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Veröffentlicht am 17.09.2025

Über die Wirkung patriarchaler Machtstrukturen

Weibliche Macht neu denken
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Die Journalistin, Redakteurin und Leiterin des Kulturresorts des "Spiegel", Eva Thöne, hat ein Buch mit dem Titel "Weibliche Macht neu denken" veröffentlicht. Eine Frau, die fast gleich alt ist wie ich, ...

Die Journalistin, Redakteurin und Leiterin des Kulturresorts des "Spiegel", Eva Thöne, hat ein Buch mit dem Titel "Weibliche Macht neu denken" veröffentlicht. Eine Frau, die fast gleich alt ist wie ich, und selbst in einer Führungsposition, das macht mich neugierig auf das Buch.

Als eine, die sich schon sehr viel mit diesem Thema beschäftigt hat, ist vieles, was im Buch dargestellt wird, erst einmal eine Wiederholung für mich: es geht um die uralten patriarchalen Machtstrukturen, die Frauen aus dem öffentlichen Bereich fernhalten wollen und bis heute nachwirken. Das schildert die Autorin eindrucksvoll anhand eines aktuellen Beispiels: auch heute melden sich im beruflichen Bereich in Diskussionen Frauen viel weniger zu Wort, und wenn sie das tun, werden sie damit weniger gehört, es wird auf ihre Beiträge weniger eingegangen und sie werden öfter übergangen oder abgewertet.

Dazu gibt es viele bekannte Studien und Beispiele. Es geht um den schmalen Grat, auf dem Frauen in der Öffentlichkeit sich bewegen, zwischen als zu schrill, zu laut, zu fordernd oder gar "hysterisch" abgewertet zu werden oder unsichtbar und machtlos zu bleiben. Um die einzig wirklich akzeptierte machtvolle traditionelle Frauenrolle: die der Mutter, die aber ihre eigenen Nachteile mit sich bringt, Frauen auch beruflich in ein enges Korsett zwingt, das oft ihrer Persönlichkeit gar nicht entspricht (man denke an die kinderlose und gar nicht sehr mütterliche Angela Merkel, der doch schnell der Spitzname "Mutti" samt passenden Zuschreibungen verpasst wurde) und um die Omnipräsenz männlicher Rollenbilder, Mythen und Narrative, wie sich auch etwa an dem allseits so verbreiteten Schema der "Heldenreise" zeigt.

Es geht um Frauen, denen von Haus aus nur dann Machtpositionen zugestanden werden, wenn die Erfolgschancen schon gering sind: das wird bei der Analyse von Kandidatinnen in Wahlkreisen genauso sichtbar wie bei einer amerikanischen Präsidentschaftswahl, bei der der greise Joe Biden erst spät Platz für seine Nachfolgekandidatin Kamala Harris machte, die dann bekanntlich auch gegenüber Donald Trump unterlag.

Was mir persönlich in diesem Buch ein bisschen zu kurz gekommen ist, ist tatsächlich das "neu denken" aus dem Titel. Von einem Buch mit diesem Titel hätte ich mir etwas anderes erwartet, als ich bekommen habe: nämlich nicht zu mindestens 3/4 eine Aufarbeitung von dem, was bisher war und schief läuft, sondern viel mehr neue und bisher unbekannte Ansätze für weibliche Macht. Ich hätte gern mehr darüber gelernt, wie weibliche Macht ganz anders aussehen kann als männliche, und Rollenvorbilder dafür kennen gelernt: dieses Thema kommt nach meinem Empfinden im Buch aber nur am Rande vor, als kleine eingestreute Tipps nebenbei, beispielsweise wenn es um die Archetypen der "großen Schwester" oder der "weisen Frau" in Ergänzung zur "Mutter" geht. Davon hätte ich mir mehr gewünscht.

Sehr interessant wurde es für mich im Buch auch immer dann, wenn über eine allgemeine Analyse hinaus die Autorin als Mensch für mich spürbar wurde, also wenn sie gelegentlich Geschichten und Erfahrungen aus ihrem Leben geteilt und mit dem Thema des Buches verbunden hat, auch davon hätte ich gerne mehr gelesen und das würde ich mir für zukünftige Bücher von ihr wünschen, sofern sie bereit ist, das von sich zu teilen (natürlich exponiert man sich damit auch mehr, mit allen damit verbundenen Risiken, das ist mir bewusst).

