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Veröffentlicht am 16.09.2025

Japans kulinarischer Alltag (mit Rezepten)

Oishii!
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Ist es ein Kochbuch? In Teilen. Eigentlich ist Stefan Brauns Oishii eine Reise in den kulinarischen Alltag Japans. Wundervoll bebildert, charmant beschrieben. Und mit einzelnen, auch in Europa leicht nachkochbaren ...

Ist es ein Kochbuch? In Teilen. Eigentlich ist Stefan Brauns Oishii eine Reise in den kulinarischen Alltag Japans. Wundervoll bebildert, charmant beschrieben. Und mit einzelnen, auch in Europa leicht nachkochbaren Rezepten ergänzt. Kleine Abzüge gibt es allerdings in der B-Note. Dazu später mehr.

Oishii ist japanisch und heißt so viel wie lecker. Was im Buch selbst, wenn ich es nicht überblättert habe, gar nicht aufgelöst wird. Stattdessen geht es um den Tagesablauf der Japaner:innen und was diese dabei essen – auf dem Weg zur Arbeit, in der Pause und nach Feierabend. Und ganz besonders um letzteres, um die Izakayas, eine Art gemütlicher Gastro-Pubs, in denen einfache, leckere Speisen und Bier serviert werden. Auch schon mittags übrigens.

Was mir gut gefällt: Stefan Braun, renommierter Fotograf, zeigt das Leben in den Gaststätten mit wunderbaren Fotos. Die Menschen, die dort sitzen, essen und trinken. Er erklärt die Gewohnheiten, Begriffe, Bräuche und Sitten. Und er gibt ganz am Ende auch ein paar persönliche Tipps für die Suche nach den besten Izakayas. Davon hätte ich mir fast ein bisschen mehr gewünscht, aber er nennt auch passende Instagram Seiten, um Japans Kulinarik abseits der großen, teuren Restaurants zu entdecken.

Ich mag auch sehr die Vielfalt der Rezepte, vom Rührei für die Bentobox über gebratene Nudeln mit Hackfleisch bis zu Ramen und gefüllten Kroketten. Sachen, die in die Pausenbox oder für ein Picknick passen. Oder für ein familiäres Mittag- und Abendessen. Kein Rezept braucht exotische Zutaten, vieles findet sich in gut sortierten Super- oder wenigstens in anliegenden Asia-Märkten. Manche Rezepte setzen auf Fertigprodukte, was vielleicht in einem Kochbuch erst einmal befremdlich wirkt, aber mit Blick auf eine schnelle Zubereitung sinnvoll ist.

Ein (klitzeklein) wenig störend ist die Tatsache, dass sich manches wiederholt. So behandeln gleich zwei Doppelseiten, eine in der ersten Hälfte, eine gegen Ende, die Shokuhin Sampuru, Nachbildungen von Speisen vor Restaurants aus Kunststoff. Das ist interessant, aber eben auch leicht repetitiv. Und Leser:innen sollten wissen, dass Oishii kein klassisches Kochbuch ist. Dafür sind einfach zu wenige Rezepte enthalten. Eher ein schönes, toll inszeniertes Coffee Table Book über den kulinarischen Tag der Japaner:innen. Und das ist vielleicht ja auch ein Alleinstellungsmerkmal. Ein richtig gutes.

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Veröffentlicht am 05.08.2025

Schluss mit dem Tabu

Im Leben nebenan
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Horrorfilme könnten so anfangen: Eine Frau wacht auf und auf ihrer Brust liegt ein Baby. Dabei ist sie gar nicht Mutter. Oder doch?

„Im Leben nebenan“ erzählt die Geschichte von Antonia. Einer Frau in ...

Horrorfilme könnten so anfangen: Eine Frau wacht auf und auf ihrer Brust liegt ein Baby. Dabei ist sie gar nicht Mutter. Oder doch?

„Im Leben nebenan“ erzählt die Geschichte von Antonia. Einer Frau in den Dreißigern, Mutter von Hanna, verheiratet mit Adam, auf dem Land in einem schicken Einfamilienhaus lebend. Und die von Toni, liiert mit Jakob, kinderlos, Altbauwohnung in der Großstadt. Nur: Antonia und Toni sind die gleiche Person. Bloß in verschiedenen Leben. Und Antonia kennt Tonis Leben, es ist ihres, zumindest bis vor wenigen Minuten.

Ein spannendes Gedankenexperiment, das den Vibe von Matt Haigs „Die Mitternachtsbibliothek“ mitnimmt: Was ist, wenn ich in einem anderen meiner Leben lande, aber gar nicht weiß, wer ich in diesem Leben bin. Und vor allem in einer Rolle, in der ich noch nie war und vielleicht auch nie sein wollte. Das ist aber nur die eine Seite von Anne Sauers Romandebüt. Die andere ist eine, die in unserer Gesellschaft häufig tabuisiert wird: Kinderwunsch, Kinderlosigkeit, die Rolle der Frau als (Nicht-)Mutter.

