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Veröffentlicht am 27.10.2023

Was für ein Stadtsetting!

Meister der Dschinn (Gewinner des Nebula Award 2021 für Bester Roman & des Hugo Award 2022 für Bester Roman)
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Meister der Dschinn hat mich positiv überrascht! Ich bin nämlich eigentlich kein großer Fan von Krimi-Plots und hier handelt es sich um eine Murder-Mystery, aber: Dieses World Building war einfach fantastisch.

Wir ...

Meister der Dschinn hat mich positiv überrascht! Ich bin nämlich eigentlich kein großer Fan von Krimi-Plots und hier handelt es sich um eine Murder-Mystery, aber: Dieses World Building war einfach fantastisch.

Wir befinden uns in einer alternativen Geschichte im Steam-Punk-Kairo, 1912. Nachdem der legendäre Magier al-Jahiz vierzig Jahre zuvor den Schleier zwischen dieser und der Welt der Magie durchbrach, wurde Kairo zu einer pulsierenden Weltmetropole - und ein Hub für alle Arten von Dschinns, magischen Wesen und alten Gottheiten… Doch eines Tages wurden Mitglieder einer geheimen Bruderschaft ermordet aufgefunden und der mächtige Magier scheint wieder auferstanden zu sein.

P. Djèlí Clark ist (wahrscheinlich) kein Meister der Dschinn, aber ein Meister im detailliertem und vielfältigem World Building. Wie unglaublich viele Ebenen er gekonnt miteinander verwoben hat, wo andere Einzelbände kläglich dran scheitern - großartig. Alles funktioniert und greift ineinander wie gut geölte Zahnräder. Wesen aus islamischer, arabischer, altägyptischer, jüdischer und christlicher Mythologie und Märchen kommen vor, es wurden Religionen und Religiosität mit eingebracht, ein Jazzclub, der von Jim-Crow-Geflüchteten aus den USA betrieben wird, dient als Treffpunkt - und dabei hatte ich nie das Gefühl, dass diese Punkte nur Oberfläche waren, sondern wirklich eine Bedeutung hatten. Sie hatten Gewicht. Außerdem wurden diverse -ismen bearbeitet und Kolonialismus des Britischen Commonwealth, insbesondere spielt die “Egyptomania” der Briten, also das massenhafte Sammeln und Rauben ägyptischer Kunst und kulturellen Gegenständen, eine tragende Rolle.

Es klingt jetzt vielleicht etwas seltsam im Kontext eines Fantasybuches, aber für mich war das einer der realistischen magischen Stadtsettings, die ich bisher gelesen habe.

Die Figuren fand ich auch super. Okay, die Antagonist*innen hätten mehr ausgearbeitet werden können, aber die Protagonistinnen? Ich mochte sie - insbesondere wie unterschiedlich sie waren. Gepaart mit der visuellen, fast superhelden-artigen Action war es ein fast perfektes Buch. Außerdem gibt es einen ziemlich coolen sapphischen Subplot, yeah 🙂

Fast perfekt deswegen, weil ich mit dem Plot nicht warm geworden bin. Ich fand ihn zwar interessant, aber stellenweise zu vorhersehbar, wobei ich schon mit der Erwartung reingegangen bin, dass der Krimianteil mich eventuell nicht vollends begeistert.

Ich freue mich auf die Novellen, die nächstes Jahr bei Cross Cult erscheinen, und gebe damit eine herzliche Leseempfehlung für Meister der Dschinn aus! 4,5 Sterne.

Eine Anmerkung: Es kommt das N-Wort und weitere r@ssistische Beleidungen vor, die auf jeden Fall auch kritisch eingeordnet werden, aber ich weiß ehrlich gesagt zu wenig über Übersetzungstätigkeit und so um das richtig bewerten zu können - aber ich wollte das nicht unerwähnt lassen.

Danke an den Verlag und Lovelybooks für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 13.08.2023

Super spaßiges und heftiges Debüt

Iron Widow - Rache im Herzen
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Xiran Jay Zhao hat mit Iron Widow - Rache im Herzen (übersetzt von Michaela Link) echt ein unfassbar spaßiges Science-Fiction-Debüt (!!!) hervorgebracht. Die Handlung: Die Menschheit wird von riesigen ...

