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Veröffentlicht am 19.09.2025

Vom Platzen der Traumwelt und der unternehmerischen Anpassung an neue Herausforderungen

Die Stunde der Nashörner. Wie Unternehmen die neuen geopolitischen Risiken managen.
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In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es den verbreiteten Traum von immer mehr Globalisierung, Demokratie und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sah es ...

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es den verbreiteten Traum von immer mehr Globalisierung, Demokratie und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sah es für kurze Zeit für viele Menschen im Westen so aus, als würde die Welt immer friedlicher, erfolgreicher und wohlhabender werden und immer mehr zusammenwachsen, nach westlichen Maßstäben und Werten. Auch das Projekt EU wurzelt tief in diesem Glauben, was sich auch darin zeigt, dass gemeinsame Verteidigungspolitik lange überhaupt kein Fokusthema war.

Nun stehen wir bekanntlich vor einer gänzlich veränderten Welt der neuen Kriege und zunehmenden Krisen. In dieser Welt kann es höchst problematisch sein, dass so viele kritische Industrien, insbesondere im IT-Bereich, große Teile ihrer Produktion nach China ausgelagert haben, auf eine Art, wie es nur unter sehr hohen Kosten und langsam wieder rückgängig gemacht werden könnte. Davon handelt dieses Buch: es analysiert dieses Thema, zeigt anhand von Daten, Grafiken und Beispielen den zunehmenden Aufschwung Chinas und den Abschwung des Westens und die damit einhergehende Abhängigkeit von Fernost auf, sensibilisiert für dieses Thema und zeigt erste Lösungswege.

Das Buch ist grundsätzlich übersichtlich gestaltet und Beispiele und Grafiken machen die Inhalte interessanter. Dennoch handelt es sich klar an ein Fachpublikum, das über tiefgehendes wirtschaftliches und idealerweise auch IT-technisches Vorwissen verfügt und mit dem entsprechenden Vokabular vertraut ist.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Autistische Wahrnehmung aus der Du-Perspektive

Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines Alien
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Ich habe im Laufe meines Lebens schon einige Bücher gelesen, die aus der Perspektive von Menschen aus dem autistischen Spektrum geschrieben sind. Auch dieses Buch gehört dazu: die Besonderheit ist diesmal, ...

Ich habe im Laufe meines Lebens schon einige Bücher gelesen, die aus der Perspektive von Menschen aus dem autistischen Spektrum geschrieben sind. Auch dieses Buch gehört dazu: die Besonderheit ist diesmal, dass nicht direkt aus der Ich-Perspektive erzählt wird, sondern eine unsichtbare Stimme sich per "Du" an das kleine "Alien" wendet, ein Mädchen mit einer ganz eigenen Weltwahrnehmung, die in vielem der autistischen ähnelt. Die Autorin Alice Franklin wurde selbst als Erwachsene als autistisch diagnostiziert und dieses Buch ist laut Interviews ein Versuch von ihr, diese Welt anderen Menschen näher zu bringen.

Auch wenn das nirgends explizit so benannt wird, gibt es im Buch viele Hinweise auf die Besonderheiten des Erlebens und Wahrnehmens autistischer Menschen, z.B. auf das Wörtlich-Nehmen vieler Aussagen, auf Schwierigkeiten, üblichen Humor zu verstehen, körperliche Ungeschicklichkeiten oder, wie an dieser Stelle, fehlenden Blickkontakt: "In dem Dokumentarfilm spricht eine Frau mit schiefen Zähnen mit jemandem, den die Kamera nicht zeigt. Vielleicht hält diese Person genau wie du nicht gern Augenkontakt. Vielleicht ist auch in Gedanken versunken, während sie von Büchern und der Vergangenheit erzählt. Hinter der Frau befinden sich Bücher. Zudem trägt sie eine Brille. Daher weißt du, dass die Frau schlau ist, denn in der Welt des Fernsehens sitzen ausschließlich schlaue Leute vor Büchern und tragen Brillen." (S. 71)

