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Veröffentlicht am 18.02.2026

Frauenkörper als Verhandlungsmasse

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
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Dieses Buch hat bei mir vor allem eines ausgelöst: Unbehagen. Kein lautes, sondern ein leises, konstantes Gefühl von Reibung, das mich durch die Lektüre begleitet hat.
Wir verbringen ein Wochenende mit ...

Dieses Buch hat bei mir vor allem eines ausgelöst: Unbehagen. Kein lautes, sondern ein leises, konstantes Gefühl von Reibung, das mich durch die Lektüre begleitet hat.
Wir verbringen ein Wochenende mit zwei Paaren in einem Haus am Meer. Linn will schwanger werden, mithilfe künstlicher Befruchtung. Während des Lesens hat mich besonders beschäftigt, wie sehr ihr Körper dabei zum verhandelbaren Raum wird. Was sie isst, welche Medikamente sie nimmt, welche Risiken sie eingeht. All das wird kommentiert und kontrolliert, vor allem durch ihren Partner Matze. Für mich fühlte sich das weniger wie Fürsorge an als nach einem schleichenden Machtverlust über den eigenen Körper.

Gleichzeitig habe ich viel Frust beim Lesen von Evas Perspektive gespürt. Sie ist Mutter von zwei Kindern, liebt sie, und wirkt trotzdem oft einsam und erschöpft. Mich hat getroffen, wie normal ihre Abwesenheit ist, egal ob emotional, im Gespräch, oder im sozialen Gefüge. Dieses stille Verschwinden von Müttern kam mir erschreckend vertraut vor und fand ich unfassbar gut dargestellt.

Gleichzeitig habe ich das Gefühl, zu keiner der Figuren eine echte Bindung aufgebaut zu haben. Vor allem Linn blieb für mich sperrig und teilweise unsympathisch, was ich im Nachhinein gar nicht als Schwäche empfinde. Im Gegenteil: es hat mich eher zum Nachdenken angeregt, warum ich automatisch erwarte, dass weibliche Romanfiguren sympatisch sein müssen.

Das Ende empfand ich als eine Art Selbstermächtigung beider Frauen, aber auch das blieb für mich seltsam offen und leicht schief. Nicht befreiend, eher tastend. Vielleicht realistisch, aber nicht unbedingt befriedigend.

Meine Beziehung zu diesem Buch ist ambivalent mit der Tendenz ins Positive. Es hat definitiv etwas in mir angestoßen. „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ hat mich weniger berührt als irritiert, und vielleicht war genau das seine Absicht!

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Veröffentlicht am 07.01.2026

Wie gut ist dein moralischer Kompass geeicht?

Ruf der Leere
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„Ruf der Leere“ hat meinen moralischen Kompass spürbar ins Wanken gebracht.

Im Kern geht es um zwischenmenschliche Beziehungen in all ihren Schattierungen: Loyalität, Begehren, Eifersucht, Schuld. Alvarenga ...

„Ruf der Leere“ hat meinen moralischen Kompass spürbar ins Wanken gebracht.

Im Kern geht es um zwischenmenschliche Beziehungen in all ihren Schattierungen: Loyalität, Begehren, Eifersucht, Schuld. Alvarenga nimmt diese Dynamiken und treibt sie konsequent auf die Spitze.

Die Ausgangssituation klingt zunächst fast harmlos:
Der beste Freund kehrt aus dem Auslandssemester zurück, gefeiert wird mit einer Party in einer abgelegenen Waldhütte. Doch schnell kippt die Stimmung. Die große Liebe erscheint mit neuem Partner, der Freund bringt einen völlig Fremden aus Australien mit und dann betritt ein alter Mann die Bühne, der sich als der Tod vorstellt.

Was folgt, ist keine symbolische Spielerei, sondern absolut brutal:
Nur eine Person darf überleben. Alle anderen müssen sterben.
Wen wählen sie? Und nach welchen Maßstäben?

Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven der Partygäste erzählt und bewegt sich zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Gerade diese Struktur macht den Roman so wirkungsvoll. Die Figuren verstricken sich immer tiefer, alte Entscheidungen werfen lange Schatten, und jede neue Enthüllung verschiebt die moralische Gewichtung erneut.
Nichts ist eindeutig. Niemand ist komplett unschuldig.

