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Veröffentlicht am 07.01.2026

Nach wahrer Begebenheit

Ein Kranich unter Wölfen
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Ein neuer, packender Roman aus der Feder von June Hur: Ein Kranich unter Wölfen wird als „historische Fantasy“ eingeordnet und fesselt bis zur letzten Seite.

Der Roman beginnt mit einer Liste an Triggern, ...

Ein neuer, packender Roman aus der Feder von June Hur: Ein Kranich unter Wölfen wird als „historische Fantasy“ eingeordnet und fesselt bis zur letzten Seite.

Der Roman beginnt mit einer Liste an Triggern, die einige harte Themen aufzählt. Beim Lesen empfand ich vieles davon jedoch als weniger drastisch dargestellt als erwartet. Lediglich Tiergewalt wird in einer Szene sehr deutlich inszeniert.

Die Geschichte setzt direkt im Geschehen ein. Die Protagonistin leidet, wie viele andere, unter dem herrschenden Regime. Aus diesem Leid heraus beschließt sie, in die Stadt zu gehen, um nach ihrer Schwester zu suchen. Was genau geschehen ist, bleibt zunächst unausgesprochen und hängt wie ein kleines, ungelöstes Geheimnis über der Handlung.

Wie schon in ihrem vorherigen Werk gleicht dieser Roman eher einem Krimi als einem klassischen Fantasybuch. Zwar ist die Geschichte historisch angelegt und orientiert sich, soweit möglich, an realen Begebenheiten, doch echte Fantasyelemente sucht man vergeblich. Der Titel Ein Kranich unter Wölfen ist vielmehr eine Symbolik. Der historische Aspekt wird am Ende näher beleuchtet.

Am Ort, an den die Protagonistin Iseul gelangt, erschüttern mehrere Mordfälle die Bevölkerung. Gemeinsam mit einem Ermittler beginnt sie, diese aufzuklären. Ein erzählerisches Element, das June Hur bereits in Der rote Palast genutzt hat.

Typisch für viele asiatische Romane ist die sehr subtile Liebesgeschichte. Wo im europäischen Raum oft explizite Romantik dominiert, entwickelt sich hier eine zarte, kaum benannte Nähe. Gerade diese Zurückhaltung macht für mich einen Teil der besonderen Atmosphäre aus.

Die Handlung entfaltet sich langsam und bietet dabei vielfältige Perspektiven: Iseuls Blick als Beteiligte an den Ermittlungen, die Sicht des unterdrückten Volkes und Passagen, in denen der Herrscher selbst auftritt und das Grauen greifbar macht. Persönlich mochte ich die Protagonistin nicht immer – ihre Sturheit und eine gewisse Verwöhntheit sind spürbar –, doch genau das passt zu ihrem Hintergrund.

Ein Kranich unter Wölfen ist insgesamt ein besonderes und eindrückliches Leseerlebnis.

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Veröffentlicht am 12.12.2025

Dark-Romantasy, die Grenzen austestet

Rabid
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“Rabid” hat mich auf eine Weise abgeholt, die ich beim Lesen von Dark Romantasy kaum erwartet hätte. Eigentlich greife ich nie zu Dark Romance, wohl aber zu dunklen, atmosphärischen Fantasywelten. Der ...

“Rabid” hat mich auf eine Weise abgeholt, die ich beim Lesen von Dark Romantasy kaum erwartet hätte. Eigentlich greife ich nie zu Dark Romance, wohl aber zu dunklen, atmosphärischen Fantasywelten. Der Klappentext klang so unwiderstehlich und das Buch hat mich tatsächlich nicht enttäuscht. Die Geschichte rund um Gestaltwandler besitzt einen hohen Fantasyanteil, der konsequent einen bedrückenden, spannungsgeladenen Ton hält. Jede Seite trägt diesen dunklen Vibe, der mich als Leserin permanent in Alarmbereitschaft hielt. Kaum ein Moment bietet echte Ruhe, stattdessen drängen sich Geheimnisse, Intrigen und die Brutalität der Rudelstrukturen immer weiter in den Vordergrund.

Einige typische Herausforderungen des Shifter-Genres wurden nur angerissen, etwa die Frage, was bei der Verwandlung mit Kleidung passiert oder wie genau der körperliche Prozess abläuft. Diese Aspekte blieben eher oberflächlich, doch im Gegenzug wurde viel Energie in die Darstellung von Ritualen, Hierarchien und Machtverhältnissen der Wölfe gesteckt. Gerade diese Weltmechanik verleiht dem Roman eine kraftvolle Dynamik, die mich stark in die Geschichte gezogen hat.