Xiran Jay Zhao hat mit Iron Widow - Rache im Herzen (übersetzt von Michaela Link) echt ein unfassbar spaßiges Science-Fiction-Debüt (!!!) hervorgebracht. Die Handlung: Die Menschheit wird von riesigen außerirdischen Viechern angegriffen und muss sich verteidigen. Das geschieht mit Hilfe von riesigen Robotern, die von zwei Pilot*innen gesteuert werden und dann gibt es ganz viel Gekloppe und einige politische Intrigen.

Allein die Idee, eine Art Handmaiden’s Tale - also eine Welt zu haben, in der Frauen und ihre Körper systematisch ausgebeutet werden - mit Pacific Rim zu verknüpfen ist großartig. Pacific Rim ist übrigens ein heftig guter Film von Mastermind Guillermo des Toro, den ich damals im Kino gesehen habe und absolut geflasht war von der Darstellung der Kaijūs (gigantische, außerirdische Monster, die die Erde angreifen) und Riesen-Mechas. Und genau dieses Gefühl hatte ich auch bei Iron Widow.

Die Inspiration von Pacific Rim, dass immer zwei Menschen eine mentale Verbindung eingehen, um eine dieser Riesenmaschinen steuern, ist überdeutlich. Allerdings wurde alles auf organische Art und Weise - also fest verankert im World Building - mit chinesischer Mythologie, Spiritualität, Philosophie, Medizin und Geschichte verbunden, was es einzigartig gemacht hat. So spielen z.B. die zwei Formen Qi, also grob “Lebensenergie” eine große Rolle, oder auch die Fünf-Elemente-Lehre aus der chinesischen Philosophie, und auch Akupunktur.

Die Figuren haben mir richtig richtig gut gefallen. Anfangs hatte ich die Befürchtung, dass diese aufgrund des schnellen Pacings etwas zu eindimensional bleiben, aber das war unbegründet. Auch Romance, die Darstellung einer polyamoren Beziehung und das Hinterfragen des in dieser Welt vorherrschenden binären Geschlechtersystems spielt eine große Rolle, was ich als gelungen empfand.

Kleine Kritik: Ich hätte mir manchmal mehr Ruhe gewünscht, um die emotionale Handlung wirklich aufsaugen zu können. Es ging recht flott von Szene zu Szene. Aber ich denke, Band 2 wird da einiges für uns bereithalten!

Xirans Liebe zur internetaffinen Popkultur und zu einer Unmenge an Animes merkt man beim Lesen durch und durch. Nicht nur am fast schon flapsigen, aber für mich zu 100% zum Buch passenden Schreibstil, sondern auch an den eindrücklichen Illustrationen auf Xirans Website zu den Robotern und den Memes, die es zu diesem Buch gibt. Schaut unbedingt mal auf der Website vorbei!

Fazit: Die digitierende Riesen-Mechas sind einfach mega und das Buch ist COOL.

Meine Empfehlung: Schaut euch a) Pacific Rim an und b) lest dieses Buch!

Ich vergebe 4,5 ⭐

Vielen Dank an den Verlag und das Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 30.07.2023

Atmosphärisches, immersives Debüt

Die Unbändigen
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🐝 Die Unbändigen von Emilia Hart, übersetzt von Julia Walther, ist für mich ein Buch, das sich schwer in Genreschubladen stecken lässt, mich dadurch und seine thematische Tiefe schwer begeistern konnte.

Zunächst ...

🐝 Die Unbändigen von Emilia Hart, übersetzt von Julia Walther, ist für mich ein Buch, das sich schwer in Genreschubladen stecken lässt, mich dadurch und seine thematische Tiefe schwer begeistern konnte.

Zunächst ist es eine historische “Saga” - in drei Zeitebenen, die fünf Jahrhunderte umspannen, begleiten wir drei Frauen durch extrem schwierige Zeiten in ihrem Leben:

1619: Altha, eine junge Naturheilkundige, die des Mordes beschuldigt wird und sich nun in einem Hexenprozess wiederfindet.

1942: Violet, ein Mädchen aus “gutem Hause”, verliert sich lieber in Büchern und der Natur, als sich wie eine junge Dame zu benehmen.

2019: Kate, die gerade die Kraft und den Mut gefunden hat, aus ihrer gewalttätigen Beziehung zu fliehen.

