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Veröffentlicht am 22.10.2025

Bitterböse und inhaltlich hart an der Grenze des guten Geschmacks

Das Pen!smuseum - Mit Texten von Jovana Reisinger, Sophia Süßmilch und Illustrationen von Andrea Z. Scharf
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Eine Rezension für dieses Buch zu verfassen fällt mir schwer. Wie habe ich die frühen Werke von Mareike Fallwickl, einer der Herausgeberinnen dieses Buches, doch geliebt! Was für ein seltenes Sprachtalent, ...

Eine Rezension für dieses Buch zu verfassen fällt mir schwer. Wie habe ich die frühen Werke von Mareike Fallwickl, einer der Herausgeberinnen dieses Buches, doch geliebt! Was für ein seltenes Sprachtalent, was für eine Erzählkunst! Das schimmert auch in diesem Werk speziell in ihren Kapiteln durch, doch auch die Kapitel der anderen Autorinnen sind überwiegend sprachlich und handwerklich solide bis herausragend geschrieben und geschickt konstruiert. Allein, was das Sprachliche und Handwerkliche angeht, ist es auf jeden Fall ein gutes Buch. Und es ist originell mit seinem Ansatz, viele der Themen, denen Frauen - oft für viele Männer als Thema unsichtbar - tagtäglich ausgesetzt sind, zu beschreiben, neu zu interpretieren, zu spiegeln. Erzählt werden viele kleine Geschichten, geschrieben von den beiden Herausgeberinnen und einigen weiteren Gastautorinnen, die nach und nach ein großes Ganzes ergeben.

Es geht um Themen wie Mental Load, Femizide und überhaupt Gewalt gegen Frauen, sexuelle Belästigung bis zu Vergewaltigung, Unsichtbarkeit und ungerechte Verteilung von Care-Arbeit, den schwierigen Zugang zu Abtreibungen und vieles mehr. All diese Themen werden von selbstermächtigten, "starken" bis oft knallharten Frauen neu interpretiert: da leiht eine Frau polnischen ungewollt Schwangeren ihre Identität und Krankenversicherungskarte, um ihnen in Kooperation mit einer befreundeten Gynäkologin, die medizinische Gründe dafür erfindet, Schwangerschaftsabbrüche auf Kosten der österreichischen Sozialversicherung zu ermöglichen. Die Gynäkologin wiederum, selbst hochschwanger und von ihrem Mann enttäuscht und betrogen, sucht sich auf Dating-Apps einen heißen, deutlich jüngeren Lover, der auf schwangere Frauen steht, und sieht das als selbstermächtigte Sexualität an. Eine der anderen Frauen aus der Runde fotografiert das Geschlechtsteil ihres schlafenden Mannes ohne dessen Wissen viele Male und stellt die Bilder in einem Pen!smuseum aus, zu dem Männer keinen Zutritt haben (hier und in anderen Referenzen geht es auch um eine Umdrehung des Missbrauchs Gisèle Pelicots). Eine Animationstänzerin verletzt einen Mann, der sie aus dieser Lage retten will, obwohl sie nicht gerettet werden will und sich als selbstbestimmte Sexarbeiterin sieht, am Auge, und betont höhnisch, dass er das wohl nicht anzeigen und ihm eh keiner glauben würde. In einem Altenheim wird ein alter Mann, der Krankenpflegerinnen sexuell belästigt hat, von einer Gruppe älterer Frauen dafür ermordet. Eine junge Frau verachtet innerlich Männer, benützt sie für One-Night-Stands und versalzt ihnen heimlich den Kaffee, die Genugtuung genießend, dass sie das meist gar nicht bewusst merken. Und vieles mehr.

Ich verstehe die Idee hinter diesem Buch und dass es aufrütteln soll, indem es die Perspektive einmal umkehrt. Es liest sich auch durchaus leicht und auf eine gewisse Weise humorvoll - wenn man mit dieser Art von sehr schwarzem Humor etwas anfangen kann.

