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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.11.2025

Sehr atmosphärisch mit Gruselfaktor und Kälteschauer

Knochenkälte
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Der forensische Anthropologe Dr. David Hunter strandet nach einer Irrfahrt in einer stürmischen Winternacht in einer kleinen, entlegenen Ortschaft in den Cumbrian Mountains. Am nächsten Tag stellt sich ...

Der forensische Anthropologe Dr. David Hunter strandet nach einer Irrfahrt in einer stürmischen Winternacht in einer kleinen, entlegenen Ortschaft in den Cumbrian Mountains. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass das Dorf durch einen Erdrutsch von der Umwelt abgeschnitten ist.
Dieses Setting ist ein wunderbarer Nährboden für eine Handlung, die in düsterer, klaustrophobischer Umgebung stattfindet. Im Dorf herrscht eine misstrauische, gereizte Stimmung, geprägt durch gegenseitige Feindseligkeit und die Herrschaft eines alten Patriarchen.
Simon Beckett lässt seinen Helden im siebten Teil der Reihe ziemlich allein, zudem in einer mehr als misslichen Lage. Als der bei der Suche nach Handyempfang auf ein vom Sturm zutage gebrachtes Skelett stößt, findet er sich in der unfreiwilligen Rolle des Ermittlers wieder. Seine spezielle Ausbildung hilft ihm nur bedingt weiter. Unterstützung gibt es nicht. Die Menschen verhalten sich abweisend.
Der Roman besticht durch lange und intensive Beschreibungen von Landschaft, Wetter und Natur. Das Sich-Verloren-Fühlen, die Kälte, die Ausweglosigkeit der Lage, all das geht Hand in Hand einher und ist unterlegt mit einer Spannung, die spürbar, aber kaum greifbar ist und der man sich nicht entziehen kann.
Die Personen wirken sämtlich von Geheimnissen der Vergangenheit bestimmt und dem Wunsch, Dinge verbergen zu wollen.
Obwohl die Geschichte absolut fesselnd geschrieben ist, könnten Leser, die nackten Thrill erwarten, enttäuscht sein. Hier kommt die Spannung auf leisen Sohlen, bereitet gründlich vor auf eine äußerst komplexe Story, die Überraschungen bereit hält, sicher für die einen mehr, für die anderen weniger. Denn manches lässt sich durch aufmerksames Lesen erahnen.
Dass auch scheinbare Nebensächlichkeiten sich immer in den Gesamtzusammenhang fügen, jeweils ein Steinchen im großen Mosaik bilden, zeugt von routinierter und akribischer Arbeit des Autors.
Dieses Buch ist ein Leckerbissen für Fans atmosphärischer Beschreibungen mit leichtem Gruselfaktor und anspruchsvoller Konstruktionen und kann übrigens problemlos ohne Vorkenntnis der Vorgängerbände gelesen werden.

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Veröffentlicht am 09.11.2025

Überwältigend

Da, wo ich dich sehen kann
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Nicht nur ihre beste Freundin, Liv, verliert den Boden unter ihren Füßen, als Emma von ihrem Mann ermordet wird. Auch für ihre neunjährige Tochter und ihre Eltern zerbricht von einem auf den anderen Tag ...

Nicht nur ihre beste Freundin, Liv, verliert den Boden unter ihren Füßen, als Emma von ihrem Mann ermordet wird. Auch für ihre neunjährige Tochter und ihre Eltern zerbricht von einem auf den anderen Tag die Welt.
Das Thema „Femizid“ ist so schwer, so gewaltig, dass es kaum möglich scheint, ihm gerecht zu werden. Doch Jasmin Schreiber wagt es, sie schaut in die Köpfe hinein, mehr noch, sie schaut auch in die Seelen. Dass ihr das bei allen Betroffenen, Tochter, Mutter, Freundin, auf diesem Niveau gelingt, ist ihre Gabe. Und ganz hohe Kunst.
Die Menschen, die hier ums Überleben kämpfen - um nichts Geringeres geht es - sind allesamt lebensklug, freundlich, sensibel. Auch wenn das beste Vorraussetzungen sind, zeigt sich der Weg aus der Schwärze oft aussichtslos.
Jedes Kapitel ist einer Person zugeordnet, der sich die Autorin zur Seite stellt und sie beobachtet. Mit viel Empathie, ungeheurer Feinfühligkeit und ohne Wertung erfasst sie deren Handeln, Denken, Fühlen. Oft finden sich Erinnerungen, die eine ehemalige Leichtigkeit, eine Normalität vermitteln, die um so bitterer wirkt, als dass sie unwiderruflich verloren ist.
Doch ist das wirklich so?
Dass Liv Astrophysikerin ist und die Tochter ihrer Freundin für die Sterne begeistern kann, bringt eine zarte Wende, die Möglichkeit, das Augenmerk - zunächst nur für wenige Momente - auf etwas außerhalb der Trauer zu richten.
Und auch, wie umsichtig alle miteinander umgehen, verständnisvoll, liebevoll, lässt hoffen und ganz inbrünstig wünschen, dass sie gemeinsam einen Heilungsprozess in Gang zu bringen vermögen.
Es werden auch Fakten erwähnt, erschreckende Statistiken, juristische und strafrechtliche Missstände. Am Ende des Buches finden sich Telefonnummern mit verschiedenen Hilfsangeboten.
Dieser Roman will mehr als berühren. Wobei mich selten (oder nie?) ein Roman so berührt hat. Er will informieren, wachrütteln, anklagen. Frauen schützen. Er ist ein Anliegen, verfasst mit Engagement und Herzblut.