Auch der Romance-Anteil ist intensiv und fordert heraus. Die weibliche Protagonistin ist gebrochen, ungezähmt und dennoch voller innerer Stärke. Aus ihrer Perspektive wird spürbar, wie Machtgefälle wirken, wie sehr Angst und Selbstschutz das Handeln beeinflussen und wie komplex ein Nein in toxischen Strukturen werden kann. Besonders angenehm war für mich, dass das Buch ohne explizite sexualisierte Gewalt auskommt. Dennoch gab es Szenen, die auf den ersten Blick kritisch wirken könnten, in denen sie Ablehnung äußert, später aber doch bereit ist. Für mich funktionierte dies nur, weil ich Einblicke in die Gedanken der Protagonistin hatte. Wer Dominanz sucht, findet hier eine sehr explizite, kraftvolle und wenig romantisierte Form davon.

Insgesamt hält “Rabid” genau das, was der Klappentext verspricht: Spannung, innere und äußere Kämpfe, eine eindringliche Atmosphäre und emotionsgeladene Szenen. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Eine neue und intensive Leseerfahrung.

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Veröffentlicht am 31.10.2025

Nicht gänzlich dem Klappentext entsprechend

Ein Herz aus Papier und Sternen
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"Ein Herz aus Papier und Sternen" ist ein weiterer gefühlvoller Roman aus der Feder der P.S. Ich liebe dich-Autorin Cecelia Ahern. Wie gewohnt schreibt sie ruhig und tiefgründig, fängt die stillen Momente ...

"Ein Herz aus Papier und Sternen" ist ein weiterer gefühlvoller Roman aus der Feder der P.S. Ich liebe dich-Autorin Cecelia Ahern. Wie gewohnt schreibt sie ruhig und tiefgründig, fängt die stillen Momente des Lebens ein und verwebt sie zu einer berührenden Geschichte über Mut, Selbstfindung und die leise Sehnsucht nach Freiheit.

Pip ist 32 und lebt noch immer bei ihrer Mutter – einer Frau, die sie seit Jahren kontrolliert und klein hält. Schon mit 16 wurde Pip Mutter und trägt seither Verantwortung, ohne je wirklich selbst entscheiden zu dürfen. Ihr Alltag ist von Pflichten, Schuld und unausgesprochenem Druck geprägt. Erst als sie einem Astronom begegnet, der ihr den Blick zum Himmel öffnet, beginnt sie zu fragen, wer sie sein könnte, wenn sie endlich frei wäre.

Doch das Leben im kleinen Ort ist alles andere als ruhig: Diskussionen um Torfabbau und den Steinbruch bringen Unruhe – und mit ihnen kehrt auch der Mann zurück, dem einst Pips Herz gehört hat. Alte Wunden reißen auf, während Pip langsam begreift, dass sie ihr eigenes Leben in die Hand nehmen muss.

Ahern erzählt mit großer Empathie und nah an der Realität. Pips stille Kämpfe, ihre Unsicherheiten und kleinen Gesten – das ständige Falten von Origami als Ausdruck ihrer Gefühle – machen sie zu einer greifbar nahen Figur. Sie ist keine klassische Heldin, die laut rebelliert, sondern eine, die leise wächst und ihren Mut erst tastend findet.

Der Roman ist ruhig, fast meditativ, doch nie belanglos. Gesellschaftliche Themen wie Umweltzerstörung, Übergriffigkeit und Selbstbestimmung verleihen ihm Tiefe und Gewicht. Manchmal hätte ich mir etwas mehr Raum für die Nebenfiguren gewünscht, deren Geschichten nur angedeutet bleiben. Auch die Verbindung zu dem Astronomen, die laut Klappentext romantischer klingt, bleibt sachlich – weniger Sternenglanz, mehr Realität.

Trotz kleiner Schwächen ist "Ein Herz aus Papier und Sternen" ein Roman, der lange nachhallt. Er erinnert daran, dass Freiheit oft im Kleinen beginnt – in einer Entscheidung, einem gefalteten Kranich, einem Blick in den Himmel.

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Veröffentlicht am 13.10.2025

Die Liebe nach dem Glück

All the Way to the River
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„All the Way to the River“ ist ein weiteres schonungslos ehrliches Werk aus der Feder der Autorin von „Eat, Pray, Love“. Beide Bücher sind zutiefst biografisch, und während mich ihr früheres Werk restlos ...

„All the Way to the River“ ist ein weiteres schonungslos ehrliches Werk aus der Feder der Autorin von „Eat, Pray, Love“. Beide Bücher sind zutiefst biografisch, und während mich ihr früheres Werk restlos begeisterte, ließ mich dieses nun sprach- und fassungslos zurück.

