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Veröffentlicht am 24.04.2026

Falsche Abzweigungen

Grüne Welle
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Es gibt Bücher, über deren Inhalt man zu Beginn der Lektüre am besten gar nichts weiß. "Grüne Welle", der zweite Roman der 1993 geborenen Juristin und Autorin Esther Schüttpelz, ist ein Beispiel dafür. ...

Es gibt Bücher, über deren Inhalt man zu Beginn der Lektüre am besten gar nichts weiß. "Grüne Welle", der zweite Roman der 1993 geborenen Juristin und Autorin Esther Schüttpelz, ist ein Beispiel dafür. Kaum mehr als die Ausgangssituation und der Inhalt des ersten der 24 Kapitel soll deshalb in dieser Rezension verraten werden, vor allem nicht das Kernthema, damit sich mögliche Leserinnen und Leser bei der Lektüre ebenso überraschen lassen können wie ich.

Die Umleitung
Im Radio läuft „Life is a Rollercoaster“ (Das Leben ist eine Achterbahn) des irischen Sängers Ronan Keating aus dem Jahr 2000, als „die Frau“, ungefähr Mitte 40, nach dem monatlichen Kinobesuch mit ihrer Freundin in ihr Auto steigt, um nach Hause zu fahren. Sie kennt den Weg, aber dann zwingen eine Baustelle und ein Umleitungsschild sie zum Abweichen von der bekannten Route. Zunächst weiß sie noch, wo sie ist, erkennt die Straße, in der sie als junge Künstlerin ihre erste Einzelausstellung hatte, aber je weiter sie fährt, desto weniger vertraut ist ihr die Umgebung. Als sie gar an einem missverständlichen Schild die falsche Abzweigung nimmt, hat sie die Orientierung gänzlich verloren. Sie beschließt, an der nächsten roten Ampel ihren sicher längst besorgten, wahrscheinlich wütenden Mann zu informieren und zu wenden, aber jede Ampel wird, wie sie erstaunt feststellt, spätestens beim Draufzufahren grün:

"[…], und der Frau blieb nichts anderes übrig, als wieder mehr Gas zu geben und weiterzufahren." (S. 17)

Sie passiert das Ortsausgangsschild, kommt auf die Landstraße, überlässt sich dem Zufall der Ampelschaltungen und fährt und fährt und fährt…

Außen und innen
24 Stunden lang begleiten wir die Frau, sitzen mit ihr im Auto, erleben sie an der Tankstelle, bei einem Wildunfall, mit zwei jungen Tramperinnen und schließlich wieder allein. Vor allem aber folgen wir ihrem inneren Monolog, ihren Erinnerungsfetzen, die umso dichter werden, je weiter sie sich von ihrem Zuhause entfernt, den Entscheidungen, die sie in ihrem Leben getroffen hat, und erleben, wie sie sich immer mehr an ihre Gefühle, Ängste und Schmerzpunkte herantastet.

Ein Roman mit enormem Sog
Obwohl "Grüne Welle" vordergründig harmlos beginnt und sich erst allmählich entfaltet, hatte ich sofort ein Gefühl der Bedrohung, das mich nicht mehr verließ. Die innere Reise der Frau, deren wirklichen Namen, Aussehen und genaues Alter wir nicht erfahren, hat bei mir einen anhaltenden Sog entfaltet. Dazu tragen der äußerst raffinierte Aufbau der Geschichte und die besondere Erzählweise von Esther Schüttpelz bei, die ein perfektes Gefühl für Tempoveränderungen, Schwebezustände, Entfernung und Nähe sowie Bildsprache hat, sei es beim Motiv der Rahmen, aus denen heraus die Künstlerin ihre Bilder entwickelt, beim Umleitungsschild oder beim überfahrenen Reh. Die Sprache ist konzentriert, der Stil lebt von Wiederholungen, die das Gesagte umso stärker einbrennen. Die personale Erzählperspektive wechselt in sieben der Kapitel zur Freundin und ergänzt die Sicht der Frau im Auto von außen. Auch die Freundin bleibt, wie alle Figuren im Buch, namenlos, genau wie der Ort der Handlung, was darauf hinweist, dass es der Autorin nicht nur um ein Einzelschicksal geht, sondern vielmehr um ein gesellschaftliches Muster.

