Profilbild von evaczyk

evaczyk

Lesejury Star
offline

evaczyk ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit evaczyk über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.01.2026

Coming of Age als globales Symbol

Finding My Way. Ein Memoir
0

Mit dem Titel ihrer Autobiographie "Finding my way" hat Malala Yousafzai den Ton bereits vorgegeben: Wie kann eine junge Frau ihre Persönlichkeit entwickeln, wenn sie bereits als Kind ihr Lebensziel gefunden ...

Mit dem Titel ihrer Autobiographie "Finding my way" hat Malala Yousafzai den Ton bereits vorgegeben: Wie kann eine junge Frau ihre Persönlichkeit entwickeln, wenn sie bereits als Kind ihr Lebensziel gefunden hat, als Teenager die jüngste Friedensnobelpreisträgerin aller Zeiten und globales Symbol für den Kampf von Mädchenbildung geworden ist? Mal ganz zu schweigen von den körperlichen und seelischen Folgen des Taliban-Attentats und einem Leben zwischen zwei Welten - einerseits auf den Redepodien der Welt, im Gespräch mit den Reichen und mächtigen, andererseits eine junge Frau aus einer sehr konservativen, restriktiven Kultur, die auch im britischen Exil nie wirklich fern ist?

Auf ihren öffentlichen Auftritten wirkt die Autorin häufig äußerst beherrscht, zurückgenommen, reflektiert. Das Buch zeigt die inneren Kämpfe, den Wunsch, einfach nur als junge Frau wahrgenommen werden, die unbeschwert sein darf und nicht unter Dauerbeobachtung steht. Die Studienzeit in Oxford soll sich da als Chance zeigen, bei allen Einschränkungen (auch im Studentenheim gehören Leibwächter zu Malalas Alltag). Die Suche nach Freundschaften, nach Parties, bei denen sie trotzdem stets auf ihren Ruf und die Wirkung von social Media-Bildern in der Heimat bedacht sein muss, das Hadern mit eher durchschnittlichen Studienleistungen, erste romantische Gefühle - vieles, was Teenager in westlichen Gesellschaften schon Jahre früher durchleben, erlebt Malala mit 19, 20 Jahren.

Dabei wird auch klar, die Gesellschaftsstrukturen aus dem pakistanischen Bergdorf sind auch in Großbritannien stets präsent. Malala muss auf ihren Ruf achten - zum einen, um nicht noch mehr Anfeindungen ausgesetzt zu sein, zum anderen, weil das negative Auswirkungen auf ihre Arbeit haben könnte, ganz besonders auf die Mädchenschule im Heimatdorf. Die Professoren in Oxford fordern Konzentration auf das Studium, doch mit ihren Vorträgen und öffentlichen Auftritten bestreitet Malala das Familieneinkommen, sieht sich in der Pflicht gegenüber Eltern und Brüdern.

"Finding my Way" ist der Selbstfindungsprozess einer jungen Frau, die schon sehr früh erwachsen werden musste. Reflektiert, selbstkritisch, mit einer Prise Humor und sehr offen beschreibt die Autorin den Spagat zwischen der Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit und dem Pflichtbewusstsein gegenüber ihrer Lebensaufgabe, der Liebe zu ihrer Familie und den Spannungen, insbesondere mit der Mutter, wenn sie den festgesteckten Rahmen der Tradition zu erweitern versucht.

Natürlich mag eine Autobiographie immer etwas geschönt und geglättet sein, aber beim Lesen und in der Erinnerung an die öffentlichen Auftritte der Autorin drängt sich dann doch der Vergleich zu einer anderen jungen Frau auf, die in jungen Jahren zu einem weltweiten Symbol wurde. Im Vergleich zu den Herausforderungen Yousafzais und ihrer Reife wirkt Greta Thunberg dann noch mehr wie ein schmollender, selbstgerechter Teenager.

