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Veröffentlicht am 01.10.2025

Ein würdiger Nachfolger des Debüts

Unbeugsam wie die See
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Ich mochte das Debüt von Emilia Hart unglaublich gerne. Magischer Realismus, Hexen und weibliche Wut sind Elemente, die ich sehr zu schätzen weiß. In ihrem neuen Roman greift die Autorin auf vieles davon ...

Ich mochte das Debüt von Emilia Hart unglaublich gerne. Magischer Realismus, Hexen und weibliche Wut sind Elemente, die ich sehr zu schätzen weiß. In ihrem neuen Roman greift die Autorin auf vieles davon zurück und schafft es, einen würdigen Nachfolger zu schreiben, der aber doch nicht ganz mit der Stärke ihres Erstlings mithalten kann.

Was ich bei Hart wirklich sehr mag, ist ihre spannungsvolle und leicht lesbare Art zu schreiben. Mit den schon aus „Die Unbändigen“ bekannten mehreren Zeitebenen und Erzählperspektiven, die im weiteren Verlauf ineinanderfließen, gelingt ihr auch dieses Mal ein packendes und vor allem vielschichtiges Werk. Die Protagonistinnen der Vergangenheit und Gegenwart sind stets authentisch geschrieben.

Das neue Buch hat einen etwas anderen Fokus, der mir persönlich einfach weniger gut gefällt. In meiner Erinnerung ist das Debüt getrieben von den verschiedenen und doch geteilten Gewalterfahrungen der Frauen sowie deren Widerstand. Diese Elemente prägen die Handlung dieses Mal deutlich weniger. Patriarchale Gewalt ist auf jeden Fall auch hier Thema, aber die Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte sowie der eigenen Andersartigkeit steht deutlich mehr im Zentrum. Dadurch ist der Aufbau etwas länger, auch wenn ich ihn keinesfalls als zäh bezeichnen würde.

Im Mittelteil gelingt es Hart dann wirklich hervorragend, ihre Lesenden in die Handlung einzusaugen. Lucys Recherche, begleitet von Jess’ Tagebuch, ist präzise und total spannend geschrieben. Manche Twists der Geschichte konnte ich erahnen, bei anderen ist mir buchstäblich die Kinnlade heruntergeklappt. Hart hat wirklich ein Händchen für Details!

Was mich weniger überzeugt hat, war die gewählte Ausgestaltung des magischen Realismus. Hier bekommt eher etwas Monsterhaftes Raum, während es im Debüt mehr um die Verbindung zu unserer pflanzlichen und tierischen Mitwelt ging. Der englische Originaltitel („The Sirens“) gibt einen deutlicheren Hinweis auf den Inhalt als der deutsche. Wer sich für diese mythische Figur interessiert, wird begeistert sein. Meins ist es nicht zu 100 % und doch fand ich die Geschichte bildhaft und packend geschrieben.

Emilia Hart ist eine sympathische Autorin, die sehr talentiert darin ist, vielschichtige und fantasievolle Geschichten mit viel Liebe zum Detail zu schreiben. Dabei bezieht sie auch immer klar Stellung zu feministischen und antikolonialen Kämpfen, besonders letztere sind in ihrem aktuellen Buch von Bedeutung. Hier fließen nämlich die Kolonisierungsgeschichten Irlands und Australiens zusammen. Für ihre Sensibilität, die sich schon im Vorwort des Romans zeigt, schätze ich die Autorin wirklich sehr.

„Unbeugsam wie die See“ ist mystischer und dunkler als sein Vorgänger, doch nicht weniger emotional greifbar. Ich persönlich fand das Debüt stärker und würde es auch für den Einstieg empfehlen. Wer Hart schon kennt und mag, macht mit ihrem aktuellen Buch definitiv nichts falsch. Weibliche Solidarität und Kraft über die Jahrhunderte hinweg findet sich in beiden Werken.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Das fragmentarische, sensible Porträt eines Lebens zwischen den Welten

Onigiri
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Während ich mit japanischer Literatur bislang eher nicht komplett gematcht habe, gab es aus dem deutsch-japanischen Autor*innenfeld schon das ein oder andere Highlight. „Onigiri“ reiht sich für mich im ...

Während ich mit japanischer Literatur bislang eher nicht komplett gematcht habe, gab es aus dem deutsch-japanischen Autor*innenfeld schon das ein oder andere Highlight. „Onigiri“ reiht sich für mich im positiven Sinne ein.