Doch bin ich mir nicht sicher, ob Bücher wie diese wirklich in der Gesellschaft irgendetwas Gutes bewirken oder nur weiter aufhetzen und polarisieren. Ganz ehrlich wünsche ich mir, dass dieses Buch - wie es auch wahrscheinlich sein wird - nicht von vielen Männern gelesen werden wird. Denn ich fürchte, es würde weniger zu Verständnis als zu noch mehr Ablehnung legitimer feministischer Anliegen führen, denn es trieft schon an so einigen Stellen dermaßen unverblümt von Männerhass. Dass man damit Männer wirklich erreicht und zum Nachdenken bringt, bezweifle ich, stattdessen wird es wohl eher ihre Ängste vor der dunklen Seite des Feminismus nähren.

Das Buch wirkt auf mich so, als hätte man die allerdunkelsten Seiten der, durchaus in der Gesellschaft vorhandenen und verbreiteten Misogynie, genommen und umgedreht. Doch bringt uns das als Gesellschaft wirklich weiter? Öffnet es wirklich den Blick für die Themen der Frauen oder führt es, dermaßen auf die Spitze getrieben, nicht eher zu noch mehr Ablehnung? Selbst ich als Frau sehe dieses Buch sehr bedenklich, wie muss es erst Männern damit gehen?

Leseempfehlung nur unter Vorbehalt. Es ist jedenfalls eine anregende und diskussionswürdige Lektüre, aber sehr dunkel und hart an der Grenze des guten Geschmacks.

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Veröffentlicht am 07.10.2025

Hier geht es NICHT um die Arbeiterklasse

Working Class Girl
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Von diesem Buch habe ich mir anhand des Titels, der Beschreibung und der bisherigen begeisterten Rezensionen so einiges erwartet. An dieser Stelle gleich vorweg: ich kann das Buch nur mit großem Vorbehalt ...

Von diesem Buch habe ich mir anhand des Titels, der Beschreibung und der bisherigen begeisterten Rezensionen so einiges erwartet. An dieser Stelle gleich vorweg: ich kann das Buch nur mit großem Vorbehalt empfehlen und ich rate, sich vorher genau damit zu beschäftigen, worum es sich hier handelt. Es geht um die wahre Geschichte von Katriona O'Sullivan, einer Frau, die sich aus dem tiefsten Elend herausgekämpft hat, studiert hat und Psychologin geworden ist. Dafür hat sie meinen tiefsten Respekt und dafür gebe ich dem Buch auch drei Sterne.

Das Milieu, aus dem die Autorin kommt, ist NICHT ein typisches Arbeiterklassemilieu, sondern eines des tiefsten Elends. Hier ist der deutschsprachige Titel "Working class girl" - auf Englisch heißt das Buch einfach "poor" - ziemlich irreführend. Ihre Eltern sind beide schwer heroinabhängig, dealen mit Drogen, die Mutter prostituiert sich und die mindestens fünf Kinder, zum Teil im Abstand von weniger als einem Jahr geboren, werden völlig verwahrlost und allein gelassen. Die Autorin und Ich-Erzählerin erlebt die Hausgeburt ihrer jüngsten Schwester als Kind mit, davon wird noch jahrelang ein Blutfleck am Boden zeugen. Die Mutter ist auch bei der Geburt völlig auf Drogen und bekommt nichts mit, auch der Vater und weitere anwesende Erwachsene sind komplett zugedröhnt, es ist ein Wunder, dass das Baby die Geburt überhaupt überlebt. Der Blick der Autorin geht aber hauptsächlich auf die Verachtung der Sanitäter gegenüber diesen Menschen und den Zuständen, in denen sie leben. Das zieht sich überhaupt durch das Buch: sehr viel Kritik gegenüber herabwürdigenden Blicken und vermeintlich unzureichenden Hilfsangeboten von Seiten aller, die nicht in diesem völligen Elend leben und immer wieder in-Schutz-nehmen der verantwortungslosen Eltern und ihres Milieus. Die Autorin wird selbst als 7-jähriges Kind von einem Freund der Eltern in der eigenen Wohnung brutal vergewaltigt und für immer traumatisiert. Als sie das ihrer Mutter erzählt, meint die nur lapidar, auch sie sei von diesem Mann vergewaltigt worden.

