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Veröffentlicht am 14.09.2025

Über die Liebe und das Leben und noch viel mehr

Was du siehst
1

Das Hörbuch von Laura Maaß Debütroman „Was du siehst“, gesprochen von Heike Warmuth, erzählt über 8 Stunden und 18 Minuten von Jule und Andi, beginnend 1967, als Jule noch nicht geboren ist. Ihre schwangere ...

Das Hörbuch von Laura Maaß Debütroman „Was du siehst“, gesprochen von Heike Warmuth, erzählt über 8 Stunden und 18 Minuten von Jule und Andi, beginnend 1967, als Jule noch nicht geboren ist. Ihre schwangere Mutter Ruth kommt von Ost-Berlin nach Mecklenburg, dort findet sie in Hannah eine Freundin. Deren Sohn Andi und Jule wachsen gemeinsam auf, sie werden älter, beide verbindet mehr als nur Freundschaft, aber doch zieht es Jule hinaus in die Welt, sie sucht nach ihrem ihr unbekannten Vater, der sich – so mutmaßt ihre Mutter – einst in den Westen abgesetzt hat. Lediglich ein Foto hat Ruth von ihm. „Warte auf mich“ hat er auf die Rückseite geschrieben.

„Ich sehe was, was du nicht siehst“ ist ein Wechselspiel der Farben, das auch Jule und Andi verbindet. Auch dann noch, als es Jule hinauszieht, während Andi seiner Heimat verbunden bleibt. Sie schreiben sich, drücken ihre Gefühle in allen Farben aus.

Heike Warmuth hat mir mit ihrer ausdrucksstarken, der jeweiligen Situation angepassten Stimme nicht zum ersten Mal angenehme Hörstunden beschert. Es ist ein leises (Hör)Buch, das vor dem Hintergrund der damaligen DDR vom Leben in einem kleinen Dorf an der Elbe erzählt, von der Wende und von der Sehnsucht nach der anderen Welt, die einst hinter Mauern für sie verborgen war. Von Lebensgeschichten weiß Laura Maaß zu berichten, nicht nur von Jule und Andi, auch von den anderen Dorfbewohnern, von ihrem Alltag, den kleinen und den größeren Sorgen und von den gesellschaftlichen und den politischen Entwicklungen über vier Jahrzehnte.

Es ist ihr ein warmherziger Roman in vielen Schattierungen gelungen mit starken Charakteren, denen man gerne folgt. Einzig die Suche nach dem Vater steht ein wenig abseits, irgendwie verloren, nicht unbedingt real. Und doch ist es eine lesens- bzw. hörenswerte Geschichte, die so oder so ähnlich zigmal das Leben schreibt.

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Veröffentlicht am 14.09.2025

Die Geister der Toten

Die Toten von nebenan
1

Frau Löfflers Großmutter erzählt ihr, dass sie sich durch die Welt der Lebenden frei bewegen kann. Sie kann durch Dächer und Wände schweben, kann ihr Alter frei wählen - eine durchaus verlockende Welt, ...

Frau Löfflers Großmutter erzählt ihr, dass sie sich durch die Welt der Lebenden frei bewegen kann. Sie kann durch Dächer und Wände schweben, kann ihr Alter frei wählen - eine durchaus verlockende Welt, wenn man nicht tot wäre. Denn das ist sie nun, nach dem Fahrradunfall…

…und sie staunt nicht schlecht, als ihr hier, in ihrem Viertel, die schon lange toten Nachbarn begegnen. Mehr noch, sie alle wohnen wie zu ihren Lebzeiten in ihren Häusern - egal, ob diese nun leer stehen oder wieder bewohnt werden. Die Lebenden nehmen sie nicht wahr, sie haben sich nach dem Ableben der früheren Bewohner neu eingerichtet, ein Haus wurde sogar abgerissen und neu aufgebaut, was die Parallelwelt der Toten nicht zu stören scheint, denn diese wohnen nach wie vor mit ihren alten Möbeln, ihrem Geschirr und all ihrem Besitz - nur die Toten sehen sich gegenseitig.

