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Veröffentlicht am 30.10.2025

Rosen für Hilde

Die Knef
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Hildegard Knef erlebte den ersten Verlust, ohne sich direkt daran erinnern zu können. Ihr Vater starb als sie noch ein Baby war. Ihre Mutter heiratete wieder und die Familie wohnte ab den 1930er Jahren ...

Hildegard Knef erlebte den ersten Verlust, ohne sich direkt daran erinnern zu können. Ihr Vater starb als sie noch ein Baby war. Ihre Mutter heiratete wieder und die Familie wohnte ab den 1930er Jahren in Berlin. Hilde fühlte wie die Nazis in ihr Leben drangen, doch sie war jung und sie wollte unbedingt Schauspielerin werden. Sie hatte keine Chance und sie nutzte sie. Mit knapper Not verkleidet als Soldat überlebte sie den Krieg. 1948 drehte sie einen ersten deutschen Film und ging danach nach Amerika. Ihr Leben bestand aus Ups and Downs, doch aufgeben wollte sie nie.

Die Künstlerin Hildegard Knef ist vielen wahrscheinlich zumindest vage bekannt. Vielleicht hat man eine Erinnerung an einen Film oder ein Buch oder man hat mal ein Interview gesehen. Ziemlich sicher kennt man ein paar ihrer Chansons. Doch ein wenig ist die Erinnerung verblasst. Im Dezember diesen Jahres würde die Knef hundert Jahre als, wenn sie noch leben würde. Möglicherweise kann man dieses Buch als Reminiszenz eine diese große Künstlerin sehen, damit ihr Ehrentag nicht vergessen wird.

Es gibt verschiedene Arten sich einer Persönlichkeit anzunähern. Eine Biographie in gezeichneten Bildern ist bisher wohl eher ungewöhnlich. Der Comic als gebundenes Buch strahlt Wertigkeit aus. Wenn man sich für Hildegard Knef interessiert, bekommt man einen beeindruckenden Überblick über das wechselvolle Leben der Künstlerin. Sie war ihrer Zeit voraus, sie wagte es, den Mund aufzumachen und unkonventionelle Wege zu gehen. Die Zeichnungen transportieren die emotionalen Momente auf eindringliche und beeindruckende Weise. Gefesselt blättert man durch die Seiten, blättert auch mal zurück, um nochmal genau hinzusehen. Bei den Texten kann es passieren, dass man das Gefühl hat, sie sind optisch etwas schwer zu lesen. Vielleicht soll das eine leise Sprache ausdrücken. Und bei doppelseitigen Bilden geht durch die Falz mitunter ein wenig verloren. Das sind jedoch Kleinigkeiten bei einem hervorragend gestalteten Buch. Hier hat man sich einer Künstlerpersönlichkeit auf künstlerische und liebevolle Weise gewidmet.

Veröffentlicht am 29.09.2025

Jahre später

Westend
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Der pensionierte Polizeibeamte Gereon Rath ist inzwischen 74 Jahre alt und lebt zurückgezogen in einem Berliner Seniorenheim. Viele Kontakte hat er nicht mehr. Deshalb ist er sehr überrascht, als er Besuch ...

Der pensionierte Polizeibeamte Gereon Rath ist inzwischen 74 Jahre alt und lebt zurückgezogen in einem Berliner Seniorenheim. Viele Kontakte hat er nicht mehr. Deshalb ist er sehr überrascht, als er Besuch von dem Privatdozent Hans Singer erhält. Dieser erklärt, er forsche zu der Arbeit der Berliner Polizei während der Weimarer Republik, des dritten Reichs und der Bundesrepublik. Rath sei einer der wenigen, die jede dieser Regierungsformen im aktiven Dienst erlebt habe. Rath fühlt sich geschmeichelt. Allerdings fragt er sich bald, ob es wirklich nur um eine Forschungsarbeit geht.

Wie vom Autor versprochen, folgt hier eine kleine Zugabe zu seiner Reihe um Kommissar Gereon Rath. Dieser langweilt sich ein wenig im Seniorenheim und ist recht neugierig auf die Fragen des Dozenten Hans Singer. Angesprochen auf seine Arbeit unter dem Nazi-Regime, wiegelt Rath erstmal ab. Er war kein Nazi und überhaupt er hat immer neutral ohne Ansicht der Person ermittelt. Und viele seiner Kollegen waren auch keine Nazis. Er reagiert, wie die meisten damals, die sich nicht stellen wollten. Aber dennoch entwickelt sich ein Gespräch zwischen Rath und Singer. Denn auch Raths Kenntnis von der Nachkriegszeit hat Lücken, die Singer erstaunlicherweise füllen kann. Und über alles will Singer auch nicht sprechen.