Alle drei Frauen verbindet ihre besondere Verbindung zur Natur und zu dem alten Familiencottage im Norden Englands - wo der leichte Gothic Horror und magische Realismus ins Spiel kommt, zu dem ich aber nicht mehr verraten möchte.

Erst einmal: Kaum zu glauben, dass das hier ein Debüt ist. Wunderbar hat Emilia Hart die Atmosphäre durch einen ganz dichten Schreibstil erschaffen - für meine Dark-Cottagecore-Liebe war es ein Fest die detailreichen und oft schaurigen Naturbeschreibungen zu lesen. Trotz einer eigentlich eher langsamen Erzählweise, welche die Gothic-Vibes gut hergestellt hat, bin ich nur so durch die (recht kurzen) Kapitel geflogen.

Anfänglich hatte ich Bedenken, dass mir die drei Perspektiven zu oberflächlich bleiben und man die Figuren nicht tief genug kennenlernt, was aber gar nicht der Fall war, weil sie sich insgesamt thematisch super ergänzt haben. Die drei Zeitebenen haben sich immer weiter ineinander verflochten, sodass am Ende ein großes Bild entstand.

Das Buch ist stark von Themen geleitet, welche ich folgendermaßen zusammenfassen würde: Die strukturell im Patriarchat verankerte Annahme, Macht über die Körper von Frauen ausüben zu können. Und wie diese Frauen damit umgehen - wie sie überleben. Trotz der teils sehr explizit geschilderten Erfahrungen geht man gestärkt aus der Geschichte heraus.

Ich glaube, was das Buch aufs nächste Level gehoben hätte wäre, wenn noch andere gesellschaftliche Thematiken als zusätzliche “Schicht” mit eingeflossen wären. Beispielsweise gab es in Violets Geschichte kurz angedeutet, was für eine Auswirkung der 2. Weltkrieg auf die Familie hat und was für r*ssistische Ansichten sie zum Thema Kolonien Englands hat, aber auch in den anderen PoVs hätte ich mir einfach mehr Verschränkungen mit anderen Themen gewünscht, um den Figuren noch mehr Tiefe zu geben. Schön fand ich, wie der queere Charakter dargestellt wurde - aber auch da hätte etwas mehr sein da sein können.

Ich habe nichtsdestotrotz 4,5 Sterne (abgerundet) vergeben und hoffe doch sehr auf viele weitere, großartige Bücher dieser Autorin, die mich mit ihrem Debüt so begeistern konnte!

Ich empfehle “Die Unbändigen” allen, die sich erst einmal natürlich mit dem oben beschriebenen Thema auseinandersetzen können und dann allen, die witchy Vibes lieben, die gerne historische Perspektiven lesen, und leichtem Gothic Horror mit vielen Naturbeschreibungen nicht abgeneigt sind.

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar über Lovelybooks.

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Veröffentlicht am 01.11.2025

Körperlichkeit in Zeiten struktureller Ungleichheit

Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt
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Ausgehend von verschiedenen Körperteilen erzählt die Ich-Erzählerin über ihr Aufwachsen in der aserbaidschanischen Minderheit in Russland. Ein Leben zwischen einer Gesellschaft mit kolonialer Vergangenheit ...

Ausgehend von verschiedenen Körperteilen erzählt die Ich-Erzählerin über ihr Aufwachsen in der aserbaidschanischen Minderheit in Russland. Ein Leben zwischen einer Gesellschaft mit kolonialer Vergangenheit und Gegenwart, die rassistisch und diskriminierend ist, und einer traditionell eingestellten muslimischen Familie, die sich in ihre Community zurückzieht. Die Autorin ist queer, feministisch aktiv und lebt inzwischen in Deutschland, weil sie denunziert wurde und Todesdrohungen erhielt.

Anfangs war ich ein wenig enttäuscht. Dschabbarowa wird u.a. mit Oxana Wassjakina verglichen, deren Stil ich aber als eigener, vielleicht auch sperriger, empfinde. Dschabbarowa schreibt direkter und folgt durch die Aufteilung der Kapitel in die „Körperteile“ einer klaren Struktur, die es mir aber manchmal schwer gemacht hat, mich der Erzählerin emotional zu nähern. Ich hätte gerne noch viel mehr über sie erfahren.

