Bitterböse und inhaltlich hart an der Grenze des guten Geschmacks
Das Pen!smuseum - Mit Texten von Jovana Reisinger, Sophia Süßmilch und Illustrationen von Andrea Z. ScharfEine Rezension für dieses Buch zu verfassen fällt mir schwer. Wie habe ich die frühen Werke von Mareike Fallwickl, einer der Herausgeberinnen dieses Buches, doch geliebt! Was für ein seltenes Sprachtalent, ...
Eine Rezension für dieses Buch zu verfassen fällt mir schwer. Wie habe ich die frühen Werke von Mareike Fallwickl, einer der Herausgeberinnen dieses Buches, doch geliebt! Was für ein seltenes Sprachtalent, was für eine Erzählkunst! Das schimmert auch in diesem Werk speziell in ihren Kapiteln durch, doch auch die Kapitel der anderen Autorinnen sind überwiegend sprachlich und handwerklich solide bis herausragend geschrieben und geschickt konstruiert. Allein, was das Sprachliche und Handwerkliche angeht, ist es auf jeden Fall ein gutes Buch. Und es ist originell mit seinem Ansatz, viele der Themen, denen Frauen - oft für viele Männer als Thema unsichtbar - tagtäglich ausgesetzt sind, zu beschreiben, neu zu interpretieren, zu spiegeln. Erzählt werden viele kleine Geschichten, geschrieben von den beiden Herausgeberinnen und einigen weiteren Gastautorinnen, die nach und nach ein großes Ganzes ergeben.
Es geht um Themen wie Mental Load, Femizide und überhaupt Gewalt gegen Frauen, sexuelle Belästigung bis zu Vergewaltigung, Unsichtbarkeit und ungerechte Verteilung von Care-Arbeit, den schwierigen Zugang zu Abtreibungen und vieles mehr. All diese Themen werden von selbstermächtigten, "starken" bis oft knallharten Frauen neu interpretiert: da leiht eine Frau polnischen ungewollt Schwangeren ihre Identität und Krankenversicherungskarte, um ihnen in Kooperation mit einer befreundeten Gynäkologin, die medizinische Gründe dafür erfindet, Schwangerschaftsabbrüche auf Kosten der österreichischen Sozialversicherung zu ermöglichen. Die Gynäkologin wiederum, selbst hochschwanger und von ihrem Mann enttäuscht und betrogen, sucht sich auf Dating-Apps einen heißen, deutlich jüngeren Lover, der auf schwangere Frauen steht, und sieht das als selbstermächtigte Sexualität an. Eine der anderen Frauen aus der Runde fotografiert das Geschlechtsteil ihres schlafenden Mannes ohne dessen Wissen viele Male und stellt die Bilder in einem Pen!smuseum aus, zu dem Männer keinen Zutritt haben (hier und in anderen Referenzen geht es auch um eine Umdrehung des Missbrauchs Gisèle Pelicots). Eine Animationstänzerin verletzt einen Mann, der sie aus dieser Lage retten will, obwohl sie nicht gerettet werden will und sich als selbstbestimmte Sexarbeiterin sieht, am Auge, und betont höhnisch, dass er das wohl nicht anzeigen und ihm eh keiner glauben würde. In einem Altenheim wird ein alter Mann, der Krankenpflegerinnen sexuell belästigt hat, von einer Gruppe älterer Frauen dafür ermordet. Eine junge Frau verachtet innerlich Männer, benützt sie für One-Night-Stands und versalzt ihnen heimlich den Kaffee, die Genugtuung genießend, dass sie das meist gar nicht bewusst merken. Und vieles mehr.
Ich verstehe die Idee hinter diesem Buch und dass es aufrütteln soll, indem es die Perspektive einmal umkehrt. Es liest sich auch durchaus leicht und auf eine gewisse Weise humorvoll - wenn man mit dieser Art von sehr schwarzem Humor etwas anfangen kann.
Doch bin ich mir nicht sicher, ob Bücher wie diese wirklich in der Gesellschaft irgendetwas Gutes bewirken oder nur weiter aufhetzen und polarisieren. Ganz ehrlich wünsche ich mir, dass dieses Buch - wie es auch wahrscheinlich sein wird - nicht von vielen Männern gelesen werden wird. Denn ich fürchte, es würde weniger zu Verständnis als zu noch mehr Ablehnung legitimer feministischer Anliegen führen, denn es trieft schon an so einigen Stellen dermaßen unverblümt von Männerhass. Dass man damit Männer wirklich erreicht und zum Nachdenken bringt, bezweifle ich, stattdessen wird es wohl eher ihre Ängste vor der dunklen Seite des Feminismus nähren.
Das Buch wirkt auf mich so, als hätte man die allerdunkelsten Seiten der, durchaus in der Gesellschaft vorhandenen und verbreiteten Misogynie, genommen und umgedreht. Doch bringt uns das als Gesellschaft wirklich weiter? Öffnet es wirklich den Blick für die Themen der Frauen oder führt es, dermaßen auf die Spitze getrieben, nicht eher zu noch mehr Ablehnung? Selbst ich als Frau sehe dieses Buch sehr bedenklich, wie muss es erst Männern damit gehen?
Leseempfehlung nur unter Vorbehalt. Es ist jedenfalls eine anregende und diskussionswürdige Lektüre, aber sehr dunkel und hart an der Grenze des guten Geschmacks.