Sowohl als illustrierte Buchausgabe als auch als szenische Lesung hat diese etwas längere Kurzgeschichte ihren Reiz. Besonders die szenische Lesung, die von Walter Kreye (Gereon), Leslie Malton (Charlie), Timo Weisschnur (Hans) und Julian Mehne (Erzähler) ganz hervorragend intoniert werden, ist ein tolles Erlebnis. Die wunderbare Arbeit der Schauspieler führt dazu, dass man das Hörbuch (ca. zwei Stunden) an einem Tag durchhören möchte.

Dazu trägt natürlich auch die Geschichte bei, die Volker Kutscher erzählt. Man erfährt einiges darüber, wer den Krieg überlebt hat. Man hört von alten Bekannten. Von denen, die man in positiver Erinnerung hatte und auch von den anderen. Und es entwickelt sich ein spannender Plot, der einige Überraschungen bereit hält. Und irgendwie ist es wieder ein typischer Gereon Rath. Rath kann einfach.nicht aus seiner Haut. Wer diese Reihe gerne las, wird ihr noch eine Weile hinterhertrauern. Denn natürlich könnte man sich einiges vorstellen, dass hätte erzählt werden können. Dennoch schließt man diese kleine - man könnte sagen - Belohnung für die Treue, mit einer Phantasie, die einen lächeln lässt.

Veröffentlicht am 27.09.2025

Wie Freunde

Organisch
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Es ist wie ein Besuch bei Freunden. Eine Stippvisite bei Haut, Lunge, Muskeln, Gehirn und so. Wie kann man sich die Funktion vorstellen? Womit kann man es vergleichen? Wie hat sich ein Organ über Jahrmillionen ...

Es ist wie ein Besuch bei Freunden. Eine Stippvisite bei Haut, Lunge, Muskeln, Gehirn und so. Wie kann man sich die Funktion vorstellen? Womit kann man es vergleichen? Wie hat sich ein Organ über Jahrmillionen entwickelt? Welche neuen Entwicklungen gibt es? Was sagt die Forschung? Und muss man überhaupt alles so eng sehen? Vielleicht es auch, seinen Körper, seine Organe wertzuschätzen. Die Freude am eigenen Körper, die Erhaltung der Gesundheit, können das eh schon lebenswerte Leben noch lebenswerter gestalten.

Die Autorin Giulia Enders, die ihre beiden bisher erschienen Werke gemeinsam mit ihrer Schwester Jill Enders verfasst hat, betont, dass ihrer Schwester ein großer Anteil am Erfolg zukommt. Die Zeichnungen, die im Buch erwähnt werden, kann man beim Hören des Hörbuchs als Download natürlich nicht begutachten. Sie wären bestimmt interessant. Gelesen wird das Hörbuch von Giulia Enders selbst, wobei man der sympathischen Vortragsweise entnehmen kann, mit welcher Akribie aber auch liebevollen Hinwendung das Buch geschrieben wurde.

Wenn man sich nicht so häufig mit Sachbüchern befasst und diese noch seltener als Hörbuch genießt, dann ist dieses Hörbuch ein sehr guter Einstieg. Die Autorin hat es vorzüglich geschafft, durchaus komplexe Vorgänge so darzustellen, dass man das Gesagte auch als Laie nachvollziehen kann. Der Einblick in die Funktionsweise verschiedener Organe ist sehr interessant, man könnte beinahe sagen spannend. Man kann für sich selbst ein paar Erkenntnisse gewinnen. Vielleicht macht man sogar etwas gut oder es gibt die Möglichkeit etwas zu verbessern. Möglicherweise hat man auch ein Aha-Erlebnis, wieso eine Gewohnheit bestimmte Auswirkungen hat. Ein kleines Manko ist dann bei einem Hörbuch, dass man nicht eben noch mal nachschlagen kann. Es könnte sich also lohnen, sowohl Buch als auch Hörbuch zu besitzen. Mit dem Cover gewinnt man gewissermaßen einen kleinen Eindruck vom Inhalt.

Dieses Sachbuch kann jedem empfohlen werden, der ein wenig mehr über die Organe wissen möchte. Diese geschieht auf sehr positive und verständliche Art, dass man auch im Nachhinein mit einem Lächeln an das Buch denkt.

Veröffentlicht am 21.09.2025

Eine Annäherung

Am Beispiel meines Bruders
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Erst als seine Nachforschungen niemanden mehr wehtun können, beginnt der Autor mit der Annäherung an seinen sechzehn Jahre älteren Bruder. Karl Heinz wurde 1924 geboren und starb 1943 im Lazarett nach ...

Erst als seine Nachforschungen niemanden mehr wehtun können, beginnt der Autor mit der Annäherung an seinen sechzehn Jahre älteren Bruder. Karl Heinz wurde 1924 geboren und starb 1943 im Lazarett nach einer schweren Kriegsverwundung. Er hatte sich freiwillig zum Militär gemeldet, war zur Ausbildung in Frankreich und wurde dann an die Ostfront in der Ukraine versetzt. Nach seinem Tod bekommt die Familie sein Tagebuch und seine Briefe sind erhalten. Doch was hat er wirklich über den Krieg und seinen Einsatz gedacht, was hat er gefühlt. Das wenige, was bekannt ist lässt keine eindeutigen Schlüsse zu.