Andererseits verfolgt das Buch auch ein klares Ziel: Die Ich-Erzählerin erschließt anhand der verschiedenen Körperteile, welchen Einfluss struktureller Rassismus, Ableismus und dem patriarchalen System sowohl in Russland, als auch in der aserbaidschanischen Diaspora, auf sie selbst hat – wie sie, ihr Körper, immer wieder fremdbestimmt wird und welche Spuren sich von anderen Frauen, ihrer Familie, der Gesellschaft, in/an ihm finden lassen. Es ist teilweise brutal zu lesen, gleichzeitig beinhaltet der Text aber auch kraftvolles Potenzial. Die Behinderung führte dazu, dass die Erzählerin Rollenerwartungen nicht mehr entspricht, was dazu führt, dass sie sich selbst extrem reflektiert wahrnimmt und sich so emanzipatorisch mit ihrem Körper und Körperlichkeit beschäftigt.

Über Ungleichheit und strukturellen Rassismus in Russland wird weder innerhalb des Landes, noch von außerhalb viel geredet. Umso dankbarer bin ich, dass es ein solches gesellschaftskritisches Buch, dass genau das thematisiert, ins Deutsche übersetzt wurde. Ein großes Lob geht dabei an die Übersetzerin Maria Rajer, die dieses Buch auf eigene Initiative hin mit Hilfe eines Stipendiums übersetzt hat. Rajers Backlist ist neben den Übersetzungen von Wassjakina übrigens auch beeindruckend; ich werde sie in Zukunft definitiv auf dem Schirm haben.

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Veröffentlicht am 26.10.2025

Biblische Endzeitschlacht

Hell Followed with us – Das Monster in uns: Eine düstere postapokalyptische Fantasy – Auf Goodreads gefeiert! Erstauflage mit gestaltetem Farbschnitt
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Letzte Woche habe ich zwei Bücher beendet, die eine Beziehung zwischen einer trans und einer autistischen Figur beinhalten. Eins davon war eine zuckersüße Weihnachts-RomCom mit winterlichem Kleinstadtsetting ...

Letzte Woche habe ich zwei Bücher beendet, die eine Beziehung zwischen einer trans und einer autistischen Figur beinhalten. Eins davon war eine zuckersüße Weihnachts-RomCom mit winterlichem Kleinstadtsetting im ländlichen Wales. Das andere Buch war YA Horror mit dystopischem, postapokalyptischem Großstadt-Setting in den USA, in dem eine evangelikale, fundamentalistische Sekte Biowaffen entwickelt hat und fast die ganze Weltbevölkerung ausgelöscht hat: Armageddon, die biblische Endzeitschlacht zwischen Gut und Böse. „Hell followed with us“ von Andres Joseph White ist Letzteres.

Benji ist ein trans Junge, der sich mit dieser Biowaffe infiziert hat, flieht aus dieser Sekte und findet Unterschlupf in einem ehemaligen LGTBQIA+-Center. Die Jugendlichen organisieren sich zusammen, um zu überleben, doch Benji wird immer mehr selbst zu einem Monster ...

Dieses Buch hat mich im besten Sinne an so frühe Jugend-Dystopien erinnert. Ein hohes Tempo, sehr plot- und actionreich, man hat das Gefühl, selbst mitten im Geschehen zu sein. Der Weltenbau ist jetzt vielleicht nicht super ausführlich, und die Nebenfiguren werden nur vage charakterisiert, aber trotzdem war es eine intensive Leseerfahrung. Es ist so voller Wut und Emotionen, man kann als Leser*in nicht anders, als einfach „drin“ zu sein und mit Benji mitzuleiden; an Body Horror wird außerdem nicht gespart.

Die thematischen Schwerpunkte, insbesondere die Ideologie von christlichen Fundamentalismus, findet man z.B. auch bei Margaret Atwoods Report der Magd oder der Parabel vom Sämann von Octavia E. Butler. Falls ihr diese Bücher mochtet, probiert es doch mal mit einem YA-Body-Horror-Buch, das eine wichtige Ergänzung zu diesem Themenkomplex aus queerer, trans und neurodivergenter Perspektive bietet.

Vielen Dank an Cross Cult für das Rezensionsexemplar! 4,25 Sterne.

Das andere Buch war übrigens "Ein Weihnachtswunder für uns" - kann ich auch sehr empfehlen 😀

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