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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.02.2026

ungewöhnlich, musikalisch

Durch das Raue zu den Sternen
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📖 Arkadia Fink, genannt Moll, kann eines so richtig gut: Singen. Und deshalb lässt sie sich von nichts und niemandem abhalten, ihren Traum zu verwirklichen und im Knabenchor zu singen. Sie erhofft sich ...

📖 Arkadia Fink, genannt Moll, kann eines so richtig gut: Singen. Und deshalb lässt sie sich von nichts und niemandem abhalten, ihren Traum zu verwirklichen und im Knabenchor zu singen. Sie erhofft sich dadurch aber auch, dass ihre Mutter wiederkommt, die „kurz weggegangen“ ist und auf die Arkadia sehnsüchtig wartet. Musik ist das Element, das Mutter und Tochter schon immer verbindet. Während Moll im Alltag struggelt und nirgendwo so richtig dazugehört, gibt ihr die Musik Mut, ihren Weg zu gehen.
⭐ Ich mochte die Sprache des Romans, die eine große Spannbreite an Emotionen widerspiegelt: mal witzig, mal skurril, mal gewaltsam und unbeherrscht, mal fast zu erwachsen für eine Dreizehnjährige, aber immer irgendwie nachvollziehbar und echt. ⭐Die Geschichte überrascht mit vielen Elementen, die an sich sehr skurril und eigenwillig daherkommen: Die Beziehung zum Neo-Bechstein, das gedankensingende Schwein, das geheime, gefährliche Lied, der weibliche Beethoven. Ich bin angesichts der Fülle fast verwundert, dass sich alles trotzdem zu einer stimmigen, sehr gut erzählten Geschichte zusammenfügt. Ist aber zu 100% so.
⭐ So richtig warm bin ich mit Arkadia leider nicht geworden. Auf der einen Seite bewundere ich sie für ihr Selbstbewusstsein und ihre Angstfreiheit (wenn das denn so stimmt), auf der anderen Seite finde ich sie auch echt unsympathisch im Umgang mit Menschen, die es gut mit ihr meinen.
⭐Das Ende hat mich überrascht bzw. eingeholt und ist absolut gut gelungen; genauso, wie der Parallelismus, der dahin führt (Ich finde sie nicht, …). Weltklasse!

Ein zutiefst feinsinniges, radikal ungewöhnliches Buch, das eine Kaskade von Gedanken auslöst, die mich noch lange begleiten werden.
💬 „Mir macht alles nichts aus.“

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Veröffentlicht am 23.10.2025

Super Location für einen super Roman

Gym
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Super Location für eine großartige Story!

In „Gym“ von Verena Keßler (@kessler.verena) startet die namenlose Erzählerin ihren neuen Job als Shakes mischende und Flächen polierende Tresenkraft im MEGA ...

Super Location für eine großartige Story!

In „Gym“ von Verena Keßler (@kessler.verena) startet die namenlose Erzählerin ihren neuen Job als Shakes mischende und Flächen polierende Tresenkraft im MEGA GYM. Beim Vorstellungsgespräch schwindelt sie ihren Chef (bekennender Feminist) an, indem sie behauptet, dass sie gerade entbunden habe und deshalb noch nicht wieder in Shape sei.
Anfangs eine Pflichtübung, wird das Training bald zur Obsession. Die Protagonistin geht vollkommen in ihrem Selbstoptimierungswahn auf, mutiert zum Proteinjunkie, treibt die Trainingssessions ins Unmenschliche und hilft schließlich mit Steroiden nach, um sich zu perfektionieren.
Doch immer wieder blitzt durch, dass in ihrem früheren Job irgendwas gar nicht gut lief und es entsteht der Eindruck, dass sie irgendwie versucht, ihre Vergangenheit wegzutrainieren. Und dabei überschreitet sie mehr als eine Grenze.
Was für ein ungewöhnliches Buch! Die Lüge beim Einstellungsgespräch tritt dabei zunehmend in den Hintergrund, um einer düsteren Vorahnung Platz zu machen, die die wahren Abgründe nur erahnen lässt. Diese dunkle Präsenz im Hintergrund hat mir gut gefallen.
Verena Keßler gelingt es unfassbar überzeugend, den Prozess von harmlosem Training über Effizienzsteigerung bis hin zu zwanghafter Selbstvervollkommnung zu erzählen.
Ich mag ihren klaren, unprätentiösen Stil, die Sprache passt sich der Umgebung an und wirkt dadurch echt authentisch. Was ich während der Lektüre alles wahrgenommen habe! Vom Geschmack über Gerüche bis hin zu echt Unappetitlichem und Abstoßendem war gefühlt alles dabei.
Für mich ein echt lesenswertes Buch über Anspruchsdenken, Grenzüberschreitungen und den Umgang mit Druck, der uns in die Selbstzerstörung treiben kann.
„Ich nahm keinen Raum ein - ich war der Raum.”

