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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.10.2025

Zurück ins wahre Leben

Drei Tage im Schnee
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Ina Bhatter gelingt in ihrem Debüt ‘Drei Tage im Schnee‘ etwas ganz Wunderbares. Sie taucht ein in die Gedankenwelt ihrer Protagonistin Hannah, Mitte dreißig, die durch gemeinsam verbrachte Stunden mit ...

Ina Bhatter gelingt in ihrem Debüt ‘Drei Tage im Schnee‘ etwas ganz Wunderbares. Sie taucht ein in die Gedankenwelt ihrer Protagonistin Hannah, Mitte dreißig, die durch gemeinsam verbrachte Stunden mit der kleinen Sophie selbst wieder zurückwandert in die Zeit kindlicher Unbeschwertheit und unendlicher Freude an vermeintlich kleinen Dingen im Leben, wo einfach machen und ausprobieren das zentrale Handeln bestimmen. Hannah spürt eine befreiende Selbstreflexion, erkennt, dass sie allein alle Fäden für ihr ganz persönliches Glück in den Händen hält.
Trotz beruflichem Erfolg und mehr als ausreichender finanzieller Versorgung fühlt sich Hannah leer und ausgebrannt. Das Aufstehen am Morgen fällt ihre schwer, die tägliche Arbeit ist herausfordernd und bestimmt ihren Alltag. Auch an den Wochenenden findet sie kaum Erholung, vor allem aber auch keine Ruhe, will immer mehr und mehr, letztendlich um geliebt zu werden. Doch welchen Preis sie dafür zahlt, zeigen ihr drei Tage im Schnee in einer kleinen Hütte abseits der Großstadt, abseits von Lieferservice und Zentralheizung, in fast unberührter Natur.
Die Autorin schreibt leise und empathisch, ohne den Finger der Ermahnung zu heben. Ihre Denkanstöße für ein erfülltes, selbst bestimmtes Leben, entfernt vom inneren Zwang allem und jedem stets gerecht zu werden, sind eingebunden in einer sehr sensibel erzählten Geschichte, die mich berührt hat, die wachrüttelt und ein Angebot enthält, über die Strukturen des eigenen Lebens nachzudenken, zu reflektieren wieviel Kind wir in uns bewahrt haben, um dadurch die Spontanität und Leichtigkeit der uns geschenkten Zeit bewusster zu genießen.

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Veröffentlicht am 09.10.2025

Einsame Kinderseelen

Was man nicht sieht, ist doch da
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Margit Weiß setzt sich in ihrem Roman ‘Was man nicht sieht, ist doch da‘ mit den erschütternden Ereignissen in einem Kindererziehungsheim von 1954 in Tirol auseinander. Der Zweite Weltkrieg ist seit fast ...

Margit Weiß setzt sich in ihrem Roman ‘Was man nicht sieht, ist doch da‘ mit den erschütternden Ereignissen in einem Kindererziehungsheim von 1954 in Tirol auseinander. Der Zweite Weltkrieg ist seit fast einem Jahrzehnt beendet. In den Köpfen der Lehrer und Erzieher ist das Gedankengut der Nazis noch fest verankert und beherrscht durch unmenschliche Handlungen den Alltag der kleinen weggesperrten Jungen.
Der zehnjährige Hans ist einer der Opfer rassistischer Denunzierungen der Ladiner, einer Südtiroler Volksgruppe, die im Tirol mit Ausgrenzungen und Rechtlosigkeit zu kämpfen hatten. Aus dem Unterricht am Tag der Hochzeit seiner älteren Schwester wurde er unter einem fadenscheinigen Grund verschleppt. Die Familie erfährt nur zufällig davon und versucht natürlich, ihren Sohn nach Hause zurück zu holen. Doch das gestaltet sich zu einem aussichtslosen Unterfangen. Hans muss aushalten und seine kleine, zarte Kinderseele wird über Jahre auf eine harte Probe gestellt durch körperliche Gewalt und psychische Erniedrigungen. Er selbst versucht sich seinem Schicksal zu entziehen, indem er sich als Person nur noch von außen betrachtet.
Die Autorin schreibt in einem sehr nüchternen Schreibstil, der aus meiner Sicht passend zur Gesamtsituation der Geschichte gewählt ist. Die Perspektivwechsels zu verschiedenen Protagonisten ergeben ein umfassendes sehr differenziertes Gesamtbild und verdeutlichen die Grausamkeit der Kindesmisshandlungen, die Ängste der Familie und nicht zuletzt auch die Gedankenstruktur der misshandelten Kindesseelen.
Um nicht zu vergessen setzt die Autorin all jenen ein Denkmal, die durch diese harte Prüfung gehen mussten und einen schweren Weg zurück ein selbst bestimmtes Leben beschreiten mussten.

