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Veröffentlicht am 20.11.2025

Toll recherchierte historische Fantasy!

Der Vertraute
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Luzia Cotado arbeitet als einfaches Küchenmädchen in einer Welt voller Prunk. Im „Goldenen Zeitalter“ Spaniens, das von Kolonisierung und der Inquisition geprägt ist, hat Luzia gelernt, unsichtbar zu sein: ...

Luzia Cotado arbeitet als einfaches Küchenmädchen in einer Welt voller Prunk. Im „Goldenen Zeitalter“ Spaniens, das von Kolonisierung und der Inquisition geprägt ist, hat Luzia gelernt, unsichtbar zu sein: gesenkter Kopf, Blick auf dem Boden, am Besten ist es, wenn man sie für unintelligent und „einfach“ hält, denn als Jüdin, die als „Converso“ zwangskonvertiert als Christin lebt, steht sie unter stetigem, antisemitisch motiviertem Generalverdacht. Als der König jedoch nach Magiebegabten sucht, um seine Vorherrschaft in der Welt zu festigen, nimmt Luzia die Chance auf ein besseres Leben war…

„Der Vertraute“ hat eine recht typische Struktur und Tropes für YA/NA-Fantasy: Es gibt einen Wettbewerb bis auf den Tod, eine junge Frau, die sich behaupten und zu sich selbst finden muss, und dann ist da noch der mysteriöse, unsterbliche Santangel, der einen hervorragenden Love-Interest abgibt… und trotzdem hat sich dieses Buch total originell angefühlt.

Luzia ist wieder eine dieser Figuren, denen ich unglaublich gerne folge. Nach und nach wird sie handlungsmächtig, aber nicht durch andere, sondern empowert sich aus sich selbst heraus. Sie leidet unter der gezwungenen Assimilation und der Unterdrückung ihrer Identität als Jüdin, entdeckt diese aber nach und nach wieder, zusammen mit ihren (magischen) Fähigkeiten.

Durch die Art, wie hier Magie gewirkt wird, wird klar, dass es sowas wie eine „Reinheit“ von Kultur (wie es die Gesellschaft im mittelalterlichen Spanien vor der Inquisition selbst zeigt) nicht gibt. Luzia nutzt für ihre Magie Refranes (Redewendungen) auf Ladino, eine romanische Sprache sephardischer Juden*Jüdinnen, die eigentlich die Essenz der Themen in „Der Vertraute“ präsentieren:

„Her refranes were Spanish and Hebrew and Turkish and Greek. They were none of those things. They changed depending on what part of the world the letter came from. They were words battered and blown to all corners oft he map, then returned to her, as the people who spoke them could never return.“

Die Kirsche auf der Sahne ist eine allwissende Erzählperspektive, die mich an spanische Klassiker und Familiensagas erinnert hat und eine unglaublich dichte, an vielen Stellen sinnliche Atmosphäre schafft, die mich in diese historische Periode transportiert hat. Wunderbar übersetzt von Alexandra Jordan und Sara Riffel!

“Language creates possibility. Sometimes by being used. Sometimes by being kept secret.”
Fazit: Ich war vorher eigentlich gar nicht so ein großer Bardugo-Fan und auch nicht wirklich in der Grischa-Welt drin (Ninth House war z.B. auch nicht mein Fall) – aber jetzt bin ich schon gespannt, was noch von ihr kommt.

Wenn ihr Bücher wie Babel von R.F. Kuang oder Meister der Dschinn von P. Djèlí Clark mochtet, ihr gerne historische Fantasy lest, kann ich euch „Der Vertraute“ nur unbedingt empfehlen. ❤

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Magst du Hunde?

Hundesohn
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"Was ist dein letzter Screenshot?
Wie isst du dein Manaqesh?
Magst du Hunde?"

“Dies ist eine Liebesgeschichte”, verspricht die Buchrückseite - was absolut der Fall ist, wenn auch anders als erwartet. ...

"Was ist dein letzter Screenshot?
Wie isst du dein Manaqesh?
Magst du Hunde?"

