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Veröffentlicht am 31.01.2026

Das Main Character Syndrome gepaart mit der Gewaltbereitschaft einer Frau

Gelbe Monster
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Charlie ist eine junge Frau, die gerade dabei ist, ihren Studienabschluss in Mathematik zu absolvieren und bestenfalls danach noch zu promovieren. Wer würde erwarten, dass diese junge Frau an einem Antiaggressionstraining ...

Charlie ist eine junge Frau, die gerade dabei ist, ihren Studienabschluss in Mathematik zu absolvieren und bestenfalls danach noch zu promovieren. Wer würde erwarten, dass diese junge Frau an einem Antiaggressionstraining teilnehmen muss? Wahrscheinlich auf den ersten Blick niemand. Aber so ist es, denn wir wissen, dass sie von ihrer besten Freundin aufgenommen wurde, da ihre eigene Wohnung scheinbar zerstört ist, und dass dies irgendetwas mit ihrem (Ex-)Partner zu tun hat. Charlie hat zu Gewalt gegriffen und auf den nicht einmal 200 Seiten erfahren wir, wie es dazu kommen konnte.

Beginnt man Clara Leinemanns Debütroman zu lesen, erscheint Charlie, die wir durch die personale Erzählperspektive kennenlernen, erst einmal stark unsympathisch. Alles scheint sich nur um sie selbst zu drehen, immer sind alle anderen schuld. Dabei schafft es Leinemann eigentlich hier perfekt eine junge Frau mit „main character syndrome“ schriftstellerisch darzustellen. Dieses „Hauptcharakter“-Syndrom beschreibt eine Person, die als sei sie die Hauptperson in einer Geschichte. Sie sieht sich selbst als eine Figur, um die sich alles dreht. Der Unterschied zum Egoismus ist, dass das gesamte Leben zusätzlich „filmreif“ inszeniert wird, es immer auf die Wirkung ankommt und die betroffene Person meint, ihr stehe - einfach so, ganz natürlich – ein herausragendes Leben zu. Charlie lebt in einer RomCom, seit sie Valentin kennengelernt hat. Alles scheint perfekt zu passen und nun hat sich auch Valentin gefälligst danach zu verhalten. Nur tut er das nicht immer und bei Charlie kommen außerdem noch narzisstische Tendenzen hinzu mit einem geringen Selbstwertgefühl und so wird Charlie nicht nur verbal ausfällig, sondern auch gewalttätig.

Psychologisch entwirft das Leinemann ganz geschickt, ohne im Roman zu psychologisieren. Vollkommen authentisch entwickelt die Autorin aus der Figur Charlie heraus die Probleme und letztlich die Katastrophe, auf die die Figur zusteuert. Wie diese Figur in Tagträumen von perfekt inszenierten Filmszenen schwelgt, um von ihrer eigenen, pathetischen Fantasie überwältigt sogar Tränen in den Augen zu haben. Sie sieht sich als Heldin ihrer Geschichte und schafft es sogar einmal mit Valentin (ohne, dass dieser etwas davon mitbekommt) die Pietà auf dem Bett in Szene zu setzen. Selbst wirft sie ihm innerlich vor, ein manipulativer Narzisst zu sein und merkt nicht, dass sie es doch selbst ist. Wie dann sich langsam immer mehr Gewalt, zunächst über die verbale Ebene und später vermehrt durch körperliche Übergriffe von Seiten Charlie, in die Beziehung schleicht, können wir Lesenden durch geschickt gesetzte Rückblicke nachvollziehen.

Ich finde insgesamt hat es Clara Leinemann auf wenigen Seiten geschafft ein Fallbeispiel für weibliche Gewalt in einer Partnerschaft zu umreißen und die Kaskade der Aggression zu verdeutlichen. Mir hätte das Buch noch mehr gefallen, wenn sie sich mehr als nur zwei Sätze Zeit genommen hätte, um auf die Ursprünge von Charlies niedrigem Selbstwertgefühl einzugehen. Aber die Andeutung reicht, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie groß eigentlich der Eisberg unterhalb der Wasseroberfläche ist. Und weil dieser Eisberg so groß ist, kann zwar Charlie im Laufe des Buches eine kleine, fortschrittliche Entwicklung durchmachen, wir merken jedoch zum Ende hin, dass eine Persönlichkeitsstruktur nicht einfach so umgepolt werden kann.