Diese Du-Perspektive begleitet das Mädchen von der Zeit als Kleinkind über die Volksschulzeit bis ins Teenageralter, als es zufällig vom geheimnisvollen Voynich-Manuskript erfährt, das vielleicht Aliens erstellt haben könnten, sich darin wiedererkennt und es unbedingt finden und mehr darüber erfahren will: "Bisher war dir nicht klar, dass Aliens existieren, zumindest in Wirklichkeit. Bisher war dir nicht klar, dass sie ihre eigene Sprache haben. Das erscheint dir sehr einleuchtend. Es leuchtet ein, weil du manchmal das Gefühl hast, deine Sprache wäre gar nicht deine Sprache. Andere Leute sagen Dinge und du weißt nicht, was sie damit meinen. Andere Leute tun Dinge und du weißt ebenso wenig, was sie damit meinen. Da ist etwas entkoppelt, durch und durch falsch. Das spürst du ganz stark, tief in deinem Inneren." (S. 73)

Dabei führt sein Weg über verschiedene Bibliotheken und Bekanntschaften. Im Hintergrund geht es aber auch stark um die Familiengeschichte des Mädchens und insbesondere um dessen psychisch kranke Mutter, die sich hinter der Lektüre unzähliger Ratgeber versteckt, kaum auf das Mädchen und seine Bedürfnisse eingeht und mal von Lethargie, dann von Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten geplagt wird und auch schon mal unfreiwillig länger in der geschlossenen Psychiatrie landet.

Am Ende jeden Kapitels finden sich humorvoll ausgesuchte Literaturtipps, passend zur Lektüre der Sachbücher verschlingenden Mutter, z.B. "Wie man das volle Potenzial eines Bibliotheksausweises ausschöpft" oder "Der riskante Weg: Sind Sie gemacht für das Leben als Versicherungsmathematiker?" (S. 89)

Insgesamt ist es ein interessant und liebevoll geschriebenes Buch, das sich leicht und schnell liest und an vielen Stellen Empathie für Menschen aus dem autistischen Spektrum und generell für alle, die sich auf dieser Welt unzugehörig und anders fühlen, fördern kann. Es ist also durchaus ein bezauberndes Buch, das für das Thema sensibilisieren und zum Nachdenken anregen kann, und das eine besondere Erzählperspektive aufweist.

Dass es für mich persönlich dennoch kein 5-Sterne-Buch ist, hat vielleicht auch mit den vielen anderen Werken zum Thema zu tun, die ich kenne und von denen einige mich mit ihrer Authentizität und Tiefe deutlich mehr überzeugt haben: trotz allen Hinweisen habe ich den Eindruck, das Gesamtgefühl für eine autistische Wahrnehmung kommt für mich durch die vermeintlich allwissende Du-Außenperspektive etwas zu kurz, und die Geschichte ist für mich auch etwas zu stark vermischt mit den psychischen Problemen der Mutter. Irgendetwas macht für mich da das Bild insgesamt nicht ganz rund, sodass es ein etwas weniger starker Leseeindruck ist, als es sonst gewesen sein könnte.

Auch der Titel passt für mich nicht ganz: so richtig um Lebensweisheiten geht es für mich darin nicht, es wird die Welt des autistischen Mädchens eher beschrieben als dem Mädchen verständlich gemacht, es ist keine Aufklärung über die Welt und wie sie funktionieren könnte, und so, wie das Buch geschrieben ist, hätte es auch sehr gut aus der Ich-Perspektive des Mädchens erzählt sein können und würde genauso aufzeigen, wie das Mädchen sich fremd fühlt und viele Dinge nicht versteht, die nicht explizit erklärt werden und nur die vermutlich überwiegend neurotypischen Leserinnen und Leser verstehen werden. Es ist trotz der Du-Form viel mehr Innenperspektive einer Autistin als Dialog mit der Welt.

Von mir als Bewertung gibt es jedenfalls gut verdiente 4 Sterne und eine Empfehlung für alle, die sich für besondere und etwas andere Bücher interessieren. Es ist durchaus empfehlenswert, das Buch kurz anzulesen, um selbst entscheiden zu können, ob dieser spezielle Schreibstil einen emotional erreichen kann oder nicht.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Über die Wirkung patriarchaler Machtstrukturen

Weibliche Macht neu denken
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Die Journalistin, Redakteurin und Leiterin des Kulturresorts des "Spiegel", Eva Thöne, hat ein Buch mit dem Titel "Weibliche Macht neu denken" veröffentlicht. Eine Frau, die fast gleich alt ist wie ich, ...

Die Journalistin, Redakteurin und Leiterin des Kulturresorts des "Spiegel", Eva Thöne, hat ein Buch mit dem Titel "Weibliche Macht neu denken" veröffentlicht. Eine Frau, die fast gleich alt ist wie ich, und selbst in einer Führungsposition, das macht mich neugierig auf das Buch.