“Dies ist eine Liebesgeschichte”, verspricht die Buchrückseite - was absolut der Fall ist, wenn auch anders als erwartet. Keskinkılıç schreibt so zart, so intim und verletzlich über Liebe zum Vater, zur Sprache, zu besten Freund*innen, zu Männern, die der Protagonist schon lange kennt und Männern, die er gerade erst kennengelernt hat - und über Liebe zu sich selbst, darüber, wie grundlegend wichtig Selbstfürsorge ist.

Keskinkılıç stellt diese Zartheit immer wieder in Kontrast zu derben und expliziten Szenen, was dazu anregt, diese Dichotomien zu hinterfragen. Warum kann Liebe und Intimität nicht gleichzeitig lieb und zart und derb und körperlich sein; wer sagt denn, dass man sich überhaupt “zerissen” fühlen muss, wenn man queer und gläubig ist?

In der Realität meist unausgesprochene Fragen, die Keskinkılıç hier mit leisen Zwischentönen greifbar macht und die dem Buch eine sanfte Radikalität verleihen.

Mich hat das Buch sehr berührt & ich möchte es euch absolut weiterempfehlen ❣️

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Ein Jahreshighlight

Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich
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Als Kaśka Bryla im Sommer 2020 mit den anhaltenden Folgen einer Corona-Infektion kämpft, beschließt sie, endlich die Interviews ihres verstorbenen Vaters zu transkribieren und aufzuarbeiten. Er war im ...

Als Kaśka Bryla im Sommer 2020 mit den anhaltenden Folgen einer Corona-Infektion kämpft, beschließt sie, endlich die Interviews ihres verstorbenen Vaters zu transkribieren und aufzuarbeiten. Er war im 2. WK Mitglied der polnischen Widerstandsarmee/Armia Krajowa, die zunächst gegen die deutsche, später gegen sowjetische Besatzung gekämpft hat. Nach dem Krieg gelang er in sowjetische Gefangenschaft und wurde mehrere Jahre in Gulags interniert. Während sie sich diesen Interviews widmet und selbst krank ist, kümmert sie sich um die verletzte Krähe Karl, die selbst eine langwierige Heilungsphase vor sich hat.

Der Umgang mit persönlichem, biografischem Material auf künstlerische Art und Weise interessiert mich (aus persönlicher und wissenschaftlicher Motivation heraus) sehr, und ich finde, Bryla findet hier wirklich einen besonderen Zugang.

Sie lässt ihren Vater in Transkriptionen selbst erzählen, was ich unglaublich berührend fand, lässt jedoch nicht zu, dass diese Erzählungen von der Erzählerin selbst - also die Autorin - abgeschnitten werden. Es geht nicht nur um ihren Vater und den Gulag, sondern eben auch um die Krähe und dem “ich”. In einem fließenden Schreibstil, der beinahe ohne Satzabschlüsse auskommt, setzt sie die Erzählungen ihres Vaters nämlich mit verschiedenen Punkten ihrer eigenen Erfahrungen in Verbindung, lässt uns gleichzeitig an Schreib-, Recherche- und Reflektionsprozessen selbst teilhaben und regt auch uns als Leserinnen an, darüber nachzudenken, wie man überhaupt mit Zeitzeugenmaterial von bereits verstorbenen Familienmitgliedern umgehen kann.

Welche Verantwortung trägt die erzählende Person für andere, welche Rolle spielen Ort und Zeit, in der sie sich befindet für das Projekt, wie geht sie mit Reibungen oder Ambivalenzen um, die sich ergeben? Und: welche Bedeutungen haben die Relationen zu anderen Personen und zu Wesen, um die sich gekümmert werden muss, und zur eigenen Identität für das Erzählen und Erinnern?

In wechselseitigen Relationen zu denken und sie literarisch für andere verständlich zu machen, ist eine echte Kunst und hat sicherlich viel, viel emotionale Arbeit bedeutet. Was ich besonders spannend fand war, wie schön und irgendwie auch ehrlich Bryla die Themen Queerness (queeres Leben als etwas, das Widerstand erfordert) und Care (Fürsorge als grundlegendes, menschliches Bedürfnis, das einem in unterschiedlichen Situationen entzogen werden kann) miteinander und anderen Punkten im Buch verbunden hat.

Eine kleine kritische Anmerkung habe ich dennoch. Es wurde u.a. einiges an wissenschaftlicher Literatur zitiert; hier hätte ich mir eine vielfältigere Auswahl gewünscht. Dass die vorhanden wäre, zeigt die Literaturliste am Ende des Buches auf.