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Veröffentlicht am 09.10.2025

Unberechenbares Leben

Wilder Honig
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Cary Lewis entführt uns in ihrem Roman ‘Wilder Honig‘ in das walisische Landleben, auf ein abseits hektischer Metropolen gelegenes Gut namens Berllan Dag, auf dem sich ein altes für die Ewigkeit erbautes ...

Cary Lewis entführt uns in ihrem Roman ‘Wilder Honig‘ in das walisische Landleben, auf ein abseits hektischer Metropolen gelegenes Gut namens Berllan Dag, auf dem sich ein altes für die Ewigkeit erbautes Haus mit einem großen Obstgarten befinden. In einer ruhigen, poetisch angehauchten Sprache erzählt die Autorin die Geschichte von Hannah, die in den Tagen der Herbststürme ihren geliebten Ehemann John zu Grabe tragen muss. Ihre Schwester Sadie, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt hatte, kommt zu ihr, steht ihr zur Seite in den schweren Stunden, in denen walisische Traditionen beachtet werden müssen, um den Ansprüchen der dörflichen Gemeinschaft zu genügen. Doch John hatte ein großes Geheimnis und so gesellt sich Megan, seine uneheliche Tochter, die er zu Lebzeiten verschwieg, zu den Schwestern. Hannahs Welt gerät aus den Fugen und wird emotional auf den Kopf gestellt.
Jede der drei Frauen kämpft mit ihrer Vergangenheit, die im Laufe der Geschichte ihren Platz finden. Viele herausfordernde Themen, wie Generationenkonflikt, Outing, unerfüllte Träume, Harmoniebedürfnis, und charakterliche Schwächen werden angesprochen. Diese Herausforderungen des Alltags erfordern enorme Kraft. Allzu oft werden die leisen aber auch die lauten Zwischentöne überhört, führen zu Verletzungen, die sich tief eingraben in die Gefühlswelt und viel Geduld und Vertrauen erfordern, um eine seelische Balance wieder herzustellen.
John, dem im Leben die Worte gefehlt haben, Situationen zu besprechen, hinterlässt Hannah Briefe, in denen er von seinen geliebten Bienenvölkern spricht und diese als Metapher benutzt, um seine Unfähigkeit zu beschreiben. So komplex und vielfältig unsere Sprache auch ist, vermag sie in seinen Augen doch nicht präzise genug zu sein, um das Wesen des Gesagten vollständig zu vermitteln. Für mich war das eine Kernaussage des Romans.
Mit dem Wechsel der Jahreszeiten ändert sich der melancholische Ton in einen optimistischen. Die erwachende Natur bietet immer wieder in ihrem steten Kreislauf neue Möglichkeiten, mit einem Angebot diese zu nutzen. Der Roman ist nicht vollständig ausformuliert, bietet dadurch viel Freiraum für eigene, konstruktive Gedanken, was mir besonders gut gefallen hat.

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Veröffentlicht am 09.10.2025

Menschliche Abgründe

Gejagt durch Brandenburg
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Wie genau kennen wir die Menschen unseres täglichen Umfeldes, unsere Familie, unsere Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen? Können wir überhaupt jemals behaupten uns selbst zu kennen?
Richard Brandes zeigt ...