Als eine, die sich schon sehr viel mit diesem Thema beschäftigt hat, ist vieles, was im Buch dargestellt wird, erst einmal eine Wiederholung für mich: es geht um die uralten patriarchalen Machtstrukturen, die Frauen aus dem öffentlichen Bereich fernhalten wollen und bis heute nachwirken. Das schildert die Autorin eindrucksvoll anhand eines aktuellen Beispiels: auch heute melden sich im beruflichen Bereich in Diskussionen Frauen viel weniger zu Wort, und wenn sie das tun, werden sie damit weniger gehört, es wird auf ihre Beiträge weniger eingegangen und sie werden öfter übergangen oder abgewertet.

Dazu gibt es viele bekannte Studien und Beispiele. Es geht um den schmalen Grat, auf dem Frauen in der Öffentlichkeit sich bewegen, zwischen als zu schrill, zu laut, zu fordernd oder gar "hysterisch" abgewertet zu werden oder unsichtbar und machtlos zu bleiben. Um die einzig wirklich akzeptierte machtvolle traditionelle Frauenrolle: die der Mutter, die aber ihre eigenen Nachteile mit sich bringt, Frauen auch beruflich in ein enges Korsett zwingt, das oft ihrer Persönlichkeit gar nicht entspricht (man denke an die kinderlose und gar nicht sehr mütterliche Angela Merkel, der doch schnell der Spitzname "Mutti" samt passenden Zuschreibungen verpasst wurde) und um die Omnipräsenz männlicher Rollenbilder, Mythen und Narrative, wie sich auch etwa an dem allseits so verbreiteten Schema der "Heldenreise" zeigt.

Es geht um Frauen, denen von Haus aus nur dann Machtpositionen zugestanden werden, wenn die Erfolgschancen schon gering sind: das wird bei der Analyse von Kandidatinnen in Wahlkreisen genauso sichtbar wie bei einer amerikanischen Präsidentschaftswahl, bei der der greise Joe Biden erst spät Platz für seine Nachfolgekandidatin Kamala Harris machte, die dann bekanntlich auch gegenüber Donald Trump unterlag.

Was mir persönlich in diesem Buch ein bisschen zu kurz gekommen ist, ist tatsächlich das "neu denken" aus dem Titel. Von einem Buch mit diesem Titel hätte ich mir etwas anderes erwartet, als ich bekommen habe: nämlich nicht zu mindestens 3/4 eine Aufarbeitung von dem, was bisher war und schief läuft, sondern viel mehr neue und bisher unbekannte Ansätze für weibliche Macht. Ich hätte gern mehr darüber gelernt, wie weibliche Macht ganz anders aussehen kann als männliche, und Rollenvorbilder dafür kennen gelernt: dieses Thema kommt nach meinem Empfinden im Buch aber nur am Rande vor, als kleine eingestreute Tipps nebenbei, beispielsweise wenn es um die Archetypen der "großen Schwester" oder der "weisen Frau" in Ergänzung zur "Mutter" geht. Davon hätte ich mir mehr gewünscht.

Sehr interessant wurde es für mich im Buch auch immer dann, wenn über eine allgemeine Analyse hinaus die Autorin als Mensch für mich spürbar wurde, also wenn sie gelegentlich Geschichten und Erfahrungen aus ihrem Leben geteilt und mit dem Thema des Buches verbunden hat, auch davon hätte ich gerne mehr gelesen und das würde ich mir für zukünftige Bücher von ihr wünschen, sofern sie bereit ist, das von sich zu teilen (natürlich exponiert man sich damit auch mehr, mit allen damit verbundenen Risiken, das ist mir bewusst).

Insgesamt finden sich im Buch also viele nachdenklich machende Beispiele für die Benachteiligung von Frauen, die bis heute nachwirkt. Das macht auch den größten Teil des Buches aus. Allen, die sich mit diesem Thema bisher erst wenig beschäftigt haben, kann ich das Buch sehr empfehlen, weil es fundiert aufzeigt, wie tief das Patriarchat und dessen Denkweisen nach wie vor in fast allen Bereichen unserer Gesellschaft tief verwurzelt sind.

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Veröffentlicht am 15.09.2025

Wer und was definiert, wer man ist?

Buch der Gesichter
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Der serbisch-österreichische Autor Marko Dinic ist mit "Buch der Gesichter" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Das macht neugierig auf dieses Buch. Ich lese es mit dem Hintergrund eines ...