Ein überaus raffiniert erzählter, überraschender, nur gut 200 Seiten umfassender Roman und eine große Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 06.04.2026

Ein bunter Strauß Geschichte

Schwebende Lasten
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Wer liest, kennt das Phänomen: Man möchte einen neuen Roman unbedingt lesen, aber schon kommt die neue Büchersaison, neue Vorschauen stapeln sich, neue Lesewünsche verdrängen die alten. So erging es mir ...

Wer liest, kennt das Phänomen: Man möchte einen neuen Roman unbedingt lesen, aber schon kommt die neue Büchersaison, neue Vorschauen stapeln sich, neue Lesewünsche verdrängen die alten. So erging es mir 2025 mit "Schwebende Lasten" von Annett Gröschner, ein vielgelobter Roman, der auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2025 stand und 2026 sowohl mit dem Evangelischen Buchpreis als auch mit dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet wird.

Um die Lücke doch noch zu schließen, habe ich auf das ungekürzte Hörbuch zurückgegriffen und der ausgezeichneten Sprecherin Michaela Winterstein gut 7,5 Stunden lang mit großer Freude zugehört. Ihre angenehm warme Stimme glänzt bei den traurigen, glücklichen und komischen Abschnitten gleichermaßen und vermeidet jedes Pathos, ganz im Sinn der Autorin und der Protagonistin Hanna Krause, über deren Charakter es heißt:

"Bevor Hanna grübeln konnte, war sie schon am Machen".

Grund zum Grübeln hätte es in ihrem fast 90 Jahre währenden Leben von 1913 bis 1992 reichlich gegeben, wie man gleich zu Beginn erfährt. Sie erlebte zwei Revolutionen, einen Aufstand, zwei Weltkriege mit zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, übte zwei Berufe aus, Blumenbinderin und Kranführerin, gebar sechs Kinder und konnte zwei davon nicht begraben.

Ein Leben ohne Pausen
Hanna Krause, geborene Borowski, entstammte dem klassischen Arbeitermilieu Magdeburgs und wuchs, nachdem der Vater früh verschwunden und die Mutter verstorben war, im Hinterzimmer des Blumenladens ihrer wesentlich älteren Halbschwester auf. Damit war der Grundstein zu einer lebenslangen Liebe gelegt: zu den Blumen, mit denen sie sprach, die ihr Kraft gaben, aus denen sie mit viel Fantasie und Schönheitssinn immer neue Kompositionen schuf und die sie, wo immer möglich, selbst aussäte und hegte.

Bevor Hanna ihren eigenen Blumenladen im eng verwinkelten Armenviertel Magdeburgs, genannt "Knattergebirge", im Krieg mangels Nachfrage schließen musste, beauftragte ein mysteriöser Kunde sie im Herbst 1938 mit der Kopie eines Straußes auf dem Gemälde "Blumenvase in Fensternische" von Ambrosius Bosschaert (1573 - 1621), damals eine Unmöglichkeit, da die Blumen nicht gleichzeitig blühten. Die im Voraus bezahlte Kompromisslösung holte der Unbekannte aus ungeklärten Gründen nie ab. Erst nach der Wende sah Hanna das Originalgemälde anlässlich ihrer einzigen Auslandsreise im Mauritshuis in Den Haag und bewahrte die Postkarte des Fremden bis zu ihrem Tod auf. Die 21 Blumensorten des Arrangements samt kurzer Charakterisierung bilden zusammen mit "Libelle", "Fliege", "Raupe" und "Schneckenhaus" die 25 Kapitelüberschriften des Romans.

