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Veröffentlicht am 24.02.2026

Rundum feinsinnig

Obacht!
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Dieses Bilderbuch ist anders als die meisten anderen. Zuerst sticht die künstlerische Farbwahl ins Auge: Auf dem Cover wie im Buch ist alles orange, pfirsichfarben (oder ist es beige?) bzw. grau und schwarz. ...

Dieses Bilderbuch ist anders als die meisten anderen. Zuerst sticht die künstlerische Farbwahl ins Auge: Auf dem Cover wie im Buch ist alles orange, pfirsichfarben (oder ist es beige?) bzw. grau und schwarz. Eine Figur ist in einem völlig anderen Stil gezeichnet als die anderen und die Tatze des Tieres, wegen dem zur „Obacht“ aufgerufen wird, wirkt riesig. Ich war gespannt, ob meine Kindergartenkinder das Buch nicht abschreckend oder zumindest wenig ansprechend finden würden. Aber mitnichten: Es fasziniert sie. Die drolligen Namen tragen sicher ihren Teil dazu bei: Anfangs werden die Figuren Wimpf, Wompf, Timpe-Ma, Timpe-Pa und das Mienchen vorgestellt. Sie sind die Stadtbewohner, von denen auch Wortmeldungen kommen, und die ersten, die das große Tier entdecken, das den Zugang zu ihrer Stadt erschwert. Schnell werden Strategien entwickelt, um mit dem Problem umzugehen, allen voran von Timpe-Pa. Zunächst wird das Tier verhüllt, dann eine Brücke darüber gebaut und schließlich wird sogar eine Umgehungsstraße geschaffen – doch alle Projekte scheitern. Bis das kleine Mienchen das direkte Gespräch sucht. Und siehe da: Durch ehrliches Interesse, Kommunikation und Hilfsbereitschaft lässt sich eine nachhaltige Lösung finden.

Dass das Fremde, Störende, gar nicht mehr so furchteinflößend ist, wenn man darauf zugeht, ist die spielerisch vermittelte Botschaft von „Obacht!“. Und das kleine Mienchen hat eine bessere Idee als der tonangebende Timpe-Pa (offensichtlich ein Erwachsener) mit seinem wilden Aktionismus – ein feiner Zusatz. Überhaupt ist dieses Buch rundum feinsinnig; sowohl die Illustrationen als auch der Text wirken kunstvoll. Mal ein ganz anderes Bilderbuch – vermutlich finden meine Kinder gerade das so interessant.

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Veröffentlicht am 14.02.2026

Skurril. Und richtig gut.

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Vor vielen Jahren habe ich eher zufällig einen Roman gelesen, der für mich völlig unerwartet ein absolutes Lesehighlight wurde: „Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson. Den Autor behalte ich seitdem ...

Vor vielen Jahren habe ich eher zufällig einen Roman gelesen, der für mich völlig unerwartet ein absolutes Lesehighlight wurde: „Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson. Den Autor behalte ich seitdem im Blick und bin froh, so auch auf sein neues Werk aufmerksam geworden zu sein – das wieder ganz anders ist. Wie eigentlich jedes Buch, das ich von Magnusson gelesen habe.

„Die Reise ans Ende der Geschichte“ spielt 1995. Protagonist Jakob Dreiser ist mit Mitte 20 bereits ein gefeierter Dichter. Außerdem kann er bestens mit Menschen, ist empathisch, herzlich und vom Fall des Eisernen Vorhangs anhaltend euphorisiert. Ganz im Gegensatz zu Dieter Germeshausen, einem 30 Jahre älteren Geheimdienstmitarbeiter, den das Ende des Kalten Krieges in eine Krise gestürzt hat. Nun plant er einen Coup. Dass Germeshausen und Dreiser zusammen nach Kasachstan reisen, kann ich verraten, denn das gibt schon der Prolog her. Welche aberwitzige Aktion dort geplant ist und was alles drumherum passiert, bildet die vermutlich skurrilste Agentengeschichte, die ich je gelesen habe. Sie hat mich bestens unterhalten und gleichzeitig etwas nostalgisch auf eine Zeit zurückblicken lassen, in der vieles plötzlich möglich schien: anhaltender Frieden, Völkerverständigung, blühende Landschaften. Ein originelles Lesevergnügen.