Kennt ihr die Debatten darüber, ob es nach einem Happy End überhaupt eine Fortsetzung geben sollte? Oder ob man sie besser weglässt, weil niemand lesen will, was nach dem Glück kommt? Genau so erging es mir mit „All the Way to the River“ und meine „Eat, Pray, Love“-Blase ist dabei endgültig zerplatzt.

Elizabeth Gilbert findet auf ihrer Reise zu sich selbst, schlägt einen spirituellen Weg ein und begegnet einem Mann, den sie aufrichtig liebt. Daran zweifle ich nicht. Doch Jahre später tritt eine Frau in ihr Leben, die alles verändert. Gilbert verdrängt lange ihre Gefühle, bis diese Frau – Rayya – an Krebs erkrankt. Erst dann wagt sie den Schritt aus ihrem sicheren Leben, und der wilde Ritt beginnt.

Mehrmals überlegte ich, das Buch abzubrechen. Rayya, jahrzehntelang drogensüchtig und getrieben vom Moment, wirkt wie das Gegenstück zu Gilbert, die ihre Süchte in Anerkennung und körperlicher Nähe suchte. Das Buch zeigt eindrucksvoll die zwei Gesichter der Abhängigkeit – durch Substanzen und durch Menschen. So zärtlich Gilbert über ihre große Liebe schreibt, so erschütternd ist die Wirkung dieser Beziehung. Beide rasen unaufhaltsam auf einen Abgrund zu, und Rayya fällt mit ihrer Diagnose in alte Muster zurück.

Was Sucht aus einem Menschen machen kann, wird hier beklemmend deutlich. Keine Seite las ich ohne Kopfschütteln. Der Begriff Spiritualität dehnt sich in diesem Buch ins Grenzenlose, manchmal bis ins Unbegreifliche. „All the Way to the River“ ist schwer zu fassen. Man muss sich darauf einlassen. Am Ende liest man die Geschichte zweier zutiefst verletzter Menschen, deren Botschaft für Gesunde kaum greifbar ist. Es öffnet den Blick in tiefe Abgründe – und bleibt doch dank Gilberts unverkennbar emotionalem Stil berührend.

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Veröffentlicht am 28.09.2025

Surreal und tief berührend

Schwanentage
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Wer Bücher aus dem asiatischen Raum liest, merkt schnell: Hier erzählt man anders, oft leiser, mit mehr Zwischentönen. Auch Zhang Yuerans Schwanentage entführt uns mitten ins Geschehen. Der Blick richtet ...

Wer Bücher aus dem asiatischen Raum liest, merkt schnell: Hier erzählt man anders, oft leiser, mit mehr Zwischentönen. Auch Zhang Yuerans Schwanentage entführt uns mitten ins Geschehen. Der Blick richtet sich auf die Entwicklung der Figuren und ihre Beziehungen. Eine reiche Familie, zwei Haushälterinnen – und im Zentrum die verbitterte Yu Ling, deren Perspektive den Roman prägt.

Die Autorin Zhang Yueran macht in einer turbulenten Geschichte deutlich, dass nicht alles so klar erscheint, wie es scheint. Arm oder reich, mit Geheimnissen oder Fehlern, niemand ist eindimensional. Der Einstieg wirkt zwar zunächst entrückt, führt aber bald zu den titelgebenden Schwanentagen. Der Schwan selbst ist stets präsent, nimmt fast eine Hauptrolle ein und verändert sich wie die Figuren. Er verkörpert gemeinsam mit dem Sohn der Familie die Reinheit einer noch unbescholtenen Seele.

Der Roman erzeugt Spannung vor allem zu Beginn und am Ende. Das spurlosen Verschwinden der Frau und die Festnahme des Vaters bleiben hier leider oberflächlich. In der Mitte jedoch verlangsamt sich das Tempo. Wir beobachten Yu Ling, wie sie zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und den Ansprüchen des Kindes ihrer Arbeitgeber schwankt.

Zhang Yueran bringt viele Charaktere ins Spiel. Fast jede Figur erhält einen kurzen Abschnitt, bevor sie wieder verschwindet. Ein verbindender Erzählstrang fehlt – vermutlich bewusst –, sodass jede Geschichte für sich steht. Das lenkt den Blick auf das Wesentliche.

Für mich ist die asiatische Schreibeweise oft auf eine spezielle Art reizvoll. Sie lädt dazu ein, innezuhalten, zu reflektieren und die Nuancen zu betrachten. Yueran zeigt in ihrem Roman, dass Machtgefälle und Abhängigkeiten sich in westlichem und asiatischem Raum kaum unterscheiden. Ein vollständiges Bild bleibt offen – stattdessen entfaltet sich im Schwanenhotel ein Geflecht aus Metaphern und Bildern, das surreal und zugleich tief berührend wirkt.

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