Diese Beispiele zeigen hoffentlich: nein, in diesem Buch kann man nichts über die Arbeiterklasse und ihre Themen lernen, hier geht es nicht um die Arbeiterklasse (und ehrlich gesagt finde ich, diese, die aus vielen ehrlich hart arbeitenden Menschen besteht, wird durch so einen Titel eines Buches einer Drogenfamilie eher in den Dreck gezogen), sondern um eine Familie in den tiefsten Abgründen, in einem Sumpf aus Drogen, Gewalt und Vernachlässigung, der ausgiebig beschrieben wird. Zugleich sind für mich aber die beschriebenen Personen charakterlich sehr blass geblieben: sowohl die Ich-Erzählerin selbst als auch ihre Familie und weitere Figuren. Gelegentliche Lichtblicke gibt es zwischendurch, zum Beispiel, als der Ich-Erzählerin klar wird, dass auch ihr Englischlehrer aus ganz schwierigen Verhältnissen kommt und es offensichtlich möglich ist, sich aus diesen herauszuentwickeln. An diesen Stellen wird das Buch auch deutlich interessanter, wenn auch immer noch in Bezug auf die Reflexionstiefe weit unter dem Niveau, das es haben hätte können. Literarisch und sprachlich ist es insgesamt kein besonderes Werk und auch inhaltlich konnte ich nicht viel daraus lernen, dafür empfinde ich selbst die Ich-Erzählerin als nicht reflektiert genug.

Empfehlen kann ich es somit nur jenen, die gerne ausführlich über das Elend einer Familie mit zwei drogenabhängigen Eltern lernen möchten, vieles an dem Buch grenzt für mich schon an Elendsvoyeurismus und der Lerneffekt kann für Menschen, die sich grundsätzlich schon viel mit den Themen Sucht, Armut und Verwahrlosung beschäftigt haben, eher gering sein.

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Veröffentlicht am 25.09.2025

Starker Start, dann leider eher enttäuschend

Crushing
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Marnie hat genug von Beziehungen. Sie ist 28 und hat das letzte Jahrzehnt damit verbracht, zu versuchen, den Richtigen für eine Langzeitbeziehung zu finden. Doch damit ist sie fulminant gescheitert, wieder ...

Marnie hat genug von Beziehungen. Sie ist 28 und hat das letzte Jahrzehnt damit verbracht, zu versuchen, den Richtigen für eine Langzeitbeziehung zu finden. Doch damit ist sie fulminant gescheitert, wieder und wieder wurde sie verlassen. Dabei hat sie in den Beziehungen sich selbst verloren, sich jeweils wie ein Chamäleon dem Mann und seinen Hobbys und Interessen angepasst, seine Ansichten und seinen Freundeskreis übernommen, und bei einer Trennung alles davon wieder verloren.

So steht sie mit Ende 20 unglücklich und alleine da, arbeitet unambitioniert als Kellnerin in einem Café und fragt sich, wohin ihr Leben führen soll und wer sie überhaupt ist. Sympathisch ist, dass Marnie einen spritzigen Humor und eine Menge Selbstironie hat, das hat mich am Anfang des Buches sehr begeistert und bei der Stange gehalten. Gefallen hat mir auch Marnies Beziehung zu ihrer älteren Schwester, die verheiratet ist und ein kleines Kind hat. Hier wird humorvoll und gleichzeitig realistisch der Alltag einer jungen Mutter mit allen Höhen und Tiefen aufgezeigt, sodass deutlich wird, dass auch hier nicht alles nur rosarot ist. Auch eine recht schöne Freundschaft zu einer Mitbewohnerin baut Marnie auf.