Insgesamt finden sich im Buch also viele nachdenklich machende Beispiele für die Benachteiligung von Frauen, die bis heute nachwirkt. Das macht auch den größten Teil des Buches aus. Allen, die sich mit diesem Thema bisher erst wenig beschäftigt haben, kann ich das Buch sehr empfehlen, weil es fundiert aufzeigt, wie tief das Patriarchat und dessen Denkweisen nach wie vor in fast allen Bereichen unserer Gesellschaft tief verwurzelt sind.

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Veröffentlicht am 15.09.2025

Wer und was definiert, wer man ist?

Buch der Gesichter
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Der serbisch-österreichische Autor Marko Dinic ist mit "Buch der Gesichter" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Das macht neugierig auf dieses Buch. Ich lese es mit dem Hintergrund eines ...

Der serbisch-österreichische Autor Marko Dinic ist mit "Buch der Gesichter" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Das macht neugierig auf dieses Buch. Ich lese es mit dem Hintergrund eines großen Interesses an Serbien, einem Land, das ich schon oft bereist habe und die Sprache dessen Bewohnerinnen und Bewohner ich gelernt habe.

Hier handelt es sich um ein sehr hartes Buch. Es werden ärgste Kriegsgräuel und Verbrechen an Menschen und Tieren zu verschiedenen Zeiten, ganz besonders in den beiden Weltkriegen, ausführlich geschildert. Die Schrecken der Kriege werden eindrücklich spürbar.

Ich verzichte hier auf das Zitieren einer der zahlreichen Stellen des Quälens oder Tötens von Menschen oder Tieren, aber zitiere eine andere Stelle zu diesem Thema, die mich berührt hat: "Jegliche Zukunft, ob als Wunsch geäußert oder als Schicksal hingenommen, versank im Schlamm dieser auf Tod und Stumpfsinn gebauten Gegenwart. Was anderes war der Krieg als ein Karren im Dreck, fragte sich Olga, während es einerlei geworden war, ob Herbst, Winter oder ein Jahr verstrichen. Denn 1917 zählte niemand die Toten mehr; im Osten, hieß es, bereiteten die Russen die Revolution vor." (S. 19)

Die Thematik der Grausamkeiten, die Menschen verüben können, macht es zu einem Buch, das man aushalten können muss und für das es die passende psychische Stabilität und Resilienz braucht. Kann man sich darauf einlassen, dann ist es ein tiefgründiges Buch, in dem man viel über die Geschichte Serbiens und die Auslöschung der Jüdinnen und Juden und ihrer Kultur auch dort erfährt. Das Buch lebt von verschiedenen Charakteren und Erzählperspektiven, im Zentrum steht aber Isak, ein Jude, der später als Ivan unter Verleugnung seiner jüdischen Identität und unter härtesten Bedingungen auch die NS-Zeit überlebt: "Dass die Deutschen ihn nicht erwischt hatten, war dem Zufall seines neuen, serbischeren Namens geschuldet, der seit vielen Jahren Ivan lautete. Oder aber das Leben besaß die Angewohnheit, ohne ihn stattzufinden. Das wiederum konnte nur bedeuten, dass er kein Jude war. Wäre er nämlich Jude, hieße er Isak, und hieße er Isak, säße er im Laderaum eines Lastwagens." (S. 84)

Das Buch ist in einzelne Episoden eingeteilt, die nicht unbedingt linear und chronologisch erzählt werden, das wird gleich am Anfang vorgestellt und begründet, und hat für mich den Lesefluss nicht gestört. In vielen kleinen Szenen erfährt man viel über das, was das Leben der Menschen in dieser Region ausmachte und zum Teil bis heute prägt, da geht es um Kollaboration genauso wie um Widerstand und immer wieder stark um das Kämpfen um die eigene Identität, die hebräische Sprache, die Liebe zu Büchern in einer Kultur, in der so einige das als unmännlich und unserbisch ansehen. Darum, wer wir sind, wie wir uns selbst definieren oder von anderen definiert werden und ob und wie es möglich ist, trotz aller Gefahren und trotz der Notwendigkeit des Sich-Versteckens an der eigenen Identität und den eigenen Wurzeln festzuhalten. Um jene, die den Mut haben, sich dem Widerstand gegen unterdrückerische Regime anzuschließen und jene, die an das Ideal einer neuen, kommunistischen Gesellschaft glaubten, mit der damals viele Hoffnungen und Träume verbunden waren. Aber auch um die kulturelle und religiöse Vielfalt am Balkan und alles, was damit zusammenhängt. Und um noch vieles mehr.

