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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.11.2025

Racheengel

Hustle
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Leonie ist ziemlich sauer, als sie erfährt, dass ihr Chef ihre Arbeit einfach als die seine verkauft. Kurzentschlossen kündigt sie und hinterlässt ihm ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk. Ihre neue Arbeitsstelle ...

Leonie ist ziemlich sauer, als sie erfährt, dass ihr Chef ihre Arbeit einfach als die seine verkauft. Kurzentschlossen kündigt sie und hinterlässt ihm ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk. Ihre neue Arbeitsstelle führt sie nach München. Es ist nicht ihr Traumjob und das Geld reicht eigentlich auch kaum zum Überleben in der luxusverwöhnten Stadt. Der geliebten Pflanzengenetik musste sie auch Lebewohl sagen, dafür hat ihr ehemaliger Chef nach ihrem finalen Auftritt gesorgt. Nun archiviert sie in einem Kellerraum des Staatsmuseums für Zoologie Schmetterlinge, Käfer und dergleichen. Ihre Wohnung gleicht eher einem Loch. Aber mehr kann sie sich nicht leisten. Bis sie eines Tages die Bekanntschaft einer Frau macht, die ihr einen Weg eröffnet, der ihr viel Geld einbringt. Nun trifft sie sich regelmäßig mit ihren drei neu gewonnen Freundinnen, die ebenso ihren kleinen Nebenerwerbsmöglichkeiten haben, die ihnen ein angenehmes Leben ermöglichen.
Julia Bähr erzählt witzig, frech und erfrischend in ihrem Roman ‘Hustle‘ wie man mit zum Teil recht unkonventionellen Ideen zu einem gewissen Reichtum kommen kann. Besonders amüsant ist die Beschäftigung der Protagonistin mit einem Schleimpilz, der stets mit besonderem Interesse gehegt und gepflegt wird, unter ständiger Beobachtung steht. Die Autorin vertieft sich in Themen der Moralvorstellungen, des Konsumverhaltens und freundschaftlicher Beziehungen, die sie mit einer gewissen Portion Ironie betrachtet, dabei die Lachmuskeln nicht selten strapaziert.

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Veröffentlicht am 01.11.2025

Die große Liebe zu Büchern

Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry
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Der Roman ‘Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry‘ von Gabrielle Zevin wird nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt, sondern mit Zeitsprüngen. In den von der Autorin gewählten Erzählstil muss man sich ...

Der Roman ‘Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry‘ von Gabrielle Zevin wird nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt, sondern mit Zeitsprüngen. In den von der Autorin gewählten Erzählstil muss man sich einfinden. Doch sehr schnell erkennt man den Charme des Buches und taucht ein in eine herzerwärmende, humorvolle und etwas melancholische Geschichte. Die Charaktere sind ein wenig skizzenhaft gezeichnet. Leicht folgt man ihren Gedanken und Gefühlen, die mich doch sehr nachdenklich stimmen konnten.
A.J. Fikry ist ein grummeliger Griesgram, der seine Frau verloren hat und die Menschen um sich herum sehr distanziert, ja unfreundlich behandelt. Er besitzt einen kleine Buchlanden auf der pittoresken Insel Alice, der nicht besonders gut läuft. Doch seine Liebe zu den Büchern ist alles was ihm geblieben ist. Da ist es nur allzu verständlich, dass ihm der Verlust eines wertvollen Buches aus der Fassung bringt. Eines Tages jedoch tritt die kleine Maya in sein Leben und von nun an ändert sich nicht nur sein Alltag.
Der Roman erzählt vom Verlust und Neubeginn, stellt die großartige Wirkung von Geschichten in den Mittelpunkt. Die Wandlung von A.J. Fikry hat etwas berührendes. Warum er an Maya immer wieder Buchempfehlungen richtet, wird im Laufe der Erzählung geklärt.

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Veröffentlicht am 31.10.2025

Generationsübergreifende Konflikte

Großmutters Geheimnis
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Benjamin Koppel präsentiert mit seinem Roman ‘Großmutters Geheimnis‘ eine Geschichte, die sich vielschichtig, konfliktreich und verstörend zugleich zeigt. Es ist die weiterführende Schilderung von Schicksalen ...