Zweimal wurde die Familie ausgebombt, der Sohn einzige Johannes starb vor Hannas Augen im Bombenhagel, eine Tochter kam tot zur Welt. Ihr Mann Karl war glücklos, schwach, verlor bei einem Arbeitsunfall ein Bein und trug wenig zum Familieneinkommen bei. Stets war es Hanna, die trotz ihrer vielen Schwangerschaften – zu den sechs Geburten kamen Fehlgeburten und Abtreibungen – mit bewundernswertem Pragmatismus, Mut, Fantasie, Anpassungsvermögen und Überlebenswillen, klaglos, nie verzagend und immer mit dem Blick nach vorn die Familie rette, selbst wenn sie dafür beispielsweise ihre Höhenangst beim Besteigen eines Krans überwinden musste.

Einzelschicksal und Zeitgeschichte
Die 1964 in Magdeburg geborene, in Berlin lebende Autorin Annett Gröschner beschreibt in "Schwebende Lasten" ein fiktives deutsches Frauenschicksal des 20. Jahrhunderts, das exemplarisch für Millionen steht, über das sich jedoch Geschichtsbücher ausschweigen. Chronologisch, bis auf einen persönlichen Satz am Ende in personaler Form erzählt und mit schlichten, nüchternen, dem Charakter Hannas entsprechenden Sätzen ohne jede Sentimentalität wird deutsche und Magdeburger Geschichte lebendig.

Auch wenn das letzte Drittel stark gerafft ist und ich die Namen und Schicksale der Enkelinnen schwer unterscheiden konnte, habe ich das Hören sehr genossen.

Unbedingte Lese- oder Hörempfehlung!

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Veröffentlicht am 02.04.2026

Vom Weggehen und Bleiben

Die Riesinnen
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Das fiktive Dorf Wittenmoos im Südschwarzwald ist der Schauplatz des literarischen Debüts der Autorin Hannah Häffner, die zuvor bereits drei Nord- bzw. Ostseekrimis veröffentlicht hat.

In einer dörflichen ...

Das fiktive Dorf Wittenmoos im Südschwarzwald ist der Schauplatz des literarischen Debüts der Autorin Hannah Häffner, die zuvor bereits drei Nord- bzw. Ostseekrimis veröffentlicht hat.

In einer dörflichen Gemeinschaft, die jede Form von Individualität ausgrenzt, fallen die Frauen der Familie Riessberger schon durch ihr Äußeres aus dem Rahmen: mit ihrer auffallenden Größe, hageren Gestalt, geradem Rücken, roten Locken und heller Haut. Was sie einerseits einschränkt, eröffnet ihnen gleichzeitig Freiräume abseits der üblichen Wege.

In fünfzehn Kapiteln, fünf für jede der drei Frauen aus drei Generationen, erzählt Hannah Häffner chronologisch weit mehr als nur deren Lebensgeschichte. Es geht um Zugehörigkeit und Außenseitertum, Fernweh, Wurzeln, die einerseits Sicherheit geben, andererseits binden, Freiheit, die im Gehen oder Bleiben liegen kann, Fremd- und Selbstbestimmung, Mütter und Töchter, Freundschaft und Liebe, allmähliche Veränderungen in der Dorfgesellschaft, zeitgeschichtliche Ereignisse wie die Anti-Atomkraftproteste in Wyhl oder den Mauerfall und vor allem um Heimat, die allen in den Knochen steckt, ob sie wollen oder nicht:

"Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?" (S. 100)

Drei Frauen und ihr Wald
Neben Liese, Cora und Eva steht der Wald als vierter Protagonist im Mittelpunkt, ohne den man sie nicht verstehen kann. Er ist ihnen Ruhe-, Trost-, Kraft- und Zufluchtsort, wenn sie nicht mehr weiterwissen:

"Dieser Wald, den man nicht aus sich herausbekommt, auch wenn man ihn verlässt." (S. 6)

Es beginnt mit Liese, die Anfang der 1960er-Jahre in einer lieblosen Ehe mit dem dominanten designierten Metzgereierben Bernhard feststeckt. Die Geburt ihrer Tochter Cora setzt ihren Träumen vom Weggehen ein Ende. Nach Bernhards frühem Unfalltod kämpft sie als alleinerziehende Mutter wie eine Löwin um ihre und Coras Zukunft. Mit  großer Willenskraft und Fleiß ertrotzt sie sich zwar nicht Zuneigung, doch zumindest Anerkennung im Dorf.

