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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.09.2025

Hatte mir mehr erwartet

Schwebende Lasten
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Hanna, 1913 in Magdeburg geboren, erlebt beinahe das gesamte 20. Jahrhundert. Früh verwaist wächst sie bei ihrer älteren Schwester auf, arbeitet hart und lernt, das Leben pragmatisch anzugehen und sich ...

Hanna, 1913 in Magdeburg geboren, erlebt beinahe das gesamte 20. Jahrhundert. Früh verwaist wächst sie bei ihrer älteren Schwester auf, arbeitet hart und lernt, das Leben pragmatisch anzugehen und sich nicht zu beklagen. Sie hat sechs Kinder, von denen zwei sterben, ohne dass sie diese begraben kann und einen Mann, der ihm kaum Stütze ist. Vieles an Hannas Figur hat mich an meine eigene Großmutter (Jhg. 1912) erinnert, vor allem die Art und Weise, wie sie ohne zu klagen ihren Platz im Leben akzeptiert und versucht, unter den gegebenen Umständen die Familie so gut wie möglich durchzubringen. Der nüchterne Schreibstil passte für mich grundsätzlich gut zu ihrem Wesen, allerdings konnte ich durch den Mangel an Emotionalität keinen tieferen Bezug zu Hanna aufbauen. Insbesondere im letzten Buchdrittel ist der Erzählton so distanziert, dass ich immer weniger Anteil an ihrem Leben nahm. Die in der Buchbeschreibung erwähnte „Poesie“ konnte ich nicht entdecken.

Da Hanna mit Leib und Seele Blumenbinderin ist, spielen (Schnitt-)blumen eine große Rolle im Buch. Jedes Kapitel wird zudem durch kurze Notizen zu einer Blumensorte eingeleitet. Da ich selbst mit Blumen wenig anfangen kann, nahm mir das zu viel Raum ein, die Notizen habe ich komplett übersprungen. Ich hatte mir erhofft, dass Hannas Tätigkeit als Kranfahrerin stärker thematisiert wird. Leider wird das in wenigen Absätzen abgehandelt.

Insgesamt bin ich durch die Buchbeschreibung mit etwas anderen Erwartungen an Stil und Fokus an dieses Buch herangegangen und wurde leider enttäuscht.

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Veröffentlicht am 15.09.2025

Nicht ganz mein Humor

Mehr Allergien als Freunde
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Von Johanna Wack hatte ich bisher nur einen kurzen Video-Clip in Erinnerung, aber der Titel des Buches klangvielversprechend, und ich war neugierig.

In kurzen Texten, die von Dating-Pannen, dem Leben ...

Von Johanna Wack hatte ich bisher nur einen kurzen Video-Clip in Erinnerung, aber der Titel des Buches klangvielversprechend, und ich war neugierig.

In kurzen Texten, die von Dating-Pannen, dem Leben als Mutter, einer Wohnungssuche oder Baumarkterlebnissen handeln, greift Johanna Wack den alltäglichen Wahnsinn auf. Einige Episoden sind wirklich herrlich, großartig zugespitzt und urkomisch. Meine persönlichen Favoriten sind etwa „Abschiedsbrief einer Buchhalterin an ihren Ehemann“, „Zahlungserinnerung“ und „Suche Wohnung, ruhig gelegen und zentral“. Mit vielen anderen konnte ich dagegen wenig anfangen, weil sie mir zu übertrieben waren. Hierzu gehören ihre Texte als Mutter und das Kapitel „Texte für Kinder“: Vielleicht wirken diese auf der Bühne vorgetragen auch besser als in einem Buch.

Fazit: Eine nette Unterhaltung für Zwischendurch, aber nicht ganz mein Humor.

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Veröffentlicht am 27.08.2025

Hat meine Erwartungen leider nicht erfüllt

Junge Frau mit Katze
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Daniela Dröscher wurde mir aufgrund ihres Buches „Lügen über meine Mutter“ vielfach empfohlen, und so habe ich voller Vorfreude zu ihrem neuesten autofiktionalen Werk gegriffen. Die Protagonistin Daniela ...

