Und dann, in der ersten Nacht, verschwindet Bill. Ruth findet ihn schließlich, draußen im Garten, auf der anderen Seite des riesigen Panoramafensters. Doch das Glas spiegelt das Innere, sie kann ihn nicht mehr sehen. Keine Chance, von seinen Lippen abzulesen oder in Gebärdensprache zu kommunizieren.
Keine Möglichkeit, sich zu verständigen.
Schnell wird klar: Das KI-gesteuerte Sicherheitssystem hat das Kommando übernommen. Es sorgt nicht für Sicherheit, es macht Jagd und verbreitet Todesangst. Getrennt voneinander müssen Ruth und Bill ums Überleben kämpfen. Für Ruth, die gehörlos ist, ist das eine beinahe unüberwindbare Hürde.
Ein Hund taucht auf, versucht das Paar zu warnen. Doch es ist längst zu spät. Das System hat Hostilitätslevel 4 aktiviert.
Sebastian Halm hat hier ein atemloses Debüt geschaffen: fesselnd, beklemmend und erschreckend vorstellbar. Die KI wirkt so real, dass man sich unweigerlich fragt, wie nah wir dieser Zukunft schon sind. Die Emotionen der Protagonisten sind so eindringlich beschrieben, dass man sie fast körperlich spürt.
Packend und mitreißend steigert sich der Spannungsbogen bis zum Äußersten und endet in einem stimmigen Schluss. Die Angst vor einer KI, die angeblich nur Befehle befolgt oder längst ihren eigenen Willen hat, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren.
Was erwartet uns in Zukunft? Oder ist diese Zukunft längst da?
Ruth und Bill im Kampf um Leben und Tod, ein Kampf, der aussichtslos scheint. Und doch gibt es immer Hoffnung. Die Frage ist nur: Wird sie dieses Mal reichen?
Ich kann den Thriller von Sebastian Halm absolut empfehlen!

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Veröffentlicht am 12.08.2025

Ein starker Buch

Die Passantin
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„Die Passantin“ von Nina George
Verlag: Kein & Aber

Ein Buch, das leise kommt und mit einer Wucht zuschlägt. Ein Roman, der nachhallt.

Jeanne Patou – diesen Namen gibt ihr ihr Mann. Sie ist eine gefeierte ...

„Die Passantin“ von Nina George
Verlag: Kein & Aber

Ein Buch, das leise kommt und mit einer Wucht zuschlägt. Ein Roman, der nachhallt.

Jeanne Patou – diesen Namen gibt ihr ihr Mann. Sie ist eine gefeierte Filmikone. Eine Frau in der Öffentlichkeit. Doch innerlich längst verloren. Als sie plötzlich im Fernsehen ihr eigenes Bild sieht, unterlegt mit der Nachricht ihres Todes bei einem Flugzeugabsturz, sitzt sie in einer Bar und denkt nur: Ich bin tot?!

Die Welt trauert um Jeanne Patou. Und Jeanne? Sie erkennt: Das ist meine Chance.
Eine Chance, allem zu entkommen: ihrer Ehe, ihrer Rolle, der Frau, zu der Bernard, ihr Ehemann, sie gemacht hat. Eine toxische Liebe, ihre größte Obsession und zugleich ihr tiefster Schmerz. Jeanne ergreift die Möglichkeit. Und lässt alles zurück. Ihre Töchter. Ihre Identität. Ihre Jeanne.

Sie sucht sich selbst.
Inmitten von Frauen, die ebenfalls ihre Geschichten und Verluste tragen, findet sie ein neues Leben. Ein Haus in Barcelona: still, weiblich, solidarisch.
Und eine neue Rolle: Consuela Rubio Garcia, kurz Sella.

Am Ende dieser langen Suche entdeckt sie etwas viel Tieferes: Alva.

Die Frau, die sie ist. Ohne Rolle. Ohne Spiegel.
Doch das Vergangene hat lange Schatten. Als sie viereinhalb Jahre später auf La Rambla als Passantin ihrem Ehemann begegnet, trifft sie nicht nur Bernard wieder - sie trifft auch auf eine Frau, die ihr gleicht. Und erkennt: das Spiel hat sich wiederholt. Bernard liebt in Mustern. Und zerstört in Mustern.
Es ist der Moment, in dem Jeanne nicht länger flieht. Sondern sich stellt. Nicht nur Bernard – sondern vor allem sich selbst: Alva! Ihrer Geschichte. Ihrer Obsession. Ihrem Schmerz.
Sprachlich ist dieser Roman eine Wucht. Zart, feminin, fesselnd. Und dennoch ruhig erzählt. Mit Zeitsprüngen zwischen 2015 und 2019 - zwischen Jeanne auf der Rambla, beobachtend, und der Frau, die damals nach ihrem Tod eine neue wurde.
Ein Buch über Selbstfindung. Über das Verlorensein in einer Beziehung, in der man irgendwann nicht mal mehr weiß, was man gerne isst.
Ein Buch darüber, wie tief Frauen sich verbiegen - um zu gefallen, zu funktionieren, zu überleben.
Aber auch ein Buch darüber, dass es immer einen Weg zurück zu sich selbst geben kann.
Kein Schauspiel mehr. Kein Verbiegen. Nur noch das wahre Ich.
Nina George zeigt in „Die Passantin“ eindrucksvoll, wie wichtig weibliche Solidarität ist. Wie notwendig es ist, dass wir Frauen uns gegenseitig unterstützen, zuhören, helfen, vertrauen, statt aufeinander herumzuhacken.