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Veröffentlicht am 13.10.2025

Im Original gelesen- weltbester Autor!

Was wir wissen können
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Ian McEwan hab ich mir dieses Mal gleich zweimal angeschaut: beim harbourfront_literaturfestival in
HH und München (lithaus und diogenesverlag). Und nicht nur das- ich hab’s auch zweimal gelesen. Und das ...

Ian McEwan hab ich mir dieses Mal gleich zweimal angeschaut: beim harbourfront_literaturfestival in
HH und München (lithaus und diogenesverlag). Und nicht nur das- ich hab’s auch zweimal gelesen. Und das war gut so, weil so viel drin steckt, dass es mich bei der ersten Lektüre bisschen überschwemmt hat.

2119 sucht der Literaturwissenschaftler Tom Matcalfe nach einem sagenumwobenen verschollenen Gedicht von 2014. Der Roman beschreibt sowohl die politische Lage
als auch die geographischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die bis 2119 stattgefunden haben.
Zudem erfährt man nicht nur einiges über Toms eigenes Leben und seine Beziehung, sondern auch vieles über den Verfasser des Gedichts (Francis Blundy), dessen Ehe, Freunde und deren Partner.
Teil 2 des Buches eröffnet dann noch einmal eine ganz andere, unerwartete Perspektive.

Ich liebe Ian McEwan schon immer für sein Gespür, wenn es um die Themenwahl in seinen Romanen geht.

Hier war mein erster Eindruck, dass er unfassbar viele Themen unfassbar dicht in den ersten Teil des Romans gepackt hat. Bei der Lesung sagte er selbst, dass er sich quasi „leergeschrieben“ habe. In gefühlt jedem Abschnitt gibt es etwas, worüber ich noch länger nachdenken kann. Das war mir anfangs fast zu dicht. Aber beim 2. Lesen verschwand dieses Gefühl komplett.

Die Gedanken der einzelnen Gäste beim Vortrag des Corona fand ich sensationell dargestellt, auch, die Gedichtform an sich.

Die Verwebung der Zeiten, die Frage nach der Zuverlässigkeit von Quellen und die vielen beiläufig erwähnten massiven Veränderungen auf unserem Planeten hat Ian McEwan meisterhaft miteinander verbunden.

Was bleibt, was überdauert? Eine spannende Frage!!

Für mich absolut lesenswert! Und wer noch kein Buch von McEwan kennt: Heiße Empfehlung auch für „Enduring Love“!

🗨️ „Guilt is an accommodating emotion.”

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Veröffentlicht am 31.08.2025

raffiniert und echt unterhaltsam

Wackelkontakt
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Was für eine raffinierte Geschichte!

Wolf Haas „Wackelkontakt“: ein komplettes Buch als Droste-Effekt, aufgebaut in einer gefühlten Endlosschleifen-Spiegelung. Sensationell!

Franz Escher, großer Puzzlefan ...

Was für eine raffinierte Geschichte!