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Ganz großes Lesevergnügen

Der Tote im Kamin
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Eigentlich sollte Inspector Frank Grasby ja nur vorübergehend auf ein stilles Gleis geschoben werden, bis Gras über seinen letzten Fehltritt, die versehentliche Freilassung zwanzig wertvoller Pferde, gewachsen ...

Eigentlich sollte Inspector Frank Grasby ja nur vorübergehend auf ein stilles Gleis geschoben werden, bis Gras über seinen letzten Fehltritt, die versehentliche Freilassung zwanzig wertvoller Pferde, gewachsen wäre. Zu diesem Zweck wurde ihm ein neues Betätigungsfeld im beschaulichen Elderby zugewiesen, wo es ein paar Einbruchsdiebstähle in den umliegenden Farmen aufzuklären gilt.
Doch kaum trifft er in dem romantisch verschneiten Dörfchen ein, entdeckt er im Kamin eines Herrenhauses eine Leiche. Und dann geht es Schlag auf Schlag.
Was Autor Denzil Meyrick hier produziert hat, ist ein wirklich köstlicher Krimi englischer Strickart. Angesiedelt ist die Geschichte im Jahr 1952, und zwar so überzeugend, dass man beinahe unmerklich in diese Zeit hineinrutscht. Auch das Flair des idyllischen Ortes, die vorweihnachtliche Stimmung und der bitterkalte Winter übertragen sich wie durch Zauberhand.
Doch man sollte nicht der Vorstellung erliegen, hier ginge es gemütlich und kuschelig zu. Dazu hätte es andere Protagonisten und eine andere Handlung gebraucht. Und weniger von diesem unentwegt schwelenden schwarzen Humor, der das Buch so besonders macht.
Frank Grasby ist ein Mensch, der sich seines Wertes bewusst ist. Mitunter vielleicht etwas zu sehr. Dass ihm allzu häufig etwas misslingt, liegt auch, das muss man ihm zugute halten, am Pech, das ihn öfter mal verfolgt. Doch er ist hartnäckig, manchmal unerwartet mutig und vermag seine Schlüsse zu ziehen. Die sind meistens durchaus folgerichtig, und wenn die Geschichte so einfach wäre, würde er sicher schnell zum Ziel kommen.
Doch so verhält es sich nicht. Diese Geschichte ist verdreht noch und nöcher, und der Inspektor ist nicht der einzige, der, von den vielen Wendungen verwirrt, sich immer wieder in eine neue Ausgangslage manövriert fühlt. Den Lesern ergeht es ebenso.
Ganz zweifellos wäre es ein Gewinn für die Kriminalliteratur, wenn es mehr Romane wie diesen gäbe. Immerhin darf man noch auf die Übersetzung ins Deutsche des zweiten Bandes hoffen.

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Veröffentlicht am 06.07.2025

Wieder einmal Lesevergnügen pur mit dem Totengräber und seinen Freunden

Der Totengräber und die Pratermorde (Die Totengräber-Serie 4)
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1896: In Wien will der berühmte amerikanische Zauberkünstler Charles Banton dem faszinierten Publikum seinen neuen spektakulären Trick vorführen, die zersägte Jungfrau. Doch zu aller Entsetzen verletzt ...

