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Veröffentlicht am 18.11.2025

Hausfrau im Zentrum einer tödlichen Verschwörung

Down Cemetery Road
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Ich kenne und schätze Mick Herron als Autor der Geheimdienstserie um die "Slow Horses" des MI5. Da war ich natürlich neugierig auf seine Reihe um die Privatdetektivin Zoe Boehm und wurde nicht enttäuscht: ...

Ich kenne und schätze Mick Herron als Autor der Geheimdienstserie um die "Slow Horses" des MI5. Da war ich natürlich neugierig auf seine Reihe um die Privatdetektivin Zoe Boehm und wurde nicht enttäuscht: Auch hier findet sich die unwiderstehliche Mischung aus Spannung, Geheimnissen und einer ordentlichen Prise britischen Humors, dazu Protagonisten, die eher unfreiwillig in Verschwörungen und finstere Machenschaften stolpern. Zoe Boehm ist allerdings - bis jetzt - eine Nebenfigur, die erst spät in der Handlung Profil entwickelt.

Vor allem geht es um die Hausfrau Sarah, die weder beruflich noch privat gerade viel Freude an ihrem Leben hat. Ehemann Mark ist in der Finanzwelt tätig und verlässt sich darauf, dass sie ihm den Rücken freihält, ohne sie umgekehrt in ihren fast schon vergessenen Ambitionen zu unterstützen. Nun soll sie auch noch als Gastgeberin eines Dinners für einen wichtigen Kunden brillieren, den sie schon sehr schnell nervig und abscheulich findet. Dann allerdings eskaliert der Abend auf ganz andere Weise, denn in der Nachbarschaft explodiert ein Haus, es gibt zwei Tote, was Sara verwundert, denn dort lebte doch eine alleinstehende Frau mit ihrer Tochter, die als gerettet gilt, dann aber unauffindbar ist.

Sara macht sich auf die Suche nach dem kleinen Mädchen, sucht die Hilfe eines Privatdetektivs und erkennt viel zu spät, dass sie plötzlich selber Gejagte in einer Verschwörung ist, die sie - anders als die Leser*innen, denen Herron nach und nach Informationsbrocken serviert - erst viel zu spät erkennt. Ein geheimnisvoller Fremder könnte Freund oder Feind sein, Ehemann Mark führt ein Doppelleben, von dem sie nichts ahnt, und ein durchgeknallter Killer macht Jagd auf sie.

Sehr viel mehr soll hier keinesfalls verraten werden, doch langweilig wird es in "Down Cemetery Road" nie. Einmal mehr hat Mick Herron liebenswerte Protagonisten mit Macken und Schwächen geschaffen, die in der Krise über sich herauswachsen müssen, und als Gegenspieler Machtmenschen, die buchstäblich über Leichen gehen. Das macht neugierig auf den nächsten Band dieser Serie, auch wenn die Slow Horses für mich noch eine Nummer größer sind. Mick Herron enttäuscht nie.

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Veröffentlicht am 14.11.2025

Vermisstenfall in der Banja

Samson und das Galizische Bad
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Mit seinem historischen Kriminalroman "Samson und das Galizische Bad" lässt der ukrainische Autor Andrej Kurkow nunmehr zum dritten Mal den jungen Kriminalinspektor Samson in der frühen Sowjetunion ermitteln. ...

Mit seinem historischen Kriminalroman "Samson und das Galizische Bad" lässt der ukrainische Autor Andrej Kurkow nunmehr zum dritten Mal den jungen Kriminalinspektor Samson in der frühen Sowjetunion ermitteln. Noch befindet sich vieles im Umbruch - doch schon ist der aufkommende Stalinismus und die eiserne Faust der Tscheka zu spüren, die Politisierung der Ermittlungen wie des ganzen noch teils revolutionären Alltags.

Daher ist auch dieser Roman einmal mehr viel mehr als ein Krimi, auch wenn Samson das Rätsel um eine Gruppe von Rotarmisten lösen muss, die nach dem Besuch eines öffentlichen Bads spurlos verschwunden sind. Nur ihre Uniformen sind geblieben. Handelt es sich um Deserteure, oder waren in dem Bad finstere Machenschaften zugange? Samson stößt auf Spekulantentum und Räubereien, muss sich um einen Kollegen und seine junge Ehe sorgen, und dann ist da noch die befürchtete Interessen- und Ermittlungskollision durch Überschneidungen mit einem Fall der Tschekisten.

Kurkow schafft es auch in seinem dritten Buch über Samson und seine Ehefrau Nadjeschda - die diesmal allerdings eher Nebenfigur bleibt - Zeitkolorit mit phantastischen Elementen und einer Prise Humor in schwierigen Zeiten zu verbinden. Sein revolutionäres Kiew ist farbenfroh und chaotisch mit dem Duft von Pferdeäpfeln und Holzöfen. Das Ende lässt allerdings ahnen, dass das Leben der Kiewer einer düsteren Phase entgegengleitet.