Die Frauen und ihre Beziehungen zueinander, das ist eindeutig für mich eines der Highlights dieses Buches und das waren auch die tiefgründigen und nachdenklich machenden Stellen für mich.

Tja, und dann gibt es Isaac. Er ist... Achtung, Klischee! - natürlich sehr groß, sehr attraktiv und arbeitet im Finanzbereich. Besonders hell wirkt er auf mich nicht, sympathisch auch nicht wirklich. Und er ist in einer Beziehung, flirtet aber mit Marnie, und diese freundet sich mit ihm an, eigentlich platonisch, aber natürlich mit der Hoffnung auf Mehr. Am Anfang gibt es durchaus coole, spritzige und lustige Dialoge zwischen den beiden, die auf einer Wellenlänge zu sein scheinen. Aber letztendlich hat mich die Weiterentwicklung dieser Geschichte, ohne hier Details spoilern zu wollen, nur genervt, und letztendlich fand ich sie flach und oberflächlich. Insbesondere in der zweiten Hälfte hat mich das Buch deshalb inhaltlich etwas verloren. Auch die Identitätssuche und Selbstfindung Marnies ist mir insgesamt deutlich zu kurz gekommen.

Fazit: eine gute Idee, aus der man mehr machen hätte können. Ein humorvoller, spritziger Schreibstil. Ein Buch, das unterhält und sich leicht und schnell liest. Aber leider weniger Tiefgang und Entwicklung, als ich mir gewünscht hätte.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Gekürzt um die Hälfte könnte es ein gutes Unterhaltungsbuch sein

Die Sonne und die Mond
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Wenn ein Buch über 600 Seiten lang ist, spricht das nicht von Vornherein gegen die Lektüre. Schon oft habe ich lange und sehr gute Bücher gelesen, bei denen man keine Seiten missen wollen würde. Hier war ...

Wenn ein Buch über 600 Seiten lang ist, spricht das nicht von Vornherein gegen die Lektüre. Schon oft habe ich lange und sehr gute Bücher gelesen, bei denen man keine Seiten missen wollen würde. Hier war das für mich nicht der Fall: 600 Seiten braucht für mich schon einiges an wirklich interessantem Inhalt und Tiefgang... eine Geschichte, die so ein langes Buch auch tragen kann. Und das war diese Geschichte für mich persönlich nicht, weshalb es für mich persönlich einige Längen aufwies und ich damit gekämpft habe, das Buch zu beenden.

Inhaltlich geht es um zwei große Themenfelder: eine Frauenfreundschaft aus jungen Jahren, bei der es zu einem scheinbar unkittbaren Bruch kam, woraufhin Jahrzehnte ohne Kontakt zwischen den beiden Frauen folgten... bis mit Anfang 40 Jana von Mond, die als Kabarettistin im Fernsehen Karriere gemacht hat, auf einmal im Bestattungsinstitut von Sonja "Sonne" Meling auftaucht und vehement darauf besteht, ihren verstorbenen Ehemann und dessen schwangere Geliebte von der ehemaligen Freundin in einem gemeinsamen Grab beerdigen zu lassen. Gegen Sonjas großen, aber letztendlich erfolglosen Widerstand schafft es Jana, einen immer größeren Platz im Leben der ehemaligen Weggefährtin einzunehmen, zieht bei dieser ein, verzieht deren Sohn und misshandelt die Schildkröte und begeht auch in vielen weiteren Bereichen Verrat an den Werten und Prinzipien der Jugendfreundin. Und das, nachdem schon damals ihr Handeln zum Ende der gemeinsamen Freundschaft geführt hatte.