Veröffentlicht am 08.01.2026

Faszination Schildkröte

Tête-à-Tête mit einer Schildkröte
0

Sie können über 100 Jahre alt werden, und sie sind schon sehr, sehr lange auf der Erde: Schildkröten gehören zu den Tierarten, die beträchtlich länger als die Menschheit existieren. Schon ihr Aussehen ...

Sie können über 100 Jahre alt werden, und sie sind schon sehr, sehr lange auf der Erde: Schildkröten gehören zu den Tierarten, die beträchtlich länger als die Menschheit existieren. Schon ihr Aussehen hat etwas Urzeitliches an sich. Doch die Tiere mit dem gemächlichen Tempo stoßen in unserer schnelllebigen Zeit auf Bedrohungen: Verkehr, Straßen und Siedlungen, die Habitate und Wege zu Eiablageplätzen zerschneiden oder zerstören. In ihrem Buch "Tete a tete mit einer Schildkröte" stellt Sy Montgomery eine Schildkrötenschutzstation und die Menschen, die dort arbeiten vor.

Vor allem aber geht es natürlich um Schildkröten: Das Wiederaufpäppeln verletzter Tiere, selbst solcher, die die Tierärzte schon aufgegeben haben. Die Bemühungen, die Schildkröten wieder in einen Zustand zu bringen, der eine Wiederauswilderung ermöglicht - oder, wenn das nicht möglich ist, den Versuch, den verletzten Tieren eine möglichst gute Lebensqualität zu verschaffen.

Es ist ein Sachbuch, aber kein wissenschaftliches, so wie auch die Betreiberinnen der Schildkrötenschutzstation engagierte Laiinnen sind, die sich ihr Wissen selbst beigebracht haben. Das ist denn auch der Beschreibung der Schildkröten anzumerken - die Tieren erhalten Namen, werden als Persönlichkeiten gezeigt, womöglich ein bißchen sehr "vermenschlicht". Der objektive Blick der Wissenschaftlerin und die beobachtende Distanz fehlt - wobei vermutlich gerade dieser menschelnde Ansatz vielen LeserInnen den Zugang zum Thema erleichtert.

Die Faszination Schildkröte wird greifbar, der Schwerpunkt liegt dabei nicht etwa auf den Meeresriesen wie etwa Seychellen-Schildkröten, sondern auf den Arten, die im Nordosten der USA heimisch sind. Ein Schwerpunkt sind die Gefahren, die durch menschliche Eingriffe und Aktivitäten für Schildkröten entstehen. Der Ton bleibt dennoch hoffnungsvoll, gerade bei der Beschreibung der Aktivitäten von Freiwilligen, die sich für den Schutz von Schildkröten engagieren und versuchen, ihre Überlebenschancen zu verbessern. Ein liebenswert geschriebenes Buch, dessen Autorin ganz klar Partei für die beschriebenen Tiere ergreift.

Veröffentlicht am 15.11.2025

Suche nach internationaler Gerechtigkeit

Vor Gericht
0

Steve Crawshaw hat als Journalist gearbeitet, unter anderem im ehemaligen Jugoslawien während des Bürgerkriegs. Später engagierte er sich bei verschiedenen Menschenrechtsorganisationen. Sein Buch "Vor ...

Steve Crawshaw hat als Journalist gearbeitet, unter anderem im ehemaligen Jugoslawien während des Bürgerkriegs. Später engagierte er sich bei verschiedenen Menschenrechtsorganisationen. Sein Buch "Vor Gericht" über internationale Justiz zur Ahndung von Menschenrechts- und Kriegsverbrechen ist ein bißchen mit beiden dieser Berufsfelder verbunden - einerseits sachlicher Report, andererseits durchaus Aktivismus für mehr Gerechtigkeit für Menschen wie Folteropfer oder Überlebende von Kriegsverbrechen, die in ihren eigenen Ländern auf keine Verfahren hoffen können.