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Veröffentlicht am 13.10.2025

Seniorenquartett als Codeknacker

Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code (Die Mordclub-Serie 5)
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Andere Senioren mögen Kreuzworträtsel lösen und Gedächtnistraining machen - das Quartett des Donnerstagsmordclub betätigt sich statt dessen als Codeknacker in Richard Osman´s "Der Donnerstagsmordclub ...

Andere Senioren mögen Kreuzworträtsel lösen und Gedächtnistraining machen - das Quartett des Donnerstagsmordclub betätigt sich statt dessen als Codeknacker in Richard Osman´s "Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code." Von Ruhestand kann bei den mittlerweile immerhin über 80-Jährigen trotz scheinbar beschaulicher Seniorenresidenz wirklich keine Rede sein. Dabei hatte ich schon befürchtet, der vierte Band könnte so eine Art Schwanengesang sein.

Doch weit gefehlt - auch wenn das Alter und seine Einschränkungen durchaus zu Einschränkungen führen und der Gedanke an die eigene Endlichkeit nie ganz weg - Joyce, Elisabeth, Ibrahim und Ron stellen sich auch weiter den Herausforderungen.

Im Fall von Joyce: Die Hochzeit ihrer Tochter. Endlich! Und sogar mit einem ausnehmend sympathischen Schwiegersohn! Im Fall von Ron: Seinen Schwiegersohn hat er ja noch nie sonderlich gemocht. Aber dass die Ehe seiner Tochter mit einem koksenden Kriminellen von Gewalt geprägt ist, das hat er nicht geahnt. Auch steife Gelenke und schmerzende Knie werden ihn nicht davon abhalten, für Gerechtigkeit zu sorgen!

Was Ibrahim angeht, der führt mit Drogenhändlerin Connie sein ganz persönliches Resozialisierungsprojekt durch, während Elisabeth nach wie vor um ihren toten Ehemann trauert. Kein Mord also? Weit gefehlt, als der Trauzeuge von Joyce´s Schwiegersohn spurlos verschwindet, ein Auto explodiert und ziemlich viele Menschen hinter einem Zettel für Kryptowährung her sind. Der befindet sich in einem Schließfach, das durch einen Code geschützt ist - und schnell ahnen die vier Hobby-Ermittler, dass der Code womöglich auch mit dem verschwundenen Trauzeugen zusammenhängt.

Doch wo in diesem Fall die Guten und wo die Bösen sind, ist den Clubmitgliedern diesmal lange nicht ganz klar. Hilfe gibt es von zwei gewitzten Teenagern. Damit funktioniert der Cozy Crime mit bewährtem britischen Humor auch generationsübergreifend.In der Hörbuchversion sorgen einmal mehr Johannes Steck und Beate Himmelstoß als Sprecher und Sprecherin dafür, dass jedes Mitglied des Quartetts eine ganz andere Sprachnote hat, die dem Charakter entspricht und einen hohen Wiedererkennungswert hat.

Und wichtiger als alles andere ist, dass das Seniorenquartett sich gegenseitig (unter-)stützt und hilft - bei den Ermittlungen ebenso wie in Alltagskrisen. Obwohl oder vielleicht auch gerade wegen ihrer so unterschiedlichen Temperamente und Persönlichkeiten. Mögen sie einander - und den Lesern Osmans - noch lange erhalten bleiben!

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Veröffentlicht am 06.07.2025

Alles in Auflösung

Die Unbehausten
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Das marode Haus, das über der Journalistin Willa und ihrer Familie zusammenzustürzen droht, ist symbolisch für die Ungewissheiten und Zerfallserscheinungen in Barbara Kingsolvers Roman "Die Unbehausten": ...

Das marode Haus, das über der Journalistin Willa und ihrer Familie zusammenzustürzen droht, ist symbolisch für die Ungewissheiten und Zerfallserscheinungen in Barbara Kingsolvers Roman "Die Unbehausten": alles ist irgendwie in Auflösung. Beruflich, Privat und Politisch.

Denn Willa bekommt als Journalistin die Auswirkungen der Medienkrise zu spüren. Die einstige Zeitschriftenredakteurin muss nun als Freelancerin über die Runden kommen. Ihr Mann, ein Universitätsprofessor, hofft auch mit über 50 noch vergeblich auf eine Festanstellung. Tochter Tig, zu der Willa seit Jahren ein konfliktbeladenes Verhältnis hat, driftet scheinbar ziellos durchs Leben und ist gerade wieder in die Familie zurückgekehrt. Sohn Zeke, ehrgeiziger Harvard-Absolvent mit enormen Studienschulden, erlebt eine private Tragödie. Seine Freundin hat Suizid begangen, das gemeinsame Kind ist erst wenige Wochen alt. Zeke geht auf emotionale Distanz zu dem Baby, das in Willas Obhut kommt. Aus einem Provisorium wird ein Dauerzustand.