Nein, eine Sympathieträgerin ist Jana von Mond tatsächlich nicht. Sowohl als junge Frau als auch heute verhält sie sich überwiegend gedankenlos bis rücksichtlos oder sogar manipulativ. Was hat die zwei jungen Frauen damals in ihrer Jugend miteinander verbunden? Dass sie beide ein oder beide Elternteile tragisch verloren hatten? Was verbindet sie heute? Das wurde für mich auch nach der Lektüre des umfangreichen Buches nicht klar, es ist mehr Hassverbindung als sonst etwas für mich gewesen.

Sonja Meling war mir als Charakter deutlich sympathischer als Jana, auch wenn sie klar ihre emotionalen Wunden in sich trägt, die sie hinter der Fassade einer toughen Geschäftsfrau und alleinerziehenden Mutter, die keinen Mann nötig habe, versteckt, während sie emotionale Briefe an ihren langjährigen Mitarbeiter und treuen Freund Samuel schreibt. Ebenfalls eine in sich zutiefst belastete Persönlichkeit.

Wäre dieses Buch anspruchsvolle Literatur, dann hätte ich mir eine deutlich stärkere Charakterentwicklung der beiden Frauen und ihrer Beziehung zueinander gewünscht, als sie in diesem Buch vorkommt. So sind es für mich zwei unreife Protagonistinnen, die auch Jahrzehnte nach den ursprünglichen Ereignissen nur wenig erwachsener geworden sind, das gilt insbesondere für Jana. Getragen wird das Buch von vielen Szenen, die im Bestattermilieu spielen, deren Authentizität und Glaubwürdigkeit ich aber mangels genauerer Kenntnis dieses Berufsfeldes nicht im Detail beurteilen kann. Manche davon sollen wohl lustig sein, ich persönlich habe vieles davon makaber gefunden, etwa eine rasante Autofahrt mit dem Leichenwagen, bei der der transportierten Leiche - ursprünglich eine alte Frau, die sehr darauf bedacht war, respektvoll beerdigt zu werden - post mortem noch einmal das Genick gebrochen wird. Manche mögen darüber lachen, für mich, die ich mit der Figur der Verstorbenen mitgefühlt habe, war es einfach nur makaber.

An dieser Stelle auch eine Triggerwarnung für alle, die vom Thema Suizid und insbesondere Schienensuizid im näheren Umfeld betroffen sind: ein solcher kommt im Buch vor und wird explizit und mit grauslichen, drastisch geschilderten Szenen, die mich als Betroffene immer noch bildlich in meinem Kopf verfolgen, beschrieben. Das geschieht in einer Ausführlichkeit, die meiner Meinung nach nichts zur Handlung dieses Buches beiträgt - ob das auch Teil des seltsamen Humors des Autors ist, der in diesem Buch, das ich Trauerdistanzierungsbuch nennen möchte, laut Nachwort die Trauer über den Tod seiner geliebten Lebensgefährtin verarbeiten möchte, kann ich nicht sagen.

Insgesamt ist das Buch durchaus unterhaltsam erzählt, hat allerdings viele Cliffhanger: immer, wenn es richtig spannend wird, wird die Handlung unterbrochen und es geht über dutzende Seiten mit einem völlig anderen Themenstrang, oft im Bestattermilieu, weiter. Manche Leserinnen und Leser mögen das schätzen, weil es für sie die Spannung erhöht, mich hat es in dieser Häufung nur genervt.

Empfehlen kann ich das Buch nur jenen, die einen sehr speziellen, teils makabren Humor zum Thema Tod schätzen, sich auf ein eher langes Buch einlassen möchten und keine hohen Ansprüche an Charakterentwicklung, Tiefe und Authentizität stellen. Meine Art von Humor war es nicht, vieles grenzte für mich an Respektlosigkeit im Umgang mit dem Thema Tod. Diese Einschätzung ist aber wohl individuell und muss jede/r für sich treffen.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Unterdrückung der Frauen im Iran

Badjens. Roman
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Das kurze Büchlein "Badjens" von Delphine Minoui ist schnell gelesen, doch wirkt mit seiner Wucht tief nach. Die Autorin hat selbst eine französische Mutter und einen iranischen Vater. Dieser Roman ist ...

