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Veröffentlicht am 08.09.2025

Spät am Tag – eine Liebesgeschichte in allen Facetten

Spät am Tag
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In Spät am Tag erzählt Kristin Vego eine Liebesgeschichte – aber nicht glatt oder romantisiert, sondern voller Brüche, Zwischentöne und Unsicherheiten.

Johanne, frisch geschieden, verlässt die Stadt und ...

In Spät am Tag erzählt Kristin Vego eine Liebesgeschichte – aber nicht glatt oder romantisiert, sondern voller Brüche, Zwischentöne und Unsicherheiten.

Johanne, frisch geschieden, verlässt die Stadt und zieht aufs Land. Sie mietet ein Zimmer in einem großen weißen Haus, das Mikael, der ebenfalls geschieden ist, mit seiner Tochter bewohnt. In unmittelbarer Nähe lebt auch seine Ex-Frau Sofia, die in der Scheune des Hauses als Künstlerin arbeitet (weshalb ich das Cover auch mehr als passend für den Roman finde). Allein diese Konstellation wirkt wie ein fragiles Patchwork-Geflecht, in dem Nähe und Distanz ständig neu verhandelt werden.

Vego erzählt in einer sehr fluiden, poetischen Sprache. Rückblenden tauchen unvermittelt auf, Erinnerungen überlagern die Gegenwart. Die Zeit scheint nie linear, sondern fließend. Dieses Changieren kann verwirrend sein, aber gerade darin liegt die Intensität des Textes. Man liest ihn weniger als Handlung, sondern eher wie ein inneres Echo der Hauptprotagonistin Johanne.

Die Figur der Sofia bleibt für mich bis zum Schluss schwer zu fassen: mal präsent, mal bedrohlich, mit Andeutungen, die das Beziehungsgeflecht noch komplexer machen. Klarheit gibt es nicht, stattdessen ein Schweben zwischen Vermutung, Gefühl und Erinnerung.

Dass all das auf nur knapp 150 Seiten Platz findet, ist beeindruckend! Vego gelingt es, die Höhen und Tiefen einer Liebe in verdichteter Form zu zeigen, mit all ihrer Schönheit, aber auch mit den Schatten.

Ein Buch für alle, die literarische, poetische Prosa mögen, sich gerne auf sprunghafte Erzählweisen einlassen und bereit sind, mehr Fragen als Antworten mitzunehmen.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Wieso wollen immer mehr Frauen den Trad-Wife-Lifestyle leben?

Heimat
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Wieso wollen immer mehr Frauen den Trad-Wife-Lifestyle leben?

Eine Erklärung dafür liefert Hannah Lühmann in ihrem neuesten Roman „Heimat“

In der Geschichte begeleiten wir die Jana - 2-fache Mutter ...

Wieso wollen immer mehr Frauen den Trad-Wife-Lifestyle leben?

Eine Erklärung dafür liefert Hannah Lühmann in ihrem neuesten Roman „Heimat“

In der Geschichte begeleiten wir die Jana - 2-fache Mutter und schwanger mit dem dritten Kind.
Jana ist vor kurzem mit ihrem Mann Noah in neu Neubaugebiet gezogen und hofft sich dort eine Heimat für ihre Familie aufbauaen zu können.
Dort lernt sie auch die 5-fache Mutter Karolin kennen, die schnell zu Janas Vorbild wird. Karolin meistert ihren Job als Full-Time Mum bravurös und das nicht zuletzt deswegen, weil sie eben keine Doppelbelastung mit Job und Familie allein auffangen muss, und weil ihr Mann - Clemens - das nötige Kleingeld nach Hause bringt. Nachteile? Gibt es nicht… Oder?

Janas komplette Weltsicht scheint sich im Laufe des Romans in diesem Mikrokosmos aus Neubausiedlung und Trad-Wifes komplett zu verändern.
Unter anderem auch durch den sozialen Druck, der von den anderen Müttern auf sie ausgeübt wird und ihr permanent suggeriert, dass ihr Umgang mit den Kindern eigentlich nur schädlich sei. Mum Guilt incoming…

Das Buch spricht auch darüber, wie schnell Menschen in gewisse Kreise hineingeraten können, bspw. durch die enge ideologische Verknüpfung des Trad-Wife-Daseins mit der rechten Szene. Allerdings steht das nicht im Vordergrund der Story.
Es zeigt außerdem, wie Menschen anfangen nur das zu sehen, was sie sehen wollen und dass sie, selbst wenn ihnen etwas seltsam vorkommt, eher geneigt sind wegzugucken um ihr eigenes Weltbild zu bestätigen.