Denn manchmal reicht schon ein freies Zimmer. Eine offene Tür. Ein Zuhören.
„Wir sind von Wundern umgeben, die wir nicht sehen, während sie uns beim Leben betrachten.“

Und dann - wie bei Jeanne und Bernard:
„Wir sind von Wunden umgeben, die wir nicht sehen, während sie uns beim Überleben betrachten.“

Ein Roman, der in seiner Stille laut wird.
Ein Roman über das Abtauchen, das Loslassen, das Wiederauftauchen. Über das Frau-Sein und das Mensch-Sein.

Ein starkes Buch, das bleibt.

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Veröffentlicht am 10.08.2025

Beeindruckendes Debüt

Zu wenig vom Guten
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„Zu wenig vom Guten“ von Katinka Ruffieux
Verlag: Arche

Katinka Ruffieux erzählt in ihrem Debütroman von einer ungarischen Familie in der Schweiz, einem Land, das inzwischen zwar ihr Zuhause ist, aber ...

„Zu wenig vom Guten“ von Katinka Ruffieux
Verlag: Arche

Katinka Ruffieux erzählt in ihrem Debütroman von einer ungarischen Familie in der Schweiz, einem Land, das inzwischen zwar ihr Zuhause ist, aber nicht ihre Heimat. Und Ungarn? Ist es ebenso wenig.

Das Haus wie eine Forelle, im Sommer das Maul weit geöffnet, die Mauern voller Schuppen, das Innere ein riesiger Fischbauch.
Drei Abteile, drei Familien und in den Abteilen Kammern, die man nie ganz für sich hat. Die namenlose Ich-Erzählerin lebt mit ihrer Familie beengt in einer Wohnung, teilt sich das Zimmer mit Schwester und Großvater.

Ihr Wunsch nach Zugehörigkeit ist riesig, fast übermächtig. Sie versucht, sich anzupassen – mal schweizerisch, mal ungarisch.

Doch ihre ungarischen Wurzeln lassen eine schweizerische Zugehörigkeit nicht zu. Sobald sie die Sprache wechselt, immer bemüht, Deutsch zu sprechen, fühlt sie es: die Andersartigkeit, das Nicht-Dazugehören, das Fremde. Sie wünscht sich Gleichartigkeit und versteht nicht, warum ihre Familie nicht denselben Wunsch hat.

Auf Deutsch möchte sie gefallen, auf Ungarisch ist sie laut und fordernd. Doch selbst nach der Einbürgerung ändert sich wenig. Es ist nur ein Papier und wie ihre Schwester sagt: 

Wir sind nichts weiter als Papierlischwiizer!

Als der Großvater stirbt, bricht die Familie auseinander.

Der Vater zieht aus, die Mutter macht sich als Heiratsvermittlerin selbständig, die Schwester rebelliert gegen alles. Sie schließt sich radikalen Bewegungen an, nimmt Drogen, richtet ihre Wut gegen Politik, Vater, Männer - gegen so vieles. Ihre Worte verletzen, und die Erzählerin versucht, das Negative der Schwester innerhalb der kleinen Restfamilie auszugleichen. Bis die Schwester verschwindet.

Die Erleichterung der Erzählerin ist da , doch sie wiegt nicht so schwer wie die Angst der Mutter. Also macht sie sich auf die Suche.
Sie raucht Gras, schließt sich dem Krawall an – der schwimmenden Demo – doch ihre Schwester bleibt verschwunden.

Es gibt immer mehr als eine Zukunft! Ist das so? Und wie nennt man das? Zukünfte? Diese Frage stellt sich die Schwester. Ihre Gedanken sind anders, ungebändigter als die unserer angepassten Erzählerin. Aber eine muss ja anständig und normal sein, oder?

Und dann liegt sie in einem Sarg aus Glas, wird ausgestellt, alle ziehen an ihr vorbei und die Erzählerin fragt sich immer wieder: Warum?

Poetisch und feinfühlig erzählt die Autorin ungeschönt von Grenzen, Verlusten und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit – nach Akzeptanz und Verständnis. Die innere Zerrissenheit der Ich-Erzählerin ist eindringlich beschrieben.

Als Leser:in spürt man ihre Sehnsucht, die Tiefe dieser Geschichte über eine ungarische Familie in der Schweiz. Ruffieux zeigt, was es heißt, sein Land zu verlassen, neue Wurzeln zu schlagen und wie viel Anpassung nötig ist, um nicht zu verzweifeln.

Zwei Schwestern – zwei Wege.

Migration passiert nicht nur im Außen, sondern auch im Inneren – dort, wo sie unsichtbar bleibt.

Ein beeindruckendes Debüt.

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