Kaum hat sich Frau Löffler mit ihrer neuen Situation vertraut gemacht, kommt Herr Tober ins Spiel. Seine Anhänger sind Feuer und Flamme, als er ihnen das „Paradies auf Erden“ – wie er sein Projekt nennt – verspricht. Sie wollen die Lebenden aus ihren angestammten Häuser und Wohnungen vertreiben, sie wollen sie regelrecht vergraulen.

Ein so faszinierendes wie schwer greifbares Szenario stellt Olivia Monti in den Raum, ihre Parallelwelt hat gar satanische Züge. Herr Tober ist die Verführung in (Geister)Person, der ihnen Wünsche abverlangt, um diese dann zu ihrer mehr oder weniger Zufriedenheit einzulösen. Es kommt wie im richtigen Leben zu Rivalitäten, zu Eifersucht und Missgunst, all die schlechten Gefühle drängen sich mehr und mehr in den Vordergrund.

„Die Toten von Nebenan“ haben mich sofort in ihr Universum gezogen, ich kenne und schätze Olivia Montis Stil seit „Sterbewohl“. Ein nachdenklich machendes Buch über eine erzwungene Sterbehilfe, eine Mischung aus Krimi und Dystopie. Und hier, bei den „… Toten von Nebenan“, hat sie neben anderem auch paranormale Studien mit einfließen lassen. Ihre Figuren werden stets mit Frau oder Herr angesprochen, was schon allein deshalb für eine gewisse Distanz sorgt, dem Thema der Toten durchaus angemessen.

Was wäre wenn… man dem Bösen folgt, der den Hass und die Gier weiter schürt um des eigenen Vorteils willen? Natürlich sollte jedem klar sein, dass nichts umsonst ist. Ist dieses angebliche Paradies wirklich erstrebenswert? Ein schaurig-schönes Lesevergnügen über die Kunst der Verführung, ohne Weiteres auf die Lebenden und unsere gar nicht so heile Welt übertragbar.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Ein Schöngeist der besonderen Art

Garden Girls
2

„Garden Girls“ klingt nach Schönheit, nach Freiheit, nach Natur, nach Sommer und Wärme, auch vermittelt das Cover auf den ersten Blick dieses warme Gefühl - von Blumen umgeben, ein stimmungsvolles Ambiente, ...

„Garden Girls“ klingt nach Schönheit, nach Freiheit, nach Natur, nach Sommer und Wärme, auch vermittelt das Cover auf den ersten Blick dieses warme Gefühl - von Blumen umgeben, ein stimmungsvolles Ambiente, dazu Beethovens Mondscheinsonate. Zum Dahinschmelzen romantisch.

Wäre da nicht diese Dissonanz, dieser Missklang, diese so falschen Töne, denn schon der Prolog zerstört dieses Bild, er lässt mich frösteln. „Komm, meine kleine Blume. Hinein mit dir.“

FBI-Agent Tiberius Granger, kurz Ty genannt, wird mit seinen Kollegen zu einem Leichenfund gerufen. Eine vom Hals bis zu den Schenkeln mit Rosen tätowierte Frau lehnt am Eingang eines Leuchtturms. Bald ist klar, dass es sich um Amy-Rose Rydell handelt, die seit einem halben Jahr vermisst wird. Auch Lily Hayes Leiche, von der seit fünf Monaten jede Spur fehlt, wird an einem anderen Leuchtturm, ähnlich drapiert, mit Lilien tätowiert, gefunden.

Ty wird von seiner Vergangenheit eingeholt, er trifft auf seine große Liebe Bexley Hemmingway, die er viele Jahre nicht mehr gesehen hat. Ahnah, Bex Schwester, ist verschwunden – ist auch sie diesem „Tattoo-Künstler“ in die Hände gefallen? Die fieberhafte Suche beginnt.

Die Zeit drängt, denn ein schwerer Sturm hält genau auf ihre Gegend zu. Sie gehen momentan von acht vermissten Frauen aus, sie alle tragen eine Blume im Namen. Die bedrohliche Atmosphäre ist stets gegenwärtig und die Frage, ob auch Bex Schwester von diesem schöngeistigen Ungeheuer festgehalten wird, schwingt mit. Zwischendurch meldet sich der Täter selber zu Wort, er scheint Ty ganz nahe zu sein, bleibt jedoch unsichtbar. Und - wir bekommen Einblicke in seine Welt.

