Gennat beschwört noch einmal die guten alten Ermittlermethoden
Kommissar Gennat und der Raubmord am Ku’dammMir hat dieser Kriminalroman außerordentlich gut gefallen, es ist ja nicht der erste dieser Reihe, aber die bisher erschienenen habe ich nicht gelesen. Nur „Ernst Gennat ermittelt“, die von Regina Stürickow ...
Mir hat dieser Kriminalroman außerordentlich gut gefallen, es ist ja nicht der erste dieser Reihe, aber die bisher erschienenen habe ich nicht gelesen. Nur „Ernst Gennat ermittelt“, die von Regina Stürickow liebevoll recherchierte Biografie kenne und besitze ich. Nun kommt dieser Krimi hinzu und ich liebäugele schon mit anderen Büchern der Autorin. Sie hat sich wohl mit Leib und Seele den alten Berliner Kriminalfällen verschrieben, so dass ich voll auf meine Kosten komme. Denn sie verbindet „True Crime“ und Fiktionales auf ganz wunderbare Weise. Ein bisschen Berliner Schnauze und viel Lokalkolorit sind auch dabei, für mich als gebürtige Berlinerin eine Freude.
Der Fall des Raubmords am Ku’damm könnte jederzeit und überall so passiert sein, Kriminelle finden immer Mittel und Wege, seien sie noch so verschlungen, um an Geld zu kommen. Diesmal hat es den Boten eines Reisebüros erwischt, der mit der gut gefüllten Geldbombe nach Feierabend zur Bank gehen wollte. Zwei finstere Gestalten bringen ihn zu Fall, entreißen ihm die Tasche mit dem Geld und schießen auf ihn. Der Bote namens Schröter verstirbt und es ist ein Fall für die Mordermittler unter Regierungsrat Ernst Gennat. Eine breitgefächerte Suche nach den Tätern beginnt.
In den Kriminalfall eingewoben hat die Autorin eine fiktionale Erzählung rund um Lissy und Max Kaminski, ein jüdisches Berliner Ehepaar, das in der schlimmsten Krise seiner Ehe steht, die Entscheidung „gehen oder bleiben“ im Berlin des Jahres 1936. Zwar hat das Hitlerregime für die Zeit der Olympischen Spiele, winters wie sommers, die öffentlich sichtbaren Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung zurückgefahren, aber der Druck bleibt bestehen. Die Kaminskis – befreundet mit Ernst Gennat und auch mit dem Wiener Journalisten Hawliczek, der gerade in Berlin weilt – , und deren erwachsene Kinder bereits in Paris leben, müssen sich entscheiden. Lissy will lieber sofort emigrieren, Max eher gar nicht. Und Hawliczek ist der Meinung, dass „soetwas“ wie in Deutschland in Österreich nie passieren würde. Aus heutiger Sicht ein fataler Trugschluss. Aber ungeachtet dessen ist Lissy bereit, Gennat bei seinen Ermittlungen tatkräftig zu unterstützen.
Bei den Ermittlungen wird ein ganzes Kaleidoskop an Berliner Alltagsszenen eröffnet, die Autorin lässt den Leser hinter die Kulissen schauen, bei den Armen wie bei den besser Betuchten, sie zeichnet herrlich schnoddrige Berliner Originale, sie lässt Gennat genüsslich Kuchen essen und seine Sekretärin umgarnen, lässt beide Kaffee schlürfen und laut denken. Es macht einfach Spaß, zu lesen, wie sich die Schlinge um die Ku’damm-Mörder langsam zuzieht, auch wenn hin und wieder etwas auf Abwege gerät.
Ernst Gennat ist vielen sicher ein Begriff, seine Mordauto-Erfindung ist legendär, seine Leibesfülle ebenso. Gennat wird schon 1939 mit nur 60 Jahren sterben, aber hier im Buch löst er auf jeden Fall den Fall. Regina Stürickow liefert, man könnte sagen, man bekommt, was man bestellt hat, einen tollen Kriminalroman.
Zur Buchgestaltung: Das Cover würde mich im Buchladen sofort zum Zugreifen animieren! Der nostalgische Blick zur Gedächtniskirche wird zurückgeworfen vom ein wenig grimmig schauenden Buddha. Die Umschlagklappen sind etwas breit geraten, sie haben mich beim Lesen eher gestört. Aber eigentlich verschenkter Platz: Hier hätte eine Berlinkarte mit markierten Schauplätzen in der vorderen Innenseite des Covers für Nichtberliner hilfreich sein können. Nicht jeder Thüringer kennt den Leopoldplatz, nicht jeder Bayer die Charité.
Die Typografie (des gedruckten Buches) ist einerseits sehr großzügig angelegt, sehr breite Stege, die sind ungewohnt, kein Goldener Schnitt. Wenn man vom Platz auf der Seite ausgeht, hätten Grundschrift und insbesondere der Durchschuss gern einen Punkt größer sein können. Das ist aber absolut subjektiv und fließt nicht in meine Bewertung ein, denn Käufer eines eBooks können die Typografie ja selbst verändern.
Fazit: Ein historischer Berlin-Krimi, der nicht nur den beschriebenen Mordfall löst, sondern auch die Geschichte der 1930er Jahre in Berlin einbezieht. Von mir eine Leseempfehlung und fünf Sterne.