1896: In Wien will der berühmte amerikanische Zauberkünstler Charles Banton dem faszinierten Publikum seinen neuen spektakulären Trick vorführen, die zersägte Jungfrau. Doch zu aller Entsetzen verletzt er dabei die Darstellerin tödlich.
In diesem vierten Band der Reihe stellt Autor Oliver Pötzsch wieder einmal unter Beweis, wie meisterhaft er sein Handwerk versteht. Er jongliert mit gruseligen, augenzwinkernden, spannenden Elementen und verzaubert auf diese Weise beinahe spielerisch sein lesendes Publikum. Die Hauptprotagonisten werden geschickt ins Geschehen gebracht, man erfährt gerade genug über sie, um auch ohne Vorkenntnis gut einsteigen zu können.
Man muss sie ins Herz schließen: den zur Zeit von Liebeskummer geplagten Kriminalinspektor Leopold von Herzfeldt mit seinen neumodischen Untersuchungsmethoden, seine Angebetete Julia Wolf, die gerade ihre journalistischen Fähigkeiten entdeckt, und natürlich den verschrobenen, grantigen Totengräber Augustin Rothmayer, der auf dem Zentralfriedhof lebt und akribisch Fakten aus Untersuchungen an Leichen sammelt.
Als dann in einem Waldstück weitere Frauenleichen entdeckt werden, muss das so furchtbar missglückte Zauberstück zunächst zurückstehen, die Ermittlung verlagert sich in den Prater. Im dortigen Trubel begegnen wir skurrilen Schaustellern, meinen, den geschäftigen Lärm und das Gemenge unterschiedlichster Gerüche wahrzunehmen.
Diese Atmosphäre wird scheinbar ähnlich mühelos erschaffen wie der geschichtliche Kontext, beides greift kontinuierlich ineinander und gerät dadurch zu einem überaus homogenen Setting. Auch die Kriminalhandlung passt sich perfekt ein, verstärkt sogar noch das Gefühl, sich ganz und gar in die Zeit des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts fallen lassen zu können.
Ein weiteres Lob gebührt dem Aufbau des Romans. Komplex, in sich logisch, jedes Detail sitzt. An wechselnden Schauplätzen jagen sich die Ereignisse, agieren echt wirkende Menschen und unterhalten sich in glaubhaften Dialogen.
Erfreulicherweise gibt es Pläne vom Prater, eine Liste der Personen und auf den letzten Seiten das Glossar für diejenigen, denen österreichische Ausdrücke wenig geläufig sind.
Das überzeugt, das macht Spaß. Und fliegt viel zu schnell vorbei.
Aber es wird sicher nicht der letzte Band gewesen sein: Oliver Pötzsch wird weiter zaubern, auf seine Art.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Köstlich schräge Krimikomödie im Altenheim

Crime im Heim
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Während in der Seniorenresidenz Haus Silberblick sich ein Teil der Bewohner auf die Aufführung eines Theaterstückes vorbereitet, wird der Mops einer Bewohnerin tot aufgefunden. Die Obduktion beweist: Es ...

Während in der Seniorenresidenz Haus Silberblick sich ein Teil der Bewohner auf die Aufführung eines Theaterstückes vorbereitet, wird der Mops einer Bewohnerin tot aufgefunden. Die Obduktion beweist: Es war Mord. Und das war erst der Anfang.
Was Autorin Ida Tannert mit diesem Cosy Krimi aus dem Altenheim ins Leben gerufen hat, ist an Wortwitz und Situationskomik kaum zu überbieten. Haarscharf seziert sie das Zusammenleben einer Gruppe alter Menschen, die mit ihren jeweiligen Eigenarten, Gebrechen, Ideen und Interessen aufeinandertreffen. Schrullig und schräg geht es zu, wenn Demenz, Schwerhörigkeit und Bewegungseinschränkungen den Kampf gegen das Verbrechen aufnehmen. Oder sich in ihre Rollen im Theaterstück fügen.
Jedenfalls setzt der kulturbeflissene Friedhelm Kemp es sich in den Kopf, mit diesem Haufen scheinbar unvereinbarer Charaktere eine Aufführung von Shakespeares Hamlet zu inszenieren. Die Yogalehrerin Katia Horenfeld, die er galant umwirbt, sollte ihn eigentlich nach Kräften unterstützen, interessiert sich indes zu seinem Leidwesen vorrangig um dunkle Dinge, die sich im Heim zusammenbrauen.
Wie sich beides miteinander verwebt, Aufklärung des Verbrechens und Vorbereitung der Aufführung, und die Teilnehmenden miteinander agieren und zusammenwachsen lässt, ist einfach nur köstlich zu lesen. Zahlreiche Unwägbarkeiten fließen mit ein, nichts läuft wie erwartet, es bleibt unterhaltsam und - auch wenn das sicher nicht das Hauptanliegen ist - spannend bis zum Ende.
Und ja, man darf über Schwächen lachen, die das Alter so mit sich bringt, wenn Wohlwollen und Respekt zwischen den Zeilen durchschimmern. Und man darf davon träumen, dass mit Toleranz und Nachsicht auch späte Freundschaft und sogar Liebe möglich ist.
Vielleicht noch ein Tipp für alle, denen Hamlet nicht (oder nicht mehr) geläufig ist: Eine kurze Auffrischung könnte sich lohnen. Denn der junge Mann ist im Roman beinahe allgegenwärtig.

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