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Veröffentlicht am 10.09.2025

Von der Selbstabschaffung

Haus zur Sonne
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Thomas Melle greift in seinem aktuellen Werk erneut sein Lebens- und Leidensthema auf: Das Leben – bzw. in diesem Fall das Sterben – mit bipolarer Störung. Beginnt der Roman noch mit sicherlich vielen ...

Thomas Melle greift in seinem aktuellen Werk erneut sein Lebens- und Leidensthema auf: Das Leben – bzw. in diesem Fall das Sterben – mit bipolarer Störung. Beginnt der Roman noch mit sicherlich vielen autobiografischen Anteilen, wenn es um das erneute Aufflammen von Manie und darauffolgender Depression nach einer langen Lebensphase eines scheinbar „normalen“, scheinbar neurotypischen Autoren geht, der zuletzt ein hoch gelobtes Werk über seine bipolare Störung geschrieben hat und nun, vier Jahre nach den ersten manischen Symptomen der aktuellen Episode am absoluten Ende steht. Nicht nur psychisch am Ende, sondern auch finanziell, sozial, gesellschaftlich. Mit der Erkenntnis, dass diese Erkrankung wirklich und unumkehrbar chronisch ist und ihn bis ans Ende seines Lebens nicht nur begleiten sondern auch immer wieder zerstören wird, entschließt er sich (erneut) zu Sterben. Selbstmordversuche gab es in der Vergangenheit bereits, doch nun entdeckt er im Wartezimmer des Arbeitsamtes einen Flyer für das „Haus zur Sonne“, welches ein „Pilotprojekt zur Lebensverbesserung, Traumverwirklichung, Selbstabschaffung“ verspricht. Er bewirbt sich und darf in diese Klinik der etwas anderen Art einziehen. Aber nur, bis zu seinem assistierten Suizid.

Der Autor stellt in seinem Roman authentisch und glaubhaft dar, wie stark die Erkrankung der bipolaren Störung an einem Menschen zehren kann bis zu dem Punkt der absoluten Verzweiflung, dass ein Suizid als einziger Ausweg erscheint. Und er straft die neurotypischen Menschen Lügen, die selbstbewusst und lebensfroh an der Behauptung festhalten, der oder die Betroffene müsse nur noch mehr Therapien, Medikationen, Lebensveränderungen durchführen, sodass es sich doch immer lohne weiterzuleben. Nein, in manchen Fällen fällt die Bilanz stets negativ aus und hier muss offen darüber gesprochen werden, ob diesen Menschen nicht ein würdevoller Abgang ermöglicht werden sollte. Das „Haus zur Sonne“ bietet hier nun den fiktionalen Anteil des Werkes von Melle. Denn hier sind sogenannte „Simulationen“ möglich. Diese gelingen durch eine (bisher noch nicht existierende) Technik, die absolute Immersion ermöglicht und die Klienten der Klinik alle nur vorstellbaren Situationen mit allen Sinnen und Emotionen durchspielen lassen kann. Am Ende steht aber für jede:n Teilnehmer:in der Tod.

Melle legt vollkommen unverblümt das Abwägen zwischen Leben und selbstgewähltem Tod offen. Er verwirklicht etwas, was der Ich-Erzähler im Roman wie folgt zusammenfasst:

„Die, die da draußen erzählen und veröffentlichen, sind eh die Überlebenden. Sie waren stark genug. Wo sind all die anderen, die nicht erzählen konnten, die untergingen? Und wie wäre es also mit einer Geschichte, in der keiner gerettet würde? Die eben nicht von einer Rettung handelte, sondern im Gegenteil von einem langsamen Untergang eines Unrettbaren oder vieler Unrettbarer? Die vielleicht nicht einmal eine Botschaft mit sich brächte? Und die dennoch aus ihrer Warte erzählt wäre, nicht auktorial, nicht von einem Checkerautor zusammengehalten, der am Ende meist doch gar nicht weiß, was es heißt, wirklich unrettbar verloren zu sein?“

Nach dieser Passage sollte sich jede und jeder ein eigenes Bild davon machen, ob er oder sie diesem Buch gewachsen ist. Eins ist klar: Man wächst mit dem Buch, egal von welcher Warte aus man das Lesen beginnt!

Dass dieses Buch sich alle Zeit der Welt nimmt, um in Ruhe die Argumente für und wider des assistierten Suizids am Beispiel dieses geplagten Autors herauszuschälen und genau das einlöst, was in dem Zitat oben auf der Metaebene den Lesenden vermittelt wird, macht für mich den Roman, neben seinen sprachlichen Stärken und seiner Authentizität, zu einem sehr wichtigen und vor allem lesenswerten Werk. Es geht um „einen andere, einen menschenfreundlicheren, würdigeren Umgang und Zugang“ mit und zum Thema. Vor allem macht der Roman eins deutlich: Bei einem Menschen, der seit Jahren Selbstmordgedanken hat, geht es nie um eine sogenannte „Kurzschlussreaktion“, die einfach verhindert werden könnte. Es ist ein langwieriger, kräftezehrender Prozess bis dies als der einzige Ausweg erscheint. So muss man sich auch zeitweise durch diesen Roman kräftezehrend hindurchkämpfen. Aber genau das ist meiner Vermutung nach auch so gewollt, um klarzumachen: Nehmt die Gedanken von jemandem, der diese Gedanken hat, niemals auf die leichte Schulter, denkt niemals, es wäre einfach an diesen Punkt zu kommen geschweige denn einfach wieder von diesem Punkt wegzukommen.