Die Story fesselt sofort. Es tauchen so etliche zwielichtige Gestalten auf, denen man jedes Verbrechen zutrauen würde. Dann wieder sind es private Offenbarungen, die Ty fast den Boden unter den Füßen wegziehen. Man spürt seine innere Zerrissenheit, auch scheint eine Sekte eine nicht zu unterschätzende Rolle zu spielen. Und immer wieder dieses „schöne“ Bild der Blumen, die vollkommene Ästhetik, die doch so verstörend anmutet.

Dieser Thriller ist voller Dramatik, die Szenen beklemmend, die Figuren gut nachvollziehbar gezeichnet. Lediglich der Schluss war mir zu langatmig, ich hätte ihn mir kurz und knackig gewünscht, dieses Langgezogene, alles bis ins letzte Detail Erklärende, wäre für meine Begriffe nicht notwendig gewesen. Alles davor ist Gänsehautfeeling, es ist Spannung pur – ein absolut empfehlenswerter Thriller.

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Spionage und mehr in Kriegszeiten

Der Italiener
2

Elena Arbués findet einen schwer verletzten Mann am Strand. „Er trug einen Gürtel mit einem Messer, am linken Handgelenk zwei seltsame große Uhren und am rechten eine dritte. Die Zeiger einer von ihnen ...

Elena Arbués findet einen schwer verletzten Mann am Strand. „Er trug einen Gürtel mit einem Messer, am linken Handgelenk zwei seltsame große Uhren und am rechten eine dritte. Die Zeiger einer von ihnen standen auf 7.43Uhr.“ Einen Moment lang dachte sie, es könnte sich um einen Matrosen handeln, denn sie erinnert sich an die nächtliche Explosion und das brennende Schiff. Sie schleppt ihn kurzerhand zu ihrem nahe gelegenen Haus, sie ruft nicht die Guardia Civil. Kurz darauf wird er von Unbekannten abgeholt.

Was sie zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß ist, dass er – Teseo - als Kampftaucher einer italienischen Spezialeinheit mit Stützpunkt in Algeciras angehört, die mit ihren maiale (das sind mit jeweils zwei Tauchern bemannte Torpedos) sich direkt an die britischen Schiffe heranpirschen, um diese mit Sprengsätzen zu versehen mit den Ziel, sie zu versenken. Es waren sehr effiziente Kriegswaffen und sollten sie wider Erwarten doch entdeckt werden, sind sie entsprechend ausgerüstet, um ihr Gerät zu zerstören und sich selbst dem verräterischen Tauchanzug zu entledigen.

Elena Arbués entscheidet sich, für die Italiener die Lage auszukundschaften. Sie als Spanierin kann ohne größere Probleme auf die britische Seite wechseln, auch hat sie in einem befreundeten Buchhändler eine Tarnadresse und doch kann sie als Spionin jederzeit auffliegen. Ein gefährliches, ja ein durchaus tödliches Spiel beginnt.

Arturo Perez-Revertes Roman basiert auf realen Ereignissen. Lediglich die hier agierenden Personen sind fiktiv, auch einige Situationen sind der Handlung angepasst. 1942 und 1943 - während des Zweiten Weltkrieges - versenkten oder beschädigten italienische Kampftaucher in Gibraltar und in der Bucht von Algeciras insgesamt vierzehn Schiffe der Alliierten. Diese Info lese ich, bevor ich mit der Gruppe Orsa Maggiore, wie sie sich nannten, abtauche.

Diese Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Zum einen sind es die Protagonisten - die Tauchgruppe und auch Elena - mit denen ich hautnah am gefährlichen Geschehen bin. Und dann führt der Autor Jahrzehnte später mit einigen der damaligen Helden Gespräche. In diese Art der Erzählung musste ich mich erst einfinden, da lediglich ein neuer Absatz die unterschiedlichen Zeiten und Sichtweisen voneinander trennt. Bald aber war ich tief drin, sodass ich mich auf diese gefährlichen Szenarien ganz einlassen konnte.

