Eine eindringliche, beklemmende und zugleich kämpferische Kurzgeschichte
Nach mir kommt ... wer?Kurzgeschichten haben für mich einen ganz besonderen Reiz. Einerseits können sie in Momenten mit wenig Freizeit oder -raum die einzig mögliche Form der Lektüre sein. Andererseits stehen ihre Autor:innen ...
Kurzgeschichten haben für mich einen ganz besonderen Reiz. Einerseits können sie in Momenten mit wenig Freizeit oder -raum die einzig mögliche Form der Lektüre sein. Andererseits stehen ihre Autor:innen vor der Herausforderung, die Lesenden emotional auf wenigen Seiten einzubinden und gleichzeitig eine zeitlich begrenzte, abgeschlossene Handlung verfassen.
Doreen Gehrke ist das meiner Ansicht nach sehr gut gelungen. Was mir besonders positiv aufgefallen ist, ist das hohe Maß an Emotionalität, das beim Lesen in mir hervorgerufen wurde. Sarah leidet an ihrem Arbeitsplatz unter Mobbing, was mir auch ohne eigene Mobbingerfahrung unter die Haut ging. Darüber hinaus schneidet die Autorin meiner Interpretation nach aber auch das viel größere Thema weiblicher, oft unsichtbarer Care-Arbeit an. Ich finde es toll, dass ich hier als Leserin auch Raum für eigenes Weiterdenken bekommen habe.
Die Merkmale einer Kurzgeschichte sind klar definiert und ich sehe alle als erfüllt an. Einstieg und Ende sind recht abrupt dargestellt, was mir auch unabhängig von der Textform sehr gut gefallen hat. Bei längeren Romanen habe ich da sicherlich andere Ansprüche, aber ein direktes Beginnen der Erzählung ohne ausschweifende Einführungen mag ich grundsätzlich gern. Außerdem beschränkt sich die Autorin auf extrem wenige Protagonist:innen, viele bleiben zudem anonym. Die Erzählung ist zeitlich stringent, beschränkt sich vor allem auf den Arbeitsplatz und beschäftigt sich mit einem Thema, das grundsätzlich alle Lohnarbeitenden betreffen könnte. Mit ihren kurzen Sätzen sowie der präzisen Sprache ist die Kurzgeschichte sehr leicht verständlich.
Stilistisch gibt es also gar nichts auszusetzen und ich habe mich wie schon gesagt auch emotional gut auf die Protagonistin einstellen können. Eine kleine inhaltliche Kritik habe ich jedoch. Das erste Zurückschlagen der Protagonistin hat mir zwar grundsätzlich gefallen, es kam mir jedoch ein wenig zu drastisch vor für den Charakter Sarahs. Dass das zweite Aufbäumen dann auf so indirekte Art passiert und Sarah gleichzeitig endlich sich selbst priorisiert, hat mir wieder richtig gut gefallen.
Eine gelungene Kurzgeschichte mit gesellschaftlicher Relevanz, wirft sie doch auch die Frage auf: Für wen machen wir uns eigentlich kaputt?