Wer sich auf dieses lange und tiefgründige Buch einlassen kann und will, die geschilderten Grausamkeiten aushalten kann und sich für die serbische Geschichte des letzten Jahrhunderts interessiert, kann in diesem Buch explizit und implizit sehr viel lernen. Sowohl in dem, was erzählt wird, als auch in der Art und Weise, wie es geschildert und sprachlich formuliert wird, kommt für mich sehr viel der Kultur und Geschichte dieser Region durch. Es ist kein sehr angenehmes oder Freude machendes Buch, auch keines, das sich schnell und leicht liest, aber doch eines, das tief nachhallen kann, das bildet und auf vielen Ebenen zum Nachdenken anregt. Empfehlung für jene, die dafür offen sind und sich die Zeit dafür nehmen können und wollen.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Was ist so gefährlich wie nichts?

Dr. No
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Wala Kitu ist ein schräger, genialer Mathematikprofessor, weltfremd und autistisch. Er wird vom Milliardär John Sill kontaktiert, der sich zum Ziel gesetzt hat, ein Schurke zu sein und dafür hinter „nichts“ ...

Wala Kitu ist ein schräger, genialer Mathematikprofessor, weltfremd und autistisch. Er wird vom Milliardär John Sill kontaktiert, der sich zum Ziel gesetzt hat, ein Schurke zu sein und dafür hinter „nichts“ her ist, das angeblich in einem Schuhkarton in Fort Knox aufbewahrt sei und für das Wala Kitu ein Experte ist. Soweit zur bekannten und beworbenen Hintergrundstory.

„Dr. No“ ist ein satirisch-schräger Roman, eine James-Bond-Persiflage mit Schurken, Luxusanwesen, Helikoptern, Waffen, Haifischbecken, einer hochbegabten autistischen Mathematikerin, Eigen Vector, die als Bond-Girl entfremdet wird, einem einbeinigen Hund namens Trigo, der „Fettgesicht“ genannt wird und als imaginärer Berater für Wala Kitu dient, aber auch mit vielen Einschüben aus Logik und Mathematik:

„Die Lüge ist das arithmetische Axiom, demzufolge x für jedes x auf der Welt gleich x ist. Nur der Glaube lässt dies als unwiderlegbare Wahrheit zu. Selbst wenn ich x als das Ding definiere, das zu einer bestimmten Position in der Zeit eine bestimmte Position im Raum einnimmt.“ (S. 52)

Ganz ehrlich, am Anfang wusste ich gar nicht, was ich mit dieser Lektüre anfangen soll und es hat schon einige Dutzend Seiten gebraucht, bis ich in das Buch reingekommen bin. Das mag daran liegen, dass die mathematischen Referenzen mich nicht sonderlich interessiert haben und ich außerdem nichts das klassische James-Bond-Fangirl bin, auch wenn ich im Laufe meines Lebens durchaus schon ein paar dieser Filme gesehen habe.

Interessant ist, wie in dem Buch mit dem Konzept des „Nichts“ gespielt wird. Ist nichts wirklich nichts und was wäre, wenn wir nichts als etwas behandeln würden? Dazu gibt es viele humorvolle und gleichzeitig nachdenklich machende Dialoge und Einschübe, so wie diesen hier:

- „Wir wissen, dass Sill es auf irgendwas abgesehen hat. Sagen Sie uns einfach, was Sie wissen, und alles ist im Lack.“

- „Was?“

- „Sagen Sie mir, was Sie wissen.“

- „Nichts. Ich habe von nichts eine Ahnung. Ich weiß außerdem, dass Sill es auf nichts abgesehen hat.“

- „Sie sagen also, dass er nichts plant.“

- „Das habe ich nicht gesagt. Hören Sie diesmal genau zu. Sill interessiert sich für nichts. Er will nichts. Er plant, nichts zu stehlen. Er will oder vielmehr braucht mich, weil ich mich mit nichts auskenne.“ (S. 154)

Von diesen Wort- und Denkspielerein lebt der Roman hauptsächlich. Sind sie am Anfang sehr lustig, wurde mir das Konzept aber gegen Ende ein bisschen überstrapaziert. Ähnlich ging es mir mit einigen anderen Themen, die wieder und wieder erwähnt wurden: etwa die Mathematiker, die „am Asperger-Syndrom leiden“ würden (ein veralteter und in diesem Wortlauf in der autistischen Community umstrittener Ausdruck) oder auch die vielfache Erwähnung davon, dass die Polizei schwarze Menschen anhalten und erschießen würde, nur weil sie schwarz seien… was zweifellos den Tatsachen entspricht und wichtig zu kritisieren ist, aber eben auch sehr oft erwähnt wurde.