Für mich ist „Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich“ ein Jahreshighlight, das sich nicht vor Komplexität und Ambivalenzen scheut, trotz heftiger Thematik aber auch ein Plädoyer für ein gutes Zusammenleben ist. Für Leser
innen, die sich selbst schon einmal mit der eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt oder es noch vorhaben, ist diese Lektüre absolut bereichernd – ich zumindest bin mit zahlreichen Fragen und Anregungen aus diesem Buch herausgegangen. Wenn ihr die Möglichkeit habt, empfehle ich auf jeden Fall, das Buch in einer Leserunde oder einem Buchclub zu lesen!

Vielen Dank an Netgalley und den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 03.08.2025

Von dem Gefühl, dass etwas da ist, obwohl es nicht ausgesprochen wird

ë
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Der Buchstabe ë ist im Albanischen ein „Schwa“-Laut, also ein schwach betonter oder gar nicht ausgesprochener Vokal, ähnlich wie das letzte „e“ bei „Gedanke“. In verschiedenen, memoir-artigen Abschnitten, ...

Der Buchstabe ë ist im Albanischen ein „Schwa“-Laut, also ein schwach betonter oder gar nicht ausgesprochener Vokal, ähnlich wie das letzte „e“ bei „Gedanke“. In verschiedenen, memoir-artigen Abschnitten, erzählt Jehona Kicaj in ihrem Debüt „ë“ von diesem Gefühl des Latenten, also etwas, das ähnlich wie dieser Buchstabe, zwar da ist, aber nicht ausgesprochen wird, nicht expliziert wird.

„Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“

Die Erzählerin, die als Kind aus dem Kosovo geflohen ist, die ihre Zähne im Schlaf so fest aufeinanderpresst, dass sie kaputt gehen, die etwas, was überhaupt nicht da ist, mit ihren Knochen quasi zermalmt, erzählt uns davon, wie sie diesem Leiden auf den Grund zu gehen versucht. Sie erzählt uns von ihrer Kindheit und Familie, besucht die Vorlesung einer Forensikerin, die menschliche Knochen „zum Sprechen“ bringt und so Opfer des Kosovokrieges identifiziert, besucht Orte, die so verwundet sind, dass man sie mit Erinnerungen zum Sprechen bringen muss, um sie nicht zu vergessen. Erzählt von der Notwendigkeit und Anstrengung, die eigene Stimme nutzen zu müssen, um nicht von Zuschreibungen von außen verschluckt zu werden.

„Im Grunde bedeutet Sprechen für mich noch heute Nachahmung; es ist bloß eine neu angeordnete Klangabfolge von dem, was ich vorher gehört oder gelesen habe. Und manchmal frage ich mich, wie viel von mir selbst in meinen Worten liegt, wenn ich sie ursprünglich von gezeichneten Bildern auf dem Bildschirm erlernt habe.“

Der Kosovokrieg und die vorherigen Angriffe, die Unterdrückung und Segregation, serbischer Nationalismus, die orthodoxe Kirche und die Bestrebungen auf ein Großserbien - Kosovar*innen und ihren Lebensrealitäten wird in Deutschland nicht viel Raum geboten.
Umso schöner und beeinddruckender fand ich, dass der Sprachlosigkeit selbst etwas entgegengesetzt wird: In zahlreichen Dialogen sprechen Menschen, erzählen von ihren Erinnerungen an den Krieg und von ihren Gedanken und Meinungen zu verschiedenen Themen.

„M’doket e ke harru rrugën qysh me ardhë te na – ›Mir scheint, du hast vergessen, wie man zu uns kommt‹“

Auch der Sprache an sich gibt sie Raum. Sie denkt über das Verhältnis zu verschiedenen Sprachen nach, jenachdem, auf welche Weise man sie gelernt hat und welche Zuschreibungen sie von außen haben. Albanische Sätze werden oft ausgeschrieben (und anschließend übersetzt); man merkt, wie liebevoll Kincaj über das Albanische nachdenkt und wie sie versucht, diese Liebe an uns zu vermitteln, was mich als Leserin, obwohl ich diese Sätze nicht verstehe, emotional tief berührt hat.