Yuko Kuhn hat einen leisen Roman geschrieben, der sich doch gleichermaßen eindringlich mit einem Leben zwischen zwei Welten befasst. In ihm reist Protagonistin Aki mit ihrer dementen Mutter Keiko ein letztes Mal nach Japan und reflektiert parallel dazu nicht nur über den Werdegang ebenjener, sondern auch über ihre eigenen Kindheitserinnerungen und Schlüsselmomente.

Besonders geschickt finde ich die Struktur der Erzählung. Denn obwohl sie auch zu einer gewissen Kompliziertheit beiträgt, spiegelt sie in sich die innere Zerrissenheit Akis wider. Jedes Kapitel teilt sich in den Gegenwartsstrang, also den Besuch in Japan, und einen Erinnerungsteil. Letzterer ist dabei immer stark familienbezogen, dahingehend aber sehr divers gehalten. Mal geht es um die Großeltern, mal den Vater und dann wieder um Akis Bruder. Die beiden Teile sind strukturell nur sehr dezent voneinander getrennt und ich verstehe, dass dies das Leseverständnis hemmen kann. Ich konnte mich nach einer kurzen Gewöhnungsphase glücklicherweise sehr gut drauf einlassen und denke auch, dass es bei diesem Werk genau darauf ankommt.

Die vermittelten Gefühle sind unheimlich vielschichtig, manchmal richtiggehend widersprüchlich. Besonders die Mutter-Tochter-Beziehung steht logischerweise im Zentrum der Geschichte und wird begleitet von nahen wie distanzierten Momenten. Kuhn schafft es eindrücklich, einen dichten Text zu schreiben, ohne ins Abwertende oder Pathetische abzuschweifen. Vielleicht trägt ihre eigene Biografie dazu bei, in jedem Fall finde ich die Selbstreflexion von Protagonistin und Autorin bemerkenswert.

Ganz nebenbei thematisiert Kuhn alltäglichen Rassismus, der trotz ihrer nüchternen Schreibweise unter die Haut geht. Auch kulturelle Unterschiede werden am Beispiel ihrer deutschen bzw. japanischen Familie messerscharf verhandelt. So sammelt dieser Roman eine schiere Fülle an Erfahrungen und fügt sie zu einem Mosaik zusammen.

Demenz ist in der Literatur nun wirklich nicht selten Thema, aber die sensible, leise und gleichzeitig aufwühlende Schilderung der Autorin ist eine ganz besondere. Teilweise genügte ein Satz, eine Frage der Mutter, um in mir alles zum Stocken zu bringen. Aki gilt für ihren Umgang mit dieser furchtbaren Erkrankung meine absolute Bewunderung, gleichzeitig war aber auch ihre Trauer für mich deutlich spürbar.

Die Autorin baut auf sehr viele japanische Begriffe und Wendungen, was ich ja immer ambivalent bewerte. Sehr authentisch und passend auf der einen Seite, störend für meinen Lesefluss auf der anderen. Das Glossar ist ganz toll, lässt sich im eBook aber nur unpraktisch nutzen. Abgesehen davon kann ich aber wirklich maximal nur an der ein oder anderen langatmigeren Stelle mäkeln.

Ein Buch für alle, die sich für kulturelle Unterschiede sowie Identitätssuche interessieren und die sich von leisen, fragmentarisch erzählten Romanen mit einigen Zeitsprüngen nicht abschrecken lassen.

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Eine eindringliche, beklemmende und zugleich kämpferische Kurzgeschichte

Nach mir kommt ... wer?
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Kurzgeschichten haben für mich einen ganz besonderen Reiz. Einerseits können sie in Momenten mit wenig Freizeit oder -raum die einzig mögliche Form der Lektüre sein. Andererseits stehen ihre Autor:innen ...

Kurzgeschichten haben für mich einen ganz besonderen Reiz. Einerseits können sie in Momenten mit wenig Freizeit oder -raum die einzig mögliche Form der Lektüre sein. Andererseits stehen ihre Autor:innen vor der Herausforderung, die Lesenden emotional auf wenigen Seiten einzubinden und gleichzeitig eine zeitlich begrenzte, abgeschlossene Handlung verfassen.