Lühmanns Schreibstil würde ich als einfach und flüssig bezeichnen, was das Buch leicht zugänglich macht. Ich persönlich habe es an einem Tag gelesen und konnte es auch nicht aus der Hand legen.

Einziger Kritikpunkt für mich: Das Ende war mir persönlich zu abrupt. 100 Seiten mehr hätten der Geschichte meiner Meinung nach ganz gut getan. Aber das ist wahrscheinlich Geschmackssache und fällt für mich nicht allzu sehr ins Gewicht.

Insgesamt habe ich „Heimat“ sehr gerne gelesen und mich in die Welt der Trad-Wifes und der Mom-Guilt entführen lassen. Es war ein unangenehmer Spiegel, den sich unsere Gesellschaft öfter mal vor die Nase halten sollte!

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Klassismus trifft Skurrilität

Schwanentage
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In „Schwanentage“ beleuchtet Zhang Yueran das Thema Klassismus in China am Beispiel eines Kindermädchens, das den Sohn ihrer wohlhabenden Arbeitgeber entführt, um Lösegeld zu erpressen. Doch der Plan scheitert, ...

In „Schwanentage“ beleuchtet Zhang Yueran das Thema Klassismus in China am Beispiel eines Kindermädchens, das den Sohn ihrer wohlhabenden Arbeitgeber entführt, um Lösegeld zu erpressen. Doch der Plan scheitert, als die Familie just in diesem Moment wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet wird. Was folgt, ist eine dichte, teilweise bedrückende Erzählung über soziale Ungleichheit, Schuld und Machtverhältnisse.

Man wird sehr abrupt in die Geschichte hineingeworfen und begegnet einer Reihe teils skurriler Momente (etwa einer Gans, die der Junge von einem Tiertransport „rettet“ und liebevoll „Schwan“ nennt). Dieses absurde Detail sorgt zwar für eine gewisse Leichtigkeit, wirkte aber auf mich eher deplatziert und bricht die Ernsthaftigkeit des Themas. Insgesamt hätte ich mir etwas mehr Tempo und eine stärkere Fokussierung auf die gesellschaftliche Dimension gewünscht.

Zhang Yuerans Stil ist sehr beschreibend und detailreich, was gut zur introspektiven Erzählweise passt. Besonders eindringlich fand ich den Hintergrund der Protagonistin Yu Ling:
Ihr Weg zeigt deutlich, wie ungleich Bildungschancen verteilt sind und wie selbstverständlich wir hier in Deutschland oft Privilegien betrachten, die anderswo unerreichbar bleiben!

Trotz dieser spannenden Ansätze konnte mich das Buch emotional nicht ganz abholen. Das Ende ließ mich etwas ratlos zurück, und der skurrile Ton hat den ernsten Kern für mich teilweise überdeckt.

Fazit: „Schwanentage“ ist empfehlenswert für alle, die einen ersten Einblick in den chinesischen Klassismus suchen und sich für soziale Realitäten unterhalb der Oberschicht interessieren. Wer jedoch auf der Suche nach Tiefgang und klarer gesellschaftlicher Analyse ist, oder mit surrealen Elementen wenig anfangen kann, dürfte hier nicht ganz auf seine Kosten kommen.

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Veröffentlicht am 17.04.2026

Wenn Trauma zur Kulisse wird

Schlaf
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„Schlaf“ von Honor Jones beginnt mit einer Wucht, die kaum auszuhalten ist und verliert sich dann leider genau dort, wo es eigentlich wehtun müsste.

Im Zentrum der Geschichte steht eine Frau, die in ihrer ...

„Schlaf“ von Honor Jones beginnt mit einer Wucht, die kaum auszuhalten ist und verliert sich dann leider genau dort, wo es eigentlich wehtun müsste.

Im Zentrum der Geschichte steht eine Frau, die in ihrer Kindheit sexuelle Übergriffe durch den eigenen Bruder erlebt hat - Berührungen und intime Videoaufnahmen. Dabei wird früh klar, das von Seiten der Eltern keine Hilfe zu erwarten ist. Die Mutter schützt den Sohn und die Tochter bleibt mit ihren Gefühlen allein zurück. Diese familiäre Dynamik ist kein Einzelfall, sondern ein präzises Abbild patriarchaler Strukturen im Kleinen: männliche Täter werden geschützt, während weibliche Opfer funktionieren sollen. Gerade im ersten Teil entfaltet sich hier eine beklemmende Klarheit.

Und dann? Verliert das Buch irgendwie die Nerven.