Der serbisch-österreichische Autor Marko Dinic ist mit "Buch der Gesichter" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Das macht neugierig auf dieses Buch. Ich lese es mit dem Hintergrund eines großen Interesses an Serbien, einem Land, das ich schon oft bereist habe und die Sprache dessen Bewohnerinnen und Bewohner ich gelernt habe.

Hier handelt es sich um ein sehr hartes Buch. Es werden ärgste Kriegsgräuel und Verbrechen an Menschen und Tieren zu verschiedenen Zeiten, ganz besonders in den beiden Weltkriegen, ausführlich geschildert. Die Schrecken der Kriege werden eindrücklich spürbar.

Ich verzichte hier auf das Zitieren einer der zahlreichen Stellen des Quälens oder Tötens von Menschen oder Tieren, aber zitiere eine andere Stelle zu diesem Thema, die mich berührt hat: "Jegliche Zukunft, ob als Wunsch geäußert oder als Schicksal hingenommen, versank im Schlamm dieser auf Tod und Stumpfsinn gebauten Gegenwart. Was anderes war der Krieg als ein Karren im Dreck, fragte sich Olga, während es einerlei geworden war, ob Herbst, Winter oder ein Jahr verstrichen. Denn 1917 zählte niemand die Toten mehr; im Osten, hieß es, bereiteten die Russen die Revolution vor." (S. 19)

Die Thematik der Grausamkeiten, die Menschen verüben können, macht es zu einem Buch, das man aushalten können muss und für das es die passende psychische Stabilität und Resilienz braucht. Kann man sich darauf einlassen, dann ist es ein tiefgründiges Buch, in dem man viel über die Geschichte Serbiens und die Auslöschung der Jüdinnen und Juden und ihrer Kultur auch dort erfährt. Das Buch lebt von verschiedenen Charakteren und Erzählperspektiven, im Zentrum steht aber Isak, ein Jude, der später als Ivan unter Verleugnung seiner jüdischen Identität und unter härtesten Bedingungen auch die NS-Zeit überlebt: "Dass die Deutschen ihn nicht erwischt hatten, war dem Zufall seines neuen, serbischeren Namens geschuldet, der seit vielen Jahren Ivan lautete. Oder aber das Leben besaß die Angewohnheit, ohne ihn stattzufinden. Das wiederum konnte nur bedeuten, dass er kein Jude war. Wäre er nämlich Jude, hieße er Isak, und hieße er Isak, säße er im Laderaum eines Lastwagens." (S. 84)

Das Buch ist in einzelne Episoden eingeteilt, die nicht unbedingt linear und chronologisch erzählt werden, das wird gleich am Anfang vorgestellt und begründet, und hat für mich den Lesefluss nicht gestört. In vielen kleinen Szenen erfährt man viel über das, was das Leben der Menschen in dieser Region ausmachte und zum Teil bis heute prägt, da geht es um Kollaboration genauso wie um Widerstand und immer wieder stark um das Kämpfen um die eigene Identität, die hebräische Sprache, die Liebe zu Büchern in einer Kultur, in der so einige das als unmännlich und unserbisch ansehen. Darum, wer wir sind, wie wir uns selbst definieren oder von anderen definiert werden und ob und wie es möglich ist, trotz aller Gefahren und trotz der Notwendigkeit des Sich-Versteckens an der eigenen Identität und den eigenen Wurzeln festzuhalten. Um jene, die den Mut haben, sich dem Widerstand gegen unterdrückerische Regime anzuschließen und jene, die an das Ideal einer neuen, kommunistischen Gesellschaft glaubten, mit der damals viele Hoffnungen und Träume verbunden waren. Aber auch um die kulturelle und religiöse Vielfalt am Balkan und alles, was damit zusammenhängt. Und um noch vieles mehr.

Wer sich auf dieses lange und tiefgründige Buch einlassen kann und will, die geschilderten Grausamkeiten aushalten kann und sich für die serbische Geschichte des letzten Jahrhunderts interessiert, kann in diesem Buch explizit und implizit sehr viel lernen. Sowohl in dem, was erzählt wird, als auch in der Art und Weise, wie es geschildert und sprachlich formuliert wird, kommt für mich sehr viel der Kultur und Geschichte dieser Region durch. Es ist kein sehr angenehmes oder Freude machendes Buch, auch keines, das sich schnell und leicht liest, aber doch eines, das tief nachhallen kann, das bildet und auf vielen Ebenen zum Nachdenken anregt. Empfehlung für jene, die dafür offen sind und sich die Zeit dafür nehmen können und wollen.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Was ist so gefährlich wie nichts?