Cora vermisst Bernhard genau so wenig wie Liese. Mobbing und Übergriffe auf das „Satanskind“ lassen sie zu einer wütenden Jugendlichen heranwachsen mit nur einem Ziel: fort aus Wittenmoos. Liese respektiert Coras Freiheitsdrang und nimmt sie bei ihrer unfreiwilligen Rückkehr ohne Vorwürfe wieder auf:

"Aber das ändert ja nichts daran, dass sie für so ein Leben nicht gemacht, nie gedacht gewesen ist. Sie hat die ganze Welt sehen wollen, stattdessen ist ihre Welt nun winzig." (S. 223)

Coras Tochter Eva kennt kein Außenseitertum, die Welt hat sich auch in Wittenmoos verändert, sie ist lustig, beliebt und strotzt vor Selbstbewusstsein. Cora legt ihr die Welt zu Füßen, aber Evas Vorstellung von Freiheit ist eine andere:

"Sie könnt alles werden, aber es scheint, als wollt sie dies Alles gar nicht." (S. 260)

Literarisch, intensiv, unterhaltsam
"Die Riesinnen" ist ein Roman mit einem ganz eigenen Zauber, der mich von der ersten Seite an gefesselt hat, und beweist, dass literarischer Anspruch und gute Unterhaltung kein Widerspruch sind. Nachhaltig beeindruckt hat mich die enge Verbindung der Frauen, die sich dennoch Freiräume lassen, Entscheidungen akzeptieren, die sie nicht verstehen, und Geheimnisse respektieren.

Die 1985 in Heidelberg geborene Hannah Häffner hat einen Heimatroman im besten Sinn geschrieben, einen Dorf- und Familienroman ohne Pathos und Klischees, anrührend ohne Rührseligkeit, mit mehrdimensionalen, unvergesslichen Protagonistinnen und fantastischen Waldbeschreibungen. Die Erzählstimme ist je nach Hauptfigur moderat angepasst, jedes Wort und Bild sitzt, die Sätze sind präzise, ruhig, oft poetisch und brennen sich ein:

"Man muss einen Ort nicht lieben, um ihn nicht loszuwerden, wohin man gehört, entscheidet man schließlich nicht selbst. Man steuert seine Wurzeln nicht, sie suchen sich selbst ihr Stück Erde, und man muss dann damit leben." (S. 340)

Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 10.02.2026

Zwischen allen Stühlen

Trag das Feuer weiter
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Die 1981 in Rabat geborene Leїla Slimani gehört spätestens seit ihrem Gewinn des Prix Goncourt 2016 für "Dann schlaf auch du" zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Frankreichs. 2021 erschien in deutscher ...

Die 1981 in Rabat geborene Leїla Slimani gehört spätestens seit ihrem Gewinn des Prix Goncourt 2016 für "Dann schlaf auch du" zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Frankreichs. 2021 erschien in deutscher Übersetzung mit "Das Land der Anderen" der erste Band ihrer zwischen Frankreich und Marokko angesiedelten, von der eigenen Familiengeschichte inspirierten Trilogie. Im Mittelpunkt stand die Elsässerin Mathilde, die den marokkanischen Offizier Amine Belhaj heiratete und ihm 1946 aus Liebe und Abenteuerlust in sein Heimatland folgte.

Bevor Leїla Slimani 2022 den zweiten Band, "Schaut, wie wir tanzen", über die nächste Generation veröffentlichte, beschrieb sie in ihrem autobiografischen Memoir "Der Duft der Blumen bei Nacht" ihre Qualen beim Schreiben:

"Ich sitze seit Stunden auf diesem Stuhl, und meine Figuren reden nicht mit mir. Nichts stellt sich ein. Weder ein Wort noch ein Bild, noch der Beginn einer Melodie, die mich dazu hinreißt, ein paar Sätze zu Papier zu bringen." (S. 11)