Dabei fordert bereits der schwerkranke Schwiegervater Zeit, Aufmerksamkeit und Pflege. Mit seiner nicht immer einfachen Persönlichkeit und seiner Vorliebe für einen populistischen, aggressiven Politiker, der nur als "Megafon" bezeichnet wird und an Donald Trump erinnert, ist der Schwiegervater für Willa mitunter schwer zu ertragen. Dass ein Handwerker das Haus als nicht mehr zu retten bezeichnet, ist ein zusätzlicher Schlag. Ist die Familie demnächst obdachlos?

Willa hofft auf historischen Wert des Gebäudes und Fördermittel für eine Renovierung. Sie beginnt zu recherchieren und stößt auf die Spur der Naturforscherin Mary Treat. Treat war eine ungewöhnliche Frau, die im Austausch mit Charles Darwin und anderen Wissenschaftlern stand, eine Autodidaktin, die in der Kleinstadtgesellschaft eher skeptische beäugt wird.

Hier setzt die zweite Erzählebene der "Unbehausten" ein, denn auf dem Grundstück, auf dem jetzt Willa und ihre Familie leben, lebte einst der Lehrer Thatcher mit seiner Ehefrau, Schwiegermutter und Schwägerin. Das Haus ist ähnlich marode und als Lehrer mit Einjahresvertrag kann Thatcher seiner Frau nicht den Lebensstandard bieten, an den sie in ihrer Jugend gewohnt war. Als Thatcher, der an der Schule wegen seiner Reformvorschläge und naturwissenschaftlichen Denkens im bibeltreuen Milieu isoliert ist, Mary Treat kennenlernt, findet er eines Geistesverwandte.

Die Handlung wechselt immer wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit und folgt den Protagonisten im Abstand von 150 Jahren durch eine Welt, in der es keine Gewissheiten mehr gibt beziehungsweise alles Neue abgelehnt wird. Dieser Wechsel ist reizvoll, wie auch der Kampf gegen Windmühlen Sympathien für die Romanfiguren weckt, die sich im Verlauf des Buches weiterentwickeln und an Tiefe gewinnen.

"Die Unbehausten" zeigt Welten voller Widersprüche und Ungewissheiten und den Versuch von Individuen, ihre Würde und Authentizität zu wahren angesichts widriger äußerer Umstände.

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Veröffentlicht am 24.06.2025

Familie und Familienbetrieb

Samstagabend im Lakeside Supper Club
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Ach, tut es gut, einen so unaufgeregten amerikanischen Roman zu lesen wie "Samstagabend im Lakeside Supper Club" von J Ryan Stradal in einer Zeit, in der aus den USA so viele schrille Töne kommen. Wobei ...

Ach, tut es gut, einen so unaufgeregten amerikanischen Roman zu lesen wie "Samstagabend im Lakeside Supper Club" von J Ryan Stradal in einer Zeit, in der aus den USA so viele schrille Töne kommen. Wobei der Supper Club, um den es geht, in Minnesota liegt, also American Heartland, dort, wo MAGA so viel stärker ist als in den Küstenmetropolen.

Die Geschichte des Familienrestaurants und vier Generationen seiner Betreiber zieht sich durch mehrere Jahrzehnte und spiegelt auch die sich verändernde Gesellschaft wider. Die "Mom and Pop" Lokale wie der Supper Club, die einst in so vielen Kleinstädten mit Hausmannskost Mägen füllten und sozialer Ort waren, haben die Konkurrenz der Restaurantketten und Burger-Discounter häufig nicht überlebt - auch das macht dieses Buch deutlich.

Stradal erzählt ruhig, bedächtig, und zeigt eine amerikanische Realität jenseits von Wolkenkratzern und Großstadtlichtern. Vor allem geht es um vier Frauen, deren Lebensgeschichte mit dem Supper Club verknüpft ist - mal im Guten, mal im Zorn oder Frust. Provinz wird hier nicht abfällig gemacht, sondern mit ihren Stärken und Schwächen gezeigt, wie auch ihre Menschen. Tragödien und Liebe, Akzeptanz und Familiengeheimnisse, der Mikrokosmos des Restaurants mit seinen Mitarbeitern und Gästen, die Frage, wie Tradition gewahrt wird und wann sie zur Last wirkt - all das treibt im Erzählfluss mit.

The pursuit of happiness, das kann auch ein Familien-Diner mit seiner Bar als Begegnungsort der Kleinstadt sein. "Samstagabend im Lakeside Supper Club" ist auf den ersten Blick unspektakulär und doch ein liebevolles Porträt einer aussterbenden Art.

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