Das kurze Büchlein "Badjens" von Delphine Minoui ist schnell gelesen, doch wirkt mit seiner Wucht tief nach. Die Autorin hat selbst eine französische Mutter und einen iranischen Vater. Dieser Roman ist den Heldinnen der "Frau, Leben, Freiheit"-Bewegung gewidmet, die nach dem gewaltsamen Tod von Mahsa Amini im Iran für mehr Freiheit und Frauenrechte demonstrierten.

Das Buch beginnt mit einer Szene, in der Zahra, von ihrer Mutter "Badjens" genannt (das steht dafür, aufmüpfig und frech zu sein) in der Öffentlichkeit auf eine Mülltonne klettert, sich das Kopftuch herunterreißt und dieses mit einem Feuerzeug anzündet. Wir sind mitten in den Protesten nach der Ermordung Mahsa Aminis. Danach erzählt Zahra in der Ich-Perspektive aus ihrem Leben. Hineingeboren wird sie in eine Familie, die väterlicherseits streng konformistisch und erzkonservativ ist.

Der Großvater väterlicherseits möchte am liebsten, dass das Kind abgetrieben wird, sobald der Ultraschall zeigt, dass es ein Mädchen ist. Es wird nur davon abgesehen, weil das der Familie doch zu teuer ist, doch das Mädchen wächst als "Fehler" auf, wird vom Vater ignoriert und kritisiert, bekommt von ihm niemals irgendein Zeichen liebevoller Zuwendung, während der drei Jahre jüngere Brüder aufs Äußerste verwöhnt wird, nur weil er der ersehnte Junge ist.

Die Mutter liebt ihre Tochter zwar, ist aber selbst sehr unterdrückt und spricht nur, wenn der Vater nicht anwesend ist. So wächst Zahra in einem Land auf, in dem Frauen nicht sehr geschätzt werden und "nicht einmal die Hälfte zählen", muss als älteres Mädchen dann ebenfalls ihre Körperformen verbergen und ein Kopftuch tragen, wird von der Sittenpolizei gemaßregelt und von ihrem Cousin sexuell missbraucht. Viele trostlose Szenen sind es, die sich da zeigen, und doch wächst Zahra zu einer unerschrockenen Widerstandskämpferin heran, die selbst an einen Gott, der Frauen unterdrückt, nicht glauben kann und will und sich zunehmend mehr gegen das Regime auflehnt.

Der Roman ist also ein eindrückliches Portrait einer tapferen jungen Frau. Er liest sich leicht und schnell, ist in einer poetischen Sprache geschrieben und ist in seiner Botschaft sehr berührend. Ich habe mich beim Lesen sehr verbunden mit Zahra gefühlt und mit ihr und ihren Mitkämpferinnen gehofft, dass es bald zu einem Regimewechsel im Iran und zu mehr Freiheit für die jungen Menschen dort kommen würde.

Insgesamt bin ich mir aber trotzdem nicht sicher, wie authentisch die geschilderte Familie und Frauenfigur ist. In so gut wie allen auf echten Tatsachen beruhenden Memoirs und Sachbüchern aus dem Iran wurden die vorkommenden Familien wesentlich differenzierter geschildert als in diesem Buch: zwar gibt es dort sicherlich viel an Unterdrückung und Frauenverachtung, aber dass mit dem ignoranten Vater, dem verwöhnten Bruder, dem die Abtreibung fordernden Großvater und dem missbrauchenden Cousin sämtliche männlichen Familienmitglieder ausschließlich bösartig sind, kommt mir in Summe doch etwas undifferenziert und unwahrscheinlich vor. Hier hätte ich mir insbesondere in einem fiktiven Roman wie diesem eine etwas differenziertere Betrachtungsweise und Charakterentwicklung gewünscht.

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