Und genau das macht dieses Buch so spannend.

Das Ende hat mich dann endgültig überzeugt. Absolut überraschend und stark!

Fazit:
 Ein Roman, der herausfordert. Wer klare Antworten sucht, ist hier falsch. Wer bereit ist, die eigenen moralischen Maßstäbe infrage zu stellen, sollte dieses Buch lesen.

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Veröffentlicht am 03.11.2025

Zwischen Fußball und Verdrängung

Erde
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Mit "Erde" legt John Boyne den zweiten Band seiner geplanten Tetralogie vor. Thematisch ist dieser unabhängig vom ersten Teil und für sich allein lesbar.

Im Zentrum der Geschichte steht Evan, ein erfolgreicher ...

Mit "Erde" legt John Boyne den zweiten Band seiner geplanten Tetralogie vor. Thematisch ist dieser unabhängig vom ersten Teil und für sich allein lesbar.

Im Zentrum der Geschichte steht Evan, ein erfolgreicher Fußballprofi, der eigentlich Künstler werden wollte. Aufgewachsen auf einer kleinen irischen Insel, geprägt von einem homophoben, toxisch-männlichen Vater und einer passiven, zugleich liebevollen Mutter, entwickelt Evan früh das Gefühl, in seinem eigenen Leben gefangen zu sein.

Boyne erzählt die Geschichte in zwei Ebenen: den Rückblicken auf Evans Kindheit und Jugend sowie den Szenen in der Gegenwart, in denen er vor Gericht steht, weil er die Vergewaltigung einer Frau durch seinen Freund und Teamkollegen gefilmt haben soll.

Thematisch greift der Roman vieles auf: toxische Männlichkeit, das Schweigen in Familien, die Fassade von Moral im Profisport und die Abhängigkeit vom Geld. Gerade die scheinheilige Haltung des Vereins, der sich offiziell distanziert, insgeheim aber auf einen Freispruch hofft, liest sich wie ein bitterer Kommentar auf Macht und Doppelmoral.

Boynes Sprache bleibt kühl und knapp, was hervorragend zum Protagonisten passt, der nie gelernt hat, Gefühle zu zeigen. Diese Nüchternheit macht das Buch gleichzeitig bedrückend und eindrücklich. Evan selbst ist für mich eine eher ambivalente Figur: Man versteht ihn, ohne ihn aber wirklich zu mögen.

Kritisch anzumerken ist, dass "Erde" noch mehr Tiefe vertragen hätte: Manche Nebenfiguren blieben blass, und das Ende kommt fast zu schnell. Dennoch überzeugt der Roman durch seine Präzision und thematische Schärfe.

Mein Fazit: Ein intensiver, bedrückender Roman über toxische Strukturen im Sport und die Folgen einer Kindheit ohne Zuneigung. Empfehlenswert für alle, die gesellschaftskritische, knappe, auf den Punkt erzählte Romane schätzen.

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Ein Buch, das mich zerrissen zurückgelassen hat…

Haus zur Sonne
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Selten hat mich ein Buch so ratlos gemacht wie „Haus zur Sonne“. Nicht, weil es mich emotional überfordert hätte sondern, weil ich bis zuletzt nicht wusste, was ich eigentlich davon halte.

Der Roman erzählt ...

Selten hat mich ein Buch so ratlos gemacht wie „Haus zur Sonne“. Nicht, weil es mich emotional überfordert hätte sondern, weil ich bis zuletzt nicht wusste, was ich eigentlich davon halte.

Der Roman erzählt von einem Mann, der seit Jahren an einer bipolaren Störung leidet. Zwischen manischen Höhenflügen und tiefsten Depressionen verliert er alles: Freunde, Job, Geld, sich selbst.
Er ist müde vom Leben und landet schließlich im „Haus zur Sonne“, einer staatlich geförderten Einrichtung, in der Menschen ihre letzten Wünsche in realitätsnahen Simulationen erleben dürfen, bevor sie aus dem Leben scheiden.
Die Idee hat mich sofort gepackt. Sie erinnerte mich an „Die Mitternachtsbibliothek“ nur in realer, härter und konsequenter.