Somit kann ich die Lektüre dieses Debütromans nur empfehlen, um ein Gespür für ein selten in der Literatur thematisiertes Problemfeld zu bekommen.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 14.11.2025

Dieses Haus hat viel zu erzählen – und das sehr originell

Treppe aus Papier
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In Henrik Szántós Romandebüt „Treppe aus Papier“ erzählt ein ganzes Haus die Geschichte seiner Bewohner – der ehemaligen und gegenwärtigen. In unserer Gegenwart treffen die 15jährige Nele und die 90jährige ...

In Henrik Szántós Romandebüt „Treppe aus Papier“ erzählt ein ganzes Haus die Geschichte seiner Bewohner – der ehemaligen und gegenwärtigen. In unserer Gegenwart treffen die 15jährige Nele und die 90jährige Irma aufeinander. Die eine muss gerade für den Geschichtsunterricht etwas über das Dritte Reich und die Gründung der BRD lernen, die andere hat dies hautnah selbst miterlebt. Irma hat auch miterlebt, wie Juden verschleppt wurden und ihre Familie ist nicht unschuldig daran. Durch den Kontakt der beiden treffen Generationen aufeinander, etwas, was in der Wahrnehmung des Hauses sowieso ständig passiert.

Szántó lässt sich nämlich etwas ganz besonderes für seinen Roman einfallen: Es spricht nicht nur in der „Wir“-Form das Haus mit uns, sondern in seiner Wahrnehmung findet alles gleichzeitig statt. Es überlagern sich dutzende Menschen, Situationen, Geräusche, Gerüche in einem Moment des Erzählens, da Zeit, wie wir sie kennen, für so ein altes Gemäuer nicht existiert.

Habe ich zu Beginn noch gedacht, der Spoken-Word-Künstler Szántó übernehme sich hier ein bisschen, webt er doch auf den ersten Seiten all seine Sprachkunst auf einmal ein, entspannt sich die Sprache mit der Zeit und es ist problemlos möglich, den verschiedenen, gleichzeitig stattfindenden Erzählebenen zu folgen. „Gleichzeitig stattfindend“ heißt in diesem Falle, dass wir in einem Absatz der kleinen Jüdin Ruth als Schülerin in den 1930ern begegnen können, dem Baby Ruth auf dem Arm ihres Vaters Jahre zuvor, die Greisin Ruth, die mit ihrem Gehstock das Treppenhaus betritt und den Geruch von Zwiebelsuppe ins Haus hinauslässt. Das finde ich toll gemacht. Es liest sich ganz anders als Bücher, bei denen kapitelweise die Zeitebenen gewechselt werden. So kommt man den Figuren nicht nur sehr nahe, sondern auch dem Umstand, dass Vergangenes immer noch in der Nähe lauert. Und so natürlich auch nationalistische-rechtsextreme Gesinnungen, die da sind. Damals wie heute. Verdrängung, die gestriges nicht mehr wahrhaben will. Aber eins macht uns Szántó mit seinem Roman sehr deutlich bewusst: Vergangenheit existiert immer auch heute noch. Vergangenheit beeinflusst unsere Gegenwart und wird auch unsere Zukunft beeinflussen. Ob auf der persönlichen, familiären Ebene oder auf gesellschaftlicher Ebene. Ganz unwillkürlich fängt man an sich nicht nur noch einmal zu fragen, was die eigenen Vorfahren erlebt und zu verantworten haben, sondern auch was dieses oder jenes Haus nicht alles schon gesehen, gehört, gespürt hat.