"Vor Gericht" liefert einerseits historischen Hintergrund zur Entstehung des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und den Internationalen Gerichtshof, erläutert das Weltstrafprinzip. das es etwa erlaubt hat, Kriegsverbrecher in Deutschland vor Gericht zu bringen, auch wenn es keinen deutschen Tatort und keine deutschen Opfer oder Täter gibt.

Zugleich ist das Buch höchst aktuell, geht es doch um die internationalen Haftbefehle gegen Wladimir Putin und Benjamin Netanjahu und die politisch-diplomatischen Fragen, die diese Ermittlungen neben den rein juristischen aufwerfen. Crawshaw beschreibt gute Absichten, um Gerechtigkeit wiederherzustellen, aber auch die Widerstände, mit denen mächtige Staaten zwar Verbrechen ahnden, wenn es ihnen opportun erscheint, bei sich selbst oder politischen Verbündeten die internationale Justiz behindern.

Von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen bis zur Völkermorde-Klage Südafrikas gegen Israel spannt der Autor den Bogen, zeigt Erfolge und Niederlagen beim Versuch, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ahnden, aber auch die Herausforderungen, wie etwa im Fall Ruandas den Begriff Völkermord - und damit die Notwendigkeit des Handelns - überhaupt auf die Agenda der UN zu bringen.

Auch für juristische Laien ist "Vor Gericht" interessant, verdeutlicht die Dilemma, die bei internationaler Strafverfolgung auftreten und die Widerstände, mit denen Ermittler und Kläger zu kämpfen haben. Gleichzeitig zeigt Crawshaw, wie der Wunsch nach Gerechtigkeit viel zu oft Geopolitik und politischen Interessen geopfert wird. Ein gut lesbares Sachbuch zu einem gar nicht spröden Thema.

Veröffentlicht am 14.11.2025

Verflucht zum Unglücklichsein?

Der Fluch der Falodun Frauen
0

Die nigerianische Autorin Oyinkan Braithwaite hat mich mit ihrem Debütroman "Meine Schwester, die Serienmörderin" begeistert. Da war ich natürlich neugierig auf ihr neues Buch "Der Fluch der Falodun-Frauen". ...

Die nigerianische Autorin Oyinkan Braithwaite hat mich mit ihrem Debütroman "Meine Schwester, die Serienmörderin" begeistert. Da war ich natürlich neugierig auf ihr neues Buch "Der Fluch der Falodun-Frauen". Vorweg sei verraten: Dieses Buch ist ganz anders, auch wenn es ebenfalls um Familiendynamiken und energische Frauen geht.

Braithwaite erzählt auf mehreren Zeitebenen und Erzählperspektiven die Schicksale der Frauen der Familie Falodun, die seit Generationen unter einem Dach zusammenleben - dies auch, weil eine Vorfahrin samt aller weiblichen Nachkommen verflucht wurde, in der Liebe unglücklich zu sein. Hat dieser Fluch tatsächlich über Generationen hinweg Folgen, oder schafft der Glaube an ihn eine self fulfilling prophecy? Wie viel Einfluss haben die Frauen auf ihr Schicksal, welche Strategien wählen sie, um mit dem ominösen Fluch umzugehen? Und kann sich Geschichte wiederholen?

Zu den Dreh- und Angelpunkten gehört das Schicksal von Monife, die mit Mitte 20 Selbstmord begeht. Am Tag ihrer Beerdigung setzen bei ihrer Cousine Ebun vorzeitig Wehen ein - und ihre Tochter Eniiyi sieht der Toten wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich. Monifes trauernde Mutter Bunmi, ohnehin fest im Glauben an Juju und Zaubertränke verwurzelt, ist überzeugt: Das Kind ist die Wiedergeburt Monifes. Monifes Leben wird auch Eniiyi überschatten mit der Frtage, ob sie eine andere ist oder ein eigenständiger Mensch. Dabei ist es nicht hilfreich, dass Ebun eisern darüber schweigt, wer der Vater ihrer Tochter ist.

