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Veröffentlicht am 25.01.2026

Das Abenteuer zu dienen

Die Schattenkinder von Kirgistan
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Gerade erst achtzehn geworden und schon ist Jonathan Bühne allein unterwegs in ein fremdes Land. Sein Weg führt ihn nach Kirgistan, ein kleines Land in Zentralasien, das an China grenzt und in dem Russisch ...

Gerade erst achtzehn geworden und schon ist Jonathan Bühne allein unterwegs in ein fremdes Land. Sein Weg führt ihn nach Kirgistan, ein kleines Land in Zentralasien, das an China grenzt und in dem Russisch gesprochen wird. Seine Aufgabe dort: die Mitarbeit in einem Kinderheim, in dem vernachlässigte und traumatisierte Kinder und Jugendliche leben. Die Erfahrungen mit diesen Kindern, die teilweise fast genauso alt sind wie der Autor selbst, bringen ihn an seine Grenzen und lassen ihn über grundlegende theologische und philosophische Fragen nachdenken.

Dieses Buch ist weniger ein Bericht über Land und Leute in Kirgistan als vielmehr eine Sammlung tiefsinniger Gedanken über soziale Gerechtigkeit, Gemeinschaftssinn, Nächstenliebe, Gottesferne und Versagen. In 21 Kapiteln berichtet der Autor von seinen Erlebnissen – oft im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen, manchmal auch allein unterwegs in der Natur. Jedes Kapitel beginnt mit einem aussagekräftigen Schwarz-Weiß-Foto und einem passenden Zitat. Auf einen erzählerischen Teil folgt jeweils eine Reflexion über Gott und die Welt, in der der Autor auch Denker zitiert, die sich mit ähnlichen Themen auseinandergesetzt haben.

Mit diesem Buch möchte der Autor andere ermutigen, ihre Komfortzone zu verlassen und den Ärmsten zu dienen. Dabei verschweigt er nicht, dass diese herausfordernde und anstrengende Arbeit einen alles kosten kann. Dennoch kommt er zu dem Schluss, dass es sich lohnt, und schreibt: „Denn ich bin überzeugt, dass auch kleine, scheinbar unbedeutende Akte der Nächstenliebe unabsehbare Konsequenzen haben können.“

Sehr wohltuend ist der offene Blick des Autors auf seine eigene Unzulänglichkeit im Umgang mit diesen schwierigen Kindern, deren Not oft unaussprechlich ist. „Meine Zeit in Kirgistan war ein Versuch, die Dinge in mir zu konfrontieren, die dieser Schönheit widerstehen, die in ihrer Selbstbezogenheit nicht bereit sind, über die eigenen Bedürfnisse hinauszuschauen. … Ich durfte lernen, auf eine Weise zu lieben, die mir zuvor verschlossen war.“

Wunderschön sind auch die Berichte über Begegnungen mit Kirgisen in seinem Alltag. Gewünscht hätte ich mir stellenweise mehr Informationen über Land und Leute, doch das ist nicht der Fokus dieses Buches. Manche Gedanken wirken in ihrer Dichte anspruchsvoll – man muss sich beim Lesen konzentrieren – und immer wieder verwundert es, dass der Autor dieses Werkes noch so jung ist.

Fazit: Gedanken eines jungen Reisenden über Leben, Not, Zusammenhalt und den Schöpfer. Sehr empfehlenswert – besonders für junge Menschen, die ein Auslandsjahr erwägen, sowie für Leser, die sich für theologische Anthropologie und tiefgründige philosophische Überlegungen interessieren.

Veröffentlicht am 15.01.2026

Das tägliche Überraschungsei

Ein Jahr des Staunens
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Zum Staunen lädt schon die Gestaltung dieses Buches ein: ein hochwertiger Band mit Lesezeichen und schönen silbernen Ornamenten auf dem Cover, gefüllt mit zahlreichen Fakten und Kuriositäten.