Humor ist etwas Subjektives und in manchen Bereichen hat dieser Roman sehr meinen Humor getroffen, in anderen gar nicht. Das hat sicherlich auch mit meiner Lebensumwelt und -erfahrung zu tun und damit, wie diese sich vom Autor unterscheidet.

Insgesamt ist es ein durchaus sehr humorvolles und gleichzeitig nachdenklich machendes Buch, mit dem insbesondere Mathematikinteressierte sowie James-Bond-Fans ihre Freude haben dürften.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Vielschichtig, verspiegelt und flüchtig

Der Hase im Mond
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Nach mehreren Romanerfolgen wie "Oben Erde, unten Himmel" oder "Ich nannte ihn Krawatte" hat die in Österreich aufgewachsene Autorin Milena Michiko Flasar, Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen ...

Nach mehreren Romanerfolgen wie "Oben Erde, unten Himmel" oder "Ich nannte ihn Krawatte" hat die in Österreich aufgewachsene Autorin Milena Michiko Flasar, Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters, nun eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht. Genauso wie eine der Geschichten im Buch lautet auch der Titel "Der Hase im Mond".

Es sind stille, poetische, vielschichtige Geschichten, die alle in einem japanisch geprägten Umfeld spielen und zum Teil eng mit japanischer Mythologie verbunden sind. Besonders zeigt sich das in der ersten Geschichte "Die Füchsin", in der ein unter Erfolgsdruck stehender Autor von einer Fuchsfrau besucht, inspiriert und bezaubert wird, passend zur japanischen Mythologie der Kitsune, der Fuchsgeister.

Wer die japanische Kultur tiefgehend kennt (ich gehöre nicht zu diesem Personenkreis), wird hier sicher noch viel mehr kulturelle Bezüge feststellen können, aber auch für alle anderen ist es eine interessante und leicht fremdartige Lektüre. Am Ende des Buches findet sich ein einseitiges Glossar, das die wichtigsten unbekannten japanischen Begriffe und Konzepte kurz erklärt.

In den meisten Geschichten geht es auf die eine oder andere Art auch darum, wer wir für uns selbst und für andere sind, wie etwas scheint und wie es wirklich sein könnte, was wir aufeinander und auf die Welt projizieren und voneinander und von ihr erwarten und wie wir uns in ihr und zu den Geschehnissen um uns herum positionieren. Viele der Geschichten weisen auf die eine oder andere Art fantastische, surreale oder zumindest leicht unglaubhafte Elemente auf. Die porträtierten Figuren sind oft ein bisschen verloren in der Welt, einsam oder jedenfalls distanziert und in ihrem eigenen gedanklichen Universum.

Damit empfiehlt sich das Buch für Menschen, die damit etwas anfangen können... wenn man das kann, entfalten die Geschichten aber ihren ganz eigenen Zauber, der gerade in all dem Verspiegelten, Flüchtigen und Undefinierbaren liegt. Die Geschichten spielen damit, auf vielfältige Weise interpretierbar zu sein, sodass wir uns als Lesende darin suchen, verlieren und spiegeln können.

Dramaturgisch sind die Geschichten gut aufgebaut, man ist beim Lesen jeweils sofort in der jeweiligen Geschichte drinnen, sieht die Welt durch die Augen der jeweiligen Figuren und ist gespannt darauf, wie die Geschichte weitergeht. Dabei gibt es auch so einige interessante und unerwartete Wendungen, auch wenn es sich insgesamt um ein ruhiges und poetisches Buch handelt.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Das Leben muss man aktiv betreiben

Katabasis
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Rebecca F. Kuang ist als eine Autorin bekannt, die außergewöhnliche und bemerkenswerte Bücher verfasst. Werke, die aus der Masse der Neuveröffentlichungen herausstechen, im Gedächtnis bleiben und herkömmliche ...