Eine klare Leseempfehlung von meiner Seite für diese Mischung aus autobiografischem Roman und Fiktion, um ein Thema im wahrsten Sinne des Worte zu Ende zu denken.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Das Cover ist Programm

Die Gespenster von Demmin
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Der Trauerschwan auf dem Cover (eine wunderbare Zeichnung) macht das Programm für dieses Debüt klar: Hier geht es um Trauer, und das über mehrere Generationen hinweg. Denn so wie der Trauerschwan sein ...

Der Trauerschwan auf dem Cover (eine wunderbare Zeichnung) macht das Programm für dieses Debüt klar: Hier geht es um Trauer, und das über mehrere Generationen hinweg. Denn so wie der Trauerschwan sein schwarzes Federkleid an alle seine Nachkommen weitergibt, so wird im Ort Demmin die Trauer bzw. das Trauma weitergegeben. Verena Keßler verwebt gekonnt die historische Vorlage des Massenselbstmords im Ort Demmin zum Ende des Zweiten Weltkrieges mit der Geschichte eines 15jährigen Mädchens.

Obwohl das Thema tonnenschwer klingt, ist das Buch keineswegs derartig geschrieben. Flott - statt in einem schleppenden Trauermarsch - liest man durch diesen Roman und fiebert mit der jungen Protagonistin mit. Geschickt stellt die Autorin der aus der Ich-Perspektive des Mägchens "Larry" in wechelnden Kapiteln die aus der personalen Perspektive erzählten Kapitel über die Nachbarin, welche den damaligen Massenselbstmord als junges Mädchen überlebt hat, gegenüber. So erfahren wir Stück für Stück mehr über den historischen Hintergrund des Ortes und dessen Bewohner. Ich habe dieses Buch wirklich sehr gern gelesen. Da mir die Hintergrundgeschichte bereits bekannt war, hatte ich mir noch mehr Details erhofft. Wenn man den Roman aber ohne diesen vielleicht zu hohen Anspruch liest, ist er wirklich ein ganz großartiges Debüt geworden.

Mir war es letztendlich ein wenig zu viel Jugendroman, aber das ist Geschackssache. Deshalb auch "nur" die 4,5 Sterne für diese ansonsten im Gesamtpaket mit dem Cover wirklich sehr empfehlenswerte Veröffentlichung.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Interessante Sichtweisen

Das Licht der letzten Tage
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Mich hat der Roman von Emily St. John Mandel (was für ein Name!), welcher in einer Zeit 20 Jahre nach dem Ausbruch einer äußerst tödlichen sowie sich schnell verbreitenden SARS-Mutation als auch auch mithilfe ...

Mich hat der Roman von Emily St. John Mandel (was für ein Name!), welcher in einer Zeit 20 Jahre nach dem Ausbruch einer äußerst tödlichen sowie sich schnell verbreitenden SARS-Mutation als auch auch mithilfe von Rückblicken in unserer prä-corona-Gegenwart spielt, durch seine teilweise überraschende Unkonventionalität überzeugen.

Zum einen finde ich den gewählten Zeitraum von 20 Jahren Abstand zur Apokalypse einen bisher selten bis gar nicht beluchteten. Wenn man nicht nur wissen will, was akut in dem Moment passiert, wenn eine Zivilisation zusammenbricht oder wie es ihr erst Jahrjunderte später geht, so erhält man hier einen guten Eindruck davon. Auch wirken die Rückblicke zunächst wie Null-Acht-Fünfzehn-Geschichten, entwickeln mit zunehmender Seitenzahl jedoch auch einen zunehmenden Sog und eine unerwartete psychologische Tiefe. Die Autorin tut natürlich den Lesenden einen Gefallen, wenn sie sorgfältig alle Erzählstränge im Blick behält und diese am Schluss auch gekonnt zusammenführt. Die Charaktere sind glaubwürdig konstruiert und man begibt sich gern mit ihnen auf die Reise durch eine neue, vielleicht gar nicht so düstere Zeit. Übrigens finde ich es sehr erfrischend, dass die Autorin in diesem Endzeitroman mal nicht ausnahmslos Hoffnungslosigkeit verbreitet noch die Schilderung von Gewalt zum Schockeffekt verkommen lässt.

Die zweite Hälfte des Romans, nachdem ich vollkommen in die Geschichte eingetaucht war, las sich wie Butter runter und war unglaublich spannend geschrieben. Damit bekommt dieser post-apokalyptischer Roman insgesamt eine klare Leseempfehlung von mir.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ist unser Lebensweg und unser Ende vorgezeichnet?