„Aktuelle ...

Zum Staunen lädt schon die Gestaltung dieses Buches ein: ein hochwertiger Band mit Lesezeichen und schönen silbernen Ornamenten auf dem Cover, gefüllt mit zahlreichen Fakten und Kuriositäten.

„Aktuelle Studien belegen, welche positiven Auswirkungen inspirierende Impulse auf Psyche und Körper haben. … Dieses Buch ist dazu gedacht, dir jeden Tag innerhalb von zwei Minuten etwas geistigen Input zu verpassen.“

Die Autorinnen erklären im Vorwort, dass ihr Werk zum Staunen einladen und neugierig auf unsere ganz besondere Welt machen soll. So gibt es für jeden Tag des Jahres einen kurzen Eintrag, der sich in wenigen Minuten lesen lässt. Dabei ist es kein Problem, in der Mitte des Jahres mit dem Lesen zu beginnen, da die Beiträge zufällig angeordnet sind und nicht aufeinander aufbauen.

Die Themen sind sehr unterschiedlich: So kann man an einem Tag von Sushi lesen und am nächsten von den Seitenzahlen eines Buches – oder vom muslimischen Fest Ramadan und gleich anschließend von filmischen Berufsbezeichnungen. Die Einträge kommen aus unterschiedlichen Bereichen – Geschichte, Medizin, Technologie, Sagen und Mythen, Traditionen und vielem mehr.

Die beiden Lektorinnen haben im Laufe ihrer Berufstätigkeit und durch ihre Liebe zu Büchern diese Wissenshappen gesammelt. Manche sind spannend und unerwartet, andere trotz der guten Erklärungen vielleicht noch etwas zu kompliziert, einige wenige nicht ganz so relevant. Das Besondere an diesem Buch ist jedoch, dass es durch die bunte Mischung dennoch für jeden eine Menge Neues zu entdecken gibt. Das tägliche Aufschlagen gleicht einem Überraschungsei – man weiß nie, was einen erwartet, entdeckt aber fast immer etwas Neues.

Fazit: Spannend und überraschend enthält dieses Buch einen Wissensshot für jeden Tag des Jahres. Bestens geeignet für alle, die Wissen lieben, neugierig sind und staunen wollen – und auch als Geschenk perfekt!

Veröffentlicht am 15.12.2025

Auf der Suche nach dem Vater

Schattenschicksale
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„Ein Weg zum Lernen und zum Verständnis führt über die erzählten Geschichten. Reine Fakten und Opferzahlen schockieren, doch berühren sie uns auch? Es sind die individuellen Geschichten, die das Herz treffen. ...

„Ein Weg zum Lernen und zum Verständnis führt über die erzählten Geschichten. Reine Fakten und Opferzahlen schockieren, doch berühren sie uns auch? Es sind die individuellen Geschichten, die das Herz treffen. Persönliche Schicksale, in denen sich die Weltgeschichte spiegelt.“

Im Zweiten Weltkrieg gibt es viele Liebesbeziehungen zwischen deutschen Frauen und ausländischen Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern. Dazu werden manche Frauen auch infolge einer Vergewaltigung durch den Feind schwanger. Dieses Buch beschreibt sechs Lebensgeschichten von Menschen, die aus solchen verbotenen Beziehungen stammen.

Die zentrale Frage für die vier Männer und zwei Frauen lautet: „Wer ist mein Vater?“ Geboren in schwierigen Umständen und oft von Geheimnissen umgeben, sehnen sie sich nach ihren leiblichen Vätern und deren Familien. Dieses Nichtwissen prägt ihr Leben und verstärkt das Gefühl, dass etwas mit ihnen nicht stimmt.