Rebecca F. Kuang ist als eine Autorin bekannt, die außergewöhnliche und bemerkenswerte Bücher verfasst. Werke, die aus der Masse der Neuveröffentlichungen herausstechen, im Gedächtnis bleiben und herkömmliche Schreibkonventionen und Genregrenzen überwinden. Das macht sie so besonders, aber durchaus auch anspruchsvoll zum Lesen.

Das war schon bei „Babel“ und „Yellowface“ so, den beiden mir vor der Lektüre von „Katabasis“ bekannten Werken dieser Autorin. Schon für „Babel“ galt: es ist nur vordergründig ein fantastischer historischer Roman, dahinter liegt ganz viel Kolonialismus- und Rassismuskritik, Wissensvermittlung im Bereich Linguistik und vieles mehr. Die Bücher der Autorin sind also sehr tiefgründig und man braucht Zeit und Energie, um sich wirklich darauf einzulassen.

Das gilt noch einmal mehr für „Katabasis“. An dieser Stelle schon mal eine Warnung: wer sich aufgrund der Kurzbeschreibung eine unterhaltsame, vergnügliche, leicht und schnell zu lesende Fantasyreise durch die Hölle erwartet, der halte bitte inne und schaue sich dieses Buch genau an, lese auch hinein! Denn nein, genau darum handelt es sich hier nicht.

Ja, das Buch spielt in der Hölle und es weist einige Fantasy-Elemente auf, insbesondere die verwendete Magie. Doch selbst diese ist in einen äußerst wissenschaftlichen Kontext eingebettet und unterliegt genauen Regeln. Typische Leserinnen und Leser von Fantasyromanen, die um anspruchsvolle Literatur und Sachbücher normalerweise einen weiten Bogen machen und sich nicht für Philosophie und Wissenschaft interessieren, werden mit diesem Werk wohl keine große Freude haben.

Das eigentliche Hauptthema dieses Buches, wie ich es verstehe, ist eine beißend-sarkastische Kritik an all den Missständen im universitären Betrieb, auch an Elite-Unis: an der extremen Ausbeutung von Doktorandinnen und Doktoranden, an sexuellen Übergriffen, Manipulation und Machtmissbrauch, am Schüren von Konkurrenzdenken zwischen den Studierenden und am Wecken falscher Hoffnungen, wenn man sich nur genug anstrengen würde sowie an der einseitigen Fokussierung nur auf das Geistig-Intellektuelle, während all das, was sonst noch das Leben ausmacht, zu kurz kommt. Wer selbst den universitären Betrieb näher kennen gelernt und kritisch zu hinterfragen begonnen hat, wird so einiges wiedererkennen.

So reisen unsere zwei Helden Alice und Peter – die zwei besten Studierenden des verunglückten Magiers und ihres Doktorvaters Jacob Grimes – zwar in die Hölle, um diesen zu retten. Doch die Hölle gleicht in vielem einem Zerrbild des akademischen Betriebs, hat ganz viel mit diesem zu tun und ist an ihn angelehnt. Auch wenn Alice und Peter sich über 90 Prozent des Buches tatsächlich in der Hölle aufhalten – innerlich und auch in dem, was ihnen gespiegelt wird, haben sie Cambridge niemals wirklich verlassen.

Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass auch in den verschiedenen Höllenkreisen studiert und geforscht wird oder Dissertationen verfasst werden, nicht nur, aber zu einem großen Teil. Zusätzlich gibt es natürlich auch noch klassische Bösewichte, die unseren Helden nach dem Leben und der Seele trachten, diverse Monster und den Fluss Lethe, der alle Erinnerungen auszulöschen droht… vor allem aber ganz viel Kargheit und Einsamkeit, auch das wohl wieder ein Spiegel des so auf die geistige Sphäre reduzierten Lebens der Promovierenden in Cambridge (die Autorin arbeitet selbst gerade an ihrer Promotion an einer Eliteuni).

Die Kapitel, in denen die aktuelle Handlung des Reisens durch die verschiedenen Höllenkreise Stolz, Wollust, Gier, Zorn usw. voranschreitet, werden immer wieder von sehr theoretischen philosophischen Rückblicken auf die Studierendenzeit in Cambridge, die Anwendung akademischer Magie und die Missstände im akademischen Bereich unterbrochen. Das setzt die Bereitschaft der Lesenden voraus, sich auf umfangreiche philosophische und theoretische Exkurse einzulassen, um das Interesse am Buch nicht zu verlieren.