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Veröffentlicht am 21.01.2026

Niedliche Hommage

Henri-Jette-Sausebahn
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„Henriette Bimmelbahn“ begeistert seit Generationen. Anlässlich des hundertsten Geburtstags ihres Autors James Krüss hat die rüstige Dampflok nun eine Hommage auf den Stahlleib geschrieben bekommen. Es ...

„Henriette Bimmelbahn“ begeistert seit Generationen. Anlässlich des hundertsten Geburtstags ihres Autors James Krüss hat die rüstige Dampflok nun eine Hommage auf den Stahlleib geschrieben bekommen. Es fängt schon gut an: Unverkennbar Henriette schaut freundlich einer anderen Bahn hinterher, die sich gerade mit zwei Loks auf die Reise macht – es sind ihre Enkel! Eine Lok fährt vorne, eine hinten, sie heißen Henri und Jette. Die Zwillingsbähnchen bringen ebenfalls Passagiere ans Ziel, im Gegensatz zum Original auch tierische. Da spielt ein Oktopus mit einer Katze Karten, ein Papa schläft und ein Eisbär schiebt ein Kind im Rollstuhl. Wer schon andere von Pina Gertenbach illustrierte Bilderbücher gelesen hat, wird ihren Stil bei den Tierfiguren schnell wiedererkennen. Gleichzeitig hat sie würdige Nachfahren der netten, alten, kleinen Bimmelbahn geschaffen – Henri und Jette passen einfach ins Bild. Spaß machen auch die unaufdringlichen Anlehnungen ans Original; ob es nun Hasen, Brombeerranken oder Klee- und Blumenfelder sind.
Der Text kann nicht mit dem Original mithalten. Es wird zwar eine nette, sich reimende Geschichte erzählt, aber so etwas wie „Doch dann pfeift sie und sie bimmelt; rattert, knattert, dampft und faucht; ruckelt, zuckelt, klappert, plappert (…)“ – das fehlt, dieser originelle Wortwitz, der auch beim Vorlesen besonderes Vergnügen bereitet. James Krüss‘ Stil lässt sich offensichtlich nicht mal eben imitieren; der Versuch könnte vermutlich auch schnell peinlich wirken. Autorin Cornelia Boese unternimmt ihn nicht, aber sie hat mit ihrer Story eine schöne Hommage an „Henriette Bimmelbahn“ geschrieben. Meinen Kindern macht das Buch großen Spaß.

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Veröffentlicht am 27.12.2025

Gelungen verschachtelt

Tod zur Teestunde
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Lektorin Susan Ryeland ermittelt – und das bereits zum dritten Mal! Nachdem ihr langjähriger Starautor Alan Conway bereits in „Die Morde von Pye Hall“ zu Tode kam und sie schließlich nach Kreta auswanderte, ...

Lektorin Susan Ryeland ermittelt – und das bereits zum dritten Mal! Nachdem ihr langjähriger Starautor Alan Conway bereits in „Die Morde von Pye Hall“ zu Tode kam und sie schließlich nach Kreta auswanderte, versucht sie jetzt, in der britischen Verlagsbranche erneut Fuß zu fassen. Und erhält ein unerwartetes Angebot: Ein junger, bislang eher erfolgloser Autor namens Eliot Crace soll Alan Conways Reihe um den Meisterdetektiv Atticus Pünd um einen weiteren Band ergänzen. Was läge näher, als dass sie das Lektorat übernimmt? Susan ist allerdings nicht restlos begeistert: Crace ist kein einfacher Charakter und bringt sie mit Teilen ihrer Vergangenheit in Kontakt, die sie lieber gemieden hätte. Sein Buch „Pünds letzter Fall“ startet zwar recht gelungen, doch Susan kommt bald dahinter, dass Crace darin seine eigene Familiengeschichte verarbeitet. Um die Hintergründe zu verstehen, stellt sie Nachforschungen an und stößt in ein Wespennest. Kurz darauf ist sie nicht nur wieder arbeitslos, sondern auch noch mordverdächtig …