Daniela Dröscher wurde mir aufgrund ihres Buches „Lügen über meine Mutter“ vielfach empfohlen, und so habe ich voller Vorfreude zu ihrem neuesten autofiktionalen Werk gegriffen. Die Protagonistin Daniela steht kurz vor ihrem Rigorosum und hat endlich eine befristete Festanstellung in der Wissenschaft in Aussicht, als ihr Körper streikt und die vielfältigsten Beschwerden auftreten. Es beginnt eine Odyssee von einer Arztpraxis zur nächsten, die Mediziner:innen sind bestenfalls desinteressiert bis unverhohlen genervt von ihrer Patientin mit den unklaren Symptomen. Dieser Part ist mir aus eigener Erfahrung nicht unbekannt, und Dröscher beschreibt die Probleme des Gesundheitssystems treffend.

Als Romanhandlung waren mir die eingehende Beschäftigung mit Krankheiten, Medikamenten, Arztbesuchen und ihr rotierendes Gedankenkarussell aber zu dünn. Dass sich ihr beruflicher Stress und die unsichere Beschäftigungssituation samt prekärer finanzieller Lage im Universitätsbetrieb auf die Gesundheit niederschlagen, ist zwar glaubwürdig, aber wenig originell. Die bemüht wirkende Verbindung zwischen ihren Krankheiten und dem Verhältnis zu Bruder und Mutter erschien mir etwas abwegig. Grundsätzlich ist es auch immer schön, einen Einblick in das Innenleben einer Figur zu bekommen, aber auf die detaillierte und bildliche Beschreibung der Darmspülung hätte ich doch gerne verzichtet.

Leider konnte ich hier auch mit der Intertextualität, die sich durch da gesamte Buch zieht, nichts anfangen, da die Autor:innen und Dichter:innen, auf die sie referenziert, nicht meinen Literaturvorlieben entsprechen.

Hinzu kommen offensichtliche inhaltliche Fehler. So gehören die von Daniela Dröscher genannten Wirkstoffe wie Fentanyl, Codein und Tramadol entgegen ihrer Behauptung nicht zur Gruppe der Nicht-steroidalen Antirheumatika, sondern zu den Opioiden. Selbst als Nicht-Medizinerin wurde ich hier stutzig. Auch wundert mich, dass sie in Bezug auf die Bewertung der Dissertation der Protagonistin immer nur die Stufen „summa“ und „cum“ erwähnt und die dazwischenliegende Note „magna“ unterschlägt.

Insgesamt hat mich „Junge Frau mit Katze“ leider enttäuscht und lässt mich etwas ratlos zurück.

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Veröffentlicht am 27.08.2025

sehr speziell

1000 und ich. Zweifle nicht, zögere nicht, hinterfrage nicht.
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Letztes Jahr haben mein Sohn (11) und ich mit Begeisterung „Cato und die Dinge, die niemand sieht“ von Yorick Goldewijk gelesen, und so war ich sehr neugierig auf sein neuestes Werk „1000 und ich“, zumal ...

Letztes Jahr haben mein Sohn (11) und ich mit Begeisterung „Cato und die Dinge, die niemand sieht“ von Yorick Goldewijk gelesen, und so war ich sehr neugierig auf sein neuestes Werk „1000 und ich“, zumal ich Dystopien sehr mag und der Klappentext entsprechende Assoziationen weckt.

8 lebt zusammen mit vielen anderen „Unbeseelten“ in Surdus, wird durch eine Stimme aus einem Bildschirm in ihrer Wohnzelle indoktriniert, von Spähern auf Schritt und Tritt überwacht. Jeden Tag geht sie der gleichen monotonen, stumpfsinnigen Tätigkeit nach, durch die sie „kalibriert“ wird. Die Unbeseelten leben wortlos und ohne Kontakt nebeneinander her, doch 8 fühlt eine unbestimmte Sehnsucht. Eines Tages erhascht sie einen verbotenen Blick einer anderen Unbeseelten, und sie setzt alles daran, diese wiederzusehen, auch wenn es ihre Eliminierung bedeuten kann.

Zu Beginn fühlte ich mich an „1984“ erinnert. Die Unbeseelten werden darauf kalibriert, „nichts“ zu sein, stoisch sinnlose, immer wiederkehrende Befehle auszuführen. Der Name „Surdus“, der im Lateinischen „dumpf, gefühllos“ bedeutet, ist passend gewählt. Die Erzählung wird zunehmend surreal, verlässt die Grenzen der Logik und ich habe mich mehrmals gefragt, in welcher Welt die Handlung angesiedelt ist und worum genau es sich bei den Wesen handelt, die beispielsweise niemals essen müssen. Erst gegen Ende klärt sich dies alles auf und führt zu einem Aha-Erlebnis, dessen Prinzip mich an eine bekannte Filmreihe erinnert. Näher kann ich nicht darauf eingehen, da ich nicht spoilern möchte. Wer das Buch gelesen hat, wird aber wissen, worauf ich mich beziehe.