Noch stärker ausgeprägt ist die Schreibblockade ihrer Protagonistin Mia Daoud in der Rahmenhandlung des dritten Bandes, "Trag das Feuer weiter". Diese Enkelin von Mathilde und Amine lebt als Schriftstellerin in Paris und wird von einem Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns mit totaler Erschöpfung gequält. Ein Neurologe diagnostiziert „brain fog“ infolge einer Corona-Infektion. Er empfiehlt ihr Marcel Proust als Vorbild, der in einer berühmten Szene aus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" mit dem Eintauchen einer Madeleine in Tee seine Kindheit heraufbeschwört:

"Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mademoiselle: Finden Sie Ihre Madeleine." (S. 25)

Mias "Madeleine" ist eine Reise nach Meknès zur Domaine Belhaj ihrer verstorbenen Großeltern.

Zwei Welten
Mia und ihre jüngere Schwester Inès wachsen in Rabat bei wohlhabenden. liberalen Eltern in einer Blase auf: Der Freiheit zuhause steht die Unfreiheit einer patriarchalen Diktatur draußen gegenüber. Ihre Mutter Aïscha ist Gynäkologin, hat in Straßburg studiert und Mehdi Daoud, einen ehrgeizigen Banker und Aufsteiger geheiratet, der von einer neuen Mittelschicht träumt. Die Mädchen besuchen mit anderen sorgfältig Auserwählten das französische Gymnasium, im Volksmund „Fette-Knete-Gymnasium“ genannt, mit Lehrkräften aus Frankreich:

"Eine Enklave, in der eine auf ausländische Weise in einer ausländischen Sprache erzogene Elite sich selbst reproduzierte und, völlig losgelöst von dem Land, in dem sie lebte, ohne schlechtes Gewissen herrschen würde." (S. 139)

Umso größer ist der Schock, als die lesbische Mia und Inès zum Studium nach Paris kommen, in das Land, dessen Kultur und Sprache sie beherrschen, das ihnen jedoch voller Klischees und Vorurteilen begegnet. Mia hat die Warnung ihres Vaters vor einer Rückkehr im Ohr, der nach einer Intrige entlassen, später verhaftet und erst 2011, acht Jahre nach seinem Tod, rehabilitiert wird:

"Die Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln. […] Entfache einen großen Brand und trag das Feuer weiter. […] Mein Schatz, verteidige deine Freiheit, geh keine Kompromisse ein, misstraue der Wärme deines Zuhauses." (S. 237)

Ein großartiger Abschluss
"Trag das Feuer weiter" führt alle Fäden der Familiengeschichte zusammen und beleuchtet multiperspektivisch die zentralen Themen Identität und Integration, Heimat und Fremde, Frauenrechte und Patriarchat, Freiheit und Diktatur, Rassismus und Einsamkeit. Die Figuren agieren vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund wie dem Fall der Berliner Mauer, dem 11. September 2001, dem Irakkrieg und großen Fußballereignissen, ohne dass ihr Handeln be- oder gar verurteilt wird.

Das Ende der Trilogie nach gut 1200 Seiten vor Augen, habe ich immer langsamer gelesen, so ungern wollte ich die Familie verlassen. Dank und Anerkennung dafür gebührt sowohl der großartigen Erzählerin Leїla Slimani, als auch ihrer langjährigen Übersetzerin Amelie Thoma, die in angenehm fließendem Deutsch auch dieses Mal wieder genau den richtigen Ton trifft.

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Veröffentlicht am 04.11.2025

Die Vergangenheit kehrt zurück

Düsteres Tal
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Vor fünf Jahren hat sich Clara Lofthus, die smarte norwegische Ex-Justizministerin und unerkannte Serienmörderin, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Mit ihrem neuen Partner Axel und ihren 15-jährigen ...

Vor fünf Jahren hat sich Clara Lofthus, die smarte norwegische Ex-Justizministerin und unerkannte Serienmörderin, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Mit ihrem neuen Partner Axel und ihren 15-jährigen Zwillingssöhnen lebt sie in Nairobi und leitet dort im Auftrag von UNICEF eine Schule.