Benjamin Koppel präsentiert mit seinem Roman ‘Großmutters Geheimnis‘ eine Geschichte, die sich vielschichtig, konfliktreich und verstörend zugleich zeigt. Es ist die weiterführende Schilderung von Schicksalen einer jüdischen Familie, die in ‘Annas Lied‘ ihren Anfang fand. In der Musik, das alles Verbindende, finden die Protagonisten ihre Heimat. Sie fühlen jeden Ton, erleben diesen auf ihre ganz eigene Art im Innersten bewegend, intensiver als jedes Wort es auszudrücken vermag. Musik ist das verbindende Element zwischen Ruth, Lillian und Alexander, eine Sprache, die sie hervorragend verstehen und sprechen.
In den beiden Handlungssträngen des Romans kommt zum einen die sehr betagte, über neunzig jährige Ruth zu Wort, die ihre Lebensgeschichte auf Kassetten aufnimmt, in der Hoffnung, dass ihr Enkel sich diese eines Tages anhören wird. Es sind äußerst bewegende Worte, die ihr nicht leichtfallen, sie auszusprechen, die eine grausame menschenverachtende Zeit unter der Naziherrschaft im Ghetto Theresienstadt beschreiben. Sie schildert darüber hinaus, wie konfliktreich sich ihr weiteres Leben als Konsequenz dessen, was sie als sehr junge jüdische Frau erleiden musste, gestaltet hat. Äußerst berührend und mitfühlend zeichnet der Autor diesen Charakter.
Der andere Handlungsstrang führt nach Kopenhagen der Jahre 2015 und 2016. Alexander, ein talentierter, junger Musiker ist unzufrieden mit sich und dem was um ihn herum passiert. Die Ursachen dafür bleiben lange Zeit im Verborgenen. Nur seine äußerst egozentrische Mutter Lillian könnte ein Grund dafür sein oder ist es eher der übergroße Wunsch seiner langjährigen Freundin, die alles unternimmt, um endlich schwanger zu werden?
Im Roman werden schwerwiegende Themen wie Identitätskrisen, generationsübergreifende Konflikte mit ausgeprägten Angststörungen, Ablehnung und Suchtprobleme angesprochen, die nach Lösungen schreien. Wie diese umgesetzt wurden, ist sicherlich sehr individuell zu betrachten. Für mich kamen die Auflösungen der Konflikte überraschend schnell, ohne den von mir erwarteten Schlussakkord, der dieser spannenden, sich stets steigernden Geschichte letztendlich die ihr gewünschte Tiefe verleiht.

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Veröffentlicht am 26.10.2025

Rätseln als Kunst erhoben

Die Bibliothek meines Großvaters
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Masateru Konishi debütiert mit seinem Roman ‘Die Bibliothek meines Großvaters‘, der in Japan eine begeisterte Leserschaft besitzt, bereits ausgezeichnet wurde und als erster Teil einer geplanten Trilogie ...

Masateru Konishi debütiert mit seinem Roman ‘Die Bibliothek meines Großvaters‘, der in Japan eine begeisterte Leserschaft besitzt, bereits ausgezeichnet wurde und als erster Teil einer geplanten Trilogie den Markt eroberte.
Die vielen kleinen Geschichten mit mystischem und kriminalistischem Hintergrund reihen sich ein in eine Familiengeschichte. Dabei steht die Beziehung zwischen der siebenundzwanzig jährigen Kaede Iwata und ihrem an Demenz erkranktem Großvater, die sich beide beim Lösen von rätselhaften Kriminalgeschichten verlieren können, im Mittelpunkt der Handlung, bildet einen Rahmen. Insbesondere der Großvater verfügt in seinen bewussten Zeiten, ein großes, phänomenales Gespür, der Wahrheit hinter den verworrenen Fällen auf die Spur zu kommen. Selbst als Kaede in eine gefährliche Situation gerät, steht ihr Großvater hilfreich an ihrer Seite.
Der Schreibstil ist eher ruhig, fast schon zurückhaltend. Die Charaktere zeichnen sich durch positive Strukturen aus. Der Roman zeigt in seiner Vielschichtigkeit ein berührendes Verhältnis zwischen zwei Menschen mit einem deutlichen Generationsunterschied, eine sich entwickelnde Liebe und jede Menge spannende Unterhaltung.

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Veröffentlicht am 20.10.2025

Gesellschaftskritik

Die Toten von nebenan
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Olivia Monti lässt uns Lesende in ihrem Roman ‘Die Toten von nebenan‘ in eine Parallelwelt zu der unseren real existierenden eintauchen. Das Reich der Toten unterscheidet sich gar nicht so grundlegend ...

Olivia Monti lässt uns Lesende in ihrem Roman ‘Die Toten von nebenan‘ in eine Parallelwelt zu der unseren real existierenden eintauchen. Das Reich der Toten unterscheidet sich gar nicht so grundlegend von der Welt der Lebenden. Natürlich braucht man keine Nahrung mehr, um zu existieren. Man nutzt die alten Wohnstätten, hat sich eingerichtet, lebt als Schatten, Windhauch der menschlichen Gesellschaft. Es könnte alles so schön und unbeschwert sein, wenn da nicht dieser höchst manipulative Herr Tober wäre, dem dieses Zusammenspiel zwischen Totenreich und Lebendreich stört, der Streit und Zwietracht versucht zu säen, um seine egoistischen Interessen durchzusetzen.
In genau jene Situation gelangt Frau Löffler nach einem Fahrradunfall. Zunächst verstört reagiert sie, als sie auf Verstorbene Verwandte und Nachbarn trifft. Arrangiert sich allerdings mit den scheinbar unabänderlichen Gegebenheiten und greift ein ins Geschehen.
Eine Assoziation zu den aktuell vorherrschenden gesellschaftlichen und damit auch zu politischen Auseinandersetzungen scheint gewollt. Die gruselige, sehr eigenwillige Grundstimmung will Tendenzen in unserem Alltag widerspiegeln, gibt Anlass nachdenklich gestimmt zu werden.

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