Denn während Antonia gar nicht weiß, ob sie bereit ist, sich um das kleine, heulende Ding auf ihr zu kümmern, ist Toni durch das ganze Mühlrad gedrückt worden: Von „Und wie sieht’s bei euch aus?“ von Freund:innen und Kolleg:innen über das „Sollen wir nicht doch – jetzt?“ von Jakob und negativen Schwangerschaftstests bis zur nicht erfolgreichen Kinderwunschbehandlung. Und trotzdem erwarten alle, dass Toni … und dass Antonia ihre Mutterrolle perfekt ausübt, obwohl, na klar, die ersten Wochen nach der Geburt, alles anders, und überhaupt.

Anne Sauer fängt perfekt die verschiedenen Perspektiven ein, die Erwartungen an Frauen, an eigene Wünsche, aber vor allem an die der anderen. Sie zeigt verschiedene Leben, keines perfekt, aber beide leider ziemlich authentisch. Und sie spricht darüber, wie es für Frauen ist, wenn es mit dem Kinderwunsch – dem eigenen oder dem des Partners – nicht klappt. Wenn sie auf der Bürotoilette sitzt, merkt, dass es in diesem Zyklus schon wieder nicht funktioniert hat und sich fragt, wie sie weitermachen muss, mit diesem Arbeitstag, aber vor allem mit diesem Leben.

Ein paar kleinere Längen gibt es in der Antonia-Perspektive, aber das ist nicht schlimm, denn dieses Buch ist ein wichtiges und auch wenn es sicherlich als Frauenbuch abgestempelt wird: Männer, lest es, ihr werdet danach vieles besser verstehen.

Zum Abschluss meine Lieblingsstelle, eigentlich ganz leise und in einem anderen Kontext – Toni und ihr Vater besuchen das Grab der Mutter und „Ihr Vater zündete kein neues Grablicht an, seine Frau hatte Teelichter nie gemocht, und sie wollten sie auch nachträglich nicht verärgern“ – stattdessen stellen sie ihr Stück Donauwelle hin. Großes Herz für diese Szene und für dieses Buch.

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Veröffentlicht am 02.06.2025

Geschichte im doppelten Sinne

Das Haus der Türen
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Eine kleine Kritik habe ich an „Das Haus der Türen“. Der Umgang der Kolonialmacht mit der Bevölkerung, mit den Angestellten, wird nicht bewertet, eingeordnet. Aber das wäre vielleicht auch zu viel verlangt, ...

Eine kleine Kritik habe ich an „Das Haus der Türen“. Der Umgang der Kolonialmacht mit der Bevölkerung, mit den Angestellten, wird nicht bewertet, eingeordnet. Aber das wäre vielleicht auch zu viel verlangt, wird der Roman doch aus Sicht der britischen Oberschicht in Penang erzählt. Dennoch: Eine leise kritische Stimme, ein Hinterfragen des eigenen Handelns, wäre vielleicht aus heutiger Sicht die Kirsche auf der Torte gewesen.

Tan Twan Eng erzählt die Geschichte von Lesley Hamlin in den frühen 1920er-Jahren auf einer Insel in Malaysia. Damals noch die Federated Malay States bzw. Straits Settlements. Dort trifft die Anwaltsgattin auf einen Freund ihres Manns Robert, den Autor William Somerset Maugham. Und erzählt ihm ihre Erlebnisse mit der chinesischen Revolution von Sun Yat-sen sowie dem Prozess ihrer Freundin Ethel Proudlock.

Der Autor taucht dabei ganz behutsam und bedächtig in die Geschichte Englands, Malaysias und Chinas ein. Schreibt über Treue und Untreue – zwei Themen, die in Maughams Geschichten häufiger vorkommen. Über mehr oder weniger geheim gehaltene Homosexualität. Über demokratische Umbrüche. Über die Rolle der Frau. Und natürlich über die Liebe.

Das Besondere: „Das Haus der Türen“ ist kein rein fiktionaler Roman. Viele Figuren – von Maugham über Sun Yat-sen bis Ethel Proudlock – gab es wirklich. Ethel wurde wirklich dem Mord an William Steward beschuldigt, Sun Yat-sen war nach der erfolgreichen Revolution der erste Präsident Chinas, Maugham war mit seinem Geliebten auf Penang und hat über die Erlebnisse Bücher geschrieben.

So ist Tan Twan Engs Roman Geschichte im doppelten Sinne, ein semifiktionaler Historienroman, sprachlich wundervoll erzählt und übersetzt von Michaela Grabinger und ein tolles Buch für einerseits Fans der britischen Geschichte als auch die von asiatischer Literatur. Und dank doch halbwegs überraschender Plottwists und verschiedenen Handlungssträngen jederzeit unterhaltsam.

Was jetzt noch fehlt: eine Neuübersetzung von William Somersets Maughams „Der Kasuarinenbaum“. Denn in dieser Kurzgeschichtensammlung schildert der Autor seine Erlebnisse rund um das Leben in Penang zwischen 1910 und 1921. Und das wäre doch die perfekte Anschlusslektüre.