Ich habe in diesem kleinen Büchlein immer noch Hintergründe zur NS-Zeit und die Zeit kurz danach neu gelernt. Das macht das Buch für mich, durch seine Erzählperspektive, zu etwas Besonderem. Sodass ich dem Autor auch vergebe, dass die Sprachkunst manchmal mit ihm durchgeht und mitunter über mehrere Seiten hinweg, jeder Satz etwas drängendes will.

Leseempfehlung von meiner Seite!

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 22.10.2025

„Männer töten Frauen, weil es eben geht.“

Da, wo ich dich sehen kann
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Mit „Da, wo ich dich sehen kann“ veröffentlicht die Biologin und Schriftstellerin Jasmin Schreiber einen Appell an alle Menschen beim Thema häusliche Gewalt und Femiziden nicht wegzusehen. Diese Straftaten, ...

Mit „Da, wo ich dich sehen kann“ veröffentlicht die Biologin und Schriftstellerin Jasmin Schreiber einen Appell an alle Menschen beim Thema häusliche Gewalt und Femiziden nicht wegzusehen. Diese Straftaten, die keine Seltenheit haben, sondern mehrfach täglich passieren, nicht als alleinstehendes Ereignis, sondern als gesamtgesellschaftliches Phänomen wahrzunehmen und im besten Fall aktiv zu werden. Mehr Fragen zu stellen, sowohl an mögliche Betroffene als auch an den Gesetzgeber.

Kommt dieser Roman zwar sprachlich leichtfüßig daher und hat einen unkomplizierten Lesefluss, doch erzeugt er damit nur eine umso größere Wucht, mit der das Thema bei den Lesenden einschlägt. Wir lernen gleich zu Beginn die neunjährige Maja in einer Therapiesitzung kennen. In Therapie muss sie, weil sie ihre Mutter von ihrem Vater stranguliert als Erste tot aufgefunden hat. Seither plagen sie Angstzustände und Alpträume. Verständlich. Aber nicht nur Maja ist direkt betroffen vom Tod ihrer Mutter Emma. Auch das Leben Emmas Eltern und der besten Freundin Emmas Liv wird nie wieder dasselbe sein. Alle fragen sich, warum sie den jahrelangen physischen und psychischen Missbrauch an Emma nie mitbekommen haben, warum sie nie genauer nachgefragt haben, wenn sie bedrückt wirkte. Und so erfahren wir in wechselnden Perspektiven sowohl wie es seit dem Femizid an Emma für deren Hinterbliebenen weitergeht, als auch durch Rückblenden, wie erste Warnzeichen in der Beziehung zwischen Emma und ihrem Mann auftraten und stetig die Gewalt an ihr zunahm.