Sowohl das Drama Monifes wie auch der Umgang der übrigen Familienmitglieder damit werden nach und nach aufgedeckt. Braithwaite zeigt den Glauben an das Übernatürliche, der allen Modernitäten zum Trotz seinen Platz in der nigerianischen Kultur hat, aber auch die ethnischen Trennlinien des Vielvölkerstaates etwa zwischen Yoruba und Igbo. Ihre Protagonistinnen sind gerade aufgrund ihrer Schwächen und Fehler lebensnah und liebenswert, der Zusammenhalt der Familie über alle Streitigkeiten und Differenzen hinweg eindrücklich. Ein Buch, bei dem man lachen und nachdenklich werden kann, und das zugleich eine Ahnung vom bunten, chaotischen, komplizierten Nigeria aufkommen lässt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.10.2025

Karriere eines Opportunisten

Chamäleon
0

Nein, einen Sympathieträger hat Yishai Sarid mit seinem Protagonisten Shai Tamus in dem Roman "Chamäleon" wirklich nicht geschaffen. Der Journalist, Vater zweier mehr oder weniger erwachsenen Kinder, hat ...

Nein, einen Sympathieträger hat Yishai Sarid mit seinem Protagonisten Shai Tamus in dem Roman "Chamäleon" wirklich nicht geschaffen. Der Journalist, Vater zweier mehr oder weniger erwachsenen Kinder, hat seine besten Berufsjahre hinter sich. Für das Zeitalter der sozialen Medien und permanenten Selbstvermarktung fehlt ihm ein wenig der Biss, vor allem aber der Instinkt, sich in den Vordergrund zu drängen. Und auch seine Ausgewogenheit, sein Harmoniebedürfnis haben eine kurze Zeit der Fernsehpräsenz und damit eines gestiegenen Bekanntheitsgrads schnell wieder sinken lassen. Er fühlt sich in die mediale und gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit versinken - und das gefällt ihm gar nicht.

Dies alles ändert sich, als Shai nach einem wütenden Social Media Post die Aufmerksamkeit eines rechtspopulistischen Senders erhält. Man interessiert sich für ihn, bietet ihm eine Plattform, instrumentalisiert ihn. Immer mehr wird Shai nur Sprachrohr der Einflüsterungen eines Politfunktionär des Regierungschefs. Während alte Freunde und Nachbarn auf die Straße gehen gegen dessen Politik, verteidigt Shai sie mit immer beißenderer Polemik, nur um sich Aufmerksamkeit und mediale Präsenz zu erhalten. Auch innerhalb der eigenen Familie ist er immer isolierter.

Sarid zeigt die Karriere eines Opportunisten und Mitläufers, eines, der gegen besseres Wissen und seine alten Überzeugungen, die er immer radikaler verleugnet, sich an die Macht und die erhoffte Popularität anbiedert. Da das alles aus seiner Perspektive mit einer Mischung von Rechtfertigung und Selbstgerechtigkeit erzählt wird, wirkt dieser Charakter nur umso widerlicher.

Zugleich zeigt der Autor die Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft in politische Lager, ethnische Gruppen, Religiöse und Säkulare, ein schwarz-weiß-Denken und eine zunehmende Polarisierung, die auch in den privaten Bereich geht. Im Roman wie im wirklichen Leben wird der 7. Oktober zur Zäsur, denn Shais Tochter im Teenageralter wollte zu einem Musikfestival im Süden Israels. Erst die Ungewissheit und Todesangst um seine Tochter sind der Moment, in dem Shai innehalten und sich fragen muss, was ihm am wichtigsten ist.

Sarid erzählt eher langsam. Die Entwicklung zum Jasager, der sich instrumentalisieren lässt, geht über die israelische Gegenwart hinaus und ist überall denkbar.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere