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Veröffentlicht am 27.09.2025

Wie Freunde

Organisch
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Es ist wie ein Besuch bei Freunden. Eine Stippvisite bei Haut, Lunge, Muskeln, Gehirn und so. Wie kann man sich die Funktion vorstellen? Womit kann man es vergleichen? Wie hat sich ein Organ über Jahrmillionen ...

Es ist wie ein Besuch bei Freunden. Eine Stippvisite bei Haut, Lunge, Muskeln, Gehirn und so. Wie kann man sich die Funktion vorstellen? Womit kann man es vergleichen? Wie hat sich ein Organ über Jahrmillionen entwickelt? Welche neuen Entwicklungen gibt es? Was sagt die Forschung? Und muss man überhaupt alles so eng sehen? Vielleicht es auch, seinen Körper, seine Organe wertzuschätzen. Die Freude am eigenen Körper, die Erhaltung der Gesundheit, können das eh schon lebenswerte Leben noch lebenswerter gestalten.

Die Autorin Giulia Enders, die ihre beiden bisher erschienen Werke gemeinsam mit ihrer Schwester Jill Enders verfasst hat, betont, dass ihrer Schwester ein großer Anteil am Erfolg zukommt. Die Zeichnungen, die im Buch erwähnt werden, kann man beim Hören des Hörbuchs als Download natürlich nicht begutachten. Sie wären bestimmt interessant. Gelesen wird das Hörbuch von Giulia Enders selbst, wobei man der sympathischen Vortragsweise entnehmen kann, mit welcher Akribie aber auch liebevollen Hinwendung das Buch geschrieben wurde.

Wenn man sich nicht so häufig mit Sachbüchern befasst und diese noch seltener als Hörbuch genießt, dann ist dieses Hörbuch ein sehr guter Einstieg. Die Autorin hat es vorzüglich geschafft, durchaus komplexe Vorgänge so darzustellen, dass man das Gesagte auch als Laie nachvollziehen kann. Der Einblick in die Funktionsweise verschiedener Organe ist sehr interessant, man könnte beinahe sagen spannend. Man kann für sich selbst ein paar Erkenntnisse gewinnen. Vielleicht macht man sogar etwas gut oder es gibt die Möglichkeit etwas zu verbessern. Möglicherweise hat man auch ein Aha-Erlebnis, wieso eine Gewohnheit bestimmte Auswirkungen hat. Ein kleines Manko ist dann bei einem Hörbuch, dass man nicht eben noch mal nachschlagen kann. Es könnte sich also lohnen, sowohl Buch als auch Hörbuch zu besitzen. Mit dem Cover gewinnt man gewissermaßen einen kleinen Eindruck vom Inhalt.

Dieses Sachbuch kann jedem empfohlen werden, der ein wenig mehr über die Organe wissen möchte. Diese geschieht auf sehr positive und verständliche Art, dass man auch im Nachhinein mit einem Lächeln an das Buch denkt.

Veröffentlicht am 21.09.2025

Eine Annäherung

Am Beispiel meines Bruders
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Erst als seine Nachforschungen niemanden mehr wehtun können, beginnt der Autor mit der Annäherung an seinen sechzehn Jahre älteren Bruder. Karl Heinz wurde 1924 geboren und starb 1943 im Lazarett nach ...

Erst als seine Nachforschungen niemanden mehr wehtun können, beginnt der Autor mit der Annäherung an seinen sechzehn Jahre älteren Bruder. Karl Heinz wurde 1924 geboren und starb 1943 im Lazarett nach einer schweren Kriegsverwundung. Er hatte sich freiwillig zum Militär gemeldet, war zur Ausbildung in Frankreich und wurde dann an die Ostfront in der Ukraine versetzt. Nach seinem Tod bekommt die Familie sein Tagebuch und seine Briefe sind erhalten. Doch was hat er wirklich über den Krieg und seinen Einsatz gedacht, was hat er gefühlt. Das wenige, was bekannt ist lässt keine eindeutigen Schlüsse zu.

An den Bruder kann er sich kaum erinnern, zu klein war Uwe Timm als der Ältere in den Krieg zog. Zunächst wohl sogar mit Vorfreude und Enthusiasmus. Doch Jahre später versucht der Autor mehr zu ergründen. Zwar nimmt er das Leben seines Bruders zum Anlass und zum Ansatzpunkt. Doch er versucht auch das Verhalten seiner Eltern und der vielen Verwandten und Bekannten, ja, aller Deutschen im dritten Reich, im zweiten Weltkrieg und auch danach zu deuten, zu ergründen. Der Vater haderte mit dem verlorenen Krieg, der Sohn gefallen, aber keine Gedanke an die Juden, kein Gedanke, dass man vermutlich selbst Schuld war an dem Leid, das die Familie zweifellos erfahren hat.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass Personen, die einigermaßen mit Vernunft gesegnet sind, anfangen, die Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern zu hinterfragen. Eine Diktatur kann nicht entstehen, kann keinen Krieg vom Zaun brechen, wenn nicht eine erhebliche Anzahl von Menschen mitmacht. Über die Schuld der Vorväter sollte man wenigstens Bescheid wissen. Und es sollte das Möglichste getan werden, um eine Wiederholung zu verhindern. Zwar kommen einem beim derzeitigen Zustand der Welt, auch ehemals vernünftiger Nationen, Zweifel auf, ob überhaupt noch etwas verhindert werden kann. Aber einen Versuch ist es wert. Dem Schriftsteller Uwe Timm ist vor vor längerer Zeit aufgefallen, dass diese Aufarbeitung für ihn notwendig ist. Damit geht er, an dem man sich ein Beispiel nehmen kann, voran und fördert einiges zutage, was vielleicht auch für einige Leser interessant sein kann. Viele werden in der eigenen Familie ähnliche Lebensverläufe haben wie den des Bruders und des Vaters. Es hilft, wenn auch aus Ähnlichkeiten Erkenntnisse ableiten kann. Ein beindruckendes und nachdenklich stimmendes Buch, von dem eine ältere Ausgabe gelesen wurde.

Veröffentlicht am 19.09.2025

DasDorf

Blutbrot
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Die Grenze zwischen Österreich und Italien, der Brenner-Pass. Nach dem zweiten Weltkrieg werden Nationalsozialisten über die Grenze geschleust und ihnen wird bei der Flucht häufig nach Südamerika geholfen. ...

Die Grenze zwischen Österreich und Italien, der Brenner-Pass. Nach dem zweiten Weltkrieg werden Nationalsozialisten über die Grenze geschleust und ihnen wird bei der Flucht häufig nach Südamerika geholfen. Davon will man später nichts mehr wissen. Aber die Tatsachen sind da, die Erinnerungen sind da. Jede Familie muss sich fragen, was sie Vorfahren, Väter, Großväter, Mütter, Großmütter damals getan haben. Wie können sie damit leben, dass sie den schlimmsten Verbrechern ihrer Zeit geholfen haben? Eine Rechtfertigung gibt es nicht. Doch sie versuchen es, sie waren keine Nazis, die waren ja auch Menschen. Kann man das wirklich so sehen?

Als Theatertext hat dieses Werk eine ungewöhnliche Form und ist mit ungefähr siebzig Seiten auch nicht so lang. Dennoch löst es etwas aus. Man spürt das Schweigen, das nicht drüber reden wollen. Da ist sich das Dorf einig. Auch die schleichende Veränderung des Brotes wird auf eine eindringliche Art beschrieben, die einen den Appetit verlieren lässt. Das Dorf und seine Menschen haben etwas weniger Angenehmes aus ihrem Ort und seinen Bewohnern gemacht. Das Schweigen herrscht dort ebenso wie in Deutschland, wo die Schuld kaum angesprochen und aufgearbeitet wurde. Die Autorin hält es dem Dorf vor wie einen Spiegel. Sie nimmt ihre eigene Familie nicht aus.

Ein beeindruckender und beklemmender Text, der nachdenklich stimmt. Zwar fragt man sich zu Beginn, wie sich der Klappentext im Dorf wiederfindet. Vielleicht ist aber auch gerade das der Ausdruck des Schweigens. Das Geschehene tritt nach und nach zu Tage. Es schaudert einen beim Lesen und es ist gut vorstellbar, dass die Worte gesprochen noch mehr funktionieren. Die Zeit des Sprechens ist jetzt, da es immer weniger Menschen gibt, die man fragen kann.

Der Text gehört zu den Nominierten für den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises 2025.


4,5 Sterne

Veröffentlicht am 13.09.2025

Matti verschwunden

Die Farbe des Schattens
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Eigentlich sollte der elfjährige Matti Beck nur ein paar letzte Einkäufe erledigen. Und dann kommt er einfach nicht wieder. Die Eltern sind schnell besorgt und beginnen nach ihrem Jungen zu suchen. Leider ...

Eigentlich sollte der elfjährige Matti Beck nur ein paar letzte Einkäufe erledigen. Und dann kommt er einfach nicht wieder. Die Eltern sind schnell besorgt und beginnen nach ihrem Jungen zu suchen. Leider erfolglos. Die Polizei wird eingeschaltet und Kommissar Arno Groth wird mit den Ermittlungen betraut. Im Jahr 1992 sind in Mecklenburg-Vorpommern die Folgen der Wende zu spüren. Nicht alle empfinden die Zeit als positiv. Die Lage ist sowieso nicht gut und nun wird auch noch ein Kind vermisst. Irgendwie jedoch hat der Täter genau den Moment erwischt, in dem keiner aufgepasst hat.

Auch in seinem zweiten Fall fragt sich der als Aufbauhelfer in den Osten gekommene Kommissar Groth noch, ob er denn nun am Ziel ist. Well er bleiben oder zurück? Erstmal muss er das allerdings beiseite schieben. Der Junge ist viel wichtiger als persönliche Befindlichkeiten. Und doch bleibt er verschwunden. Die fieberhafte Suche ändert nichts daran. Kommissar Groth und seine Kollegen versuchen den Tag von Matti zu rekonstruieren. Der Junge wirkte still, aber sehr selbstständig. Liegt das an seiner Familie? Der Vater arbeitslos, die Mutter sorgt als Krankenschwester für das Finanzielle. Der große Bruder ist bei der Bundeswehr, der Kleine ist eben klein, aber pfiffig.