Jasmin Schreiber macht das wirklich ganz großartig. Sie entwirft eine Kollage aus verschiedenen Blickwinkeln und fügt außerdem noch Medienberichte, Kinderzeichnungen und (und das ist der Knaller) Alternativkapitel ein, in welchen sie aufzeigt, wie empathisches Nachfragen Betroffenen helfen könnte sich zu öffnen. Diese Alternativkapitel würde ich als Einblicke in alternative Paralleluniversen interpretieren. Liv ist nämlich Astrophysikerin und gleich zu Beginn erklärt sie Maja die Theorie zu unendlichen Paralleluniversen. In mindestens einem dieser Universen muss Emma noch am Leben sein, auch wenn sie es in unserem nicht mehr ist. So sind diese Kapitel auch im Druckdesign gezielt umgekehrt dargestellt. Das Papier ist schwarz, die Schrift weiß. Hier wird phantasiert, wie es anders hätte laufen können. Die fiktiven Medienberichte hingegen bieten die Faktengrundlage zum Thema Femizide und häusliche Gewalt. Durch diesen Mix aus Fakten und Fiktion des Romans im Sinne der betroffenen Figuren erstellt Schreiber ein umfassendes Bild zur Aufklärung zum Thema. Dies wirkt fast nie künstlich, sondern stets homogen eingefügt in die Geschichte. Nur an ein, zwei Stellen hatte ich das Gefühl, die Gedanken der Protagonisten sollen uns Leser:innen nun vorsätzlich aufklären. Das hat mich aber nicht weiter gestört, kommt es doch auf die Gesamtaussage an. Nämlich, dass man als Frau Glück haben muss, um einen Mann an der eigenen Seite zu wissen, der weder körperlich übergriffig wird noch psychisch in einer Form die Frau unterdrückt, anzweifelt, nicht ernst nimmt, klein macht. Es wird klar gemacht, dass die geschlagenen und ermordeten Frauen, nie selbst schuld sind an dem, was ihnen angetan wird. Und auch die Frage „Warum geht sie nicht einfach?“ ist eben nicht einfach zu beantworten, weil es immer ein Geflecht aus verschiedenen Faktoren gibt, das die Frauen in Geiselhaft nimmt, da statt von staatlicher Seite die Täter, die bereits auffällig geworden sind, eingeschränkt werden, sondern immer die Frauen es sind, die Frauenhäuser aufsuchen sollen, ihr Leben selbst schützen sollen. Schreiber zeigt die vielen Fehlstellen auf und nennt gleichzeitig dringend notwendige Veränderungen. Sie prangert gesellschaftliche Missstände an und gleichzeitig schafft sie es ihren Figuren psychologisch unglaublich nah zu sein. Jede Figur hat ihre eigenen Facetten und ihre eigene Sprache. Jede geht anders mit dem Undenkbaren um. Und des Weiteren spart die Autorin auch nicht das eigene Fach, die Kultur, aus, um aufzuzeigen, wo Dinge falsch laufen. Thriller, in denen ohne Unterlass Frauen die Opfer sind, ermordet und vergewaltigt werden, ohne dass es wichtig für die Geschichte wäre, einfach weil sie sich als Opfer anbieten. So schreibt sie sehr richtig:

„Wie oft ist Liv schon aufgefallen, dass es für die Handlung keinen Unterschied gemacht hat, dass die Misshandlung oft einfach nur als Schocker oder als verdichtendes Hintergrundrauschen dient, dass sie nur vorkommt, weil es dramaturgisch bequem ist, weil man gelernt hat, dass Frauenkörper eben zur Verfügung stehen - für die Entwicklung des männlichen Protagonisten, für seine Katharsis, zum Draufschlagen, zum Vergewaltigen, zum Töten und als Aufhänger für eine Geschichte, die gar nicht wirklich um die Frau geht.“

Und Schreiber macht es besser. Hier kommt nicht ein einziges Mal der Täter zu Wort. Hier kommen Männer zu Wort, ja, aber nicht der Täter. Der bekommt kein Rampenlicht. Nur die Betroffene und ihre Hinterbliebenen stehen im Fokus. Zu oft geht es um die Täter.

Ich könnte jetzt noch sehr lange weiterschreiben und benennen, was mir an diesem Roman so gut gefallen hat. Kurz gesagt: Er ist sehr gut geschrieben, er legt den Finger in die Wunde, er ist einfach wichtig! Eine klare Leseempfehlung für ALLE, denn Wegsehen sollte nicht mehr an der Tagesordnung sein.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Alternative, feminine Historie

Die Frau der Stunde
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Die Autorin und Historikerin Heike Specht hat sich in ihren vergangenen Werken immer wieder historischen Frauenfiguren gewidmet. Nun macht sie etwas sehr interessantes: Sie entwickelt eine alternative ...