Doreen Gehrke ist das meiner Ansicht nach sehr gut gelungen. Was mir besonders positiv aufgefallen ist, ist das hohe Maß an Emotionalität, das beim Lesen in mir hervorgerufen wurde. Sarah leidet an ihrem Arbeitsplatz unter Mobbing, was mir auch ohne eigene Mobbingerfahrung unter die Haut ging. Darüber hinaus schneidet die Autorin meiner Interpretation nach aber auch das viel größere Thema weiblicher, oft unsichtbarer Care-Arbeit an. Ich finde es toll, dass ich hier als Leserin auch Raum für eigenes Weiterdenken bekommen habe.

Die Merkmale einer Kurzgeschichte sind klar definiert und ich sehe alle als erfüllt an. Einstieg und Ende sind recht abrupt dargestellt, was mir auch unabhängig von der Textform sehr gut gefallen hat. Bei längeren Romanen habe ich da sicherlich andere Ansprüche, aber ein direktes Beginnen der Erzählung ohne ausschweifende Einführungen mag ich grundsätzlich gern. Außerdem beschränkt sich die Autorin auf extrem wenige Protagonist:innen, viele bleiben zudem anonym. Die Erzählung ist zeitlich stringent, beschränkt sich vor allem auf den Arbeitsplatz und beschäftigt sich mit einem Thema, das grundsätzlich alle Lohnarbeitenden betreffen könnte. Mit ihren kurzen Sätzen sowie der präzisen Sprache ist die Kurzgeschichte sehr leicht verständlich.

Stilistisch gibt es also gar nichts auszusetzen und ich habe mich wie schon gesagt auch emotional gut auf die Protagonistin einstellen können. Eine kleine inhaltliche Kritik habe ich jedoch. Das erste Zurückschlagen der Protagonistin hat mir zwar grundsätzlich gefallen, es kam mir jedoch ein wenig zu drastisch vor für den Charakter Sarahs. Dass das zweite Aufbäumen dann auf so indirekte Art passiert und Sarah gleichzeitig endlich sich selbst priorisiert, hat mir wieder richtig gut gefallen.

Eine gelungene Kurzgeschichte mit gesellschaftlicher Relevanz, wirft sie doch auch die Frage auf: Für wen machen wir uns eigentlich kaputt?

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Vielschichtige Gesellschaftssatire einer literarisch talentierten Autorin

Die Ferien
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Weike Wang hat hier ein ehrliches Porträt über langjährige romantische Beziehungen geschrieben und verknüpft sie wie eine Art Kammerspiel intelligent mit gesellschaftlichen Ambivalenzen sowie Differenzen. ...

Weike Wang hat hier ein ehrliches Porträt über langjährige romantische Beziehungen geschrieben und verknüpft sie wie eine Art Kammerspiel intelligent mit gesellschaftlichen Ambivalenzen sowie Differenzen. Keru, amerikanische Chinesin aus einem wohlhabenderen Akademikerhaushalt, und Nate, weißer Erstakademiker, machen Urlaub mit ihren beiden Eltern. Zeitlich getrennt - aus Gründen, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt.

Der Culture Clash ist dabei ebenso fein konstruiert wie die Figuren selbst. Wang schafft es auf beeindruckende Art, Stereotype irgendwie gleichzeitig zu bedienen und nicht zu bedienen. Die Charaktere sind vielschichtig und reflektieren über bestimmte eigene Stereotype. So verhandelt die Autorin Fragen zu Verantwortung ebenso wie zu Selbstakzeptanz und Identitätsfindung.

Das ewige People Pleasing Kerus lässt sich damit erklären, dass ihre Eltern sie genau so sozialisiert haben - die in einer rassistischen Gesellschaft wiederum ihre Gründe dafür hatten. Nate kommt aus einer weißen Familie, die sparsam leben musste - entsprechend verständlich ist sein Unwohlsein angesichts luxuriöser Urlaube. Das bedeutet umgekehrt aber auch nicht, dass Kerus Familie in jeglicher Hinsicht über mehr Kapital verfügt. Ich fand die ganzen Ambivalenzen beim Lesen durchaus fordernd, aber ganz toll herausgearbeitet.