Nach der Wende wissen die Menschen, dass sie die Freiheit gewollt haben und sie wissen, was sie verloren haben. Durch die großen Umbrüche scheint aber unklar, was sie gewonnen haben. Und so kommt Kommissar Groth relativ schnell damit in Berührung, dass sich zum Teil gerade auch unter den Jungen ein rechtes Milieu bildet. Die behaupten immerhin, sie wüssten Bescheid und würden alles ändern. Falsch, aber sie bedienen den Wunsch nach der Anleitung oder Bevormundung, die wohl jedes diktatorische System zu bieten hat. Doch vor Verbrechen hat auch die ehemalige DDR nicht bis ins Detail geschützt. Und so ahnt Kommissar Groth, der immer noch um seine Tochter trauert, nicht was auf ihn zukommt. Langsam und präzise ermittelt er und er folgt im richtigen Moment seinem Baugefühl. Die melancholische Grundstimmung entspricht dabei seiner eigenen Gemütslage. Wo passt Groth besser hin, in den Osten, wo er auch herstammt, oder in den Westen, wo er lange gewissenhaft gearbeitet hat, wo er aber auch seine Tochter verlor? Wie wird sich Mattis Schicksal klären? Mit einer überraschenden Wendung, die etwas über den Täter sagt, aber auch über den ehemaligen Staat. Ein packender Krimi, den zur Lektüre gerne empfohlen wird.

Das Cover passt sehr gut zu dem winterlichen Setting und der ein wenig düsteren Grundstimmung.

4,5 Sterne

Veröffentlicht am 29.08.2025

Herz an Herz

Im Herzen der Katze
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Entsetzt liest Jina vom Tod der jungen Jina Mahsa Amiri, die in Teheran ermordet wurde. Die Verstorbene trug den selben Namen wie Jina, die immer dachte, ihr Name sei einzigartig. Sofort ruft Jina ihre ...

Entsetzt liest Jina vom Tod der jungen Jina Mahsa Amiri, die in Teheran ermordet wurde. Die Verstorbene trug den selben Namen wie Jina, die immer dachte, ihr Name sei einzigartig. Sofort ruft Jina ihre Mutter an und berichtet von den Ereignissen. Amiris Tod löst einen Aufruhr der Frauen im Iran aus. Und Jina, die in Deutschland aufgewachsen inzwischen in Südfrankreich lebt, erinnert sich an ihre Reisen in das Land, das ihr Vater verlassen hatte. Dort haben die Tanten ihr von der Familie erzählt und ihr warmherzige Gastfreundschaft zuteil werden lassen, dort hat sie mit ihrer Schwester eine Reise durch das Land unternommen, dort ist sie selbst in die Proteste geraten.

Die Erzählerin Jina erzählt von ihrem Land, das sie eigentlich nicht so gut kannte, in dem sie sich gleichzeitig fremd und heimisch fühlte. Ihre Verwandten empfangen sie mit offenen Armen und offenen Herzen. Die Offenheit findet allerdings hinter verschlossenen Türen statt, innerhalb der Familie kann man sich vertrauen. Draußen wird das Leben besonders der Frauen durch den Staat in eines der Einschränkungen und Verborte verwandelt wird. Jederzeit kann man denunziert oder gleich verhaftet werden. Und nur unter Vertrauten kann man sich ehrlich austauschen. Doch es gab auch mal einen anderen Iran, der nicht vergessen ist.

Mal ein Experiment das Hörbuch im gleichen Zeitraum zu hören, wie man das Buch liest. Von Pegah Feridony sehr lebendig vorgetragen, verschafft einem die Leserin einen authentischen Einblick von der Lebhaftigkeit der Menschen, der Fülle der Sprache und auch deren Klangfärbung. Im Buch dagegen bekommt man eben auch mit, was häufig im Hörbuch fehlt, die Schreibweise der Namen. Die Sätze in Farsi sind in Lautschrift dargestellt, was im Zusammenklang mit dem Gehörten einen guten Eindruck verschafft. Gut ist das geschriebene Wort auch, wenn man vergleichen oder nochmal zurückblättern möchte, auch kann man sein eigenes Tempo wählen und sich auch ein wenig abschotten, wenn die Schilderungen die Tragik der Frauen sehr deutlich beschreiben. Eindringlicher sind die gesprochenen Worte. Und doch war es eine sehr gute Idee, das Experiment zu wagen.

Dieser Debütroman beeindruckt mit seinen deutlichen Worten, die Unterschiede verstehen lassen, Mitgefühl erregen, mit ein wenig Sehnsucht auf die Herzenswärme blicken blicken lassen, die hier mitunter nicht so deutlich aus den Gesichtern strahlt und die doch klarmachen, dass man sich selbst in einem weitgehend freien wenn auch kühlerem Land wohler fühlt und dass man die Freiheit jeden Tag schätzen sollte, an dem man sie hat. Es wäre zu wünschen, dass sich die Träume der Frauen im Iran erfüllen.