Die Autorin und Historikerin Heike Specht hat sich in ihren vergangenen Werken immer wieder historischen Frauenfiguren gewidmet. Nun macht sie etwas sehr interessantes: Sie entwickelt eine alternative Historie, in der statt Helmut Schmidt und Hand-Dietrich Genscher Bundeskanzler und Außenminister/Vizekanzler sind, ein anderer fiktiver sozialdemokratischer Kanzler an der Macht und durch einen Eheskandal des auch männlichen Außenministers, der daraufhin zurücktreten muss, eine Frau ins Außenministerium einzieht. Etwas, was so nie geschehen ist. Diese Frau ist Catharina Cornelius und sie ist die Frau der Stunde, denn durch ihr Nachrücken wird die rot-gelbe-Regierungskoalition gerettet. Nur sehen nicht alle der alt eingesessenen Herren im Bundestag und den Ministerien sie als die Retterin, sondern vor allem wird sie fehl am Platz gesehen. Wir begleiten nun Catharina in diesem alternativen 1978 und 1979 und lernen dabei viel über Frauen in der Politik der damaligen Zeit, auch wenn sie nie, wie im Roman erfunden, schon Ende der Siebziger reale Machtpositionen inne hatten.

Der alternativ-historische Roman von Specht konnte mich wirklich positiv überraschen. Bin ich zwar nicht von Politik aber vom allgemeinen Politikbetrieb heutzutage recht gelangweilt, kommt in Spechts Roman niemals Langeweile auf. Wir werden direkt an der Seite von Catharina in ihr neues Leben geworfen und lernen dabei auch noch viele andere Frauenfiguren kennen, die symbolisch für Frauen dieser Zeit stehen. So Suzanne, die als Journalistin arbeitet und eine für die Zeit moderne Ehe führt, in der ihr Ehemann, der Lehrer ist, zuhause sich um Haushalt und die drei Kinder kümmert. Ebenso Azadeh, eine iranische Dokumentarfilmerin, die zunächst von außen die Umwälzungen in ihrem Heimatland beobachtet, die kurz vor und nach der islamische Revolution das Land und die Menschen überrollen, und bald mit ins Geschehen gezogen wird. Aber auch ältere Frauen der Politik, seien sie früher in der Weimarer Republik für das Volk im Parlament eingetreten oder als fädenziehende Ehefrau an der Seite von politisch aktiven Ehemännern tätig. Und auch junge Frauen einer neuen Generation, die erstmals im Politikbetrieb Fuß fassen wollen. Diese vielen Figuren, die Catharina nicht allein im Zentrum des Romans stehen lassen, machen die Geschichte äußerst facettenreich. Gleichzeitig scheut sich Specht natürlich nicht, all die Hürden und Gefahren für Frauen in der Politik darzustellen. Dies ist keine „was-wäre-wenn“-Geschichte durch die rosarote Brille, sondern eine realistische Einschätzung, wie diese Konstellation mit einer Vizekanzlerin Ende der Siebziger Jahre hätte aussehen können.

Heike Specht schreibt süffig und durch den Wechsel zwischen den verschiedenen Protagonistinnen in den Kapiteln bekommen wir einen weiten Blick auf das Personal. Für mich war es allerdings gerade zu Beginn schwer, mich in diese alternative Historie reinzudenken. Es wird mal in der Vergangenheitsform von Willi Brandt gesprochen und wir wissen dann, dass die historische Person gemeint ist. Aber bei den vielen Figuren rund um Catharina war mir manchmal nicht klar, ob diese wirklich existiert haben, nur zu unbekannt sind, um heutzutage noch Wiedererkennungswert zu haben bzw. ob es sich um einen Schlüsselroman handelt, der hinter den fiktiven Namen Anspielungen auf reale Personen in sich trägt. Dafür kenne ich mich leider nicht gut genug in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik aus. Mit der Zeit habe ich diese Fragezeichen in meinem Kopf allerdings ablegen und mich auf den Plot an sich konzentrieren können.

So, wie der Roman endet, vermute ich stark, dass es sich um den Beginn einer Buchreihe handelt. Normalerweise lese ich nicht gern Reihen, muss allerdings zugeben, dass mich Specht mit ihrer Idee und ihrem Schreibstil fesseln konnte. Sollte also Catharinas Geschichte weitergehen, bin ich dabei.

4/5 Sterne

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Hippe Freikirche - veraltete Probleme

Monstergott
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Die Geschwister Esther und Ben wachsen (in Deutschland!) in einer evangelikalen Freikirche auf, die mit hippen Social Media-Beiträgen punktet, Gottesdienste mit vielen groovigen Songs untermalt und in ...