Susan Ryelands zweiten Fall habe ich leider verpasst, aber mindestens an „Die Morde von Pye Hall“ knüpft „Tod zur Teestunde“ wunderbar an: Es geht nicht nur um Susans Geschichte, sondern auch um das Buch im Buch. „Pünds letzter Fall“, ein klassischer Krimi im Agatha-Christie-Stil, wird in drei langen Passagen zu großen Teilen erzählt – so großen Teilen, dass Susan Ryeland zwischendurch stark in den Hintergrund rückt. Gleichzeitig macht es Spaß, sich zunächst in das Cosy Crime zu vertiefen und sofort im Anschluss die kritischen Anmerkungen der Romanlektorin unter die Nase gerieben zu bekommen. Dass Eliot Crace seinen Krimi als Schlüsselroman über die eigene Familie konstruiert, führt beide Geschichten raffiniert zusammen. Und dann überschlagen sich die Ereignisse irgendwann. Es ist mir ein Rätsel, warum der Insel Verlag relativ spät stattfindende Romanereignisse auf dem Buchrücken spoilert – davor findet genügend anderes statt, das die Leser*innen bei Laune hält. „Tod zur Teestunde“ ist spannend, unterhaltsam, twistreich und lädt auf verschiedenen Ebenen zum Miträtseln ein. Manches Mal habe ich mir gewünscht, ich hätte „Die Morde von Pye Hall“ vor diesem dritten Band noch einmal gelesen – die Geschichten sind ungeahnt eng miteinander verwoben. Die toll verschachtelte Komposition hat mich über die ein oder andere nicht komplett logische Aktion hinwegsehen lassen, die mich bei einer weniger komplexen Geschichte vielleicht gestört hätte. Von Susan Ryeland würde ich gerne wieder lesen – und falls verschlungene Pfade doch noch zu einem weiteren Atticus-Pünd-Fall führen sollten: umso besser! Anthony Horowitz ist einfach ein Meister seines Genres.

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Veröffentlicht am 03.11.2025

Raffiniert komponiert

Die drei Leben der Cate Kay
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Auffällig und ungewöhnlich: Das pinke Buchcover mit fettem gelben Titel und dem Bild von einem gesplitterten Rückspiegel, in dem ein Auge dreifach zu sehen ist, hat mich gleich neugierig gemacht. Und ungewöhnlich ...

Auffällig und ungewöhnlich: Das pinke Buchcover mit fettem gelben Titel und dem Bild von einem gesplitterten Rückspiegel, in dem ein Auge dreifach zu sehen ist, hat mich gleich neugierig gemacht. Und ungewöhnlich beginnt auch die Geschichte der Erzählerin Cate Kay, die sich und ihr vorliegendes Memoir im Vorwort vorstellt und die drei Namen enthüllt, unter denen sie bisher gelebt hat: Annie Callahan, Cass Ford und Cate Kay. Sie fordert die Leserinnen und Leser auf, anhand des Buches zu entscheiden, ob sie ein guter Mensch ist. Ein starker Einstieg!
Cate Kays Geschichte wird dann in Rückblicken, inklusive Zeitsprüngen, erzählt – mal von ihr, mal von Weggefährten. Die einzelnen Kapitel sind überschrieben mit dem Namen der berichtenden Person sowie Ort und Zeit der Geschehnisse. Dadurch bleibt es einigermaßen übersichtlich, ist aber trotzdem nicht ganz flüssig zu lesen, da viele Figuren eingeführt werden. Mir fehlte erst einmal der Überblick, wer wirklich wichtig für die Geschichte ist. Die ersten knapp 90 Seiten lesen sich dadurch etwas zäh – aber dann platzt der Knoten durch eine krasse Wendung und ich habe das Buch in jeder freien Minute weitergelesen.
„Die drei Leben der Cate Kay“ ist eine immer wieder anrührende Geschichte über große Gefühle, lebensverändernde Entscheidungen, Angst und Mut. Sobald das Grundgerüst steht und die Handlung an Fahrt aufnimmt, entwickelt sie sich fesselnd und intensiv. Das Ende hätte ich mir ausführlicher gewünscht, obwohl eigentlich wenig Fragen offenbleiben. Und die Geschichte in der Geschichte – Cate Kays (fiktive) Bestseller-Trilogie „The very last“, aus der ab und an Auszüge eingeschoben werden – ist ein genialer Kontrast, der immer wieder inhaltliche Brücken zum Leben der Erzählerin schlägt. Ein geschickt komponiertes, packendes Buch, das mich an eine komplexe Patience erinnert, bei der am Ende jede Karte an ihrem Platz liegt.

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