„Liebe und Sabotage in Zeiten des Krieges“ ist eher Sabotage in vielen Facetten denn Liebe, die eher angedeutet wird. Was mir sehr zupass kommt, denn ein Zuviel davon wäre diesem Kriegs- und Spionageroman abträglich gewesen. So aber stimmt die Balance, diese unglaubliche und dicht erzählte Geschichte ist für jeden historisch Interessierten sehr zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

Willkommen im Pramtower

Der Tower
1

Nova ist ziemlich fertig. Ihr Freund hat sie verlassen, die Wohnung wurde ihr gekündigt und auch braucht sie einen neuen Job. Und da – sie kann es noch gar nicht fassen:

„Ich bin der glücklichste Mensch ...

Nova ist ziemlich fertig. Ihr Freund hat sie verlassen, die Wohnung wurde ihr gekündigt und auch braucht sie einen neuen Job. Und da – sie kann es noch gar nicht fassen:

„Ich bin der glücklichste Mensch der Welt, summt sie, als sich vor ihr das gigantische Hochhaus wie ein Leuchtturm im violettfarbenen Himmel erhebt. Ihr neues Zuhause.“

Es ist die Chance ihres Lebens, als sie ganz unerwartet einen Anruf erhält, in dem ihr eine gewisse Kim eröffnet, dass sie ab sofort im Pramtower wohnen wird. Und das für ein ganzes Jahr, völlig kostenlos. Ihre Bewerbung dafür liegt sechs Monate zurück und jetzt, zur genau richtigen Zeit, hat sie mehr als nur eine neue Wohnung, der luxuriöse Pramtower ist ein absoluter Traum, der jedoch ganz schnell ausgeträumt ist…

…denn bald bekommt der schöne Schein Risse. Der Tower ist komplett KI-gesteuert, ihre Stimme ist ihr Schlüssel für ihr Domizil, jeder Wunsch wird ihr erfüllt, jeden Freitag ist ein Etagentreffen anberaumt - mit Anwesenheitspflicht. Bald erfährt sie vom Suizid ihrer Vormieterin, Nachbarn benehmen sich seltsam, sie hat bald das Bedürfnis, hier wegzuziehen.

Mit KI werden wir immer mehr konfrontiert, das Thema ist sehr aktuell. Dass ein Hochhaus mitten in Berlin KI-gesteuert ist, ist durchaus als realistisch anzusehen. Ivar Leon Menger treibt es auf die Spitze, Novas anfängliche Faszination kippt, ihr Nachbar behauptet gar, dass Kim, die Stimme der Künstlichen Intelligenz, ihn festhält. Glaubt sie ihm? Eins steht fest: Kim ist stets gegenwärtig, KI sieht alles, KI hört alles, KI hat die Macht. Aber warum sollte sie an einem Mieter festhalten?

Das Szenario eines komplett KI-gesteuerten Gebäudes, in dem man nichts braucht als seine eigene Stimme, hat was - solange der Mensch die Oberhand behält, andernfalls wird man zur ferngesteuerten Marionette.

Die Story ist arg überzogen, klar. Die Figur Nova agiert in ihrer Naivität eher als eine Getriebene. Zu leichtgläubig, ja unbedarft vertraut sie den falschen Leuten. Ob eine selbständige junge Frau wirklich dermaßen einfältig ist, wage ich zu bezweifeln. Und doch habe ich um sie gebangt und mit ihr gelitten, was auch der durchgehend beklemmenden Atmosphäre geschuldet ist, die der Autor bestens versteht, herzustellen. Von Anfang an hatte ich viele Fragezeichen im Kopf, während des Lesens war ich hin- und hergerissen, lange, sehr lange konnte ich nicht absehen, wohin das Ganze führt, ob sich doch noch alles einigermaßen zum Guten wenden wird. Bis zuletzt ist nicht klar, wer hier ein doppeltes Spiel spielt. Denn wenn man denkt, alles sei überstanden, dann ist es das noch lange nicht. Ein Thriller – so spannend wie beklemmend, der ganz old school, ohne KI, gut unterhält.

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