„Manchmal frage ich mich, ob die Verspannungen in meinem Kiefer nicht auch auf die deutsche Sprache zurückzuführen sind. Ich bilde mir ein, dass meine Kiefergelenke an Tagen, an denen ich nur Albanisch gesprochen habe, weniger laut einrasten. Als hätte ich an diesen Tagen weniger Schmerzen. Wenn ich Deutsch spreche, habe ich das Gefühl, mein Kiefer müsste sich verrenken, um die Wörter auszusprechen, sie richtig zu betonen.“

Bei solchen Büchern fällt es mir schwer, Sterne-Bewertungen abzugeben, weil sie mir eben sehr memoir-haft und persönlich erscheinen. Was ich mir gewünscht hätte wäre, dass sich einige sprachliche Stilmittel, die am Anfang genutzt wurden, noch mehr durch das Buch gezogen hätten bzw. das Buch noch mehr angereichert hätten. Aber das ist nur eine kleine Anmerkung.

Ich empfehle ë für alle, die gerne etwas ruhigere, nachdenkliche und biografische Erzählungen lesen möchten.

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Veröffentlicht am 25.06.2025

Cozy Solarpunk in hoffnungslosen Zeiten

Ein Gebet für die achtsam Schreitenden
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Rezension für beide Teile der Dilogie:

Es ist ein ganz komisches Gefühl, in diesen Zeiten hoffnungsvolle Solarpunk zu lesen. Während ganze Gletscher abbrechen und uns der x-te Jahrhundertsommer bevorsteht, ...

Rezension für beide Teile der Dilogie:

Es ist ein ganz komisches Gefühl, in diesen Zeiten hoffnungsvolle Solarpunk zu lesen. Während ganze Gletscher abbrechen und uns der x-te Jahrhundertsommer bevorsteht, fällt es mir immer schwerer, nicht komplett bitter zu werden.

Die Geschichte vom Teemönch Dex und dem Roboter Helmling legt den Finger irgendwie nochmal mehr in die Wunde. Mit einer Karotte an einer Rute halten sie mir unglaubliche Möglichkeiten für ein utopisches, gutes Miteinander für alle vor die Nase, nur um mich nach 200 Seiten wieder in die Realität zu entlassen.

Die Bitterkeit ist jedoch auch Bestandteil von Dex‘ und Helmlings Reise, denn immer wieder wird darauf verwiesen, wie schlecht die Menschheit zu sich und ihrem Planeten war – mit Betonung auf war, denn sie hat sich für einen weniger zerstörerischen Weg entschieden.

Und: dass das, obwohl es vielleicht gerade anders scheint, gar nicht so unmöglich ist, denn wie auch schon bei der Wayfarer-Reihe bringt Chambers immer wieder Hinweise zu Theorien aus der Anthropologie und Ansätze aus solidarischen Strukturen ein, die es tatsächlich schon gibt.
Sie geht zwar nicht detailliert auf die einzelnen Aspekte ein, aber es ist schön zu sehen, dass so etwas wie alternative Wirtschaftsmodelle, Commons und solidarische Schenkökonomien, aber auch z.B. Survivalist*innen-Gruppen in ihrer Welt Platz finden.

Genau das würde ich mir auch vom Cozy-Fantasy-Genre wünschen; einfach weiterzudenken als Eskapismus im Sinne von „ein Café/Shop wird eröffnet, in dem man etwas kaufen und konsumieren muss.“

Ich habe die Dilogie sehr genossen, dennoch auch ein wenig Kritik, die für Utopien nicht unwichtig zu erwähnen ist: die gezeigte Gesellschaft ist zwar egalitär, aber gleichzeitig sind die menschlichen Individuen alle ziemlich „gleich“ – die Gesellschaft ist homogen, fast monokulturell. Wahrscheinlich braucht man für so einen Weltenbau dann mehr als eine kurze Dilogie aus zwei Novellen, aber es ist halt ein Thema, dass in vielen Utopien problematische (z.B. ableistische) Annahmen beinhaltet. Ich will absolut nicht sagen, dass Chambers da reinfällt – ich hätte mir eher gewünscht, dass sie diesen Punkt noch stärker in den Fokus nimmt und problematisiert.

Trotzdem ist das Buch wirklich wie eine kleine Auszeit, wie eine heiße Tasse Kräutertee am Morgen im Garten 🍵

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