Mit den Figuren im Buch warm zu werden hat bei mir auch einiges an Zeit gebraucht, insbesondere bei Alice, die zumindest anfangs sehr selbstbezogen und nur auf ihre akademische Karriere bedacht wirkt. Anfangs erscheinen die beiden als intellektuell-verknöcherte, ihren unsympathischen und ausbeuterischen Professor völlig unkritisch verehrende Gestalten, doch machen beide, und noch einmal mehr Alice, im Laufe des Buches eine enorme Entwicklung und Emanzipation durch. Es ist aber nur ein Buch für Menschen, die bereit sind, sich auf erst einmal nicht sonderlich sympathische Charaktere einzulassen.

Inhaltlich steckt enorm viel Weisheit und Tiefe in dem Buch. Doch es war an vielen Stellen hart und sperrig zu lesen und ich hatte zwischendurch immer wieder den Impuls, es beiseite zu legen und ich würde für die Lektüre mehrere Wochen und begleitende Diskussionen mit Mitlesenden empfehlen, um die Motivation aufrechtzuerhalten, dranzubleiben.

Wie schon erwähnt, ist es definitiv keine einfache Unterhaltungslektüre, sondern ein Buch, das die Lesenden auf vielen Ebenen fordert. Wer sich darauf einlässt, wird schlussendlich aber doch mit einer jedenfalls im Rückblick interessanten Geschichte, viel Stoff zum Nachdenken und Hinterfragen und tiefgründigen philosophischen Gedanken belohnt. Es ist ein Buch, aus dem ich mir so einige Zitate rausgeschrieben habe und das noch länger bei mir emotional und intellektuell nachwirken wird:

"Im Kern ging es bei Magie nicht um komplizierte Mathematik oder Logik oder Linguistik, sondern darum, dass man daran glaubte. Durch den Glauben entfaltete ein Zauber seine Wirkung. Es war gar keine Frage der Algorithmen, sondern der Selbsttäuschung. Man musste genug Beweise sammeln, um sich selbst davon zu überzeugen, dass die Welt anders sein konnte, und solange man sich selbst belügen konnte, galt das auch für den Rest der Welt.“ (S. 156/157)

„Man könnte sagen, Karma verhält sich wie ein Same. Aus Samen wachsen Früchte. Karma ist eine natürliche Konsequenz. Das Schlechte sammelt sich an. Es beeinflusst, wie du lebst und die Welt wahrnimmst. Wenn du Böses tust, betrachtest du die Welt als engherzig und selbstsüchtig und grausam. Und in der Hölle erlebst du einfach nur die endgültige Konsequenz deiner ursprünglichen Bösartigkeit.“ (S. 340)

„Wenn ich sterbe, sterbe ich“, sagte Alice. „Aber anders ist das Leben nicht zu haben, glaube ich. Das Leben muss man aktiv betreiben. Man muss darum kämpfen. Sonst ist es gar kein Leben. Darum geht es. Sonst ist es nur ein Impuls. Und wir haben beide gemerkt, dass das nicht reicht.“ (S. 563)

„Da fiel ihr alles wieder ein. Das süße dunkle Gras, das Rauschen der Baumkronen, Rotkehlchen, die in ihre Nester hüpften. Stakhölzer, die ins Wasser tauchten, Fahrradreifen auf Kopfsteinpflaster. So viele Details, die sie jeden Abend beim Vorübergehen ignoriert hatte, gefangen in ihrem eigenen Schädel. Jetzt schien alles zu lebhaft, um echt zu sein; eine Projektion, ein Lichtspiel. Die Welt war so voller Dinge!“ (S. 650)

Ich empfehle das Buch ausdrücklich jenen buchinteressierten Menschen, die nicht nur hauptsächlich zur Unterhaltung lesen, sondern an intellektuell anstrengender Denkarbeit, vielen neuen Impulsen und persönlicher Weiterentwicklung interessiert sind. Für jene, die bereit sind, die damit verbundene Arbeit und Anstrengung auf sich zu nehmen, ist es ein lohnendes, interessantes und außergewöhnliches Werk.

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