Die Geschichte enthält einige interessante Ansätze, die jedoch erst im Nachhinein klar werden, und man braucht eine gewisse Ausdauer, um bis dahin durchzuhalten. Einige Handlungselemente kehren mehrfach wieder, auch die Gedanken von 8 drehen sich im Kreis, und ich merkte, dass ich beim Lesen ungeduldig wurde. Mein Sohn hat mit 11,5 Jahren schon nach den ersten Seiten die Lust verloren. Die surreal anmutenden Ereignisse erschweren das Verständnis, und echte Spannung kommt nicht auf. Bei der Zielgruppe ab 12 Jahren kann ich mir nicht vorstellen, dass diese angesichts der monotonen, verwirrenden Handlung bei der Stange bleiben. Für ältere Kinder und Erwachsene empfinde ich die Gesamtidee wiederum als nicht komplex genug; so war mir beispielsweise sehr schnell klar, wie die Zahlen 1000 und 8 zusammenhängen und welche Schlussfolgerungen sich daraus ergeben.

Insgesamt würde ich dieses Buch am ehesten Leser:innen ab ca. 14 Jahren empfehlen, die Interesse an Gedankenspielen haben. Mich konnte die Geschichte leider nicht überzeugen und ich vergebe knappe 3 Sterne.

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Konnte mich leider nicht überzeugen

Die Passantin
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Die französische Schauspielerin Jeanne Patou befindet sich gerade in Barcelona, als sie aus dem Fernsehen erfährt, dass das Flugzeug abgestürzt ist, in dem sie eigentlich hätte sitzen sollen. Aus einem ...

Die französische Schauspielerin Jeanne Patou befindet sich gerade in Barcelona, als sie aus dem Fernsehen erfährt, dass das Flugzeug abgestürzt ist, in dem sie eigentlich hätte sitzen sollen. Aus einem inneren Impuls heraus hatte sie den Flieger in letzter Minute doch nicht bestiegen, doch das weiß niemand außer ihr, und so geht ihr Tod durch die Nachrichten. Für Jeanne bietet sich die einmalige Gelegenheit, alles hinter sich zu lassen und ein ganz neues Leben zu beginnen. Doch ist das überhaupt möglich, noch einmal völlig neu anzufangen?
Sie taucht in einem Haus unter, in dem nur Frauen leben, die alle Gewalt durch Männer erfahren haben und sich gegenseitig unterstützen. Viereinhalb Jahre später läuft Jeanne auf der La Rambla zufällig ihrem Mann über dem Weg…
Nina George hat ein zutiefst feministisches, wütendes Buch geschrieben, das sich mit den Folgen der patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft auseinandersetzt: Mit der psychischen und physischen Gewalt, der Frauen ausgesetzt sind, den strukturellen Benachteiligungen, aber auch dem typisch männlichen Blick durch Kameras: reduziert auf ihren Körper und ihre Sexualität.
Dem stellt sie den Zusammenhalt der Frauen, die gemeinsam in einem Haus wohnen, gegenüber. Diese unterstützen sich gegenseitig, passen aufeinander auf, geben sich Halt.
Trotz des wichtigen Themas konnte mich der Roman allerdings nicht gänzlich für sich einnehmen. Generell stört es mich, wenn vor feministischem Hintergrund das Genus verändert wird: So ist zB immer von „der Mondin“ anstatt von „dem Mond“ die Rede, was bei mir ein Augenrollen hervorruft. Das Schicksal der Mitbewohnerinnen von Jeanne hat mich zudem mehr berührt als das der eigentlichen Hauptfigur, bei der ich mich des Gedankens nicht erwehren konnte, dass sie in der Beziehungskonstellation mit ihrem Mann an ihrer Situation nicht ganz unschuldig ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen, die aus privaten, wirtschaftlichen, rechtlichen oder gesellschaftlichen Gründen ihrem Ehemann nicht entkommen können, hätte Jeanne alle Möglichkeiten dazu gehabt. Der Macht ihres Mannes gab Jeanne durch ihre Passivität erst recht Raum. Mir fiel es daher schwer, wirklich Mitgefühl mit Jeanne zu entwickeln.
Der Schluss wirkt angesichts des ausführlichen Erzählstils davor etwas überhastet und unglaubwürdig. Insgesamt bleibe ich mit gemischten Gefühlen zurück.

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