An den Bruder kann er sich kaum erinnern, zu klein war Uwe Timm als der Ältere in den Krieg zog. Zunächst wohl sogar mit Vorfreude und Enthusiasmus. Doch Jahre später versucht der Autor mehr zu ergründen. Zwar nimmt er das Leben seines Bruders zum Anlass und zum Ansatzpunkt. Doch er versucht auch das Verhalten seiner Eltern und der vielen Verwandten und Bekannten, ja, aller Deutschen im dritten Reich, im zweiten Weltkrieg und auch danach zu deuten, zu ergründen. Der Vater haderte mit dem verlorenen Krieg, der Sohn gefallen, aber keine Gedanke an die Juden, kein Gedanke, dass man vermutlich selbst Schuld war an dem Leid, das die Familie zweifellos erfahren hat.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass Personen, die einigermaßen mit Vernunft gesegnet sind, anfangen, die Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern zu hinterfragen. Eine Diktatur kann nicht entstehen, kann keinen Krieg vom Zaun brechen, wenn nicht eine erhebliche Anzahl von Menschen mitmacht. Über die Schuld der Vorväter sollte man wenigstens Bescheid wissen. Und es sollte das Möglichste getan werden, um eine Wiederholung zu verhindern. Zwar kommen einem beim derzeitigen Zustand der Welt, auch ehemals vernünftiger Nationen, Zweifel auf, ob überhaupt noch etwas verhindert werden kann. Aber einen Versuch ist es wert. Dem Schriftsteller Uwe Timm ist vor vor längerer Zeit aufgefallen, dass diese Aufarbeitung für ihn notwendig ist. Damit geht er, an dem man sich ein Beispiel nehmen kann, voran und fördert einiges zutage, was vielleicht auch für einige Leser interessant sein kann. Viele werden in der eigenen Familie ähnliche Lebensverläufe haben wie den des Bruders und des Vaters. Es hilft, wenn auch aus Ähnlichkeiten Erkenntnisse ableiten kann. Ein beindruckendes und nachdenklich stimmendes Buch, von dem eine ältere Ausgabe gelesen wurde.

Veröffentlicht am 19.09.2025

DasDorf

Blutbrot
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Die Grenze zwischen Österreich und Italien, der Brenner-Pass. Nach dem zweiten Weltkrieg werden Nationalsozialisten über die Grenze geschleust und ihnen wird bei der Flucht häufig nach Südamerika geholfen. ...

Die Grenze zwischen Österreich und Italien, der Brenner-Pass. Nach dem zweiten Weltkrieg werden Nationalsozialisten über die Grenze geschleust und ihnen wird bei der Flucht häufig nach Südamerika geholfen. Davon will man später nichts mehr wissen. Aber die Tatsachen sind da, die Erinnerungen sind da. Jede Familie muss sich fragen, was sie Vorfahren, Väter, Großväter, Mütter, Großmütter damals getan haben. Wie können sie damit leben, dass sie den schlimmsten Verbrechern ihrer Zeit geholfen haben? Eine Rechtfertigung gibt es nicht. Doch sie versuchen es, sie waren keine Nazis, die waren ja auch Menschen. Kann man das wirklich so sehen?

Als Theatertext hat dieses Werk eine ungewöhnliche Form und ist mit ungefähr siebzig Seiten auch nicht so lang. Dennoch löst es etwas aus. Man spürt das Schweigen, das nicht drüber reden wollen. Da ist sich das Dorf einig. Auch die schleichende Veränderung des Brotes wird auf eine eindringliche Art beschrieben, die einen den Appetit verlieren lässt. Das Dorf und seine Menschen haben etwas weniger Angenehmes aus ihrem Ort und seinen Bewohnern gemacht. Das Schweigen herrscht dort ebenso wie in Deutschland, wo die Schuld kaum angesprochen und aufgearbeitet wurde. Die Autorin hält es dem Dorf vor wie einen Spiegel. Sie nimmt ihre eigene Familie nicht aus.

Ein beeindruckender und beklemmender Text, der nachdenklich stimmt. Zwar fragt man sich zu Beginn, wie sich der Klappentext im Dorf wiederfindet. Vielleicht ist aber auch gerade das der Ausdruck des Schweigens. Das Geschehene tritt nach und nach zu Tage. Es schaudert einen beim Lesen und es ist gut vorstellbar, dass die Worte gesprochen noch mehr funktionieren. Die Zeit des Sprechens ist jetzt, da es immer weniger Menschen gibt, die man fragen kann.

Der Text gehört zu den Nominierten für den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises 2025.


4,5 Sterne