Wie genau kennen wir die Menschen unseres täglichen Umfeldes, unsere Familie, unsere Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen? Können wir überhaupt jemals behaupten uns selbst zu kennen?
Richard Brandes zeigt in seinem neusten Kriminalroman ‘Gejagt durch Brandenburg‘, dem vierten Teil mit der Kriminalhauptkommissarin Carla Stach in der Hauptrolle, eine Welt, in der nichts ist, wie es scheint. Fein und präzise zeichnet er seine Charaktere, führt sie lebensnah in einer dicht gepackten Geschichte, die durch einen modernen Sprachstil brilliert, zu jeder Zeit unterhaltend daherkommt und mit zunehmender Seitenzahl an ihrer fesselnden, packenden Wesensart gewinnt. Er beschreibt seine Protagonisten sehr umfassend, blickt tief in ihre Seelen hinein, lässt uns teilhaben an ihren Gedanken und Gefühlen. Wir erhalten ein kompaktes, farbiges Bild und glauben zu wissen und haben doch keine Ahnung was uns letztendlich erwartet.
Carla bekommt es diesmal knüppeldick. Nicht nur in ihrem Job muss sie einstecken, diesem unkollegialen Fiesling ihre ureigenste Ermittlungsarbeit überlassen, weil ihr Stiefsohn in einen Mordfall involviert ist, nein sie kämpft auch privat ihren schwersten Kampf. Sie macht Fehler, wirkt untypischer Weise unkonzentriert, kämpft mit unglaublichem emotionalem Kraftaufwand dagegen an und geht als starke Frau immer strikt geradeaus, verfolgt ihr Ziel. Ob sie auch als strahlende Siegerin hervorgeht, bleibt dahingestellt. Das Leben ist manchmal ungerecht und verwirrend, doch Carla Stach sucht sich ihren ganz persönlichen, ihr passenden Weg, wenn er auch steinig ist.
Mir hat der Kriminalroman sehr gut gefallen, weil er den Menschen mit seinen Schwächen aber auch Stärken darstellt, ohne zu werten und Möglichkeiten aufzeigt, zukünftig mit mehr Achtsamkeit in eine erfülltere Zukunft zu gehen.
Gern gebe ich hier meine Leseempfehlung allen, die gern tiefer blicken in die menschliche Psyche und gleichzeitig gut unterhalten werden möchten durch kriminalistische Aufklärungsarbeit und durch Familiengeschichten.

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Veröffentlicht am 28.09.2025

Verdrängte Wirklichkeit

Madwoman
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Clove führt ein vorbildliches Familienleben. Sie achtet auf eine gesunde Ernährung mit ausschließlich gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen, die einen sehr ausgeprägten, bestimmenden Charakter in ihrem ...

Clove führt ein vorbildliches Familienleben. Sie achtet auf eine gesunde Ernährung mit ausschließlich gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen, die einen sehr ausgeprägten, bestimmenden Charakter in ihrem Alltag annehmen. In der Phase des Abstillens ihres dreijährigen Sohnes scheint sie in eine leichte Überforderung zu geraten, die ihre Ausgeglichenheit ins Wanken zu bringen scheint. Die Betreuung ihrer beiden Kinder, sie hat gemeinsam mit ihrem verständnisvollen, treusorgenden Ehemann noch eine siebenjährige Tochter, versetzt sie an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und ihr Nervenkostüm in mächtige Anspannung. Sie besitzt eine falsche Identität, die sie vor ihrer Vergangenheit schützen soll, einer Vergangenheit, in der familiäre Gewalt, Alkoholsucht, Co-Abhängigkeit die alles bestimmende Themen waren. Ein Brief aus dem Gefängnis stellt für sie eine dramatische Bedrohung dar, die ihre heile Welt in ein unüberschaubares Chaos stürzen könnte. Verzweifelt sucht sie nach einem rettenden Anker, einer Person, die sie versteht und der sie Vertrauen schenken kann, um ihren Ballast loszuwerden, um eine Stütze in diesen schwierigen Tagen zu haben.
Chelsea Bieker greift in ihrem Roman ‘Madwoman‘ eine äußerst schwierige, herausfordernde Thematik auf, welche in unserer modernen Gesellschaft leider als traurige Wahrheit kein Einzelfall darstellt. Gewalt in der Familie, Missbrauch von Alkohol und daraus entstehende psychische Spannungen brauchen unsere Aufmerksamkeit und ein verantwortungsbewusstes Handeln. Die Autorin lässt ihre Protagonistin aus ihrem Leben erzählen. Dabei schweifen ihre Gedanken immer wieder in die Vergangenheit ab und halten Zwiesprache mit der Mutter, die nicht nur Opfer, sondern auch durch ihre Passivität zum Täter wird, die ihre Verantwortung gegenüber ihrem Kind nicht wahrnehmen kann, um ihm ein geordnetes, soziales Leben zu bieten.
Ein gewaltiger Roman, der sehr intensiv geschrieben ist aber auch bedrückende Gefühle hinterlässt.

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