Dr. No
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Wala Kitu ist ein schräger, genialer Mathematikprofessor, weltfremd und autistisch. Er wird vom Milliardär John Sill kontaktiert, der sich zum Ziel gesetzt hat, ein Schurke zu sein und dafür hinter „nichts“ ...

Wala Kitu ist ein schräger, genialer Mathematikprofessor, weltfremd und autistisch. Er wird vom Milliardär John Sill kontaktiert, der sich zum Ziel gesetzt hat, ein Schurke zu sein und dafür hinter „nichts“ her ist, das angeblich in einem Schuhkarton in Fort Knox aufbewahrt sei und für das Wala Kitu ein Experte ist. Soweit zur bekannten und beworbenen Hintergrundstory.

„Dr. No“ ist ein satirisch-schräger Roman, eine James-Bond-Persiflage mit Schurken, Luxusanwesen, Helikoptern, Waffen, Haifischbecken, einer hochbegabten autistischen Mathematikerin, Eigen Vector, die als Bond-Girl entfremdet wird, einem einbeinigen Hund namens Trigo, der „Fettgesicht“ genannt wird und als imaginärer Berater für Wala Kitu dient, aber auch mit vielen Einschüben aus Logik und Mathematik:

„Die Lüge ist das arithmetische Axiom, demzufolge x für jedes x auf der Welt gleich x ist. Nur der Glaube lässt dies als unwiderlegbare Wahrheit zu. Selbst wenn ich x als das Ding definiere, das zu einer bestimmten Position in der Zeit eine bestimmte Position im Raum einnimmt.“ (S. 52)

Ganz ehrlich, am Anfang wusste ich gar nicht, was ich mit dieser Lektüre anfangen soll und es hat schon einige Dutzend Seiten gebraucht, bis ich in das Buch reingekommen bin. Das mag daran liegen, dass die mathematischen Referenzen mich nicht sonderlich interessiert haben und ich außerdem nichts das klassische James-Bond-Fangirl bin, auch wenn ich im Laufe meines Lebens durchaus schon ein paar dieser Filme gesehen habe.

Interessant ist, wie in dem Buch mit dem Konzept des „Nichts“ gespielt wird. Ist nichts wirklich nichts und was wäre, wenn wir nichts als etwas behandeln würden? Dazu gibt es viele humorvolle und gleichzeitig nachdenklich machende Dialoge und Einschübe, so wie diesen hier:

- „Wir wissen, dass Sill es auf irgendwas abgesehen hat. Sagen Sie uns einfach, was Sie wissen, und alles ist im Lack.“

- „Was?“

- „Sagen Sie mir, was Sie wissen.“

- „Nichts. Ich habe von nichts eine Ahnung. Ich weiß außerdem, dass Sill es auf nichts abgesehen hat.“

- „Sie sagen also, dass er nichts plant.“

- „Das habe ich nicht gesagt. Hören Sie diesmal genau zu. Sill interessiert sich für nichts. Er will nichts. Er plant, nichts zu stehlen. Er will oder vielmehr braucht mich, weil ich mich mit nichts auskenne.“ (S. 154)

Von diesen Wort- und Denkspielerein lebt der Roman hauptsächlich. Sind sie am Anfang sehr lustig, wurde mir das Konzept aber gegen Ende ein bisschen überstrapaziert. Ähnlich ging es mir mit einigen anderen Themen, die wieder und wieder erwähnt wurden: etwa die Mathematiker, die „am Asperger-Syndrom leiden“ würden (ein veralteter und in diesem Wortlauf in der autistischen Community umstrittener Ausdruck) oder auch die vielfache Erwähnung davon, dass die Polizei schwarze Menschen anhalten und erschießen würde, nur weil sie schwarz seien… was zweifellos den Tatsachen entspricht und wichtig zu kritisieren ist, aber eben auch sehr oft erwähnt wurde.

Humor ist etwas Subjektives und in manchen Bereichen hat dieser Roman sehr meinen Humor getroffen, in anderen gar nicht. Das hat sicherlich auch mit meiner Lebensumwelt und -erfahrung zu tun und damit, wie diese sich vom Autor unterscheidet.

Insgesamt ist es ein durchaus sehr humorvolles und gleichzeitig nachdenklich machendes Buch, mit dem insbesondere Mathematikinteressierte sowie James-Bond-Fans ihre Freude haben dürften.

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