Die Ursprungsfamilien beider Hauptfiguren sind wirklich sehr furchtbar und nur dank Wangs bissigem Humor aushaltbar. Überpenibel, gewaltvoll und kühl auf der einen Seite, rassistisch und egozentrisch auf der anderen. Dass die jeweiligen Schwiegerkinder damit ihre Schwierigkeiten haben und nicht so recht wissen, was sie tun sollen, ist nicht nur äußerst authentisch portraitiert, sondern eskaliert auch auf überspitzte Art und Weise.

Der Erzählstil ist durchaus anspruchsvoll, weil die Perspektiven so fließend wechseln. Ich bin da eher Fan von klarerer Abgrenzung, konnte mich aber im Verlauf gut dran gewöhnen. Wang hat ein Talent für eine klare und direkte, zugleich aber auch einfühlsame Sprache, die einen tollen Lesesog entwickelt.

Dabei ist das Werk kein locker-flockiger Sommerroman, sondern regt durch seine sarkastischen und ehrlichen Stellen zum Nachdenken über Privilegien und familiäre Sozialisierung an. Der zweite Teil bricht noch einmal mit der vorherigen Erzählung. Das wirkt im ersten Moment unpassend, ich empfand es aber als eine interessante zusätzliche Sozialstudie - zumal sich die Fronten (Keru: Wohlstand, Nate: Einfachheit) über die Zeit weiter verhärtet haben, die Kinderfrage für sie aber wiederum klar und übereinstimmend geklärt ist.

Dadurch können die Konflikte innenfamiliär noch einmal neu betrachtet und zudem um eine Perspektive der gesellschaftlichen Sicht auf Kinderfreiheit ergänzt werden. Nichtsdestotrotz geht es am Ende unglaublich schnell und bleibt eher undeutlich, das war nicht ganz mein Fall. Insgesamt verbleibe ich aber positiv überrascht von diesem gleichzeitig komplexen und gut lesbaren Werk.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Wundervolle Unterhaltung und eine Liebeserklärung an den unabhängigen Einzelhandel

Meine wundervolle Buchhandlung
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Dieses Buch empfand ich als eine echte Umarmung - nicht nur als Buchliebende, sondern auch als Teehändlerin, der der unabhängige Einzelhandel am Herzen liegt. Diese Orte haben eine ganz besondere Wichtigkeit ...

Dieses Buch empfand ich als eine echte Umarmung - nicht nur als Buchliebende, sondern auch als Teehändlerin, der der unabhängige Einzelhandel am Herzen liegt. Diese Orte haben eine ganz besondere Wichtigkeit und sind innerhalb eines kapitalistischen Systems für mich langfristig die einzige Option, um diese Wirtschaftsform lebenswert zu gestalten.

Petra Hartlieb erzählt in ihrem Roman sehr flüssig und mit nüchternem Humor von ihrem Leben als Buchhändlerin - und von allem, was auf dem Weg dahin passierte. Als einzigen Kritikpunkt möchte ich anmerken, dass mir ihre Privilegiertheit ein wenig zu unreflektiert behandelt wurde. So gut vernetzt, dass der Bekanntenkreis mal eben eine fünfstellige Summe leihen kann oder so gut situiert, dass Kredite relativ problemlos vergeben werden, sind wohl nur wenige Menschen.

Abgesehen davon spricht Hartlieb aber über vielfältige Themen, schneidet die Problematik des großen A* deutlich an und gibt uns einen ehrlichen Einblick in den unabhängigen Einzelhandel - mit allen Absurditäten und Liebenswürdigkeiten. Ganz klar getragen wird die Geschichte nämlich auch von den Menschen der Buchhandlung. Ob Kund:in oder Händler:in - hier werden sicher viele eine sanfte Erinnerung daran erhalten, dass wir nun einmal soziale Wesen sind und Freundlichkeit sowie Hilfsbereitschaft von unermesslichem Wert. Wie in Hartliebs Buchhandlung ausgeholfen wird, kam mir manchmal fast unglaubwürdig vor, aber ich möchte sehr gern daran glauben, dass es dieses Maß an Unterstützung gibt.

Bei den Schilderungen zum Weihnachtsgeschäft haben mir direkt die Füße geschmerzt, aber diese Ambivalenz von Erschöpfung und großer Verbundenheit durch das gemeinsame Arbeiten und viele tolle Begegnungen trifft es für mich auf den Punkt. Ich habe die Geschichte also sehr genossen und wurde neben einigen Lachern auch einfach exzellent unterhalten.

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