Als der norwegische Entwicklungshilfeminister die Einrichtung besucht, kommt es zu einem brutalen Terroranschlag mit mehreren Toten. Geistesgegenwärtig und kaltblütig rettet Clara eine Gruppe von Kindern und feuert mit dem Maschinengewehr eines toten Terroristen auf die Angreifer. Schlagartig steht sie als Heldin wieder im Mittelpunkt des norwegischen Medieninteresses.

Das Comeback
Zurück in Oslo überschlagen sich die Ereignisse. Die Ministerpräsidentin beruft Clara erneut auf den Posten der Justizministerin, deren verhasste Mutter Agnes plant den Verkauf von Grundstücken auf dem familieneigenen Hof in Westnorwegen und eine fünf Jahre alte Frauenleiche wird in einem Salzfass in einer aufgegebenen Wurstfabrik gefunden.

Hier tritt der bekannte Talkshow-Moderator Erik Heier auf den Plan, dessen populäre Sendung aus Kostengründen weichen muss. Nachdem er in der letzten Sendung die charismatische, wortgewandte und schöne Vorzeige-Karrierefrau Clara zu Gast hatte, für die auch er eine große Faszination verspürt, plant er einen investigativen Podcast über cold cases, ungelöste Altfälle. Thema des ersten Projekts soll der Fall der Salzfass-Leiche sein, Sabiya Rana, einer jungen Kinderärztin pakistanischer Herkunft und Mutter dreier Kinder, die plötzlich des Dreifachmordes verdächtigt wurde und nach ihrer Entlassung spurlos verschwand. Erik Heier ahnt nicht, wie nahe er mit seinen Recherchen dem Mysterium Clara Lofthus kommt…

Psychothriller mit Sog und literarischen Qualitäten
"Düsteres Tal" ist der dritte Band der ungewöhnlichen Psychothriller-Trilogie der 1978 geborenen, 2013 mit dem Brageprisen ausgezeichneten norwegischen Lyrikerin, Belletristik- und Kinderbuchautorin Ruth Lillegraven. Ungewöhnlich ist das „normale“ Umfeld, in dem sich die skrupellose Protagonistin bewegt, ungewöhnlich die wunderbaren Naturbeschreibungen aus Westnorwegen und die detaillierten Beschreibungen politischer Prozesse, die Ruth Lillegraven aus ihrer langjährigen Arbeit im Verkehrsministerium kennt, aber auch die literarische Qualität. Aus all diesen Gründe habe ich, obwohl ich sonst kaum Thriller lese, jeden neuen Band dieser Trilogie dringend erwartet. Hervorragend gelingt es der Autorin, das Innenleben ihrer furchteinflößenden, ohne Hemmschwelle agierenden Heldin glaubhaft darzustellen, in deren Logik Problemlösung bedeutet, alles und jeden aus dem Weg zu räumen, der ihr in die Quere kommt:

"Es gibt keine Gerechtigkeit, aber manchmal kann man etwas tun, um das Gleichgewicht wiederherzustellen." (S. 78)

Menschlich wird die gnadenlose Protagonistin in ihrem idealistischen Einsatz für einen verbesserten Schutz für Kinder und mit ihrer Sehnsucht nach dem Hof ihrer Familie in ihrer westnorwegischen Heimat:

„Ich will nach Hause. Wenn ich mit der Politik fertig bin, kann es nur diesen Weg geben […].“ (S. 179)

Kein Whodunit und trotzdem unglaublich spannend
Wie bei den Vorgängerbänden "Tiefer Fjord" und "Dunkler Abgrund" beruht die Spannung auch bei "Düsteres Tal" nicht auf der Frage nach dem Täter oder der Täterin, sondern auf dem Wie und Warum sowie der sehr besonderen Erzählweise von Ruth Lillegraven. Die 78 kurzen Kapitel mit einem Prolog bzw. Epilog aus dem Podcast werden abwechselnd von Clara, Axel und Erik Heier erzählt, was Tempo wie Dramatik gleichermaßen steigert.

Eine rundum gelungene, wendungsreiche und perfekt konstruierte Psychothriller-Trilogie mit einem für mich ebenso überraschenden wie genialen Finale.

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