Statt die aufgeworfenen Konflikte weiter zu vertiefen, verzettelt sich die zweite Hälfte in einer Vielzahl von Nebenschauplätzen, die für mich weder erzählerisch notwendig noch thematisch schlüssig waren. Für mich besonders ärgerlich, weil hier spürbar Potenzial verschenkt wird. Die Geschichte hätte mMn von Fokus profitiert: weniger Nebenstränge, mehr Konsequenz in der Auseinandersetzung mit Trauma, Schuld und familiärer Komplizenschaft.

Stattdessen wirkt das Ende überhastet, fast beiläufig abgehandelt. Für ein Thema, das so tief geht, war mir das zu dünn.

Was den Roman dennoch trägt, ist der Stil. Honor Jones schreibt klar, präzise, mit einem Sog, der einen durch die Seiten zieht, selbst wenn der Inhalt schwächelt.

Für mich bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Die erste Hälfte hat mich wirklich gepackt und auch wütend gemacht. Die zweite Hälfte hat dagegen eher Frustration bei mir ausgelöst. Nicht, weil sie unbequem wäre, sondern weil sie ausweicht.

Fazit: Ein Roman, der ein hochrelevantes Thema mit großer erzählerischer Präzision anreißt und es dann aus der Hand gibt.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Irreführung mit literarischem Anspruch

Trag das Feuer weiter
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Der Klappentext verspricht eine Geschichte über Gedächtnislücken, Long Covid und die mühsame Rekonstruktion einer Familienvergangenheit. Was „Trag das Feuer weiter“ tatsächlich liefert, ist etwas anderes: ...

Der Klappentext verspricht eine Geschichte über Gedächtnislücken, Long Covid und die mühsame Rekonstruktion einer Familienvergangenheit. Was „Trag das Feuer weiter“ tatsächlich liefert, ist etwas anderes: der dritte Band einer Familiensaga, der ohne Vorwarnung so tut, als wären wir längst Teil dieses genealogischen Kosmos. Wer, so wie ich, eine eigenständige Auseinandersetzung mit Krankheit, Erinnerung und Identität erwartet, wird erst irritiert und dann zunehmend ungeduldig.

Der Prolog stützt dabei erstmal genau diese Erwartung: Long Covid, Erinnerungslücken, eine Erzählerin, die sich tastend ihrer Vergangenheit nähert. Doch nach diesem Auftakt folgt ein abrupter Bruch. Statt einer subjektiven Rekonstruktion entfaltet sich eine breit angelegte Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg. Fragmentarisch erzählt, mit Perspektivwechseln, die nicht immer organisch ineinandergreifen. Ich habe lange darauf gewartet, dass „die eigentliche Story“ wieder aufgenommen wird, aber wurde hier enttäuscht.

Inhaltlich kreist der Roman dabei stark um Identität und Zugehörigkeit. Marokko erscheint als Schmelztiegel unterschiedlicher Herkünfte, Sprachen und sozialer Milieus. Klassismus durchzieht das Gefüge ebenso wie die Herabsetzung der arabischen Bevölkerung gegenüber der französischen. Diese kolonial geprägten Hierarchien strukturieren Biografien, Selbstbilder und Lebenswege. Slimani zeigt, wie tief patriarchale Strukturen und postkoloniale Machtverhältnisse in familiäre Dynamiken eingreifen.

Besonders eindrücklich war für mich die Figur der Inés: als Kind von den Eltern geliebt, von der Schwester gehasst, bewegt sie sich durch diese Spannungsfelder mit einer fast stoischen Selbstbehauptung. Sie ist keine Heldin im klassischen Sinn, sondern eine Figur, die sich dem familiären Erwartungsdruck entzieht, ohne laut zu rebellieren. In ihr verdichtet sich das Thema weiblicher Selbstverortung zwischen Loyalität und Eigensinn.

Sprachlich blieb der Roman für mich kühl und fragmentarisch. Die Perspektivwechsel erzeugen Distanz statt Intimität. Das kann man als bewusste ästhetische Entscheidung lesen - als Spiegel einer zerrissenen Identität. Für mich hatte es eher den Effekt, dass vieles an mir vorbeirauschte. Es fehlte ein erzählerischer Sog, eine innere Dringlichkeit.

Gesellschaftskritik ist vorhanden: Klassismus, koloniale Nachwirkungen, patriarchale Familienstrukturen. Aber sie entfaltet sich nicht als scharfe Anklage, sondern als stilles, fast beiläufiges Mitlaufen im Hintergrund. Vielleicht ist das literarisch konsequent. Emotional hat es mich leider kaltgelassen.

Was bleibt, ist der Eindruck eines Romans, der mehr sein will, als er einlöst und eines Marketings, das falsche Versprechen macht. Nicht das Thema ist dabei für mich das Problem, sondern die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Ausführung. Ein literarisch ambitionierter Text, der an seiner Rahmung scheitert und mich unbefriedigt zurücklässt.

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