Serpentinen
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Wenn der Urgroßvater, der Großvater und der Vater Selbstmord begangen haben, ist dies dann auch das vorgezeichnete Schicksal für den Sohn? Und den Sohn des Sohnes? Düster zeichnet Bov Bjerg eine (männliche) ...

Wenn der Urgroßvater, der Großvater und der Vater Selbstmord begangen haben, ist dies dann auch das vorgezeichnete Schicksal für den Sohn? Und den Sohn des Sohnes? Düster zeichnet Bov Bjerg eine (männliche) Familiengeschichte von Depressionen, Angst, Aggression. "Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Pioniere." so wird das jeweilige Ende der Vorfahren festgehalten in diesem großartigen Roman.

Diese Worte könnten abschrecken vor dem Roman "Serpentinen". Ebenso wie der Einstieg in das Buch. Vor allem die bis auf ein Minimum reduzierte, einsilbige Sprache des Autors macht es der Leserin zu Beginn schwer, eine Verbindung zum Ich-Erzähler aufzubauen. Fragmentarisch - mitunter kryptisch - muten die kurzen Sätze und Absätze an. Manchmal weiß man gar nicht, was der Autor mit einer bestimmten Aussage vermitteln will. Aber hat man sich erst einmal durch die ersten 20 bis 30 Seiten durchgekämpft und noch nicht aufgegeben (auf keinen Fall aufgeben!), öffnet sich die Sprache, das Buch und somit auch die tiefgreifende und ergreifende Lebens- und Familiengeschichte des Ich-Erzählers. Wir begeben uns auf einen tiefschwarz eingefärbten Roadtrip mit dem Erzähler und seinem siebenjährigen Sohn. Durchsetzt von Erinnerungs- und Legendenfetzen. "Legenden" werden hier die Erzählungen, welche von Genereation zu Generation der väterlichen Seite der Familie weitergegeben werden, genannt. Die Situation, die Ungewissheit, was der Erzähler eigentlich vorhat und was er letztendlich tun wird, wird immer spannender. Man bangt um das Leben des Erzählers und seines Sohnes.

Soziologie, Psychologie und Geografie. Vieles spielt in diesem Roman eine Rolle, um die Gedanken und Handlungen des Erzählers zu verstehen. Nach der Lektüre hat man das Gefühl, trotzdem nur die Häfte verstanden zu haben und am besten gleich das Buch noch einmal von vorn lesen zu müssen, zu wollen. Ich verzeihe dem Autor den schwierigen Einstieg und komme zu dem Schluss, dass ich diesen Roman als überwältigend einschätze.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Einfach ein schöner Roman! 4,5 Sterne.

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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Wenn ich eine Rezension zu einem Roman schreibe, frage ich mich natürlich, was das Herausstechendste an diesem Buch ist. Wie lässt es sich gut beschreiben? Hier ist es eindeutig das kleine Wörtchen "SCHÖN". ...

Wenn ich eine Rezension zu einem Roman schreibe, frage ich mich natürlich, was das Herausstechendste an diesem Buch ist. Wie lässt es sich gut beschreiben? Hier ist es eindeutig das kleine Wörtchen "SCHÖN". Und das ist vollkommen positiv gemeint, nicht etwa wie bei dem Wort "nett" ;)

Alena Schröder beschreibt auf diesen 370 - wirklich süffig geschriebenen - Seiten die Geschichte von vier Frauengenerationen einer Familie, die im 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts mit der Findung ihrer eigenen Rolle im Leben aber auch mit politischen Umbrüchen und Verfolgung zu kämpfen haben. Alle Figuren, auch die Nebencharaktere, entwirft die Autorin wirklich unglaublich authentisch und nachvollziehbar in ihren Handlungen. Niemand ist hier Heldin oder Monster. Alle haben Stärken und Schwächen und können moralisch wie politisch nicht eindeutig in schwarz oder weiß, gut oder böse, erfolgreich oder erfolglos eingeteilt werden. Die Geschichte wird zügig von 1922 bis zum Hier und Jetzt in wechselnden Episoden erzählt. Dabei verliert die Autorin nie die Leser*innen, kann stets schlüssig Zeitsprünge herleiten. Das alles liest sich, trotz der normalerweise in der Literatur sehr bedrückenden Verwicklungen in der Zeit des Nazionalsozialismus locker und leicht. Das liegt vor allem am mal subtilen, mal offenkundigen Humor der Autorin in der Anlage mancher Passagen, Figuren oder Gesprächsinhalte. Auch hat das Geschriebene stets ein hohes Niveau, nie wird es platt oder zum Historienschinken. Allein zum Schluss geht mir dann doch alles ein wenig zu schnell. Da wird dann doch die ein oder andere Leerstelle gelassen, die mir in der Figurenentwicklung gefallen hätte zu lesen.

Insgesamt ist dieses Buch mitsamt der unglaublich ansehnlichen Umschlaggestaltung ein einfach schönes Buch, welches Kontroversen nicht auslässt, Schwächen ausleuchtet und trotzdem einen positiven Ton beibehält.

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