Die Geschwister Esther und Ben wachsen (in Deutschland!) in einer evangelikalen Freikirche auf, die mit hippen Social Media-Beiträgen punktet, Gottesdienste mit vielen groovigen Songs untermalt und in der die Menschen Jesus scheinbar so nahe kommen, dass sie sogar ekstatisch in Zungen sprechen. Das wäre ja alles schön und gut, wenn nicht dieselbe hippe Kirchengemeinde in tradierten Vorstellungen zu Geschlechterrollen und sexueller Orientierung feststecken würde. Esther möchte in der Gemeinde mehr Aufgaben übernehmen, darf aber nicht, weil sie nun einmal eine Frau ist, und Ben hat sexuelle Bedürfnisse, die in der Gemeinde einfach nicht existieren dürfen.

Ich sage gleich vorweg, was dieses Buch glücklicherweise nicht macht: Es führt uns nicht ein zackiges, weltliches Erweckungserlebnis vor, durch welches sich unsere beiden Hauptprotagonist:innen, denen wir in stets wechselnden Kapiteln auf ihrem Weg begleiten, einfach mal eben so von ihrer Kirche und ihrem Glauben abwenden, weil das ja alles sowieso Blödsinn und nicht mehr modern ist. Nein, wir verfolgen in diesem zweiten Roman von Caroline Schmitt, die bereits mit ihrem Debüt „Liebewesen“ ein hervorragendes literarisches Werk vorgelegt hat, zwei Personen, die zunächst einmal ganz stark mit sich selbst hadern. Mit ihrer Identität und ihren Wünschen. Denn wenn das eigene Koordinatensystem schon in der Kindheit festgezurrt wurde und sich fast alle sozialen Kontakte auf eine eingeschworene Gemeinde begrenzen, fragt man sich doch automatisch erst einmal, was mit einem selbst denn falsch läuft. Gerade Ben, der nie etwas anderes gelernt hat, als dass jegliche von der heterosexuellen Norm abweichende Tendenzen des Teufels Werk sind, kommt mit sich selbst und seinem Leben immer weniger klar. Bereits in der Eingangsszene erleben wir etwas, was unzählige Male pro Tag Menschen in gewissen Glaubensgemeinschaften angetan wird, die nicht dieser Norm entsprechen: Eine Dämonenaustreibung. Es sollte bekannt sein, dass bei solche bestialischen Praktiken bereits Menschen ums Leben gekommen sind für den Glauben.

In klarer, ungeschönter Sprache lässt und Schmitt mit dem Geschwisterpaar fiebern. Bei Ben sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie legt zunächst einmal offen, dass es diese Freikirchen, die ich ehrlich gesagt bisher nur aus englischsprachigen Ländern kannte, auch in Deutschland gibt und dass diese Kirchen durch ihre Soziale-Medien-wirksame Inszenierung an Popularität gewinnen. Zum anderen zeigt Schmitt, wie stark hier ein Geschäft mit Ängsten und Hoffnung gemacht wird, wie Glauben kommerzialisiert wird und mit wie viel Unkenntnis und Naivität die Bibel wörtlich genommen wird, ohne Kritik zuzulassen. Auf den nur 260 Seiten destilliert die Autorin eine spannende und lehrreiche Geschichte zusammen, die die Augen öffnet für eine Parallelgesellschaft, die sich bisher vollkommen aus dem modernen, gesellschaftlichen Diskurs herausnimmt und im Gegenteil immer radikaler zu werden scheint.

Ich bin absolut begeistert. Was Caroline Schmitt bei mir mit ihrem Debüt bereits begonnen hat, führt sie nun weiter: Leserinnenbindung! ;) Ich würde ungesehen jeden folgenden Roman von ihr lesen wollen und bin gespannt darauf, welchem Thema sie sich als nächstes annimmt.

4,5/5 Sterne

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