Zwischen den persönlichen Schicksalen liefert Monika Dittombée Hintergrundwissen zur Geschichte, Psychologie und zu transgenerationalen Traumata. Das hilft, die Erlebnisse zu verstehen und einzuordnen. Sie gibt außerdem praktische Hinweise für die Spurensuche nach den eigenen Wurzeln und teilt ihre persönliche Betroffenheit, was den Text besonders einfühlsam macht.

Die Lebensberichte sind berührend und erschütternd. Sie beginnen jeweils mit einigen Familienfotos. Danach folgen die Geschichten der Besatzungskinder, teilweise von ihnen selbst erzählt. Die spannende Suche nach dem Vater und die ersten Begegnungen mit einem Mann, der oft noch nicht einmal von seinem Sohn oder seiner Tochter wusste, werden ausführlich geschildert.

Es ist ermutigend zu lesen, wie diese Menschen trotz der schweren Startbedingungen ein glückliches, erfolgreiches und produktives Leben gefunden haben. „Diese einstmals diskriminierten Kinder haben es geschafft. Sie wurden erwachsen, gründeten ihre eigenen Familien, sie freuen sich an ihren Kindern und Enkeln. Sie blicken mit Langmut auf ihre eigenen, schweigsamen Eltern.“ Ein noch größerer Umfang an Lebensgeschichten, insbesondere von Kindern aus Vergewaltigungen, hätte das Buch zusätzlich bereichert.

Fazit: Ein berührendes, informatives Buch über einzelne Schicksale infolge des Zweiten Weltkriegs. Eine eindrucksvolle Mischung aus Lebensgeschichten, Hintergrundwissen und persönlicher Reflexion. Empfehlenswert für alle, die sich für Lebensgeschichten, Psychologie und Geschichte interessieren.

Veröffentlicht am 10.12.2025

Die Opfer der Narzissten

Gefährliches Ego
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Dieses Buch enthält acht wahre Geschichten von Menschen, die aufgrund ihrer narzisstischen Neigung am Tod anderer Menschen schuldig wurden. Einige Fälle sind sehr bekannt, da in den Medien ausgiebig darüber ...

Dieses Buch enthält acht wahre Geschichten von Menschen, die aufgrund ihrer narzisstischen Neigung am Tod anderer Menschen schuldig wurden. Einige Fälle sind sehr bekannt, da in den Medien ausgiebig darüber berichtet wurde, andere gelangten nie so recht an die Öffentlichkeit. Bei allen acht Beispielen deckt der Autor interessante Hintergründe der Gewalttaten auf. Dabei beginnt die Reise in den meisten Fällen schon in der Kindheit des Täters. Ob Überbehütung oder Vernachlässigung, in jungen Jahren wurde oft die Saat für das spätere Verbrechen gelegt.

Die Täter sind sowohl weiblich als auch männlich. Es wird von Schießereien berichtet, von einer Entführung und von Betrug. Jeder Fall beleuchtet einen anderen Aspekt von Narzissmus – beispielsweise Narzissmus in Beziehungen, gekränkter Narzissmus oder boshafter Narzissmus.

Das Besondere an diesem Buch: Voller Schrecken erkennt und bekennt sich der Autor selbst als Narzisst. Dabei möchte er das gar nicht sein, betont er. Er schreibt: „An manchen Tagen dieser Recherche will ich einfach nur nicht mehr ich sein.“

Doch er hat Wege gefunden, um mit dieser Persönlichkeitsstörung zu leben und anderen Menschen zu helfen, anstatt sie zu verletzen. Bei allen Beispielen erklärt er Aspekte des Innenlebens eines Narzissten. Er zeigt auch Wege auf, die ihm selbst in seinem Kampf gegen diese Lebensweise geholfen haben.

Wertvoll sind die Ergänzungen von zwei Fachleuten: Dr. Pablo Hagemeyer, Spezialist für Narzissmus, und Dr. Nahlah Saimeh, forensische Psychiaterin.