Wolf Haas „Wackelkontakt“: ein komplettes Buch als Droste-Effekt, aufgebaut in einer gefühlten Endlosschleifen-Spiegelung. Sensationell!

Franz Escher, großer Puzzlefan und Namensvetter des bekannten Meisters der orphischen Täuschung, Maurits Cornelis Escher, wartet auf den Elektriker und liest dabei ein Buch über einen Mafioso, der als Kronzeuge aussagt und in einem Zeugenschutzprogramm eine neue Identität annimmt. Dieser Kronzeuge, Marko Steiner (alias Elio Russo) liest wiederum ein Buch, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Dieses Buch handelt von einem Mann, der Franz Escher heisst und zuhause auf den Elektriker wartet.

Diese beiden Geschichten verweben sich nun miteinander und gehen in der Erzählung nahtlos ineinander über.

Mehr möchte ich auch gar nicht verraten, weil die Story einfach so genial verwoben und verzwirbelt ist, dass Lesen ohne Spoiler hier den besten Überraschungseffekt hat.

Ich mochte dieses Gefühl, zwischen und in den Erzählsträngen zu schweben und mich immer wieder für einen kurzen Moment zu fragen, welche Geschichte nun die „echte“ Geschichte und welche die erzählte ist.

Und dann immer wieder diese klugen Sätze und Gedanken, die ich mir direkt notiert habe, weil sie mich so überzeugt haben (S.99: die Betrachtung von „O mein Gott“ zum Beispiel!)

„Wackelkontakt“ ist definitiv eines der Bücher, das mich bisher am meisten überrascht haben und mir mit seiner Struktur zwei großartige Lesenachmittage bereitet hat. Danke dafür!



"Wahrscheinlich war es einfach so wie bei jedem Streit. Man redet über alles, außer über das, worum es eigentlich geht."

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Veröffentlicht am 18.07.2025

stimmungsvoller Roman über Verlust und große Liebe

Das Geschenk des Meeres
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Eine Geschichte so rau, verletzlich, liebevoll und traurig, aber auch so versöhnlich und leidenschaftlich, dass ich das Buch einfach nicht weglegen konnte.
In „Das Geschenk des Meeres“ von Julia R. Kelly ...

Eine Geschichte so rau, verletzlich, liebevoll und traurig, aber auch so versöhnlich und leidenschaftlich, dass ich das Buch einfach nicht weglegen konnte.
In „Das Geschenk des Meeres“ von Julia R. Kelly lernen wir die junge Lehrerin Dorothy kennen, die in dem kleinen schottischen Küstenort Skerry den Dienst antritt.
Von den Mitbewohnerinnen argwöhnisch beäugt, verliebt sie sich in Joseph, doch heiratet bald darauf einen anderen Mann. Der einzige Sohn kommt tragisch ums Leben. Als Jahre später ein kleiner Junge an den Strand gespült wird, nimmt Dorothy ihn bei sich auf und wird in dieser Zeit mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.
Der Ton dieses Buchs ist einfach wunderbar. Die Geschichte fließt, liest sich unglaublich geschmeidig und lässt einfach nicht mehr los. Eine wunderbare Erzählung!
Der Wechsel zwischen „Damals“ und „Heute“ hält die Spannung aufrecht, die Geschichte im Fluss und hilft, Situationen in der Gegenwart besser einschätzen zu können (was das Ganze nicht weniger tragisch macht!).
Dorothy tut sich schwer, Gefühle zu zeigen und genau das spiegelt sich auch in der leicht melancholische Grundstimmung wider, die sich immer dann aufhellt, wenn Joseph oder das Kind eine Rolle spielen.
Ich mochte die authentische Beschreibung des Lebens am Meer, der Naturgewalten und des Alltags in diesem kleinen schottischen Ort.
Zwischenmenschliche Beziehungen werden glaubhaft dargestellt. Schuldgefühle, Scham und Ängste, Eifersucht, Verlust und vor allem Liebe machen diesen Roman zu einer runden Geschichte, die ich sofort noch einmal lesen würde.

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