Auch der Aufbau des Buches mit seinen kurzen Kapiteln und dem Wechsel zwischen Klinikalltag und Simulationen funktioniert gut. Das Buch liest sich flüssig, trotz seines schweren Themas.

Aber irgendwann verlor es mich…

Die Simulationen, anfangs faszinierend, begannen sich zu wiederholen. Jede versprach Erkenntnis doch am Ende stand immer dieselbe Leere.
Vielleicht ist genau das der Punkt: dass sich Leid und Hoffnung eben nicht auflösen. Trotzdem blieb bei mir das Gefühl, dass hier erzählerisch mehr möglich gewesen wäre.

Und dann das Ende. Ohne zu spoilern: Es kam zu plötzlich, zu offen, zu wenig „auserzählt“. Es soll wohl zum Nachdenken anregen, aber der entscheidende Impuls kam bei mir erst im Gespräch mit anderen Leser*innen – nicht durchs Buch selbst.

Trotzdem: „Haus zur Sonne“ ist ein gutes und wichtiges Buch. Es zeigt psychische Erkrankungen ungeschönt, nahbar und erschütternd realistisch. Es spricht über Lebensmüdigkeit, Selbstbestimmung und die Frage, was ein „würdevolles Ende“ überhaupt sein kann.
Nur erzählerisch bleibt es für mich ambivalent – irgendwo zwischen „Inception“ und „Mitternachtsbibliothek“, zwischen Faszination und Überdruss.
Ich bin fasziniert, aber nicht begeistert.

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Veröffentlicht am 15.09.2025

Mythen, Meer & starke Frauen

Unbeugsam wie die See
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Nachdem mir „Die Unbändigen“ schon so gut gefallen hat, war klar: Auch Emilias Harts neues Buch musste ich lesen. Das wunderschöne Cover hat mein Interesse zusätzlich verstärkt. Erwartet habe ich eine ...

Nachdem mir „Die Unbändigen“ schon so gut gefallen hat, war klar: Auch Emilias Harts neues Buch musste ich lesen. Das wunderschöne Cover hat mein Interesse zusätzlich verstärkt. Erwartet habe ich eine atmosphärische Geschichte, die verschiedene Zeitebenen miteinander verwebt und starke Frauen in den Mittelpunkt stellt und genau das habe ich auch bekommen.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen: 1800 begleiten wir zwei Schwestern auf einem Schiff Richtung Sträflingskolonie in Australien. 2019 flieht eine junge Frau nach einem Vorfall an der Uni zu ihrer älteren Schwester. Im Zentrum beider Zeitlinien steht der mysteriöse Ort Comber Bay, an dem immer wieder Männer spurlos verschwinden, dessen Verbindung zu beiden Geschwisterpaaren und einer seltsamen Wasserallergie.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir Eliza, eine der Schwestern aus dem Jahr 1800. Obwohl sie blind war, hat sie nie ihren Mut verloren und für mich war sie die gute Seele des Buches. Generell beweist Hart erneut ihr Talent, komplexe Frauenfiguren zu schreiben.

Der Schreibstil ist wie gewohnt atmosphärisch und zu Beginn ziemlich bedrückend. Gerade die 1800er-Passagen haben mich sehr in ihren Bann gezogen und kamen dafür meiner Meinung nach etwas zu kurz. Besonders hat mich das historische Setting begeistert, weil es einen Teil der Geschichte beleuchtet, der sonst oft in Vergessenheit gerät. Gleichzeitig fand ich die parallelen Zeitschienen gemischt mit einem Hauch Fanatsy wieder einmal sehr gelungen.

Weniger überzeugen konnte mich dagegen die Vorhersehbarkeit. Schon nach dem ersten Drittel war mir klar, worauf die Geschichte hinausläuft. Vielleicht aber auch nur, weil ich Harts Stil aus „Die Unbändigen“ schon kannte. Dadurch fehlte mir im letzten Drittel die Spannung, was das Leseerlebnis etwas geschwächt hat.



Fazit: „Unbeugsam wie die See“ ist atmosphärische, feministische, historische Fiktion mit spannenden Zeitschienen und starken Frauenfiguren. Empfehlenswert für alle, die genau das suchen. Wer allerdings „Die Unbändigen“ gelesen hat, wird die Story vermutlich schnell durchschauen.

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