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Veröffentlicht am 31.03.2025

Alles ist verbunden

HEN NA E - Seltsame Bilder
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Eigentlich ist der Titel ein Spoiler. Zumindest bis man in der zweiten der vier Geschichten ist, den Prolog einmal ausgeklammert. Denn die erste Geschichte aus „Hen na e – Seltsame Bilder“ wirkt fast wie ...

Eigentlich ist der Titel ein Spoiler. Zumindest bis man in der zweiten der vier Geschichten ist, den Prolog einmal ausgeklammert. Denn die erste Geschichte aus „Hen na e – Seltsame Bilder“ wirkt fast wie eine in sich geschlossene, leicht mysteriöse Kurzgeschichte, in der zwei junge Männer über einen rätselhaften Blog diskutieren und einem möglichen Mordfall auf die Schliche kommen. Doch schon die nächste Geschichte zeigt: Bestimmte Personen tauchen erneut auf – und der Täter oder die Täterin hat mehrere Opfer auf dem Gewissen.

Ich lese selten Krimis, dafür umso lieber japanische Gesellschaftsromane, aber „Hen na e“ ist eigentlich beides. Mit einem Twist, denn der Kriminalroman von Uketsu gehört zum recht neuen Genre „Sketch Mystery Roman“. So sind Bilder ein wichtiger Teil der Ermittlungen – Bilder, die von Opfern hinterlassen wurden oder die auf eine besondere Beziehung der Figuren hindeuten. Ob es sie in jeder der insgesamt vier Geschichten gebraucht hätte oder ob die Leser:innen nicht auch so den Ermittlungen hätten folgen können, sei einmal dahingestellt. Aber sie machen durchaus einen gewissen Reiz bei der Lektüre aus. Auch die plastische Wiederholung von Ermittlungsnotizen wie die Tagesabläufe des Opfers und der Verdächtigen in der dritten Geschichte sorgen für ein ganz anderes Lesegefühl.

Vor allem aber ist „Hen na e“ eine recht dramatische, tragische Geschichte, die Leser:innen in die japanische Kultur eintauchen lässt – in Ehre, in Alltag, in den Umgang miteinander. Und mitreißend ist sie, schnell geschrieben, toll übersetzt von Heike Patzschke – 272 Seiten, die sich in einem Rutsch lesen lassen und auch müssen, möchte man doch direkt alle Geheimnisse und Verbindungen erfahren.

Bloß ein Geheimnis lässt sich nicht lösen – dass des unbekannten Autors, der sich hinter einer weißen Maske versteckt, die entfernt an Michael Myers aus Halloween erinnert. Aber vielleicht kommt das ja noch mit einem der nächsten Sketch Mystery-Romane, die hoffentlich bereits in der Arbeit oder Übersetzung sind.

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Veröffentlicht am 04.03.2025

Von Entschleunigung und überflüssigen Kommentaren

Tomke gräbt
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Als ich das Buch zuklappte, da fragte ich mich: Ist das ein Buch für Kinder – oder doch eher für Erwachsene, um das kindliche Gemüt besser fassen zu können?

Denn Tomke gräbt, Tomke buddelt, Tomke schaufelt. ...

Als ich das Buch zuklappte, da fragte ich mich: Ist das ein Buch für Kinder – oder doch eher für Erwachsene, um das kindliche Gemüt besser fassen zu können?

Denn Tomke gräbt, Tomke buddelt, Tomke schaufelt. Und alle geben ihren Senf dazu. Schließlich muss das doch einen tieferen Sinn haben, dass Tomke da mit ihrer Schüppe sitzt und gräbt und gräbt und gräbt.

Und das Schöne daran ist ja: Das ist völliger Quatsch. Also das mit dem Sinn. Manches darf, ja, muss auch einfach mal sinnlos im besten Sinne sein. Einfach machen ohne Ziel. Pure Entschleunigung. Kinder dürfen das und wenn man einmal ehrlich ist, auch Erwachsene sollten das tun.

Und noch wichtiger, Erwachsene sollten auch nicht alles kommentieren – und dürfen sich nach der Lektüre mal so richtig ertappt fühlen. Denn eigentlich kennt man das. Ein Kind macht was, jemand kommentiert es. Weniger die Eltern, aber Tanten, Onkels, Großeltern, Nachbarn, fremde Menschen meinen viel zu häufig, dass es ohne einen Spruch nicht geht. Während das angesprochene Kind überhaupt nicht weiß, was es dazu sagen soll. Und es dann wie Tomke macht: ignorieren und weiterbuddeln.

„Tomke gräbt“ ist so eine Geschichte ohne große Worte. Dafür eine mit schönen Illustrationen von Julia Dürr, die Tomkes Buddelei in wundervolle Bild- und Farbwelten eingefangen hat. Und natürlich einer wunderbaren Moral von Julia Hach, die dieses kleine, feine Kinderbuch zu einer Lektüre für alle macht – Kinder, Eltern, Verwandte und alle, die Kindern gerne mal einen Spruch drücken. Und für alle, die selbst mal wieder buddeln möchten. Schüpp-schüpp: Hurra!

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