Der Schreibstil dieses Buches ist sehr angenehm. Die Beschreibung der True Crime Fälle ist fesselnd, die Erklärungen interessant und informativ. Ein wenig stören gelegentliche Wiederholungen, vor allem aus dem Leben des Autors. Er erzählt nicht seine ganze Lebensgeschichte, doch es werden einige wichtige Ereignisse ein ums andere Mal erzählt. Aber das nimmt nur einen kleinen Raum in diesem ansonsten ausgezeichneten Buch ein. Was sehr gut vermittelt wird, ist die Empathie des Autors für die Opfer und seine Entrüstung über die teils schauerlichen Taten. Voller Verständnis geht er auch auf die Herausforderung ein, ein Narzisst zu sein. Er beschreibt sie so: „… Narzissten sind auf beinahe schutzlose Weise verletzlich. Und das macht sie zu extrem unsicheren Menschen.“

Fazit: Ein spannendes Buch über wahre Verbrechen und ihre Hintergründe. Sehr empfehlenswert, vor allem für Menschen, die sich für True Crime oder Psychologie interessieren.

Veröffentlicht am 10.11.2025

Und reichst du uns den schweren Kelch

Von guten Mächten treu und still umgeben
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„Bonhoeffer … verschweigt die Last böser Tage nicht. Er beklagt sich aber auch nicht darüber. Sondern er hält sich Gott hin.“

Monate vor seiner Hinrichtung schreibt Pastor Dietrich Bonhoeffer einen Weihnachtsbrief ...

„Bonhoeffer … verschweigt die Last böser Tage nicht. Er beklagt sich aber auch nicht darüber. Sondern er hält sich Gott hin.“

Monate vor seiner Hinrichtung schreibt Pastor Dietrich Bonhoeffer einen Weihnachtsbrief an seine Verlobte. Darin findet sich das berührende Gedicht, das mit den Worten beginnt: „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“

Diese Verse, mehrfach vertont und bis heute häufig zu Jahreswechseln oder auf Beerdigungen gesungen, berühren Menschen seit Jahrzehnten. Sie tragen Hoffnung und Zuversicht in sich – den Glauben an eine Zukunft jenseits der trüben Zeit.

Dieses Buch enthält 27 Beiträge verschiedener Autorinnen und Autoren zu diesem bekannten Text. Die Aufsätze lassen sich jeweils in wenigen Minuten lesen und werden durch sorgfältig ausgewählte Zitate Bonhoeffers ergänzt, die die Gedanken der Verfasser treffend vertiefen.

Die Texte sind in drei Abschnitte gegliedert: Auslegungen, Vertonungen und Erfahrungen. Besonders die Beiträge im letzten Teil gehen zu Herzen und laden zum Nachdenken ein. Bereichernd sind auch die Abbildungen von Originalbriefen und Fotografien Bonhoeffers. Im Kapitel über die musikalischen Fassungen ermöglichen QR-Codes, die Lieder direkt anzuhören.

Die Gestaltung des Buches ist sehr angenehm. Es lädt zum Blättern, Innehalten und Nachsinnen ein. Leserinnen und Leser erfahren Neues über Bonhoeffers letzte Lebensmonate, seine Motivation und die Wirkung seines berühmten Textes. Leider bleiben einige Beiträge eher sachlich und nüchtern. Dennoch überzeugt der Band durch seine ehrliche Auseinandersetzung mit Bonhoeffers Glauben und Haltung. Immer wieder stellt sich beim Lesen der Beiträge die Frage: Hätte ich ebenso mutig gehandelt wie Bonhoeffer? Und wäre ich bereit, von Gott einen schweren Kelch anzunehmen?

Fazit: Ein bewegendes Buch über das bekannte Gedicht, „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Es beleuchtet den Entstehungshintergrund und zeigt verschiedene musikalische Interpretationen und persönliche Zugänge. Eine berührende Lektüre – besonders empfehlenswert für Bonhoeffer-Freunde und als tröstliches Geschenk in schweren Zeiten.